
Dass sich Punkrock nicht nur auf drei Akkorde reduzieren lässt, ist beileibe kein Geheimnis, denn schnelle Akkordfolgen harmonieren auch bestens mit vielen anderen Musikstilen – allen voran dem Ska, der ebenfalls seit den frühen 1980er Jahren an Einfluss gewann. Die Fusion beider Genres führte letztlich zur Entstehung des sogenannten Ska-Punk. Während dieser gerade zu Beginn gewaltige kommerzielle Erfolge feierte, folgte mit Anbruch der 2000er ein merklicher Niedergang des Genres. Der Begriff „Dark Ages of Ska“ prägte seither die öffentliche Diskussion. Was ist also los im Ska-Punk-Sektor? Wir begeben uns auf Spurensuche und verfolgen die enge historische Verflechtung von Ska und Punk. Denn beide stehen schon viel länger in einem gemeinsam Kontext, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Die erste Welle des Jamaican Ska
Um die Hintergründe und Entstehung des Ska-Punk zu verstehen, muss man einen Blick auf die Ursprünge werfen. Ausgehend von Jamaika und der Karibik trat Ska in den späten 1950er und insbesondere den 1960er Jahren seinen Siegeszug an, als sogenannte Sound System Operators wie Coxone Dodd oder Duke Reid begannen, heimische Musikstile wie Calypso und Mento mit nordamerikanischem Jazz, R&B und Boogie-Woogie zu mischen. Importiert wurden letztere vor allem von Gastarbeitern und Erntehelfern in den USA, die immer wieder Schallplatten mit in ihre Heimat brachten. Gemeinsam mit lokalen Künstlern begannen sie ihre eigene Form der Musik zu entwickeln, gekennzeichnet durch die charakteristischen Offbeat-Gitarren, einen Walking Bass und schnellere Tempi. Der Ska war geboren.
Doch als sich allmählich der in den USA vorherrschende Musikgeschmack änderte und der dort populäre Soul wieder ruhiger gespielt wurde, ebbte auch die erste Welle des Ska ab. Der langsamere Stil des Rocksteady entwickelte sich. Seine Hochphase erreichte dieses noch heute beliebte Genre um 1967, entwickelte sich nach kurzem Intermezzo ab 1968 abermals weiter zum Reggae, indem das Tempo der Songs nochmals gedrosselt wurde. Ska selbst verlor immer mehr an Popularität und verschwand zunehmend aus dem Radio und der öffentlichen Wahrnehmung.
2Tone: Der Einfluss von Punk und Politik
Erst eine ganze Dekade später sollte Ska ein erstes Revival erleben, weit weg von seinen karibischen Ursprüngen. Bekannt unter dem Genrenamen „2Tone“ entwickelte sich ab Ende der 1970er Jahre rund um Coventry in Großbritannien mit der zweiten Welle des Ska eine Fusion des jamaikanischen Ursprungs mit deutlich härteren Gitarrensounds, aggressiveren Melodienbögen und den kritischen Texten des Punkrock. Das Tempo der Songs wurde merklich angehoben und zeitgenössische Bands zeichneten sich insbesondere durch ihre vollere Instrumentierung aus – typischerweise mit Bläsersektion und Tasteninstrumenten. Während die erste Welle des Ska zunehmend in den seichten, unpolitischen Gefilden des Rocksteady versandete, war die zweite Welle hingegen stark politisch aufgeladen und revolutionär: Einschlägige Bands wie BAD MANNERS, THE SELECTER oder THE BEAT hatten erstmals multiethnische Besetzungen, was gemeinhin als klares politisches Statement verstanden werden konnte. Denn in Zeiten der Gründung der National Front im Jahr 1967 und zunehmendem Populismus des rechten Spektrums seit den 1970er Jahren sahen sich vor allem Schwarze und Asiaten in Großbritannien mit rassistischen Ressentiments und vehementer Ausgrenzung konfrontiert. Unzählige Unruhen, getrieben von steigender Arbeitslosigkeit und wachsender Unzufriedenheit gerade in der Jugend, beherrschten die Berichterstattung. Der wirtschaftsliberal-konservative Thatcherismus verschob dabei den politischen Diskurs signifikant nach rechts.
