NOFX

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Die kalifornische Punkband

29. Mai 1993. In Essen findet die WDR - Rocknacht statt, bei der diesmal aus unerfindlichen Gründen auch NOFX spielen. Um 16 Uhr soll im Arcade-Hotel am Essener Hauptbahnhof eine „ Pressekonferenz" der kalifornischen Punkrocker stattfinden. Als wir gegen 16 Uhr dort einlaufen, wissen die dummen, aber korrekt gekleideten Herren an der Rezeption von gar nichts. Im Laufe der nächsten halben Stunde tauchen noch ein paar andere Interviewwillige auf, nur von NOFX keine Spur. Doch dann öffnen sich die Aufzugtüren und Mike tritt heraus, meint: „Hey, wir sitzen seit einer Stunde in unserem Zimmer und warten auf euch." Ich stoße Verwünschungen in Richtung der Kollegen von Vater Beimer aus, was diese kurze Zeit später mit einer liebdienerischen Entschuldigung quittieren. Das Hotelfoyer wuselt mittlerweile von ca. 15 für diese Umgebung sehr seltsam gekleideten und die Würde des Ortes missachtenden Gestalten, und Mike, El Hefe und ich ziehen uns in das Hotelrestaurant zurück, wo einige Leute dann erstmal ihre mitgebrachten Bierdosen zischend öffnen.

Ihr seid jetzt also richtige Rockstars, dürft auf einem großen Festival spielen und gebt im Hotel eine Pressekonferenz?
Mike:
Ich komme mir ziemlich blöd vor.
El Hefe: Das ist nicht gerade Punkrock, oder?

Ich erinnere mich an eure erste Tour vor vier Jahren: Damals habt ihr in kleinen Jugendzentren gespielt, heute tretet ihr in großen Hallen auf.
Mike:
Das ist verrückt, aber Deutschland ist eine Ausnahme. In Italien oder Spanien zum Beispiel, hat sich seitdem nicht viel verändert – da spielen wir vor drei- bis vierhundert Leuten. Tja, ich weiß auch nicht, was ich sagen soll.

Habt ihr als Punkband den großen Durchbruch geschafft?
Mike:
Kann man so nicht sagen, denn es kam ja nicht plötzlich. Es ist so, dass jedes Jahr, wenn wir auf Tour kamen, ein paar mehr Leute zu unseren Shows kamen. Bei jeder Tour waren es pro Konzert sagen wir mal hundert Leute mehr, und deshalb sitzen wir jetzt hier. In den USA ist es ähnlich: Wir haben dort unsere achte US-Tour gemacht und es waren jedes mal ca. 50 Leute mehr. Das hier ist unsere sechste Europa-Tour.

NOFX - die neuen BAD RELIGION?
Mike:
Nein! So weit wird es nicht kommen.

Warum?
Mike:
BAD RELIGION ist eine bessere Band. Sie sind professioneller, klingen besser als wir. Wir sind eben eine Fun-Band.

Ich habe mit ein paar Leuten über die neue BAD RELIGION-LP gesprochen, und viele meinten, dass die Kids, die „Suffer" etc. gutfanden, von „Recipe For Hate" enttäuscht sein würden und jetzt auf NOFX umschwenken...
Mike:
Nee, das wird nicht passieren. Wir sind keine sonderlich gute Band – es gibt nur zur Zeit keine guten Punkbands. Abgesehen davon gefällt mir die neue BAD RELIGION-Platte besser als „Generator".

Mir fällt bei euren Konzerten auf, dass ihr ein sehr junges Publikum habt: Ein großer Teil der Leute dürfte kaum älter sein als 15 oder 16 und bei anderen Konzerten sieht man sie nicht. Wie erklärst du dir das?
Mike:
 Unsere Liveshow ist ganz gut, denke ich und unsere Songs wohl auch. Was uns von anderen Bands unterscheidet, ist, dass wir irgendwie "persönlicher" wirken. Die Leute sehen, dass es uns Spaß macht, zu spielen. Was meinst du?

