TALCO

Foto© by Andrea Rigano

20 Jahre später ...

Die italienische Ska-Punk-Band hat es geschafft, in Deutschland bekannter zu sein als in ihrem Herkunftsland – und entsprechend viel sind Dema und Co. nördlich der Alpen unterwegs. Seit 20 Jahren geht das schon so, und zum Dienstjubiläum baten wir den Band-Kopf deshalb darum, in seinen Erinnerungen zu kramen und uns ein paar Anekdoten aufzuschreiben.

Ich kann mich noch sehr gut an unseren allerersten Ausflug nach Deutschland erinnern. Es war ein Kurztrip im Oktober 2004 mit drei Konzerten: Chemnitz, Peine, Bielefeld, organisiert von Klaus von den COMMANDANTES. Wir sind in der Nacht vor dem ersten Gig losgefahren, mit einem Van, der auf eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h kam, wenn es bergauf ging. Unser Debütalbum „Tutti Assolti“ kam erst einen Monat später raus, also hatten wir als Merch nur ein paar Pins im Gepäck. Wir kamen gegen Mittag beim Subway To Peter an und der Laden sollte um 17 Uhr aufmachen. Also blieben auf dem Parkplatz und feierten ein bisschen, während wir auf den Auftritt warteten. Wir wussten nicht, womit wir rechnen durften, aber die sechzig oder siebzig Leute, die zum Konzert gekommen waren, fingen sofort an zu tanzen und mitzumachen. Das fanden wir sehr aufregend, es war ja noch neu für uns. Wir verbrachten die Nacht getrennt, ein Teil schlief auf einer Matratze im Club, der andere Teil im Van. Unser alter Saxophonist und ich entschieden uns für den Van, neben uns lag ein Baseballschläger griffbereit, aus Angst vor den Nazis, hahaha ... Wenn sich unsere Befürchtungen bewahrheitet hätten, hätte ich als gewaltfreier Mensch gar nicht gewusst, wie man den Schläger einsetzt, das wäre sicher mein Ende gewesen!

2005 lief der Tourstart auf dieselbe Weise ab, mehr oder weniger wie jedes Jahr bis 2017: Wir fuhren nachts los und waren 14 oder 15 Stunden mit einem Van unterwegs, der langsamer war als ein Fahrrad. Das erste Konzert war diesmal im AK47 in Düsseldorf. Ich erinnere mich gut daran, denn wir mussten uns entscheiden, ob wir wie üblich auf dem Boden schlafen wollten oder in dem Zimmer einer Person, die völlig bekifft war, aber vor allem Regale an den Wänden hatte voller Boxen mit giftigen Spinnen. Ich glaube, dass das Schlafen auf dem Boden wie so oft bessere Alternative war.

Dank dieser ersten Touren und zweier Abstecher nach Berlin wurde Mauro „Due Forni“ zu unserem Schutzengel und beschloss, uns zum Punk Italia Festival nach Kreuzberg einzuladen, was ein erster Meilenstein für uns war. Ein denkwürdiges Konzert, so viele Leute und natürlich mit dem besten Catering aller Zeiten. Wir können Mauro und Franco nicht genug loben, wenn es um Verpflegung geht, denn wenn es eine Sache gibt, in der Italien unübertroffen ist, dann ist es seine Küche – schade, dass es das einzige ist, hahaha. Schon beim ersten Konzert in Berlin, 2005 im Clash, das auch von Mauro organisiert wurde, lernten wir sein Restaurant kennen und bekamen ein paar gängige Gerichte und eine Pizza für jeden – ein Privileg im Vergleich zu den „Lunchpaketen“ früherer Touren. Niemand hatte uns jedoch gesagt, dass die Pizzen und die kleinen Gerichte erst die Vorspeise waren. Danach kamen dreierlei Nudelgerichte, ein zweiter Gang mit Fleisch und Gemüse und die Nachspeisen. Über Desserts könnte ich ein eigenes Kapitel anfangen, denn ich leide an einer Sucht nach allem, was mit Zucker zu tun hat, und nach jedem Tankstellenstop steigt mein Blutzuckerspiegel unaufhaltsam an.

Ich glaube, das ist der rote Faden, der sich immer vom ersten bis zum letzten Tag unserer Touren durchzieht. Wir haben professionelle Esser, wie unser Gitarrist Jesus, der sogar das verdrückt, was ich übrig lasse. Ich werde auch immer an das Abendessen bei unserem ersten Dates in Berlin denken – ohne die Menge des Essens gemessen zu haben, gingen wir zwar schwer bepackt auf die Bühne, aber sehr glücklich über die Gelegenheit, zum ersten Mal in Deutschland vor drei- oder vierhundert Leuten zu spielen. Vier, fünf Monate später, nach dem großartigen Punk Italia Festival im November 2005, machten wir uns am späten Abend auf den Weg nach Lugano für ein zweites Konzert – zu schade, dass wir unser Ziel nicht erreichten. „Lasst uns eine Abkürzung nehmen“, sagte unser guter Jesus, der übereifrige Reiseleiter, wenn ich mich recht erinnere ... 25 Stunden steckten wir in St. Moritz im Schnee fest.

