© by Mike AuerbachEs klingt wie ein modernes Märchen, was da aus dem brandenburgischen Fürstenwalde jüngst in die hiesige Punk-Szene vordrang. Ein Trupp reifer Herren bekommt Zuwachs durch ein 15-jähriges „Goldkehlchen“, das den alten Hasen neue Haken zu schlagen beibringt. Sie spielt Drums, sie zockt Gitarre und sie singt richtig gut. So erscheint sie eines Tages bei den Männern im Proberaum mit einem Wunsch. Doch lest selbst, Mon Général Lütsch (gt) gibt freudig Auskunft über Frollein Pia Höhne, die Ereignisse in und um die brandenburgische Kleinstadt mit ihren 34.000 Einwohnern sowie die Unterschiede zwischen DDR- und BRD-Punk.
Ohne auf Schülerzeitungsniveau zu verfallen, weil das Fragen nach Bandnamen eigentlich nicht geht, aber wofür steht PIA? „Pannenhilfe im Ausland“ kann es ja nicht sein.
Manch einer behauptet, das steht für „Parteipolitisch inkompatible Assoziation“, andere meinen für „Politisch inkorrekte Aussagen“. Wieder andere behaupten PIA steht für „Punkrock-Ideale-Ausnahmezustand“. „Pannenhilfe im Ausland“ war noch nicht dabei. Ganz Mutige schwören, Pia wäre der Vorname von Frollein Höhne. Man munkelt, aber nichts Genaues weiß man nicht!
Ihr bedient euch offenbar nicht ungern der alten DDR-Symbolik, wie wir das auch von Bands wie BLUTIGER OSTEN kennen. Ist das frei nach dem Motto: Wisst ihr noch, wir beziehungsweise unsere Eltern waren es, die diesen Staat zu Fall gebracht haben, und wir dürfen deshalb auch selbstironisch sein?
An deiner Vermutung ist auf jeden Fall was dran. Und ja, ein Teil von uns hat die DDR mit zu Fall gebracht. Nicht weil wir die dahinterstehende Idee prinzipiell doof fanden, sondern eher deren Umsetzung. Aber es steckt tatsächlich auch viel Ironie und Selbstironie in PIA UNITED. Darüber hinaus gefällt uns die Ästhetik. Vor allem Rob A.D. war und ist ein großer Fan davon. Und der ist sogar Westdeutscher.
Ist es da nicht geradezu paradox, dass aktuell in Brandenburg eine Partei aufsteigt, die im Grunde alle wirklichen Errungenschaften der Demokratie torpediert und im Sozialen gehörig durchwischen würde?
Vielleicht ist es komplexer. So wie viele Menschen in der DDR von der Umsetzung der Idee des Sozialismus enttäuscht waren, so sind sie jetzt enttäuscht von der Umsetzung der Demokratie. Wieder fühlen sie an vielen Stellen Einseitigkeit und Spießertum. Wieder wurde oder wird vieles, das als konstruktive Kritik gemeint ist, abgetan oder diffamiert. Wieder wollen selbsternannte Eliten bestimmen ,wo es langzugehen hat. Die aktuelle Stärke von Populisten aller Couleur ist vordergründig nicht das Verdienst ihrer Argumente oder Angebote, sondern es ist die Unfähigkeit der Verantwortlichen, Schieflagen zu erkennen, zu benennen und Probleme sozialverträglich zu lösen.
Zu jedem einzelnen Lied habt ihr im Netz einen Podcast veröffentlicht. Vor allem die Story über Sängerin Frollein Höhne fasziniert. Sie kam, um für ihren Vater „Heute hier, morgen dort“ mit euch einzuspielen. Weil sie den Song von DIE TOTEN HOSEN kannte, aber nicht vom ursprünglichen Verfasser Hannes Wader. Also da war sie plötzlich und es ward quasi eine neue Band geboren?
Eines Tages stand das damals 15-jährige Frollein Höhne in unserem Studio und wollte für ihren Vater einen Song aufnehmen. Als Dankeschön dafür, dass er sie immer unterstützt hat, sie so oft mit dem Trecker zur Schule gefahren und ihr das Angeln und das Feuerwehrhandwerk beigebracht hat. Als sie dann loslegte, das Schlagzeug sowie die Gitarren selbst einspielte sowie letztlich natürlich auch den Gesang aufs Band brachte, wurden wir hellhörig. Wir wollten dann sehen, ob das nur eine Eintagsfliege ist, und produzierten zwei weitere Songs mit ihr. Wieder spielte sie die Drums sowie einen Teil der Gitarren ein und sang wie ein Goldkehlchen. Und wieder waren wir vom Ergebnis beeindruckt. Ab da war es nur noch ein kleiner Schritt zur Bandgründung.
Was habt ihr bis dahin musikalisch so fabriziert?
Begonnen haben Costja Chaos und ich 1989 mit der Gründung der Punkband UNITED ATTENTÄTER. Dieser folgte ab 1992 eine recht erfolgreiche deutschsprachige Hardrock/Metal/Crossover-Band, ab 1993 auch mit Sir Herle am Bass. Mit dieser Band verkauften wir fünfstellig Alben, bekamen Preise und setzen ein weltweit einzigartiges Projekt namens FAHRENHEIT 212 auf Rapa Nui, also der Osterinsel um. Das hat vielleicht sogar ein bisschen Kulturgeschichte geschrieben und endete mit einem ebenso einzigartigen Konzeptalbum. Seit zwei Jahren ist unser Fokus aber ausschließlich auf PIA UNITED gerichtet.