Zeitgleich aber keimte als Gegenreaktion auch ein starkes Bewusstsein für antifaschistisches sowie antirassistisches Denken auf, allen voran in Form der Anti-Nazi League und der „Rock Against Racism“-Kampagne. Just in diesen Kontext ist auch die 2Tone-Bewegung einzuordnen, die nach Ansicht vieler Musikhistoriker implizit deutlich politischer war als die zeitgenössische britische Punk- oder New Wave-Szene. So veröffentlichten beispielsweise THE SPECIALS zahlreiche Songs, die ein Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände und Zusammenhalt propagierten. Das wohl prominenteste Beispiel dürfte insbesondere die Hit-Single „Ghost Town“ sein, die 1981 drei Wochen lang die Spitze der damaligen Charts belegte. Mit Aussagen wie „Es gibt keine Jobs in diesem Land“ und „Die Regierung lässt die Jugend im Regen stehen“ zeichnet der Song eine beklemmende Momentaufnahme des Vereinigten Königreichs zu einem Zeitpunkt extremer Spannungen. Jerry Dammers, THE SPECIALS-Keyboarder und Hauptsongschreiber, dessen Plattenlabel 2 Tone Records zudem namensgebend für die zweite große Welle des Ska war, erklärte hierzu 2002 in einem Interview mit dem Guardian: „Man reiste von Stadt zu Stadt, und was dort geschah, war schrecklich. In Liverpool waren alle Läden geschlossen, alles machte dicht. Wir konnten es bei unseren Touren tatsächlich sehen. Man konnte die Frustration und die Wut im Publikum spüren.“ Dammers führte fort: „Bands spielen nicht mehr, es gibt zu viel Streit auf der Tanzfläche.“ Eine Erfahrung, die THE SPECIALS am eigenen Leib erlebten, als Neonazi-Gruppierungen wiederholt ihre Shows störten, wobei Gitarrist Lynval Golding Opfer eines brutalen rassistischen Angriffs wurde.
Auch in den USA gewann der Ska zu dieser Zweit sukzessive an Beliebtheit, wenn auch in geringerem Maße als in Großbritannien. Viele der frühen amerikanischen Bands beriefen sich stilistisch noch klar auf die musikalischen Traditionen von 2Tone und Mod-Revival. Dabei entwickelte sich insbesondere in und um New York City eine lebendige Szene. Nicht zuletzt trug vor allem die Gründung von Moon Ska Records im Jahre 1983 durch TOASTERS-Frontmann Robert Hingley maßgeblich zur Steigerung des Bekanntheitsgrads des Genres bei. Sein Label entwickelte sich binnen kürzester Zeit zum größten unabhängigen Ska-Label in den Vereinigten Staaten.
Der Ska-Punk als Teil der Dritten Welle
Wenn auch das Ende der 2Tone-Ära im Vergleich zur ersten Welle des Jamaican Ska durch keine klare Zäsur eingeläutet wurde, gilt musikhistorisch die Auflösung von THE SPECIALS 1981 und die zunehmende Kommerzialisierung beziehungsweise stilistische Weiterentwicklung durch Bands wie MADNESS als Wendepunkt und Übergang in eine neue Phase. So folgte in den späten 1980er Jahren schließlich die sogenannte Dritte Welle des Ska-Revivals – ein Terminus, der insbesondere durch den US-amerikanischen Musikhistoriker Albino Brown geprägt wurde. Mit seinem Radioprogramm „The Ska Parade“, der ersten auf Ska spezialisierten Radiosendung in den USA, trug er gemeinsam mit Mitbegründer Tazy Phyllipz ab 1989 zum erneuten Popularitätsschub des Genres bei. Noch heute läuft seine Sendung wöchentlich über dirtyradio.fm und versorgt Rude Boys und Punks gleichermaßen mit Musik.
Dennoch handelt es sich beim „third-wave ska“ um einen weit gefassten Genrebegriff: Bei genauerer Betrachtung subsummiert dieser sowohl die Rückbesinnung auf klassische Stilmuster und deren Übertragung in ein modernes Soundgewand als auch die starke Diversifizierung des Klangspektrums und die zunehmende Heterogenität der gesamten Ska-Szene. Der eigentliche Aufstieg des Ska-Punk und dessen Hochphase bilden also genau genommen nicht selbst die Dritte Welle, sondern sind vielmehr Teil davon. Ferner ist Ska-Punk genau wie zuvor bereits der Ska eine Fusion und Weiterentwicklung von Stilen.