In Anbetracht der Tatsache, dass Berlin unser Hauptquartier geworden war und das Essen bei Mauro’s zur Tradition wurde, waren unsere Touren immer von Vergleichen in Sachen Essen geprägt. Was das Jahr 2006 angeht, habe ich nur noch vage Erinnerungen, vor allem nach den beiden Tagen Urlaub in Göttingen, aber ich werde nie vergessen, wie einer unserer Begleiter es geschafft hat, ein Grillfleisch zuzubereiten, das nach seinen Bemühungen, das Feuer anzuzünden und die Glut anzufachen, nach Bus-Diesel schmeckte.

Um auf das Thema Reisen und Konzerte zurückzukommen: 2008 war ein wichtiges Jahr für TALCO, mit der „Mazel Tov“-Tour zu unserem vielleicht bekanntesten Album. Wobei der Auftakt allerdings nicht die ermutigendste war: Ich erinnere mich nicht mehr an die Stadt, aber ich weiß noch, dass niemand da war, bis auf drei Leute, die auf einem Sofa saßen und sich das Konzert ansahen. Die drei Typen von der Location ... Glücklicherweise lief die Tour von da an richtig gut, aber wenn wir an „Mazel Tov“ denken, reden wir immer über diesen Abend. Von da an lief es eigentlich richtig gut für uns, die drei Jahre zwischen den „Mazel Tov“- und „La Cretina Commedia“-Touren haben uns einen weiteren Schritt vorangebracht, was uns die ersten großen ausverkauften Konzerte bescherte.

Ich hatte damals begonnen, eine solche Hypochondrie auszubilden, dass ich eine Leidenschaft für Ausflüge in die lokalen Apotheken entwickelte, um mir Halsmedikamente zu kaufen. Eigentlich würde zu mir statt eines Endorsements für Gitarrensaiten oder Mikrofone eher eins für Halsbonbons passen, haha. Es muss gesagt werden, dass jeder von uns seine eigenen Exzesse pflegte. Unser Bassist Ketto zum Beispiel: Auf einer Tour, bei der er seinen Alkoholpegel in schwindelerregende Höhen trieb, rief er in drei verschiedenen Städten auf der Bühne immer wieder: „Come on, Stuttgart!“... Beim ersten Date zusammen mit NOFX in Italien glaubte er dann, noch irgendwo im Ausland zu sein, und heizte dem Publikum auf Englisch ein. Ich erinnere mich noch, wie unser Trompeter Rizia die Weißweinflaschen, die Ketto für die Bühne bereitgestellt hatte, ausleerte und sie mit Wasser füllte. Ketto trank in der Pause zwischen zwei Liedern einen Schluck und spuckte ihn angewidert wieder aus, als hätte er Gift zu sich genommen. Aber wir werden noch Gelegenheit haben, über einige seiner Kapriolen zu sprechen – zumindest über die, über die man sprechen kann.

Es gibt eine Stadt in Deutschland, in der es seit ein paar Jahren immer wieder lustig und ein bisschen peinlich zugeht: Freiburg. Einmal gab es Sexszenen zwischen zwei Punks am Bühnenrand, dann hatten wir zwei völlig nackte Menschen mit Polizeimützen mitten im Moshpit, ein anderes Mal schlief ein Typ mit dem Arsch voran auf meiner Monitorbox. In Freiburg war es auch, als ein Besucher die ganze Show über wie angewurzelt direkt vor meinem Mikrofon stand, ich wollte ihn nicht einfach umrempeln, er wurde sogar sauer, als ich versuchte, ihn vorsichtig beiseite zu schieben. Also dachte ich, angesichts der Menge nackter Leute, die ich auf den Konzerten hier gesehen hatte, werde ich ihm einfach seine Hose runterziehen. hahaha. Aber er zog seine Hose wieder hoch, als ob nichts passiert wäre, und blieb weiter vor dem Mikrofon stehen.

Und da sind wir wieder beim Thema Catering: Ich will den Namen des Clubs aus Respekt nicht nennen, aber ich werde nie die Teller mit verbrannten Nudeln, Erdnüssen und Ketchup vergessen, ekelhaft. Zum Glück erlebten wir auf dieser Tournee auch die ersten wirklich großen und wichtigen Sommerkonzerte, und dort war das Catering wirklich bemerkenswert. Ab der „Cretina Commedia“-Tour begannen wir in schwindelerregendem Tempo an Gewicht zuzulegen!

