
Als PABST im Jahr 2022 ihr Album „Crushed By The Weight Of The World“ veröffentlichten, hatte die Pandemie deutliche Spuren in ihrer Musik hinterlassen. In den Songs sind die Unsicherheiten und Ängste zu hören, mit denen die Berliner Band während dieses Ausnahmezustands zu kämpfen hatte. Ihr neues Album „This Is Normal Now“ klingt wieder befreiter und der Fokus liegt auf Themen wie der Digitalisierung, dem Älterwerden und der ambivalenten Haltung zur Aufmerksamkeit und Anerkennung, die man als Band bekommt. Wir sprachen mit Sänger und Gitarrist Erik Heise über die neuen Songs.
Das letzte Mal haben wir mit euch zum Release eures letzten Albums gesprochen. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?
Ich habe die als super stressig in Erinnerung. Wenn wir damals mit der Band irgendwas geplant hatten, hatte ich immer richtig Angst, dass irgendwas dazwischenkommt. Und diese Unsicherheit hat sich ein paar Jahre lang hingezogen. Wir hatten als Band keine Erfahrung damit, nur online stattzufinden, haben aber versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Ich habe das Gefühl, dass wir ein paar Jahre später viel größere Probleme haben, weil man viele der Nachwirkungen jetzt erst richtig spürt. Dazu kommt noch die gesellschaftliche und politische Grundstimmung.
„This Is Normal Now“ ist auch stellenweise gesellschaftskritisch. Der Sound klingt insgesamt aber wieder etwas positiver und vor allem divers. Mit was für Ideen seid ihr an das Album herangegangen?
Die Vorgehensweise ist eigentlich immer gleich: Jeder arbeitet für sich an Ideen und stellt sie dann den anderen vor. Wenn wir uns auf etwas einigen können, arbeiten wir zusammen daran. Zu dem neuen Album haben alle aus der Band ungefähr gleich viel Input beigesteuert und man merkt meiner Meinung nach auch, dass hier drei unterschiedliche Songwriter am Werk waren.
Hattet ihr dabei auch mal Probleme, auf einen Nenner zu kommen?
Wir schicken uns nicht jedes Demo direkt zu, sondern machen uns Gedanken, ob eine Idee wirklich zu PABST passt. Was das angeht, haben wir innerhalb der Band ein gutes Grundverständnis. Es gibt eh nicht den einen typischen Sound, der diese Band ausmacht. Viele Alben von Bands, mit denen wir aufgewachsen sind, klingen auch total unentschlossen. Das erste Album von den GORILLAZ war zum Beispiel ein großer Einfluss für die neue Platte, auch wenn man das vielleicht nicht direkt heraushört.
Bei eurer Single „I felt all there is to feel“ beschäftigt ihr euch sehr kritisch mit dem Thema Digitalisierung. Ist eine immer digitaler werdende Welt für euch als Band eher Fluch oder Segen?
Ein großer Nachteil ist auf jeden Fall das kapitalistische Prinzip hinter Social Media. Manche Plattformen existieren nur, um Geld anzuhäufen, und das spiegelt sich in der Funktionsweise wider. Zu Beginn macht eine Plattform oft noch Spaß, es wird mit der Zeit aber immer beschissener. Bei uns als Band ist allmählich eine gewisse Frustration eingetreten und wir haben das Gefühl, dass es diesen Spaßfaktor nicht mehr wirklich gibt. Wir wollen etwas machen, worauf wir Bock haben und was uns weiterbringt, ohne einfach nur irgendeine Plattform zu bespielen. Man kann heutzutage auch gar nicht mehr richtig steuern, wen man mit den Beiträgen erreicht. Dazu kommt noch die aktuelle Welle an AI-Schrott. Wir überlegen gefühlt jede Woche, ob wir uns einfach von allen Plattformen verabschieden. Einige Bands lassen ja aktuell auch ihre Musik von Spotify herunternehmen, obwohl ich nicht weiß, ob das abgesehen von der Berichterstattung einen wirklichen Effekt hat. Ich glaube, dass es sich nicht wirklich lohnt, eine andere Plattform zu pushen, da sich die ganzen Streaming-Anbieter nicht wirklich viel nehmen. Aktuell ist die Digitalisierung also eher ein Fluch für uns.
Ein Song, der sich soundtechnisch vom Rest des Albums abhebt, ist „Happy birthday (You’re not a fighter)“. Verstehe ich es richtig, dass er von unserer Leistungsgesellschaft und dem damit verbundenen Geltungsdrang handelt?
