TÖDLICHE DORIS

Foto© by Wolfram Hanke

Zwischen Avantgarde und Punk

Wir beamen uns zurück ins West-Berlin der 1980er Jahre. Als die Stadt noch eine Insel in der DDR und Fluchtpunkt für Kriegsdienstverweigerer, Punks und Kunstschaffende war. Damals gab es einige Bands, die die Grenzen des Hörbaren ausloteten, wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MALARIA! oder SPRUNG AUS DEN WOLKEN. Eine weitere dieser Bands, die unter der (absichtlich falsch geschriebenen) Klammer „Geniale Dilletanten“ firmierten, waren DIE TÖDLICHE DORIS. Eine Mischung aus Kunstkollektiv und Band, die mit ihrem ersten Song „7 tödliche Unfälle im Haushalt“ für Aufsehen sorgte, aber immer unter einem mysteriösen Schleier verborgen war. Gründungsmitglied Wolfgang Müller erzählt, wie es anfing mit DIE TÖDLICHE DORIS und ob das Kunstkollektiv heute noch weiterlebt.

Wolfgang, mit welchem Plan habt ihr DIE TÖDLICHE DORIS damals ins Leben gerufen? Wie habt ihr euch kennengelernt?

Ich komme ursprünglich aus Wolfsburg, habe die Schule abgebrochen und bin nach West-Berlin gegangen. Dort habe ich 1979 an der Hochschule der Künste den gebürtigen Würzburger Nikolaus Utermöhlen getroffen. Wir waren zusammen in einer experimentellen Filmklasse. Unser erstes Filmprojekt war mehr oder weniger der Anfang für DIE TÖDLICHE DORIS. Da haben wir weggeworfene Passfotos aus den Fotoautomaten in den U-Bahn-Stationen gesammelt. Das waren unheimlich viele Aufnahmen von Leuten, denen ihre Porträts nicht gefallen haben oder bei denen es technische Probleme gab. Die haben wir mit Stöckchen hinter den Fotoautomaten herausgefischt und zusammengeklebt wie Archäologen. Diese Fotostreifen haben wir dann verfilmt. Das war unser erster Super-8-Film, der hieß „Material für die Nachkriegszeit“. Wir dachten, in allem, was weggeworfen wird, steckt eine Menge Wahrheit drin. Natürlich war dieses Projekt sehr übergriffig, es hätte sich ja jemand in dem Film erkennen können. Es hat sich aber nie jemand gemeldet. Wir fanden außerdem auch eine Menge Bilder von immer derselben Typen, der eigentlich gut getroffen war. Das waren Testfotos mit wechselnden Hintergründen. Dann fanden wir heraus, das war der Typ, der diese Automaten repariert. Also haben wir einen eigenen Film daraus gemacht unter dem Titel „Der Fotomatonreparateur“. Der wurde dann auch auf der Biennale in Paris gezeigt. Da sind wir zusammen mit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN aufgetreten.

Ihr habt euch damals kreativ ausgetobt in verschiedenen Bereichen wie Musik, Film, Fotografie oder Performance. Wie kam das?
Das hat mit der Atmosphäre im West-Berlin der frühen 1980er Jahre zu tun, in dem die Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg noch deutlich zu sehen war. Am Winterfeldtplatz in Schöneberg gab es zum Beispiel eine Bar, die hatte nur einen intakten Raum, die hieß „Die Ruine“. An Häuserwänden konnte man überall noch Einschusslöcher sehen. Es war also fast schon ein romantisches Spiel mit Nachkriegsästhetik. Mit der U-Bahn konnte man auf einer Linie unter Ost-Berlin hindurchtauchen und kam am anderen Ende von West-Berlin wieder raus. Die U6 und U8 führten ohne Halt in den Geisterbahnhöfen durch den Osten Berlins. Das war alles sehr unwirklich. 1980 gab es immer mehr Leute aus der Kunstszene, aber auch aus allen möglichen anderen Bereichen, die in Berlin landeten und Interesse an Musik hatten. Ausgelöst durch den Punk. Man konnte machen, was man wollte, man hatte überall interessiertes Publikum. Du konntest, ohne richtig spielen zu können, auf die Bühne gehen und dich nur auf deine Ausstrahlung verlassen. Man wurde nicht ständig beurteilt. Das Publikum war neugierig und hat den Leuten eine Chance gegeben. Es gab Räume in besetzten Häusern oder anderen merkwürdigen Etablissements, wo so etwas stattfinden konnte. Ich habe dann Nicki vorgeschlagen, auch eine Band zu gründen. Damals waren wir beide als Comiczeichner aktiv. Egmont Fassbinder, Verleger und Cousin des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, hat mich gefragt, ob ich für seinen Verlag Rosa Winkel einen Comic zeichnen könnte. Das wurde ein experimenteller Punk-Comic unter dem Namen „Comic Trips“. Etwa zur gleichen Zeit hatte der Verleger auch Ralf König angesprochen, der damals noch völlig unbekannt war. Im Gegensatz zu ihm hat sich mein Comic allerdings ganz schlecht verkauft, haha.