Chronologisch betrachtet erfolgte der Übergang in die Dritte Welle nahezu nahtlos, doch im Unterschied zu den 2Tone-Bands, die ihre Vorliebe für Offbeat mit den zeitgenössischen, parallelen Subkulturen verbanden, ohne sich dabei an konkreten Klangvorbildern zu orientieren, bezogen alle Third-Wave-Bands ihre Inspiration explizit aus denen des vorangegangenen Revivals. Obwohl viele Bands dieser Epoche einen stark traditionell angehauchten Sound pflegten – allen voran THE SLACKERS, THE TOASTERS oder THE PIETASTERS aus den USA, daneben aber auch deutsche Bands wie SKAOS, BLECHREIZ, oder NO SPORTS –, fußte die Dritte Welle des Ska musikhistorisch insbesondere auf einer Rückbesinnung des amerikanischen Punkrocks auf die Klänge des in Großbritannien entstandenen 2Tone-Sounds.
Ska-Punk und Kalifornien
Viele der zeitgenössischen Bands waren in Kalifornien beheimatet, wo der Westcoast-Hardcore-Punk eine lange Tradition besaß. Dies kann gemeinhin als die Geburtsstunde des Ska-Punk im engeren Sinne erachtet werden. Als geografische Hotspots gelten speziell die San Francisco Bay Area und Orange County. Zu den frühesten und prominentesten Vertretern zählten dabei zweifelsohne OPERATION IVY aus Berkeley, die 1989 ihr erstes und einziges Album „Energy“ veröffentlichten, das bis heute Kultstatus genießt. Ihr roher Sound und ihre kritischen Texte zeugen von einem starken Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit und einem tiefen Misstrauen gegenüber der konformistischen Mainstream-Kultur in direkter Fortführung dessen, was bereits die Bands der 2Tone-Ära propagierten. Als nicht minder wegweisend gelten THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES aus Boston, die ebenfalls 1989 mit ihrem Debüt „Devils’s Night Out“ aufwarteten und sich während der 1990er Jahre zu den führenden Vertretern der Szene aufschwangen. Die Band um Frontmann Dicky Barnett war eine der ersten, die Ska, Hardcore, Punk und Pop mischte und das Genre auch im Mainstream salonfähig machte. Bis zu ihrer Auflösung im Jahre 2022 – bedingt durch mehrere kritische Aussagen Barnetts zur Corona-Pandemie – waren sie eine der beständigsten, umtriebigsten Bands des gesamten Ska-Sektors, die viele ihrer Mitstreiter und Epigonen überdauerte. Trotz allem gelang THE MIGHT MIGHTY BOSSTONES nie der ganz große kommerzielle Durchbruch.
Doch nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa erfreute sich der Ska wieder zunehmender Beliebtheit. Ein Großteil der hiesigen Bands wird demnach auch als Katalysator für die Dritte Welle in der alten Welt gesehen. Ein besonders prominentes Beispiel aus Deutschland bilden hierbei THE BUSTERS aus Wiesloch, die seit 1987 ihrem Rude-Boy-Sound frönen, aber auch Acts wie THE BLUE BEAT, EL BOSSO & DIE PING PONGS, NGOBO NGOBO.
Ska-Punk und die Labels
Die zunehmende Beliebtheit des Ska führte dazu, dass viele Indie- und Punk-Labels wie Hopeless Records oder Fueled by Ramen ihr Portfolio auf Ska- und Ska-Punk-Bands erweiterten. Und selbst bei eingefleischten Hardcore-Labels gehörte es schon bald zum guten Ton, eigene einschlägige Acts ins Roster zu holen. Augenscheinlichstes Beispiel dürfte das in seiner späteren Geschichte durchaus umstrittene Label Victory Records aus Chicago sein, das neben Bands wie INTEGRITY oder WARZONE ab Mitte der 1990er Jahre auch Ska-Bands wie CATCH 22, STREETLIGHT MANIFESTO oder VOODOO GLOW SKULLS im Programm hatte. Gerade letztere bildeten nach ihrer anfänglichen Zeit auf Dr. Strange und Epitaph Records, während derer sie ihren ersten Durchbruch schafften, mit ihrem energetischen Hochgeschwindigkeits-Skacore eine der Speerspitzen der damaligen Szene. Trotz diverser Wechsel ihres Frontmanns zählen sie heute zu den wenigen noch aktiven Bands und stellen ein Relikt aus der goldenen Ära des Ska-Punk dar.