Es geht im Speziellen auch ums Musikmachen und darum, dass wir das Ganze nicht wegen der Aufmerksamkeit machen. Trotzdem brauchen wir sie irgendwie, um mit der Musik auf Dauer weitermachen zu können. Natürlich ist es geil, Songs aufzunehmen und Konzerte zu spielen. Manchmal stehe ich aber auf der Bühne und fühle mich unwohl dabei, dass mir jemand zuguckt. Gleichzeitig bedeutet uns Musik total viel und wir haben das Bedürfnis, auch ein Teil von dem Ganzen zu sein. Das ist ein echt komischer Widerspruch. Es gibt ja auch viele Stars, die große Probleme damit haben, berühmt zu sein. Kurt Cobain war dafür ein gutes Beispiel. Ich stelle es mir schwierig vor, sich auf ein Leben als Star vorzubereiten, wenn man nicht in einer prominenten Familie aufgewachsen ist.
Ein weiterer Song, mit dem sich wahrscheinlich viele identifizieren können, ist „Twenty three“. Er klingt für mich wie eine Ode an die gute alte Zeit, in der vieles einfacher und unbeschwerter war. Es geht aber auch um die Erkenntnis, dass man diese Zeit ein Stück weit hinter sich lassen muss. Die Zeile „But maybe it’s time to let them go / The stupid kids we used to know“ fasst das ganz gut zusammen. Was vermisst du am meisten, wenn du an früher denkst?
Der Song handelt vor allem von dem Zustand, in dem man nicht versteht, wie die Welt um einen herum funktioniert und man trotzdem gut zurechtkommt. Es geht auch ums Älterwerden und die Erkenntnis, dass einem viele Dinge, mit denen man aufwächst, gar nicht mehr guttun. Das kann zum Beispiel eine Band sein, die man früher gefeiert hat, aber heutzutage merkt, dass die Mitglieder richtige Arschlöcher sind. Manche schaffen es vielleicht noch, sich auch an die schönen Aspekte von damals zu erinnern. Andere wiederum lassen besagte Band komplett fallen und werden immer haltloser. Früher war nicht alles besser, man hat einfach weniger gecheckt. Die Frage ist, wie man damit umgeht, welche Dinge einen von früher weiterhin begleiten und welche man ziehen lässt.
Ihr werdet auf eurer Tour unter anderem von der Band SWAIN begleitet, die ein Album über die Suche nach dem inneren Kind gemacht hat. Versuchst du selbst auch, hin und wieder dein inneres Kind zum Vorschein zu bringen?
Vielleicht sucht man ja sowieso nach seinem inneren Kind, wenn man Mitte 30 ist und noch in einer Band spielt. Das Musikmachen ist abseits von der trockenen Erwachsenenwelt etwas, das mir total viel bedeutet. Es geht, glaube ich, auch darum, etwas zu finden, das ich nicht erklären kann, mir aber guttut. Als Kind war man noch viel einfacher zu begeistern. Früher bin ich nach der Schule zum Elektrofachmarkt geradelt und habe mir eine Maxi-CD gekauft, wegen der ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte, weil ich so aufgeregt war. Diese Art von Vorfreude habe ich heutzutage vielleicht noch bei manchen Filmen oder Konzerten.
Stellen wir uns mal vor, dass ihr in drei Jahren wieder ein Album veröffentlicht. Was glaubst du, mit welchen Themen ihr euch dann als Band beschäftigen werdet?
Ich hätte auf jeden Fall mal Bock, ein Konzeptalbum zu machen, obwohl die anderen darauf, glaube ich, nicht so viel Lust haben. Ich könnte mir zum Beispiel einen kompletten Release zum Thema Musik vorstellen. Ich muss gerade an die Band THE OCEAN denken, die gefühlt nur Alben über den Ozean macht. Ich finde auch Filme über Filme geil. Bei solchen Projekten kann man immer gut persönliche Erfahrungen oder politische Aspekte mit einbringen. Sollten wir kein Konzeptalbum machen, wird es trotzdem irgendwie weitergehen. Oft ist es für uns als Band echt schwierig, ein Thema zu finden, das interessant genug und nicht zu zeitgenössisch ist. Manche Bands sprechen in ihren Texten über irgendein Nischenphänomen oder benutzen eine bestimmte Lingo, die nach einem Jahr vielleicht schon nicht mehr aktuell ist. Das ist ein ziemlicher Spagat, über etwas zu schreiben, das einen aktuell beschäftigt, und dabei trotzdem zeitlos zu klingen. GREEN DAY haben das mit „American idiot“ ziemlich gut hinbekommen. Der Song wird wahrscheinlich immer funktionieren, weil jeder Präsident in den USA bis ans Ende aller Tage ein Idiot sein wird. Ein anderes Beispiel sind DIE ÄRZTE mit „Schrei nach Liebe“. Nazis sind auch immer scheiße!
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