Ja, könnte sein. Aber ohne euch musikalisch vergleichen zu wollen, so zieht ihr doch ein ganz ähnliches Publikum wie die TOY DOLLS.
El Hefe:
Ja, das ist schon möglich. Wir haben eben sehr viel Spaß auf der Bühne, untereinander und mit dem Publikum. Von diesem Aspekt her kannst du uns sicher mit den TOY DOLLS vergleichen.
Mike: Weißt du, wir haben wirklich Spaß, wenn wir zusammen auf der Bühne stehen und all diesen Blödsinn machen. Und wenn das Publikum wie tot rumsteht, dann macht mir das Konzert auch keinen Spaß.
El Hefe: Ja, das ist eine wechselseitige Beziehung: Wir heizen das Publikum an, und wenn das Publikum darauf reagiert, heizt uns das wiederum an. Manchmal passiert es schon, dass du da auf der Bühne stehst, wie wild rumhüpfst und den Clown machst - und das Publikum reagiert überhaupt nicht. Dann lässt du es eben bleiben.

Vor ein paar Jahren war hier in Deutschland Fun-Punk ganz groß...
Mike:
Das ist nicht unser Ding, das sind mehr so Bands wie A.O.D., die so richtig auf doof machen. Aber wir sind nicht doof. Irgendwelche Leute erzählen uns ständig, was für Musik wir angeblich machen. Ich sehe uns einfach als Punkband.

Erzähl mal was zu deinem Label Fat Wreck Chords.
Mike:
Es läuft gut und diesen Monat kommen auch zwei neue Platten raus, nämlich NO USE FOR A NAME und PROPAGHANDI. Und PROPAGHANDI sind verdammt gut. Das dachte ich auch schon von LAG WAGON, aber im Vergleich zu denen sind PROPAGHANDI noch besser.

Das ist eine interessante Karriere: Man fängt als Band klein an, wird immer größer, kann von der Band leben, macht auch etwas Geld damit und steckt das Geld wieder in die Szene, indem man ein Label startet und selbst kleinen Bands hilft.
Mike:
Ja, stimmt. Mein Anliegen ist es, gute Platten rauszubringen. Es gibt nicht all zu viele Punkbands, die mir wirklich gut gefallen: JAWBREAKER, GREEN DAY und noch ein paar andere. Wenn ich also gute Punkbands hören will, dann muss ich auch was dafür tun. Deshalb frage ich jetzt, wenn ich eine neue Band sehe, die mir gefällt, ob sie nicht bei mir eine Platte machen will. Ich schleppe sie ins Studio und versuche, mit ihnen zusammen eine gute Platte zu machen. Das ist dann wie wenn ich mit NOFX im Studio bin. NOFX bringen ja nur so alle zwei Jahre ein neues Album raus, da muss ich mir in der Zwischenzeit was Anderes suchen. Dass es bei NO FX so lange dauert, liegt daran, dass ich bei jedem Song 100% sicher sein will, dass er gut ist. Ich mache mit meinem Label zwar nicht viel Geld, aber ich will sicher sein, dass die Bands und die Platten gut sind.

Wie hat der Erfolg von NOFX euer Leben beeinflusst?
Mike:
Ich ging ins College, und als ich fertig war, ging das mit NOFX richtig los. Das war vor zweieinhalb Jahren. Seitdem sind wir ständig auf Tour und das war's dann auch schon.
El Hefe: Bevor ich bei NOFX einstieg, lebte ich auf der Straße, musste schauen, dass ich irgendwie durchkomme. Ich hatte einen Dollar am Tag zum Überleben, wühlte in den Mülltonnen nach Getränkedosen und Flaschen, um mir das Pfandgeld dafür abzuholen. Tja, ich war ein Bettler auf den Straßen Hollywoods. Ich spielte früher mit einem gewissen Mark Curry(?) in einer Band und die Majorlabels interessierten sich auch für uns, aber dann wurde er als Solokünstler unter Vertrag genommen und ich stand da und landete schließlich auf der Straße.

