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20 Jahre

Kurz vor der offiziellen Ankündigung ihres neuen Albums „Everything I Ever Saw“, das im Juli erscheint, hatten wir die Gelegen­heit, mit Tom May zu sprechen, Sänger und Gitarrist der Band aus Philadelphia. Es geht um ihre Bandgeschichte, neue Songs und das Leben auf Tour, bei dem man auch mal vor deutschen Polizisten davonrennt.

2026 markiert euer 20-jähriges Jubiläum als Band. Und ihr spielt auf großen Festivals, die ebenfalls schon Jubiläen feierten, wie zum Beispiel das Mighty Sounds in Tschechien. Wie fühlt sich das an – 20 Jahre? Das ist eine lange Zeit!

Ja, das ist echt eine lange Zeit. Wir haben wirklich Glück. Und es sind immer noch dieselben vier Leute.

Auch das ist etwas Besonderes!
Ja, das ist es wirklich. Es ist unglaublich. Es ist lustig, weil es genau das ist, was wir wollten. Und es ist unglaublich, dass wir das seit 20 Jahren machen dürfen. Ich liebe es. Und das Bewusstsein, dass es jetzt 20 Jahre sind, das muss man auch erst irgendwie für sich einordnen. Als wir angefangen haben, waren wir noch sehr jung. Und normalerweise ist es auch eher eine Angelegenheit für junge Leute, dieses ganze Punkrock-Ding mit der Energie, die dazugehört. Beim Spielen werden wir jetzt etwas schneller müde, aber ich würde es um nichts in der Welt anders haben wollen. Außerdem versuchen wir auch weiterhin, viel neue Musik zu hören und es in das einfließen zu lassen, was wir machen. Aber das Coolste für mich an diesen 20 Jahren ist, dass so viele unserer Fans uns dabei begleitet haben. Irgendwann sie haben angefangen, ihre Kinder zu den Shows mitzubringen. Im Grunde erleben sie parallel zu uns die gleichen Dinge wie wir in dem Alter. Es war wirklich schön, das 20 Jahre lang machen zu können. Ich bin dafür extrem dankbar.

Das passt perfekt zu meiner nächsten Frage. Ich habe „Nobody’s heroes“ gehört – ein Song über 20 Jahre Bandgeschichte, richtig?
Wir haben bei diesem Album viel bewusster darüber nachgedacht, worüber wir schreiben wollen, während wir es geschrieben haben. Normalerweise entstehen Songs eher intuitiv aus dem Unterbewusstsein heraus, aber diesmal wollten wir angesichts der allgemeinen Lage, besonders in den USA, sicherstellen, dass am Ende eine hoffnungsvolle Botschaft steht. Etwas, das die Menschen ermutigt, ihr eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen und dadurch auch die Gesellschaft ein Stück zu verändern. In „Nobody’s heroes“ geht es für mich darum zu akzeptieren, wer man ist, und sich damit wohl zu fühlen. In den USA herrscht zu viel Hoffnungslosigkeit, Nihilismus und Zynismus, was gefährlich sein kann, weil man leicht denkt: Ich kann sowieso nichts bewirken, warum sollte ich mich engagieren? Ein erfülltes Leben bedeutet aber, sich selbst zu akzeptieren, anderen zu helfen und zu erkennen, dass man Einfluss auf das eigene Leben hat. Greg begann den Song zu schreiben, als einige von uns privat schwierige Zeiten durchmachten, etwa das Ende von Beziehungen und Scheidungen. Das war für mich sehr prägend, auch weil wir als Band stark miteinander verbunden sind – unsere Leben, Familien und Freundschaften sind eng miteinander verflochten. Die Nähe zu den anderen hat mir in dieser Zeit viel Kraft gegeben und ich fühlte mich weniger allein. Ich hoffe, dass der Song auch anderen dieses Gefühl geben kann.