Zweifellos gilt es das Augenmerk auch auf zwei ganz besondere Triebfedern zu richten, die einen entscheidenden Anteil am Aufkeimen der Dritten Welle des Ska haben, der Hochphase des Ska-Punk – allen voran Asian Man Records aus Monte Sereno, Kalifornien. Seit 1996 betreibt Gründer Mike Park sein Label bis heute direkt aus der alten Garage seiner Mutter. Neben seinen eigenen genreprägenden Bands wie SKANKIN’ PICKLE, BRUCE LEE BAND und THE CHINKEES, die sowohl bei Rudies als auch Punks Kultstatus genossen, war Park seit den 1990er Jahren ein entscheidender Pionier und Talentsucher für neue Acts aus dem Ska-Punk-Sektor. Er war es auch, der einst die legendären LESS THAN JAKE entdeckte und ihr fulminantes Debütalbum „Pezcore“ veröffentlichte. Damit ebnete er der Band aus Gainesville den Weg zum Mainstream, bevor diese mit dem Folgealbum „Losing Streak“ direkt zum Majorlabel Capitol Records wechselten. Trotz diverser Besetzungswechsel sind die Floridianer noch immer mit die aktivsten Ska-Punk-Vertreter und haben erst kürzlich ihre neue EP „Uncharted“ veröffentlicht. Daneben war es aber auch der elektrisierende Stilmix von Mike Parks Compilation „Misfits Of Ska“, der Bands wie SLAPSTICK (spätere LAWRENCE ARMS und ALKALINE TRIO) groß machte und Skacore-Acts wie LINK80 oder SUICIDE MACHINES unter die Leute brachte.
Neben Asian Man hat sich mit Hellcat Records ein weiteres Label ganz besonders verdient gemacht beim Aufstieg des Ska-Punk. Gegründet von OPERATION IVY-Gitarrist Tim Armstrong gemeinsam mit Brett Gurewitz von Epitaph Records, schaffte das Label aus Los Angeles tatsächlich als erstes den stilistischen Spagat zwischen klassischem 2Tone und Streetpunk. Gerade ihre legendäre Sampler-Reihe „Give ’Em The Boot“ bot über fast eine Dekade lang die perfekte Mischung aus beiden Genres und brachte zusammen, was ohnehin spätestens seit der Zweiten Welle zusammengehört sowie die gleichen Werte teilt. Traditionelle Ska-Bands wie THE SLACKERS, PIETASTERS oder SKATALITES erschienen darauf neben Punkrock-Koryphäen wie SWINGIN’ UTTERS, DISTILLERS oder US BOMBS. So war es nicht verwunderlich, dass viele Punkfans erstmalig auch den Ska für sich entdeckten, gerade diejenigen, die in den 1990er Jahren mit Veröffentlichungen von Fat Wreck, BYO, Nitro oder Kung Fu Records sozialisiert wurden.
Diesem Umstand trug jedoch auch die Tatsache Rechnung, dass es RANCID – Armstrongs OPERATION IVY-Nachfolgeband – in den 1990ern gemeinsam mit den Punk-Revivalisten GREEN DAY und THE OFFSPRING erstmals schafften, den amerikanischen Mainstream zu erreichen. Sie waren der erste Ska-Punk-Crossover-Act der Dritten Welle, dem der kommerzielle Durchbruch gelang. Ihr bahnbrechendes Meisterwerk „... And Out Come The Wolves“ von 1995 erreichte 2004 Platin-Status und wurde weltweit insgesamt über 1,3 Mio. Mal verkauft. Damit ebneten die Pioniere des Ska-Punk – die Band verbindet noch heute klassischen 2Tone-Sound mit rauh-melodischem Punkrock und steht damit unumstritten in der Tradition der legendären THE CLASH – den Weg für weitere US-Bands, die nun die großen Bühnen und TV-Shows betraten. NO DOUBT, GOLDFINGER, SUBLIME, DANCEHALL CRASHERS oder MAD CADDIES erlangten ab Mitte der 1990er eine Berühmtheit, die weit über die zeitgenössischer Bands aus der Punk-Szene hinaus ging. Im Laufe des Jahres 1996 wurde die Dritte Welle des Ska-Revivals zu einer der populärsten Formen der alternativen Musik in den Vereinigten Staaten. Szenepuristen sahen darin jedoch den Ausverkauf, da es doch gerade die Ska-Community war, die ursprünglich deutliche Ablehnung gegen den Konformismus des Mainstream hegte.