Und dann hast du Sozialarbeiter Mike getroffen?
El Hefe:
Ich kannte Eric schon eine ganze Weile - der hing auch immer in Hollywood auf irgendwelchen Parties rum. Damals war ich noch unter dem Namen Aaron bekannt. Naja, und irgendwann meinte Eric dann zu mir, ich sollte doch mal zu einer Probe mitkommen. Mike meinte dann nur: „You're in. Your new name is Hefe."
Mike: Das ist spanisch und heißt soviel wie „Boss".
El Hefe: Ja, und seitdem kann ich mir wieder eine Wohnung und was zu essen leisten und muss nicht mehr in den Mülltonnen wühlen.

„Rock'n'Roll saved my life!“
Mike:
Sehr wichtig ist für uns auch, dass wir nicht auf ein Majorlabel oder einen Major-T-Shirt-Vertrieb angewiesen sind. Wir kümmern uns um alles selbst, haben keine Merchandising-Vertrag und es ist cool so. Wir haben mit anderen Bands gesprochen, zum Beispiel mit HELMET und L7 und die meinten, sie verdienen zur Zeit eben mal pro Nase 1000 Dollar im Monat, so als eine Art Gehalt. Von allem Geld, das reinkommt, schneidet sich irgendjemand eine dicke Scheibe ab. Bei uns ist das so, dass Dave von Destiny unsere Tour bucht, wir uns selbst um die T-Shirts kümmern und wir Kontrolle über alles haben.
El Hefe: Wir können touren, wann wir wollen, können ins Studio gehen, wann wir wollen und aufnehmen, was wir wollen. Wenn du bei nem Major bist, bekommst du aber gesagt, wann du ins Studio gehen sollst, bekommst kluge Ratschläge für die Aufnahmen und einen Produzenten vor die Nase gesetzt. Du hast kaum noch Freiheiten.
Mike: Unsere letzten beiden Platten, „The longest line" und „White trash...", haben wir selbst zusammen mit dem Mixer Don produziert. Brett Gurewitz produziert uns nicht mehr.

Warum?
Mike:
Wir haben uns wegen „Ribbed" ziemlich gestritten und streiten uns auch sonst ständig.

Ihr seid aber nach wie vor auf Epitaph?
Mike:
Ja. Irgendwie vertragen wir uns dann doch wieder.

Independent zu bleiben ist also eine bewusste und kluge Entscheidung für euch?
El Hefe:
Wir sind eine Punkband und deshalb ist diese Entscheidung o.k. Wenn wir eine Rock'n'Roll-Band wären, könnte das anders aussehen.
Mike: Wir haben uns mit ein paar Leuten darüber unterhalten, zu einem Major zu gehen uns aber dann entschieden, dass wir das nicht wollen. Ich sage jetzt nicht, dass ich das für alle Zeiten ausschließe, denn eines Tages könnten wir es uns anders überlegen.

Was ist mit GREEN DAY? Ich habe gehört, dass die jetzt bei einem Major sind.
Mike:
Ja, sie haben 1.2 Millionen Dollar bekommen.

Aber das ist ja nicht das Geld, das sie einschieben und behalten können, oder?
El Hefe:
Nein, davon gehen natürlich all die Ausgaben der Plattenfirma weg.
Mike: Das ist irgendwie komisch, denn ich habe erst vor ein paar Tagen noch Tray getroffen, als er Konzertflyer von GREEN DAY verteilte. Sie haben sich nicht verändert, sind nach wie vor nette Leute. Ich denke, dass ihnen ein Majordeal wirklich helfen kann. Sie haben zwei LPs auf Lookout, die zwar gut sind, aber schlecht produziert, und sie haben das Zeug dazu, richtig groß zu werden. Bei uns kann ich mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass wir jemals wirklich groß rauskommen. Ich hoffe, dass wir unsere momentane Beliebtheit halten können; das wäre schon sehr gut. Wir können von der Band leben, haben eine gute Zeit - es ist einfach alles o.k.. Vor ein paar Tagen haben wir in Wertheim in einem kleinen Club gespielt und nach dem Konzert waren wir total durchgeschwitzt und erledigt, aber das Konzert hatte ungeheuerviel Spaß gemacht.. Letzte Nacht dagegen haben wir in Bielefeld im PC 69 gespielt und den Leuten hat es auch Spaß gemacht, aber in so einem großen Saal mit hoher Bühne, verlierst du irgendwie den Kontakt zum Publikum, fühlst dich wirklich, als ob du eine Show abziehst. Aber heute Abend bei der WDR-Rocknacht wird es sicher lustig.