1981 gab es im Berliner Tempodrom das Festival Genialer Dilletanten, bei dem ihr aufgetreten seid. Welche Bedeutung hatte diese Veranstaltung für DIE TÖDLICHE DORIS?
Es war eine große Überraschung für alle, dass so viele Leute zu diesem Festival kamen. Da waren über 1.400 Zuschauer im Publikum. Auf der Bühne standen Bands, die teilweise zum ersten Mal aufgetreten sind, die eigentlich keine Musiker waren. Das sorgte natürlich für große Aufmerksamkeit. Das waren Bands wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, SPRUNG AUS DEN WOLKEN, DIN A TESTBILD oder KRIEGSSCHAUPLATZ TEMPODROM mit Maximilian Lenz, der später als Westbam bekannt wurde. Auf der Bühne stand damals auch Christiane Felscherinow, die wohl bekannteste Drogensüchtige Deutschlands. Die ist Ende der 1970er Jahre durch das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ berühmt geworden und war damals die Lebensgefährtin von Alexander Hacke von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Damals saß für uns noch Dagmar Dimitroff am Schlagzeug, die aus zehnmonatiger DDR-Haft in den Westen abgeschoben worden war. Ich habe auch ein Buch für den Merve Verlag über dieses Festival zusammengestellt und eine Art Manifest geschrieben. Die Verleger hatten mich im „Risiko“ angesprochen, einer Underground-Bar in der Yorckstraße. Mein Text trug auch schon den Gedanken in sich, dass unsere Ausdrucksformen wie Bildende Kunst, Musik oder Performance nach allen Richtungen offen sind. Der Name „Festival Genialer Dilletanten“ war übrigens bewusst falsch geschrieben, um sich von allen Konventionen abzugrenzen. Dieses Event ist sicher wichtig für uns gewesen. Viel wichtiger war aber ein Konzert im gleichen Jahr in einem besetzten Haus im Kulturzentrum Kukuck in der Anhalter Straße. Da waren nur zwanzig Zuschauer und am Ende kam Klaus Maeck von ZickZack auf uns zu und sagte: „Alfred Hilsberg möchte gerne eine Platte mit euch machen.“ Zu diesem Zeitpunkt hatten wir gerade mal drei Songs. Die erste Maxi mit dem Fisch auf dem Cover ist dann 1981 erschienen, die wurde bekannt als „7 tödliche Unfälle im Haushalt“.

Damit seid ihr bekannt geworden. Was war der Gedanke hinter diesem Song?
Ich fand es immer spannend, wie Nachrichtensprecher schreckliche Dinge mit betont sachlicher Stimme vorgetragen haben. Das ist in meinen Augen ein Phänomen. Das wollten wir auf die Musik übertragen, die eigentlich eher die Emotionen anspricht. Deshalb erzähle ich in dem Song mit ruhiger, sachlicher Stimme von Unglücken. Dazu haben wir einen einfachen Beat, eine süßliche Klarinette und ein kratziges Cello gespielt. Wir hatten also eine ungewöhnliche Idee und haben versucht, die irgendwie umzusetzen. So lief das immer bei DIE TÖDLICHE DORIS. Der Song wurde damals nicht im Radio gespielt, das war denen zu hart. Nur einmal ganz versteckt im SFB.