Der globale Siegeszug des Ska-Punk
Die 1990er waren auch dank des großen Punkrevivals nach GREEN DAY, BAD RELIGION und Co. zweifellos das goldene Zeitalter des Ska-Punk und schon bald erreichte die Dritte Welle Europa sowie den Rest der Welt. Durch die enge Verwebung von kalifornischem Punkrock und Ska kam es schließlich auch dazu, dass zahlreiche Punkbands neben dem damals ebenfalls äußerst populären Melodycore gelegentliche Offbeat-Ausflüge unternahmen. Hier waren es vor allem die zahlreichen skandinavischen Acts auf Labels wie Burning Heart oder Bad Taste, denen eine Vorreiterrolle zuteil wurde: Neben MILLENCOLIN, STONED, CHICKENPOX oder VENEREA ließen unzählige weitere Bands Ska-Einflüsse in ihren Crossover-Stil einfließen. Als unumstrittenes Vorbild galten damals neben RANCID vor allem auch NOFX, die regelmäßig Songs mit Reggae- und Ska-Anleihen in ihr Punkrock-Œuvre einschoben.
Stilistisch wurden die Offbeats wie im Großteil der Dritten Welle vorwiegend mit verzerrten Gitarren in hohem Tempo intoniert – der Einfluss des Punk trat hier im Gegensatz zum traditionellen Erste-Welle-Ska deutlich zutage. Strophen im 2Tone-Gewand wechselten sich typischerweise mit Refrains im Stakkato-Beat und Powerchords ab. Damit bildeten Ska und Punk wie bereits zu Zeiten des zweiten Revivals zwei Seiten ein und derselben Medaille – sowohl musikalisch als auch inhaltlich in puncto Texte und Attitüde.
Auch das Line-up vieler Shows und Festivals der späten 1990er Jahre bot Bands aus beiden Lagern gleichermaßen. So konstatiert Kevin Lyman, Begründer der populären Vans Warped Tour, als Gast des Podcasts „In Defense of Ska“, dass seitens der Fans alljährlich explizit Ska-Punk-Bands im Programm der Tourneen gewünscht wurden: „Ska brachte einfach eine willkommene Abwechslung in das Programm und lockerte den starken Fokus auf Punkrock auf. Gerade tagsüber wollten die Leute gerne auch einmal Bands aus anderen Genres sehen.“
Er selbst, so Lyman weiter, war bereits früh zum Ska-Fan geworden, nachdem seine allererste Show als Veranstalter mit FISHBONE zum Augenöffner wurde. Demzufolge verwundert es auch wenig, dass im Laufe der Jahre nahezu alle größeren Bands des Genres mindestens einmal die Warped Tour beehrten: von SUBLIME oder REEL BIG FISH über BIG D AND THE KIDS TABLE und STREETLIGHT MANIFESTO bis hin zu absoluten Schwergewichten der Szene wie THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES und LESS THAN JAKE, die beide nahezu durchweg bis zum Ende der Festivalreihe in 2019 alljährlich auf der Hauptbühne standen. „Definitiv war die Vans Warped Tour auch ein echtes Ska-Festival“, resümiert Lyman. Bis in die späten 1990er Jahre zählten Bands der Dritten Welle nachweislich zu den populärsten Acts der alternativen Musik in den Vereinigten Staaten, was sich auch deutlich in hohen Plattenverkäufen niederschlug.
Post-Dritte-Welle oder New Tone: Quo vadis?
Gegen Ende der 1990er und insbesondere zu Beginn der 2000er ließ das Interesse des Mainstreams am Third-Wave-Ska signifikant nach. Neue Genres wie Modern Pop-Punk – vor allem bedingt durch den kometenhaften Aufstieg von Bands wie BLINK-182, NEW FOUND GLORY oder FALL OUT BOY – sowie Nu Metal oder Post-Grunge gewannen an Popularität. So kam es auch, dass zahlreiche Ska-Labels ihre Aktivitäten einstellten, wie beispielsweise Moon Ska Records, das 2000 seine Pforten schloss. Offbeat war mit Beginn des 21. Jahrhunderts nahezu vollkommen aus den Playlisten der großen Radiosender verschwunden. Die sogenannten „Dark Ages“, die dunklen Jahre des Ska brachen an und ein Großteil der verbliebenen Bands wurde entweder ignoriert oder gar mit Spott überzogen, wie ein Beitrag auf dem Blog BrooklynVegan kürzlich verlauten ließ. Ein Mitgrund dürfte die öffentliche Wahrnehmung des Ska als zunehmend inhaltsloses, beliebiges Genre gewesen sein, die durch die starke Kommerzialisierung durch Bands wie NO DOUBT hervorgerufen wurde. Daher wundert es auch wenig, dass sich viele Bands der ersten Stunde im Laufe der Zeit auflösten oder ihre Aktivitäten merklich reduzierten.
