PIA UNITED

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Wütend auf die Welt?

Es ist mitnichten easy, eine relativ neue Band nach kurzer Zeit gleich noch mal zu interviewen. Es sei denn, es geht um Spaß und redefreudige Gesellen wie die Punks aus Fürstenwalde. Das letzte Gespräch war in Ox-Ausgabe 178 Anfang 2025, nun bietet das neue Album „Peng!“ Anlass genug für ein weiteres Interview. Diesmal aber nicht mit der namensgebenden Frontfrau Pia, sondern mit Patrick, der sich im Bandkontext „General“ nennt.

Euer Debüt hieß „Tach!“ und war dezent in Grau gehalten, nun folgt „Peng!“ in knalligem Tomatenrot. Wie wird das dritte Album ausehen?

Haha, das Farbkonzept ist noch nicht klar. Allerdings tragen wir uns gerade auch mit dem Gedanken, vorher noch ein Werk in Kooperation mit einer anderen Band auf die Leute loszulassen. Falls das also jemand liest und Lust hat: Meldet euch!

Ich habe noch nie irgendwo erlebt, dass eine Combo eine neue Platte als ihr zweites Debütalbum ankündigt. Gefühlt gestern aufgetaucht und schon eine eigene Marke!
Das ist ein großes Lob. Wir haben einfach riesige Lust, uns künstlerisch zu verwirklichen. In vielerlei Hinsicht. Unser eigenes Studio zu haben, hilft natürlich dabei. Und dass wir bei Smith & Miller Records sind, ist ebenfalls ein glücklicher Umstand. Es macht gerade sehr viel Spaß, PIA UNITED zu sein.

„Peng!“ beginnt mit „Sirenendeutschland“. Dieses Geräusch erzeugt immer ein blödes Gefühl bei mir, obwohl unsere Generation zum Glück nie selbst einen Krieg erlebt hat. Ist das Stück ein Hinweis auf diesen regelmäßigen Probealarm, mit dem ihr auch fremdelt?
Du hast völlig recht mit deiner Vermutung. Fuck, was ist hier los, dass sich so wenige aufregen, wenn die „Lobbyisten-Kaste“ uns einredet, dass wir „kriegstüchtig“ werden müssen. Nichts gegen einen Dienst für unser Land, als Beitrag zum großen Solidarpakt, der ja die Grundlage für einen gewissen gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Aber da sollten doch die Betroffenen selbst wählen können, ob sie zur Armee oder zum Zivildienst gehen wollen. Hilft vielleicht beides, um seinen Blick für die Welt mit ihren Herausforderungen zu schärfen. Aber die in einigen Teilen der Öffentlichkeit betriebene Scharfmacherei ist genauso gefährlich und schwachsinnig wie zu Zeiten des Kalten Kriegs.

Der Chef des BND hat ja kürzlich erklärt, dass wir nicht unbedingt „erst“ 2029 mit einem russischen Angriff rechnen sollten. Müssen wir nun schon unsere Plattensammlung zum Müll bringen, weil womöglich in Kürze alles zu Ende ist?
Ja, es ist verrückt, dass bei vielen Leuten immer wieder dieselben Muster verfangen und der gesunde Menschenverstand dann gefühlt ausgeschaltet wird. Oder vielleicht ist er ja auch bei uns ausgefallen, wenn wir uns fragen, wie der Russe angeblich zu blöd und zu schwach ist, um die Ukraine zu unterwerfen, aber gleichzeitig demnächst in der Lage sein soll, die NATO zu überrennen. Um auf dem Reichstag wieder die Rote Fahne zu hissen, oder was? Na ja, mit der Erfahrung der 1980er Jahre im Rücken würden wir dir aber auf jeden Fall empfehlen, deine Plattensammlung nicht zum Müll zu bringen. Selbst wenn die Russen in 15 Minuten auf dem Kurfürstendamm sind, wie Udo Lindenberg vor Jahren mal sang.

Danach kommt auf eurer abwechslungsreichen Scheibe „Pialepsie“, das swingend startet, aber doch wieder in den Moll-Bereich fährt. Seid ihr zur Zeit besonders wütend auf die Welt und ist das Album deshalb wesentlich düsterer ausgefallen?
Sind wir wütend auf die Welt? Manchmal. Und manchmal versöhnen uns Entwicklungen, die mit Wahrheit und Klarheit zu tun haben. Ohne die es wohl keine brauchbaren Perspektiven geben kann. Sehr interessant aber, dass du „Peng!“ als düsterer als „Tach!“ empfindest. Es ist immer wieder spannend und schön, dass Menschen Musik so unterschiedlich wahrnehmen. Wir dachten eher, dass „Peng!“ hier und da Gefahr läuft, nicht ernst genommen zu werden.

