TURBOSTAAT

Foto© by Andreas Hornoff

Einmal Hölle und zurück

TURBOSTAAT haben das Tal der Tränen hinter sich gelassen. Die Nordlichter mit Wurzeln im nordfriesischen Husum, der „grauen Stadt am Meer“, wie Schriftsteller Theodor Storm die Hafenstadt an der Nordsee mal beschrieben hat, haben schwere Jahre hinter sich. Die Pandemie, gesundheitliche Probleme und ein Todesfall im engsten Umfeld haben die Band an den Rand des Kollapses geführt. All diese Schicksalsschläge haben deutliche Spuren auf dem neuen Album „Alter Zorn“ hinterlassen, das am 17. Januar 2025 erscheint. Es sind die ersten Aufnahmen, seit vor fünf Jahren, am 17. Januar 2020 (!), der Vorgänger „Uthlande“ erschienen ist. Diesem Album wiederum widmeten TURBOSTAAT am 31. Oktober 2024, am Halloween-Abend, eine „Albumshow“ im Z-Bau in Nürnberg. Sänger Jan, Gitarrist Marten und Bassist Tobert erzählen uns vor ihrem Auftritt, warum es sich für sie wie ein Neuanfang anfühlt.

Uthlande“ erschien auf den Tag fünf Jahre vor „Alter Zorn“. Die Zeit danach war wie verhext. Was ist passiert?

Jan: Nach dem Release des Albums haben wir noch etwa zehn Konzerte gespielt. Aber schon kurz nach dem Tourstart kam die Pandemie. Dann wurde erst mal alles gestoppt und wir mussten sehr lange warten, bis es wieder weiterging. Länger, als sich jeder zu Beginn der Pandemie vorstellen konnte. In den Monaten danach wurden die Konzerte immer wieder verschoben und neu angesetzt. Eigentlich haben wir uns immer nur in Zoom-Konferenzen getroffen, um zu besprechen, auf welches neue Datum man die Konzerte ansetzen soll. Die Zeit war also geprägt von ewigem Warten und totalem Stillstand. Gleichzeitig hatten wir im Hinterkopf ein neues Album, das wir gerne auf der Bühne präsentieren wollten. Aber das konnten wir über lange Zeit einfach nicht machen. Dann haben wir irgendwann von unserem Booker und unserem Umfeld gesagt bekommen, dass wir ein altes Album haben, was wir aber noch gar nicht richtig live gespielt haben. Deshalb hieß es, wir sollen anfangen neue Songs zu schreiben, denn wenn es wieder losgeht mit Konzerten, ist „Uthlande“ längst Schnee von gestern.
Marten: Nach der Lockerung der Hygienemaßnahmen haben wir noch versucht, solche Pandemie-Konzerte zu spielen. Bestuhlt mit Masken, an der frischen Luft. Oder eine Show in der Columbiahalle in Berlin, bei der keiner aufstehen durfte. Es waren zwar Konzerte, aber irgendwie auch nicht. Richtig gut war das sicher nicht. Aber wir waren froh, dass wir überhaupt wieder spielen konnten.
Tobert: Wir hatten es vorher ja nie erlebt, dass wir ein Album geschrieben haben, aber nicht damit auf Tour gehen durften. Ein paar abgesagte Shows wegen Krankheit kann es immer geben, aber so eine lange unbestimmte Pause hatten wir vorher noch nie. Der normale Ablauf ist, dass wir neue Songs schreiben und aufnehmen, die bringen wir dann raus und spielen sie live. Erst dann stellt sich oft heraus, welche Songs auf der Bühne besonders viel Spaß machen. Die werden dann in die Setlisten eingebaut und so verändert sich unsere Live-Show. Das ist alles nicht passiert. Deshalb ist „Uthlande“ ein ganz komisches, aber auch ganz besonderes Album für uns. Weil es für uns ganz viele weiße Stellen hat. Songs, die nie richtig live gespielt wurden.