Das beste Erlebnis, das ich je mit TALCO hatte, war für mich das Fuji Rock in Japan im Juli 2014. Nicht nur wegen meiner Leidenschaft für den Fernen Osten und östliche Philosophie, es waren die Auftritte an sich und der Empfang durch die Japaner mit ihrer gebildeten und respektvollen Art. Die Konzerte waren unvergesslich und gehören zu den aufregendsten Ereignissen unserer gesamten Karriere. Genau wie das gemeinsame Grillen in einer Wohnung am Fuße des Fujiyama, oder mein und Rizias Jetlag, der uns die ganze Nacht vor dem Doppelkonzert auf dem Festival wachhielt. Apropos Festival: Shogo, unser japanischer Begleiter, hatte uns gesagt, dass der erste der beiden Gigs in einem Zelt stattfinden und mehr ein „Aperitif“ sein sollte, aber das traf es nicht wirklich: 45 Minuten vor 2.000 Leuten, die einen unglaublich wilden, aber gleichzeitig rücksichtsvollen Pogo hinlegten. Es war das erste Mal, dass ich trotz fehlender Absperrungen kein Mikrofon gegen die Zähne bekam. Nun, beim zweiten Auftritt wurde uns schon vorher gesagt, dass es unvergesslich werden würde. Ich habe immer noch ein VHS-Video davon ... und von meinen Augenringen nach 24 Stunden ohne Schlaf!

Es ist für uns heute noch normal, von einem Land zu anderem zu reisen, ohne wirklich zu schlafen, besonders im Sommer, wenn wir uns höchstens im Flugzeug zwei Stunden lang ausruhen können. In der Vergangenheit ist es auch schon vorgekommen, dass wir 15 oder 16 Stunden unterwegs sind, auf einem Festival ankommen, sofort auf die Bühne springen und spielen.

Wir touren nun schon seit zwanzig Jahren regelmäßig in Deutschland, aber ich habe mich immer noch nicht an die Winterkälte gewöhnt. Ich erinnere mich an das Wochenende in Hamburg und Berlin im Frühjahr 2013, wo wir die Doku zu unserem zehnjährigen Jubiläum gedreht haben. Wir waren ziemlich leicht bekleidet und hatten uns auf ein eher frühlingshaftes Klima eingestellt. In Berlin jedoch waren es 14 Grad unter Null. Unser Bassist wärmte sich auf seine Weise auf, mit „ein paar“ Drinks nach der Show. Das Unglaubliche ist, dass er nichts mehr mitbekam. Im Hotel schleppten wir ihn mit dem Bett aus dem Zimmer und ließen ihn mit dem Hörer eines Telefons am Ohr und einer Bibel, die wir im Nachttisch gefunden hatten, auf dem Bauch da liegen. Am Morgen wachte er auf, legte den Telefonhörer mit der Bibel auf das Bett und ging zurück ins Zimmer, als ob nichts gewesen wäre.

Nach der Veröffentlichung von „Silent Town“ und mit einem neuen Management starteten wir 2016 auf eine Tour mit 110 Auftritten. Es war ein Jahr, das uns für unser Leben prägen sollte. Tuscia hat immer noch eine Narbe davon, als er nach einer Party in Madrid mit dem Kopf zuerst auf den Boden gefallen ist, so dass er das Flugzeug verpasste, weil er in der Notaufnahme war. Ich hatte eine Kehlkopfentzündung und tingelte mit Dr. Ketto durch die Flughafentoiletten, wo er mir Kortison-Spritzen gab, die mir der HNO-Arzt verschrieben hatte. Ketto blieb aber noch zwei oder drei Mal auf der Toilette sitzen, schlief ein und verpasste das Flugzeug. Rizia hat auf dieser Tour mächtig an Umfang zugelegt, weil er alles in sich reinstopfte, was er finden konnte, vor allem Erdnüsse. Kurzum, es gab einige bemerkenswerte Erlebnisse auf dieser Tour. Nun ja, das das letzte Mal, dass unser Bassist das Flugzeug verpasst hat, war erst dieses Jahr, so dass ich auf einem spanischen Festival den Bass übernehmen musste.

Es gäbe noch einiges zu erzählen und man könnte sicher ein Buch darüber schreiben. Aber in Wirklichkeit sind wir keine übermäßigen Partygänger, nach dem Konzert gehen wir meist ziemlich müde ins Hotel, nicht alle, aber fast ... Wenn ihr wollt, berichte ich euch bei Gelegenheit gerne noch mehr.

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