Das Album heißt „Everything I Ever Saw“, das könnte auch der Titel eurer musikalischen Biografie sein. War das Absicht?
Es ist lustig, wir haben zwischen verschiedenen Vorschlägen hin und her geschwankt und tatsächlich bis fast zum Schluss einen anderen Titel favorisiert, den wir dann geändert haben. Der jetzige Titel kommt von einem Song, einem der letzten, die wir für das Album geschrieben haben. Ich weiß nicht, ob die Trackliste veröffentlicht wird, aber egal, ich habe es im Interview gesagt. Es ist eine Art Zusammenfassung. Es klingt gut und ist eine umfassende Beschreibung für das, worüber wir immer schreiben: unser eigenes Leben. Wir nehmen Geschichten aus unserem Leben oder die wir irgendwo hören, und versuchen, sie so zu erzählen, dass man sich weniger allein fühlt. „Everything I Ever Saw“ ist natürlich nicht wirklich alles, was man je gesehen hat, sondern eher augenzwinkernd gemeint. Es ist einfach das, was wir in den Songs reflektieren konnten. Ich mag das Stück sehr, er klingt gut, sieht gut aus, und das Artwork passt besser zu diesem Titel. Es war ein Prozess, um zu diesem Albumtitel zu kommen, aber ich bin froh, dass wir da gelandet sind.

Ich habe noch einen anderen Lieblingssong auf dem Album, nämlich einen, der mit viel Energie startet und je öfter ich ihn höre, desto positiver klingt er für mich. Das ist der Song „Chance encounters“.
Hey, wir haben gestern das Musikvideo dazu fertiggestellt. Das ist die Single, die wir als Nächstes veröffentlichen. Damit wollen wir gleichzeitig das Album ankündigen.

Ich bin mir sicher, die Leute werden ihn lieben. Was bedeutet der Song für dich? Ich spüre da sehr viel Energie.
Ja, das ist einer der energiegeladensten Songs, die wir seit einer Weile geschrieben haben. Und er macht super
viel Spaß, ich kann es kaum erwarten, ihn live zu spielen. Mit dem Song hat es lustigerweise auf einem kleinen Keyboard angefangen. Ich habe mich ein bisschen mit Synthesizern beschäftigt. Es war ein Track mit einer
interessanten Melodie und einem Rhythmus, den wir normalerweise nicht machen würden. Ich habe die Grundstruktur an Greg geschickt und er hat quasi sofort die Lyrics dazu geschrieben. Für mich sollte „Chance
encounters“ das Gefühl widerspiegeln, im Sommer durch Philadelphia zu laufen, durch Center City – ein einziges Chaos, fast gesetzlos, die Sinne sind komplett überfordert. Es gibt kleine Zufälle, Begegnungen, Dinge, die passieren, man trifft jemanden oder bemerkt kleine Details und merkt, dass alles gleichzeitig geschieht und trotzdem eine gewisse Harmonie darin steckt. Greg hat Zeilen geschrieben über diese Idee von Zufallsbegegnungen, dass man jemanden wiedersieht oder ein Zusammentreffen das Leben komplett verändern kann. Und dann haben wir monatelang versucht, daraus einen Punk- oder Rocksong zu machen, doch es hat einfach nicht funktioniert. Es hat sich nicht richtig angefühlt. Und dann, als wir ins Studio gegangen sind, hat unser Produzent und guter Freund Will Yip, gesagt: „Spielt ihn einfach, legt los und haut richtig rein.“ Also sind wir hingegangen und haben ihn genau so gespielt, mit diesen harten Einsätzen am Anfang und dem Flow in den Strophen. Und es hat perfekt funktioniert. Das ist wahrscheinlich einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Er ist so voller Kraft und gleichzeitig so simpel. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie die Leute darauf reagieren.