„Uthlande“ ist ein Album, auf dem ihr die typischen TURBOSTAAT-Themen ansprecht. Das Meer, die Seeleute, die Küste. Warum spielt das so eine große Rolle bei euch?
Marten: Uthlande ist die Bezeichnung für das gesamte Land, das vor der Küste von Nordfriesland liegt. Das war früher zum Teil auch bewohnt. Alles, was nicht Geest oder Festland ist, sind die Uthlande. Diese Inhalte spielen so eine große Rolle, weil wir natürlich am Meer aufgewachsen sind. Das ist Teil unserer Identität. Wir waren in unserer Kindheit und Jugend von all diesen Sachen umgeben. Wir mussten keine Platte von Freddy Quinn auflegen, um dieses Küsten-Feeling zu haben. Diese Landschaft hat uns als Kinder schon geprägt. In den Texten steckt aber auch eine bewusste Brechung. Wir haben uns mit unseren Songs auch bewusst auf Kriegsfuß begeben zu den Leuten dort. Ich wollte immer Texte schreiben, die aus mir herauskommen. Ich wollte mich nie hinsetzen und überlegen, wie irgendetwas sein könnte. Mir geht es immer darum, was ich ganz konkret fühle und denke.

„Alter Zorn“ ist das erste Album, auf dem der Großteil der Songs eine urbane Kulisse hat und nicht wie sonst die Küste. Warum?
Marten: Die Großstadt spielt diesmal eine große Rolle, aber das Maritime kommt auch noch vor. Die typischen Bilder, die ich in meinen Texten verwende, begegnen einem in Songs wie „Scheißauge“ oder „Jedermannsend“. Das kriegt man einfach auch nicht raus aus uns. So sind wir einfach aufgewachsen.
Tobert: Dieser Mikrokosmos in Nordfriesland ist auch sehr klein und nicht so hip oder cool wie Paris oder New York. Anfangs hat uns keiner gefragt, warum das Teil unserer Texte ist und was wir da singen. Deshalb haben wir das nie reflektiert und auch nicht geändert, weil wir uns damit einfach wohl gefühlt haben. Es gab nie einen bewussten Plan, übers Watt oder die Möwen zu singen. Für mich ist „Alter Zorn“ einfach nur ein weiteres TURBOSTAAT-Album. Wir haben uns also kein Konzept überlegt, nach dem wir vermeiden wollen, über die Küste und die Menschen dort zu singen.
Marten: Außerdem hat uns nicht nur die ländliche Idylle in Husum geprägt, sondern auch die linke Szene in Hamburg. Orte der Gegenkultur wie die Rote Flora waren auch sehr wichtig für uns in den Jugendtagen. Genauso wie all unsere Reisen kreuz und quer durch die Republik. Das ist auch Teil des großen Ganzen.

Mich als ehemaligen Germanistikstudenten triggern die Songtitel von TURBOSTAAT immer sehr. Da gibt es immer wieder Wörter, die ich nicht verstehe. Da muss ich natürlich nach der Bedeutung suchen. Woher kommen die? Zum Beispiel Harm Rochel, Oz Antep oder Fresendelf?
Marten: Viele unserer Songtitel sind aus Schnapsideen entstanden. Oz Antep ist zum Beispiel der Name eines Dönerladens. Wir saßen da gerade gegenüber, als wir nach einem Namen für den Song gesucht haben. Fresendelf ist ein kleiner Ort bei uns um die Ecke. Hinter den meisten Namen steckt gar keine größere Bedeutung.
Tobert: Harm Rochel ist ein Arbeitskollege von meinem Opa gewesen. Das war tatsächlich sein Name. Wir haben eben einen kollektiven Humor, der unheimlich schön ist, wenn man so lange Zeit miteinander verbringt. Da kann eine banale Sache passieren. Irgendeiner erzählt etwas, man fährt an einem Schild vorbei oder nennt ein Wort und alle kichern.
Marten: Man kann es Humor nennen, man kann er aber auch als eine Form von Ästhetik bezeichnen. Genauso wie man sein Artwork grafisch aufbereitet, genauso machen wir das mit Wörtern. Es gibt Wörter, die eine gewisse Schönheit in sich bergen, die dem Kollektiv TURBOSTAAT gefällt. Fresendelf zum Beispiel. Da hatten wir ein Ferienhaus zum Üben. Da haben wir zusammen Musik gemacht, deshalb haben wir den Song so genannt. Aber die Titel haben nichts mit dem Inhalt der Songs zu tun.
Jan: Diese Wörter tauchen nicht in allen Songs auf. Es gibt auch welche, die „Affenstraße“, „Subraum“ oder „33 Tage“ heißen. Oft verwenden wir auch Ausdrücke, die zu dem Puzzle passen, das man zusammenfügen muss, um sich den Inhalt der Songs zu erschließen. Jeder, der sich ein bisschen dafür interessiert, wird im Internet Antworten auf die meisten Fragen finden, die durch unsere kryptischen Zeilen aufgeworfen werden. So kann dann noch mal eine neue inhaltliche Ebene entstehen. Das ist aber nicht grundsätzlich bei jedem Titel so. Man kann aber Dinge finden.