Die gute Nachricht
So ganz verschwand der Ska-Punk dann doch nicht. Vielmehr ließe sich wohl von einer gewissen Gesundschrumpfung sprechen, wie es musikhistorisch in vielen Genres der Fall war und ist. So gibt es tatsächlich einige altbekannte Bands, die die dunklen Jahre in einer Art Nischendasein überdauerten: Erst im Sommer 2024 lieferten die Kalifornier MAD CADDIES mit ihrem aktuellen Langspieler „Arrows Room 117“ erneut eine mitreißende Platte an der Schnittstelle von Ska, Rocksteady und Punkrock ab. Zuvor gingen bereits die Italiener TALCO 2022 mit „Videogame“ an den Start und die zwischenzeitlich aufgelösten und später wiederbelebten SUICIDE MACHINES veröffentlichten mit „Revolution Spring“ 2020 ein Album, auf dem sie Hardcore-Punk und Offbeats zu einem fesselnden Crossover verarbeiten.
Daneben gab und gibt es aber auch immer wieder neue Bands, die die Fahne des Ska-Punk hochhalten. Insbesondere THE INTERRUPTERS – ebenfalls bei Hellcat Records unter Vertrag – oder die Briten BUSTER SHUFFLE sind seit den späten 2010er Jahren aktiv und längst keine Unbekannten mehr. Sie machen mit hohen Chartplatzierungen, TV- und Radioauftritten wie etwa bei der BBC von sich reden. Apropos Hellcat: Noch immer fungiert Tim Armstrong als eine der treibenden Kräfte der Ska-Szene, ohne dabei die Augen für stilistische Fortentwicklung zu verschließen. Aktuellstes Beispiel: RAT BOY aus Essex, UK, die dort gerade ihr drittes Album „Suburbia Calling“ veröffentlichten, auf dem sie ihren mitreißenden Stilmix aus Ska, Britpop, und Punk perfektionieren.
Die Vierte Welle?
Angesichts dieser Entwicklung wurde in jüngerer Vergangenheit unter anderem durch das Billboard Magazin die Frage laut, ob eine „Vierte Welle“ des Ska bevorstehe. Auch war vom sogenannten „New Tone“ die Rede – einem Begriff, der maßgeblich durch die aus New Orleans stammende Ska-Band BAD OPERATION geprägt wurde. Dieser wurde insbesondere durch Bad Time Records aufgegriffen, die Anfang 2023 eine gleichnamige Dokumentation veröffentlichten, die den Status quo der US-Ska-Szene festhält. Seitdem hat sich das 2019 gegründete Label zur ersten Adresse des modernen Ska-Punk entwickelt und begeistert die Ska-Community seither immer wieder mit großartigen Veröffentlichungen, wie beispielsweise von KILL LINCOLN, WE ARE THE UNION, CATBITE oder OMNIGONE, die Offbeat-Fans sich unbedingt einmal anhören sollten. Gleichwohl zollt Bad Time den Ursprüngen des Ska-Punk Tribut und veröffentlicht Material von Szenegrößen wie LESS THAN JAKE (Split-7“, 2021) oder den legendären MUSTARD PLUG, die in 2023 mit ihrem fulminanten neunten Album „Where Did All My Friends Go?“ auf die Bühne zurückkehrten. Bedenkt man, dass die in ebenjenem Jahr selbst organisierte Labeltour von Bad Time Records in ausverkauften Hallen vor mehreren tausend Zuschauern stattfand, lässt sich faktisch keineswegs von einem Ende des Ska-Punk sprechen. Das belegen nebenbei auch neuere Musikplattformen wie Skatune Network: Jeremy „Jer“ Hunter, der gemeinhin sogar als „CEO of Ska“ betitelt wird, veröffentlicht über seine populären Kanäle auf YouTube sowie TikTok (mehr als 225.000 bzw. 500.000 Abonnenten) regelmäßig Ska-Coverversionen von Songs aus allen Genres und begeistert immer mehr neue Fans. Offbeat-Freund:innen und Punks dürfen also getrost aufatmen, denn nach wie vor liefern sowohl altehrwürdige als auch neue Bands großartige Veröffentlichungen im Ska-Punk- und Skacore-Sektor ab. Tendenz: steigend. Go, Rudy!