Du hast gesagt, dass ihr euch glücklich schätzen könnt, 20 Jahre lang als gleiche Band zusammen zu sein. Gab es einen Moment, in dem dir oder euch klar wurde, dass ihr nicht mehr nur junge Leute seid, die Musik machen, sondern dass das euer Beruf ist?
Das ist eine gute Frage. Es ist nicht plötzlich passiert. Wir sind 2008 zusammen nach Philadelphia gezogen und haben zuerst zusammen in einem Haus gelebt. Ab etwa 2013 mussten wir keine anderen Jobs mehr machen.
Wir konnten einfach touren und touren und touren. Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, dass es funktioniert. Aber selbst da haben wir es immer noch wie ein Abenteuer gesehen. Mit der Zeit mussten wir lernen, dass es auch ein Geschäft ist. Wir haben angefangen, mit einem Manager, Booking-Agenten und Crew zu arbeiten. Und es wurde einfach nach und nach zu dem, was es heute ist. Es gab keinen klaren Moment – eher ein langsames Reinwachsen. Und jetzt, da wir älter geworden sind, arbeiten wir seit sehr langer Zeit mit derselben Crew zusammen, und sie sind Teil dieser Reise mit uns. Ohne sie könnten wir das nicht machen. Es ist wirklich eine Art kleine Institution geworden, die wir da aufgebaut haben. So ist das irgendwie entstanden.

Fühlen sich eure alten Texte manchmal so an, als hätte sie jemand anderes geschrieben? Oder gibt es neue Songs auf dem neuen Album, die zeigen, wie ihr euch seit den ersten Veröffentlichungen ver­ändert habt?
Ja, definitiv. Es gibt solche Texte. Ich habe tatsächlich erst gestern darüber gesprochen, ob wir alte Texte ändern sollten. Je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr wird klar: Das war eine andere Person zu dieser Zeit. Die meisten unserer Texte beruhen auf Neugier und Staunen, nicht auf festen Überzeugungen. Und natürlich habe ich Dinge über die Welt, Menschen, Beziehungen und mich selbst gedacht, die ich heute anders sehe. Mit der Zeit bekommst du mehr Überblick über dein Leben und erkennst Muster, die du früher nicht sehen konntest. Es ist wie Weisheit. Wenn ich Leute in ihren frühen Zwanzigern treffe, sagen sie die gleichen Dinge, die ich damals gesagt habe. Auf dem neuen Album gibt es einen Song namens „Parade day“, der sich mit dem Verlust von Menschen beschäftigt, die mir nahestanden, und mit der Frage, wie man damit umgeht. Das hätte ich früher so nicht schreiben können. Und es ist richtig: Wir spielen manchmal ziemlich alte Songs, und ab und zu denke ich, das ist doch peinlich, oder ich würde es heute anders formulieren. Aber manches fühlt sich immer noch komplett wahr an. Die Emotionen stimmen noch.

Euer Name kommt von „Minnesänger“, eine Bezeichnung für mittelalterliche Barden, oder? Spricht jemand von euch Deutsch?
Ich hatte in der Schule Deutschunterricht, aber viel ist davon nicht hängengeblieben. Wenn wir in Deutschland sind, bekommt man aber einiges mit. Zum Beispiel kann ich Bier bestellen. Ich finde es interessant, wie direkt die Sprache ist – das spiegelt auch die Kultur wider. Wir haben sehr gute Freunde in Deutschland und viele unserer besten Tourerinnerungen sind da entstanden. Auch die Festivals sind unglaublich gut organisiert, super sicher und die Leute sind extrem begeistert. Historisch ist es auch sehr beeindruckend – Berlin, die Geschichte, die Architektur, alles wirkt sehr besonders.

Ihr wart jetzt schon öfter hier. Hast du besondere Erinnerungen an bestimmte Städte oder Erlebnisse?
Sehr viele! Deutschland ist einer unserer Lieblingsorte zum Touren. Und wir lieben die direkte Art der Menschen. Einmal sagte jemand am Merchstand zu uns: „Ich mochte eure Band, aber die Shirts gefallen mir nicht.“ Und ging einfach. Das war typisch deutsch, haha. Einmal, ich glaube sogar, an meinem Geburtstag, haben wir in einer kleineren Stadt gespielt. Es gab so ein großes, halb staatlich betriebenes Kulturzentrum, mit Schwimmbad und allem möglichen, wo Leute Sport gemacht haben und auch Konzerte stattfinden konnten. Wir sind dort nachts einfach über einen Zaun geklettert, um schwimmen zu gehen. Dann ist die deutsche Polizei gekommen und hat uns gejagt, und die waren alle viel fitter und auch viel wütender als amerikanische Polizisten.

Kommt ihr trotzdem bald wieder auf Tour?
Ja, definitiv. Spätestens 2027 sind wir wieder in Europa!

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