Eure Texte sind also eine Art semantische Schnitzeljagd. Ihr legt Fährten, denen eure Hörer folgen sollen.
Jan: Es gibt definitiv Titel bei uns, die mehr als einen Witz in sich tragen, über den wir alle lachen können.
Tobert: Es ist immer eine sehr schöne Phase, wenn die Songs fertig sind und wir gemeinsam nach Titeln suchen. Das finde ich immer aufregend. Wir wollen schließlich nicht, dass Stücke „fetzige Supernummer“ heißen. Das Horchen und Suchen nach interessanten Ausdrücken hat sich für uns zu einem schönen Hobby entwickelt.
Marten: Uns geht es auch darum, immer möglichst die Entscheidung zu treffen, die marktorientierte Menschen vielleicht nicht treffen würden. Wir nehmen nie den prägnanten Satz aus dem Text, sondern denken uns immer noch extra einen anderen Titel aus.

Wie kommt es, dass du als Gitarrist die Texte schreibst und nicht Jan als Sänger?
Marten: Das hat sich einfach so ergeben. Ich glaube, das gibt es häufiger als du denkst. Beispielsweise bei DEPECHE MODE. Allerdings fahren wir im Gegensatz zu denen noch in einem Tourbus zu Konzerten und sind noch befreundet, haha.
Jan: Ich kenne Marten schon, seit wir mit 14 Jahren im gleichen Schulbus saßen. Damals hat er mich auf mein Punkshirt angesprochen und wir hatten sofort eine gemeinsame Ebene. Dann hat er mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, in seiner Band zu singen. Wir haben losgelegt und daraus ist dann über Umwege TURBOSTAAT geworden. Wir sind einfach so aufgewachsen. Ich habe auch schon Lyrics für andere Bands geschrieben, aber Marten hat eine ganz besondere Art, Texte zu schreiben. Die funktionieren zusammen mit meiner Stimme eben sehr gut. Da muss ich als Sänger eben auch mein Ego in der Schublade lassen. Ich sitze aber auch nicht zu Hause und weine, weil ich nicht texten darf. Diese Konstellation hat sich über die Jahre einfach bewährt und ist perfekt für TURBOSTAAT.

Veränderst du die Texte noch so, dass du sie auch gut singen kannst? Oder sind die Zeilen von Marten unantastbar?
Jan: Wir reden viel über seine Texte. Ich habe einen gewissen Ausdruck in meiner Stimme und kann schon erkennen, in welche Richtung es gehen soll. Marten lässt mir da auch ganz viel Freiheit, damit ich mich wohl fühle. Er überlässt es mir, wie ich seine Zeilen betone. Manchmal sagt er aber auch, dass er sich das anders vorgestellt hat. Dann finden wir immer eine gemeinsame Lösung. Solange Marten nicht sagt, das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt, finde ich immer einen guten Weg, seine Texte zu interpretieren.