Ihr habt „Zu kalt“ von den Hamburger Punks SLIME gecovert, deren sozialkritische Songs ich schon immer am besten fand. Ich finde es spannend, dass ihr offenbar einen freien Blick auf den „West-Punk“ habt. Nicht wenige Punks im Ostteil des Landes meinen ja immer, die „Wessis“ waren mehr oder weniger nur spleenige Modefreaks. Aber ihr seht das Positive in beiden Teilen, oder?
Wir sind Berufsoptimisten und schon deshalb sehen wir das Positive in dieser „Ossi-Wessi-Nummer“. Auch beim Punk. Und was „richtigen“ Punk ausmacht, entscheidet sich, unserer bescheidenen Meinung nach, auf jeden Fall nicht danach, ob jemand aus Ost- oder Westdeutschland kommt. Auf unserem nächsten Album wird es aber einen Song geben, der sich damit auseinandersetzt, was Punkrock ist. Vielleicht hilft das ja dann weiter.
Und eure Sängerin, wie geht sie damit um, wenn ihr „von früher“ redet, als es die DDR noch gab?
Frollein Höhne weiß an einigen Stellen ziemlich genau, was sie will. Und dazu gehört, dass sie keine destruktiv-melancholischen Geschichten aus der Abteilung „Damals war’s“ zulässt. Sie hat aber Respekt vor und Interesse an der Vergangenheit, sowie viel Freude an der musikalischen Leistung anderer. Sie macht und schätzt einfach, was ihr gefällt. Und dazu gehören Punkrock und andere Musik aus allen Zeiten.
Zumal das Wort „Frollein“ ja heutzutage in gewissen Kreisen eher verpönt ist. Aber sie nannte sich selbst so?
Ja, manchmal scheint es fast, dass das hintergründige Spiel mit Worten eine gefährdete Spezies ist. Weil es aus dem Kontext gerissen schnell fehlinterpretiert werden kann. Wenn man das Spiel aber liebt, muss man damit leben. Wir lieben das Spiel. Und Frollein Höhne lebt gern mit ihrem Künstlernamen.
Der Song „Haifisch“ von RAMMSTEIN hat es auch auf die famose LP geschafft. Habt ihr das „Theater“ um den Sänger einfach mal ausgeblendet? Und wie kontrovers habt ihr die Diskussion um RAMMSTEIN intern gehandhabt?
Als das „Theater“ hochkam, haben wir den Song aus dem Programm genommen. Gegen den Wunsch von Frollein Höhne, die ja bekennender RAMMSTEIN-Fan ist. Aber es fühlte sich falsch an. Denn wer sind wir, dass wir uns erheben über einen Menschen, den wir nicht mal ansatzweise kennen, wo wir nur über Informationen verfügen, deren Wahrheitsgehalt wir nicht überprüfen können?
Deren Vorgängerband FEELING B covert ihr ja auch. „Artig“ ist wohl auch der DDR-Punk-Song schlechthin, finde ich zumindest. War das für euch eine Art Herzensangelegenheit, die Erinnerung an die damalige Zivilcourage?
Ja und nein. Denn dieser Song ist nicht nur eine Verbeugung vor der Zivilcourage früherer Zeiten. Er ist aus unserer Sicht ein zeitloser Aufruf zu zivilem Ungehorsam und unangepasster Lebensfreude. Gegen Spießertum und Doppelmoral. Und er fetzt einfach!
Und das Album „Tach!“ zu nennen, passt auch gut in die Landschaft. Obwohl man auch im Ruhrgebiet so grüßt, ist dieses zunächst Kurzangebundene aber doch typisch Brandenburg, oder?
Da würde ich dir vollkommen zustimmen. Aber ich wusste gar nicht, dass man auch im Ruhrpott so grüßt. Kann man mal wieder sehen. Man wird in der Regel nicht dümmer, wenn man sich miteinander unterhält. Danke für diesen Ost-West-Verbrüderungsansatz. Wir sollten dort unbedingt mal spielen. Wir tragen ja nicht ohne Grund das Wort „United“ im Namen.
Wo spielt ihr denn demnächst live? Und arbeitet ihr schon an einer neuen LP, diesmal komplett mit eigenen Songs?
Für 2025 sind die ersten Auftritte so gut wie sicher. Dazu gehören unter anderem das Oderbruch Open Air Festival , das Zurück zu den Wurzeln-Festival im Süden Brandenburgs und jährliches Sommerfest in Fürstenwalde. Und wir werden mit einer Mischung aus „Podcast und Band live“ im Frühjahr in der Kulturfabrik in Fürstenwalde und dann im Spätsommer auf dem Kultur & Beeren-Hof in Kremmen zu Gast sein. Das neue Album ist schon weit fortgeschritten und die Veröffentlichung der ersten Single daraus planen wir für Mai oder Juni 2025. Es ist also weiterhin viel los bei PIA UNITED!
© by Fuze - Ausgabe #115 Dezember 2025 /Januar 2026 2025 und Costja Chaos (PIA UNITED)
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Markus Franz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Markus Franz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Markus Franz
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© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Markus Franz