Warum?
Mike:
Wir sind anders als die ganzen anderen Bands.
El Hefe: Das wirst du schon sehen.
Mike: Wir gehören einfach nicht auf solche Bühnen (-zwei Meter hoch, 30 Meter breit, mit einem drei Meter breiten Graben davor-). Wir haben in den USA mal ein Konzert mit TESTAMENT gespielt und hatten einen Höllenspaß, haben ständig Witze über die doofen Metaller gerissen und mehr Blödsinn gemacht als gespielt.

Was steht für die Zukunft an? Wann kommt die nächste Platte?
Mike:
Das dauert bei uns ja immer eine ganze Weile, aber ich kann dir schon verraten, dass auf dem nächsten Album eine ganze Menge kurzer, schneller Songs sein wird. Während die Platten bisher immer eine Weiterentwicklung waren, werden wir diesmal ein paar Schritte zurück gehen. Ich halte „White Trash..." zwar für ein gutes Album, aber ich habe keine Lust, ein zweites Album in dieser Art zu machen. Wir werden die Jazz-Elemente nicht ganz verdrängen, aber insgesamt wird es härter und punkiger werden.

Du sagtest vorhin, dass du nicht glaubst, dass ihr jemals ganz groß sein werdet. Aber auf der anderen Seite gibt es ja immer wieder Bands, die vorher kein Mensch kannte und die plötzlich auf allen Titelseiten und im Fernsehen sind und die genauso schnell wieder ins Nichts verschwinden.
Mike:
Ja, aber das ist eine Sache, die uns sicher nicht passieren wird. Klar, man kann auch wieder Popularität einbüßen, aber wenn alles so bleibt wie es jetzt ist, dann sind wir zu Frieden.

Noch nicht die Schnauze voll vom Rock'n'Roll-Lifestyle?
Mike:
Nein, ich bin gern auf Tour. O.k., diesmal ist es hart, denn wir waren vorher sechs Wochen in den USA auf Tour, dann drei Wochen frei und ab nach Europa. Wir sind fünf bis sechs Monate im Jahr auf Tour.

Und was geht zur Zeit in der Bay Area ab?
Mike:
San Francisco ist so tot wie immer, aber das ist es ja schon seit 1982. Es gibt keine All-Ages-Shows, alles 21 & over, kaum Punkkonzerte, Vielleicht einmal die Woche in einer Kneipe eine Band, zum Beispiel GREEN DAY oder JAWBREAKER vor hundert Leuten, aber das ist alles. Berkeley ist ganz anders – dort gibt es eine der besten Punkszenen der USA. Ständig irgendwelche Parties mit hunderten von Leuten mit Iros. CHAOS U.K. haben da neulich auf einer Party vor 50 Leuten gespielt, von der keiner wusste.

O.k., danke für das Interview. (Danach zogen wir gemeinsam los, um mit der U-Bahn zur Gruga-Halle zu fahren. Von den rund 3.000 Besuchern war schätzungsweise die Hälfte wegen NOFX gekommen. Besondere Kennzeichen: Alter unter 18 Jahren, NOFX-T-Shirt. Von GUN CLUB mal abgesehen war bandmäßig Langeweile angesagt, bis gegen halb zehn NOFX auf die Bühne kamen und einen begeisternden 40-Minuten-Auftritt runterrissen. Mike ließ es sich nicht nehmen, auf seine sehr ironische Art voll auf die Punkrock-Kacke zu hauen: „Fuck, you, we're a punkband", etc. Bei jeder Ansage fiel ca. fünfmal das Wort „Fuck", und der Kontrast zu den ganzen Rock- bzw. Collegerockbands hätte nicht krasser sein können. NOFX sind so Punk wie eh und je und denken nicht daran, sich auszuverkaufen. Dass ihre Bühnenshow und musikalische Bandbreite einzigartig ist, brauche ich wohl niemandem zu erzählen. Ach ja, beim Bizarre-Festival auf der Loreley, wo sie für die RED HOT CHILI PEPPERS einsprangen, haben NOFX angeblich ziemlich abgeräumt.

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