Lasst uns mal über die Texte vom neuen Album sprechen. Die erste Single heißt „Jedermannsend“. Worum geht’s in dem Song?
Marten: Der Song beinhaltet die Idee, dass sich Trauer in verschiedenen Städten verschieden anfühlt, aber immer den gleichen Kern hat. Dieses Gefühl habe ich biografisch in mir selbst gefunden und ich fand die Idee ganz interessant. Der Begriff „Jedermannsend“ kommt aus der Seefahrt. So nennt man ein Seil, das man ins Wasser hängt mit einem ausgefransten Knoten am Ende. Und wenn du über Bord kackst, dann kannst du dir den Po damit abwischen. Das habe ich irgendwo mal gelesen und fand das gut. Erst mal nur das Wort und dann eben auch die Geschichte dazu. Es gibt sogar noch einen anderen Begriff dafür. Ich glaube Allemannsend. Aber Jedermannsend fand ich besser.
Jan: Ich finde es fast ein bisschen schade, dass wir dir das jetzt verraten haben. Wenn Leute diesen Begriff zum ersten Mal hören, vermuten sie vermutlich etwas völlig anderes dahinter. Wenn man das Wort dann in irgendeine Suchmaschine eingibt, kommt dieser Aha-Effekt und eine Ebene zustande, die ich sehr schön finde. Also wenn ich mir die Leute mit diesen Fragezeichen auf der Stirn so vorstelle.

Verzeiht mir meine mangelnde Seefahrer-Romantik als Franke, aber Dingen auf den Grund zu gehen ist meine Aufgabe als Journalist. Ein weiterer Titel, den ich interessant finde, ist „Otto muss fallen.“
Marten: Der Auslöser für „Otto muss fallen“ war, dass ich ein Bild von einer Demo gegen das Bismarck-Denkmal in Hamburg gesehen habe. Da hatte eine junge Frau ein Plakat in der Hand und einen sehr kämpferischen Gesichtsausdruck, den ich super fand. Auf dem Schild stand: „Otto must fall!“ Das war kurz, bündig und gut. Das hat für mich alles ausgesagt, was in Hamburg so falsch läuft. Wie mich das alles anpisst dort. In Berlin, wo ich wohne, ist es wahrscheinlich ähnlich.

„Den annern sin Uhl“ ist vermutlich Plattdeutsch. Was heißt das?
Tobert: „Den annern sin Uhl“ ist Teil eines plattdeutschen Sprichworts, das besagt, dass Leute unterschiedliche Sachen mögen. „Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall“, lautet das komplette Sprichwort. Was für den einen die Eule ist, ist für den anderen die Nachtigall. Ein Freund von uns hat Bilder für die Illustration der Platte zusammengetragen und auf einem stand das drauf. Das fanden wir gut. Das klingt auch schön.