Auffällig ist, dass ihr dieses Mal „nur“ zwei Cover auf dem Album habt. Wolltet ihr da vorbeugen, damit es nicht heißt: Die spielen ja ganz nett alte Songs nach, aber ...
Auch wenn das nach einer Floskel klingt: Wir machen das, worauf wir Bock haben. Wir denken nicht so viel darüber nach. Was raus muss, muss raus. Am Ende des Tages wollen wir den Menschen mit unserer Musik eine gute Zeit bescheren. Live und auf Platte. Möglichst ohne banal oder oberflächlich zu sein. Und eine gute Zeit kann ja auch ein Moment des Nachdenkens oder der Melancholie sein. Es muss ja nicht immer Hurra heißen.

Geht es auch darum, dass ihr nicht irgendwann in der Fun-Punk-Schublade steckenbleibt und die Iro-Punks euch auf Dauer ablehnen?
Nicht falsch verstehen, aber wenn uns Leute ablehnen für das, was wir tun, dann ist das ihr gutes Recht und interessiert uns nur begrenzt. Wir machen nicht Musik für eine bestimmte Klientel. Wir versuchen einfach, das Beste zu liefern, was wir können. Und das können auch alle von uns erwarten. Immer. Wie bei einer „Working Class Band“. Vielleicht mit der Attitüde, die einigen britischen Bands eigen ist. Nämlich bei aller harten Arbeit und Ernsthaftigkeit nicht zu vergessen, das Leben zu feiern.

Apropos Konzerte. Wie empfindet ihr das bisweilen geringe Publikumsaufkommen? Sind die Leute nicht mehr neugierig genug?
Es sind harte Zeiten. Das Geld wird knapper. Und vielleicht haben die Leute in den letzten Jahren auch zu oft immer das Gleiche gesehen und gehört? Politisch zu einseitig? Zu kontrolliert? Zu ängstlich? Musikalisch sicher oft der pure Wahnsinn. Begabte Musiker, massive Produktionen, korrekte Texte. Aber reicht das? Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, bestimmt. Aber wo bleibt da die Spannung? Die Reibung, die ja auch Energie erzeugt. Vielleicht war es doch zu wenig Seele, zu wenig Rebellentum? Zu wenig vom echten Leben, das dynamisch ist und in stetem Fluss. Und die überbordende Doppelmoral nicht zu vergessen. Die auch in der Kunst, in der Musik um sich gegriffen hat.

Bands erzählen oft von sich, wie gut sie alle befreundet sind, bis dann doch etwas anderes durchsickert. Bei euch habe ich das Gefühl zum Glück überhaupt nicht. Das liegt wohl auch daran, dass eine Band wohl kaum, inklusive der beiden Singles, vier Scheiben innerhalb eines Jahres raushauen kann, wenn es intern knirscht, oder?
Du hast recht. Aber es hat bei uns drei „Alten“ in der Band auch Jahrzehnte gedauert, bis wir uns so zu schätzen lernten, dass wir wissen, was wir aneinander haben. Mann, wir haben uns gegenseitig auch schon so einiges angetan. Und wir mussten auch lebensbedrohliche Situationen überwinden, was nicht spurlos an uns vorübergegangen ist. Vielleicht können wir wirklich stolz darauf sein, dass wir nie aufgegeben haben und in jeder Krise eine Chance gesehen haben. Aber das eigentliche „Wunder“ ist, dass unsere deutlich jüngere Frontfrau nie wie etwas „Zusätzliches“ gewirkt und ihren Platz sofort ganz selbstverständlich eingenommen hat. Und sie ist mit ihrer unbefangenen Art die menschliche Bereicherung, die wir brauchten, um die Band zu werden, die wir immer sein wollten. Von ihrem musikalischen Talent mal ganz abgesehen.

Ein altes Vorurteil besagt, dass es im Westen schon immer „gekünstelter“ und oberflächlicher zugegangen sei und dass auf der Eastside mehr der Zusammenhalt und vernünftige Konfliktlösung zählt. Stimmt das?
Da wir Alten in der Band im Osten aufgewachsen sind, können wir das ehrlicherweise nicht objektiv antworten. Dazu kennen wir den Westen zu wenig. Ja, es scheint manchmal so. Aber ob das in der Breite zutrifft? Außerdem kennen wir viele Westdeutsche, die Zusammenhalt und vernünftige Konfliktlösungen genauso schätzen und pflegen. Und selbst wenn es so wäre, wir reden doch immer von Vielfalt. Lasst uns die doch nutzen und das Beste zusammenschmeißen. Es hat doch sicherlich jeder Tage, wo er oder sie Lust auf Oberflächlichkeit hat, und an anderen Tagen eben auf was anderes. Vielfalt ist doch mehr als unterschiedliche Hautfarben oder sexuelle Orientierung.

Wer oder was holt euch musikalisch derzeit ab und was ist als nächste Coverversion geplant?
Uns begeistert traditionell sehr Unterschiedliches. Das geht aktuell von ganz altem, rauhen Oldschool-Deutschpunk über Neues von unseren Heldinnen und Helden aus den 1980er Jahren bis zu Klassikern aus dem New Wave und der NDW. Tja, und die nächsten Coverversionen? Da geistern gerade die verrücktesten Gedanken durch die Köpfe und werden in unserem Headquarter leidenschaftlich diskutiert. Auf jeden Fall wird es so sein, dass auch unser nächstes Werk total fetzt.

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