Ein Album heißt „Die unsichtbare 5. LP“, bestehend aus zwei Platten, die man gleichzeitig abspielen musste, um sie hören zu können. Wie sollte das funktionieren?
Die Idee war völlige Ungleichheit. Kein Stück sollte sein wie das andere. So wie eben menschliche Persönlichkeiten zusammengesetzt sind. Die eine Platte sollte den Anschein erwecken, dass wir dem Publikum gefallen wollen. Denn viele Underground-Bands träumten damals plötzlich von Hits. Ich fand das langweilig. Deshalb fand ich es spannend, eine Platte zu machen, die so wirkt, als ob wir es nach Jahren der Experimente auch wissen wollen. Im gleichen Moment haben wir aber auch eine Platte gemacht, die genau das Gegenteil ist. Sehr minimal, fast schon esoterisch. Die kommt dann ein Jahr später heraus. Wir wollten immer wieder auch Erwartungen enttäuschen und überraschen. „Unser Debut“ kam 1985 heraus und wurde prompt in der Spex gelobt. Ein Jahr später folgte das Album „sechs“, das als völlig irre bewertet wurde. Fast schon jenseits von Musik. Die eine Platte habe ich dem DDR-Label Amiga angeboten, die haben aber abgelehnt. Deshalb kamen beide bei Ata Tak heraus. Das alles lief unter großer Geheimhaltung. Beide Platten funktionieren allein und sie ergeben, wenn man sie gleichzeitig abspielt, ein drittes Album: „Die unsichtbare 5. LP“. Der Gedanke war, die erste entmaterialisierte Schallplatte zu produzieren. Du musst nur die Tür zur Wohnung deines Nachbarn aufmachen und ihr könnt beide Platten gleichzeitig abspielen, um die Musik im Treppenhaus zu hören.

Es gab außerdem eine Kassette namens „Das typische Ding“, die habt ihr später mit den Klängen von 31 Vibratoren nachempfunden.
Die Idee ist entstanden, weil ich dachte, dass es eine deutsche Tradition mit „Metropolis“, Maschinen und KRAFTWERK gibt. Das ist aber immer alles so pathetisch und groß. Das müssen immer gleich Atomkraftwerke und Autobahnen sein. Damals testete Katrin Kämpf, eine Freundin von mir, Vibratoren für ein Lesben-Magazin. Die schrieb Rezensionen über diese Geräte. Das fand ich unheimlich lustig und wollte unbedingt wissen, ob die alle gleich klingen. Der Sound hatte bis dahin nie Beachtung gefunden. Also kam Katrin mit einer großen Tasche voller Belegexemplare ins Studio vom Geräuschexperten Frieder Butzmann und wir haben die auf einen Holztisch gelegt und eingeschaltet. Jeder Vibrator lief etwa eine Minute und wir haben das aufgenommen. Auf der Kassette haben wir die Sounds hintereinander gehängt. Die klangen alle wahnsinnig unterschiedlich. Manche surrten wie Insekten, andere waren richtig laut. Das war einfach eine schöne Sammlung an Klängen. Von Gegenständen, die verschwinden, denn die Leute schmeißen diese Geräte irgendwann weg, weil das Material porös wird oder die Batterie ausläuft.

Zentrales Thema bei euch war ein Spiel mit der Identität von Doris. Wer oder was ist diese Doris? Warum war das die zentrale Frage?
Wir wollten keine klassische Band sein, bei der ein Leadsänger im Vordergrund steht. Wir wollten das einfach anders machen. Wir haben alle Texte, die von einzelnen Individuen geschrieben wurden, in ein Gefäß gepackt und darüber stand das Pseudonym Doris. Wir sind als Personen also ganz bewusst hinter dem Namen DIE TÖDLICHE DORIS verschwunden und haben die Leute bewusst im Unklaren gelassen, wer jetzt genau verantwortlich ist. Uns war immer das Infragestellen von Hierarchien wichtig. Damit haben wir in unserer Musik, aber auch in allen anderen Ausspielwegen gearbeitet. Wir haben einfach Experimente gemacht. Die künstlerische Identität war immer wieder Kern unseres Werks. Der beständige Wandel der körperlosen Doris war unser Grundprinzip. Auf jeden Versuch der Festlegung haben wir immer mit der Gegenfrage nach weiteren, anderen Möglichkeiten reagiert.

Konntet ihr eigentlich Instrumente spielen?
Der Einzige von uns, der ein Instrument gelernt hatte, war Nicki, der konnte Klarinette spielen. Dagmar Dimitroff konnte ein bisschen Cello spielen. Aber beim Schlagzeug zum Beispiel haben wir einfach kräftig draufgehauen und ausprobiert, welcher Takt sich für unsere Experimente eignet. Es gab auch Situationen im Studio, in denen die Tontechnikerin die Drumsticks übernommen hat, weil sie besser spielen konnte. Wichtig war uns immer die Idee, die dahintersteckte, und nicht die Person, die das ausführte. Bei DIE TÖDLICHE DORIS muss man auch immer zwischen der Bühnenperformance und der Arbeit im Studio unterscheiden. Wir hatten auch eine große Sammlung an Geräuschen auf Kassetten, die sich sehr elektronisch anhörten, obwohl es eigentlich analoge Alltagsgeräusche waren. Damit haben wir im Studio oft gearbeitet. Mit solchen Dingen haben wir einfach experimentiert. Das war ein Spiel mit Unklarheit und Klarheit.