Wer ist denn der Typ mit der Lederjacke auf dem Albumcover und warum habt ihr das Foto ausgesucht?
Tobert: Marten hat im Transporterraum in Berlin dieses Polaroid von Moses Schneider an der Wand entdeckt, fotografiert und uns geschickt. Dieser Schnappschuss hat mich vom ersten Moment an begeistert. Wir hatten noch andere Fotos zur Auswahl, aber am Ende haben wir dieses Motiv gewählt. Ich bin super happy über diese Entscheidung, weil es einfach in meinen Augen perfekt passt. Wir haben eine tolle Zeit mit Moses, wir machen ein großartiges Album und wir arbeiten schon zwanzig Jahre lang zusammen. Das steckt da irgendwie alles drin.
Jan: Im Hintergrund ist eine Bandmaschine zu sehen. Das Bild ist in den Hansa Studios in Berlin entstanden, wo er seine Ausbildung gemacht hat. Wir waren lange ratlos, was das Cover für das Album werden soll. Keiner hatte eine richtig gute Idee und Tobi hat dann gesagt: Lasst uns einfach abwarten. Uns läuft immer irgendwas über den Weg. Dann waren wir bei Moses im Studio und dort ist uns dieses Foto in die Hände gefallen. Wir haben während der Aufnahmen in Bremen auch festgestellt, dass wir Moses schon zwanzig Jahre lang kennen. Der Mann hatte riesigen Einfluss auf unsere Musik. Studioproduktionen, Live-Aufnahmen und die ganze Haltung, wie wir Songs aufnehmen. Gerade bei „Alter Zorn“ hat er uns fünf nach dieser schweren Zeit wieder zusammengeklebt. Zu mir hat er mal gesagt, er sei sich gar nicht sicher, ob diese Band überhaupt noch einmal ein Album aufnehmen wird. Auf einmal sind wir im Studio und haben was total Schönes aufgenommen. Mit Hilfe einer Vision von Moses. Also finde ich es passend, dass dieser Mensch, der so viel Einfluss hatte, auf einem Plattencover zu sehen ist. Es ist ihm ein bisschen unangenehm, aber ich glaube, insgeheim findet er es auch ganz gut.
Tobert: Als ich ihn um die Freigabe für das Foto gebeten habe, sagte er anfangs: Auf jeden Fall! Zu diesem Zeitpunkt hat er wohl nicht bedacht, dass dieses Foto viral gehen kann. Von diesem geilen Typen! Wir mussten uns nach der Pandemie und allem, was passiert ist, gewaltig am Riemen reißen, um in unsere Arbeitsroutine zu kommen. Es hat lange gedauert, dieses Album fertigzustellen. So eine lange Zeit zwischen zwei Alben hatten wir noch nie. Für mich macht das Foto auch deshalb viel Sinn. Die Zeit mit Moses zusammen im Studio war so überraschend und so schön – und hat sich absolut nach TURBOSTAAT angefühlt.
Warum funzt das so gut mit euch und Moses Schneider? „Alter Zorn“ ist schon euer sechstes Studioalbum mit ihm.
Marten: Ich sage immer: Weil wir keinen anderen kennen, haha. Aber das stimmt natürlich nicht. Moses ist bei uns immer gesetzt. Wir fragen uns nie: Mit wem wollen wir die neue Platte machen? Wir sagen eher: Wir haben sieben Lieder zusammen, ruf schon mal Moses an! Das hat etwas damit zu tun, dass wir von Anfang an eine Verbindung zu ihm gespürt haben. Sei es Humor oder Lebensauffassung. Als wir ihn getroffen haben, waren wir noch auf einem anderen Stand, was die Arbeitsweise betrifft. Da haben wir uns nicht zugetraut, unsere Songs quasi live einzuspielen. Und irgendwie auch nicht für richtig gehalten. Als wir ihn fragten, ob wir das nicht anders machen können, sagte er zu uns: Nö, ich arbeite nicht anders. Wir sind trotzdem bei ihm geblieben und haben das eben gelernt und gemerkt, dass es uns guttut.
Tobert: Wir haben diese gemeinschaftliche Art, Dinge anzugehen. Und im Studio gehört das Gefühl von Moses zur Band und zur Platte dazu. Das empfinden aber nur wir. Man darf außerdem nicht vergessen, dass Moses Schneider der beste Musikproduzent der Welt ist. Die Natürlichkeit, mit der man mit ihm arbeitet, ist einzigartig. Die flache Hierarchie im Studio sorgt dafür, dass man als Musiker keine Angst vor Fehlern hat. Wir haben schon so oft mit ihm gearbeitet, wir wissen inzwischen, wie es läuft. Er hat ein großes Talent, Leute zu motivieren, das zu erledigen, was erledigt werden muss. Dann spielt man sein Zeug und am Ende hört man das Ergebnis und ist völlig baff. Dabei hatte Moses alles schon vorher im Kopf. Ich kann mir diesen Prozess gar nicht anders vorstellen.