1987 kam das Ende für DIE TÖDLICHE DORIS. Warum habt ihr aufgehört?
Damals haben wir Einladungen vom Museum of Modern Art in New York oder von der documenta in Kassel bekommen. Für mich war ein Punkt erreicht, an dem wir unsere Ideen nicht mehr steigern konnten. Die Geschichte war in der Form für mich auserzählt. Jeder, der noch dabei war, konnte noch auf eigene Faust weitermachen. Alle orientierten sich mehr in Richtung Bildende Kunst. Im Anschluss haben wir bis 1991 noch das Haus der Tödlichen Doris bespielt. Ein Schuppen neben unserer Stammkneipe Kumpelnest 3000 in der Lützowstraße. Das diente als Lagerraum für die Kunstwerke von uns und beherbergte unser Archiv. Es gab also nie einen strikten Schlusspunkt. Nicki ist dann 1996 im Alter von 37 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben und auch Tabea Blumenschein lebt nicht mehr. Die hat für uns Kostüme geschneidert, aber auch Texte und Musik geschrieben. Anfang der 1990er Jahre war sie eine Weile obdachlos und wurde im März 2020 im Alter von 67 Jahren tot in ihrer Wohnung gefunden. 1991 gab es noch einmal eine Zusammenkunft, da bekamen wir das Angebot eines ultra netten Galeristen, noch einmal etwas zu machen. Also haben wir die übrig gebliebenen Bühnenklamotten umgearbeitet und daraus Möbel gemacht. Aus den Slips, die wir auf der Bühne getragen haben, sind zum Beispiel Lampenschirme entstanden. Aus den Kostümen ist eine Sesselgruppe geworden. Das sah aus wie im Möbelhaus. Und überall hingen Etiketten dran mit dem Hinweis: Bei 40 Grad waschen. Das war unser Gegenentwurf gegen dieses Sakrale in der Kunst, wenn Relikte von Performances in Vitrinen kommen und wie Schätze behütet werden. Wir haben aus unseren Relikten Gebrauchsgegenstände gemacht, auf die man sich setzen kann. Dann habe ich mir überlegt, welches Lebensmittel kann den Namen „Die Tödliche Doris“ tragen und bin auf Weißwein gekommen. Es gibt ja merkwürdige Tropfen mit Namen wie Kröver Nacktarsch oder Liebfrauenmilch. Mein Plan war, dass ich Weinhändler werde, und überall Flaschen mit der Aufschrift „Die Tödliche Doris“ verkauft werden. Das hat nicht geklappt, aber 1994 kam ein Buch mit Flasche unter dem Titel „Die Tödliche Doris – Weißer Burgunder aus Schweigen“ heraus.

Das Haus der Tödlichen Doris wurde inzwischen aufgelöst. Das Archiv der Band lagert heute in Bremen. Warum Bremen?
Ab den 1990ern habe ich das Material gesichert, sortiert und digitalisiert. Damals gab es sehr wenig Interesse an der Band und diese Zeit habe ich genutzt. Ich habe den Wert unseres Werks schon erkannt und lag damit auch richtig. Für die meisten Leute waren DIE TÖDLICHE DORIS schon auf den Boden des Gurkenglases gesunken. Dann sind die Sachen in die Galerie K-Strich nach Bremen gekommen. Der Galerist Radek Krolczyk hatte sich mit mir in Verbindung gesetzt und wir haben zusammen eine Ausstellung gemacht. Außerdem habe ich ein Werkverzeichnis für DIE TÖDLICHE DORIS erstellt. Das besteht aus 16 Exponaten. Die kann man sich in Bremen alle anschauen. Dazu muss man mit dem Galeristen einen Termin vereinbaren, dann kann man unser Werk anschauen. Der hat zum Beispiel auch alle Platten und Tonträger von uns. Auch die Tonbänder von Nickis Solo-Projekt. Der vertritt mich darüber hinaus auch als Solo-Künstler. Ich finde es auch gut, dass unser Werk nicht in Berlin lagert, sondern in Bremen.

DIE TÖDLICHE DORIS haben in den vergangenen Jahren einige ihrer Klassiker aus dem Bandkatalog wiederveröffentlicht. Unter anderem über das Major Label in Jena. Wie erklärst du dir das aktuelle Interesse?
Es gibt immer Leute, die sich für DIE TÖDLICHE DORIS interessieren. Unsere Sachen sind immer über das Interesse von außen entstanden. Es hat sich immer jemand bei uns gemeldet, der was mit uns machen wollte. Deshalb bekommen wir immer wieder Anfragen, ob wir Interesse daran haben, unsere alten Platten wiederzuveröffentlichen. Das passiert dann einfach. Wie mit dem Berliner Kassettenlabel Kashual Plastik, die auf mich zukamen. Mit denen habe ich die Idee eines ganz dekonstruktivistischen Albums entwickelt. Ich hatte noch Kassetten voller Geräusche aus den frühen Jahren. Die haben wir anderen Leuten zur Verfügung gestellt, die daraus Musik machen konnten. Die haben Elemente daraus genommen, neu gemischt oder zusammengestellt. Das war ein völlig offenes Projekt mit völlig ungewissem Ende. Ich war überrascht, wie viele Leute ihre Varianten eingeschickt haben. Die haben wir alle gar nicht auf eine Kassette bekommen, deshalb wurde es eine Doppelkassette mit 36 Tracks. Die ist im Januar 2024 unter dem Namen „Die Tödliche Doris im Bausatz“ erschienen.

Ganz neu ist das Interesse aus den Vereinigten Staaten. Was passiert da gerade?
Das Label Superior Viaduct aus San Francisco veröffentlicht die längst vergriffene erste EP von 1981 und das Debütalbum von 1982 noch einmal. Die haben auch Platten von AVENGERS, DEVO, FAUST, THE RESIDENTS oder SUICIDE im Katalog. Die hatten unser erstes Album vor ein paar Jahren schon einmal neu aufgelegt, das war sehr schnell vergriffen. Mit einem perfekt nachgedruckten Booklet. Ich fand, das sah sogar besser aus als das Original. DIE TÖDLICHE DORIS tauchen da zwischen tollen Bands auf, die ich selbst super finde. Weil ich die Copyrights für die ganzen Stücke nie abgegeben habe, kann ich auch darüber verfügen. Wichtig ist mir nur, dass wir nicht auf irgendwelchen blöden Kompilationen zur Neuen Deutschen Welle erscheinen. In deren Nähe wollten wir schon damals nicht sein.

Wir haben viel über die Vergangenheit und die Gegenwart gesprochen. Wie sieht die Zukunft von DIE TÖDLICHE DORIS aus?
Das Reenactment-Album von „Das typische Ding“, das als CD sogar in Japan erschienen ist, war eine Art Wiederauferstehung für DIE TÖDLICHE DORIS. Im Grunde ist sie unsterblich. Sie löst sich auf, die Leute nehmen sich Teile davon und verleiben sich das ein. DIE TÖDLICHE DORIS verschwindet also und ist trotzdem wieder da.

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DIE TÖDLICHE DORIS
... war eine Künstlergruppe aus Berlin, die bis 1987 in den Bereichen Musik, Film, Performance und Bildende Kunst unterwegs war. Sie wird zu den sogenannten „Genialen Dilletanten“ gezählt, die Anfang der 1980er Jahre in der Mauerstadt für Furore sorgten. Auf YouTube gibt es einige Videos, in denen man Auftritte des Kunstkollektivs heute noch anschauen kann. Die beiden Köpfe von DIE TÖDLICHE DORIS waren Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen, die beide Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste studierten. Dazu kamen wechselnde Bandmitglieder wie Käthe Kruse, Tabea Blumenschein, Christine Dreier oder Dagmar Dimitroff. DIE TÖDLICHE DORIS entstand 1980 in der lebhaften Post-Punk-Community West-Berlins, zusammen mit EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, MALARIA!, SPRUNG AUS DEN WOLKEN oder Frieder Butzmann. „Doris“ verstand die Band als öffentliche Person und sich ständig verändernde Einheit, hinter der die Musiker:innen als Individuen verschwinden konnten. Die Band bezeichnete sich deshalb selbst oft in der dritten Person Singular. Wolfgang Müller ist der Bruder von Max Müller, dem Sänger der Band MUTTER, und hat Bücher über die Subkultur in Berlin oder seinen Sehnsuchtsort Island geschrieben.

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Diskografie
„Das typische Ding“ (MC, Das Cassetten Combinat, 1981) • „EP ohne Titel“ (12“, ZickZack, 1981) • „Leerzeichen“ (LP, Zickzack, 1982) • „Chöre & Soli“ (Box-Set, Pure Freude, 1983) • „Unser Debut“ (LP, Ata Tak 1985) • „Sechs“ (LP, Ata Tak, 1986) • „Die unsichtbare LP“ (Do-LP, Major Label, 2015) • „Sprechpause“ (LP, Fang Bomb, 2017) • „Das Typische Ding – Reenactment“ (LP, Major Label, 2019) • „Im Bausatz“ (Do-MC, Kashual Plastik, 2024)

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