Am Trademark-Sound von TURBOSTAAT hat sich, wie ich finde, auch auf „Alter Zorn“ wenig geändert.
Marten: Wir sind ja nicht unzufrieden mit unseren Songs. Es ist ja nicht so, dass wir viel lieber HipHop machen würden und aus Gründen beim Punkrock gelandet sind. Wir machen genau das, was wir machen wollen. Aber natürlich gibt es Veränderungen im Sound, ich weiß nur nicht, ob die Hörer das auch wahrnehmen. Wir wechseln die Tonart oder den Rhythmus. Das sind schon Dinge, die passieren. Bei dieser Platte ging es darum, wieder eine gewisse Agilität in die Lieder hineinzubekommen. Das Wichtigste für uns ist tatsächlich das, was auf der Bühne passiert. Fünf Leute, die zusammen Musik machen. Aber natürlich gibt es immer ein kleines Fenster für Experimente auf jeder Platte. Die sind aber nicht so krass, dass man mit den Ohren schlackert.
Tobert: Ich würde Experimente auch nicht ausschließen. Wenn uns was gefällt, dann machen wir das auch. Es kann durchaus passieren, dass wir einen Song schreiben und dann irgendjemand sagt: Da muss jemand fünf Minuten lang Flügelhorn spielen. Wenn wir jemandem mit diesem Instrument kennen, machen wir das. Tatsächlich gibt es bei einigen Songs kleine Abenteuer, die wir als riesengroß empfinden. Weil wir genau wissen, was da passiert.
Marten: Auf dieser Platte sind auch Songs, die vor fünf Jahren so nicht möglich gewesen wären, weil wir das nicht spielen konnten. Die Harmonie im Titeltrack „Alter Zorn“ zum Beispiel ist anders, als wir es sonst gemacht hätten. Für uns ist das sofort ein anderes Gefühl. Das merkt man daran, wenn man bei der Probe die Fragezeichen in den Gesichtern sieht. Dann müssen sich das alle erst erarbeiten.
Jan: Ich habe zum Beispiel im Song „Alter Zorn“ auf einer Schraubenkiste herumgetrommelt. Auf einmal bin ich jetzt Instrumentalist, haha.

Wie steht ihr zu Vergleichen mit den Projekten von Jens Rachut? Nervt euch das?
Jan: Wir wurden schon oft mit Bands wie ANGESCHISSEN oder OMA HANS verglichen. Meine Stimme wird immer in Relation zu Jens Rachut gesetzt und vielleicht haben es einige auch nicht so nett gemeint, wie sie es gesagt haben. Aber das hat mich nie gestört. Meine prägendste Zeit, als ich mit Punk in Berührung gekommen bin, war die Zeit, in der ich DACKELBLUT und BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE für mich entdeckt habe und auch nichts anderes mehr hören wollte. Für mich war das der geilste Scheiß, der mir über den Weg gelaufen ist. Ich fand auch TOXOPLASMA gut, aber dann kam auf einmal Rachut mit seiner ganzen Art und ich war begeistert. Die BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE-LP ist für mich immer noch die beste Punk-Platte, die es gibt. Mich hat es nie gestört, wenn irgendjemand gesagt hat: Ihr klingt wie Rachut! Vielleicht kam das auch, weil wir auf dem Schiffen-Label gelandet sind, wo nur Rachut-Bands waren. Für mich war das immer völlig okay. Ich finde es super, dass wir in Interviews sagen können: Rachut ist der Hammer, hört euch mal seine ganzen Bands an. Wenn ein paar Jüngere sich den Scheiß daraufhin reinziehen, ist viel gewonnen.

Trifft der Roman „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni eigentlich euer Lebensgefühl in den Anfangstagen der Band?
Marten: Ich konnte mit dem Buch ziemlich viel anfangen. Als das herauskam, habe ich meine eigene Jugend wiedererkannt. Das beschreibt es alles schon ganz gut.
Jan: Ich habe nicht nur das Buch gelesen, sondern mir auch den Film angeschaut und konnte mich in vielen Situationen wiederfinden. Natürlich nicht in allen Szenen, weil viele ein bisschen überzeichnet sind. Aber das Dorfleben ist schon so. Marten und ich kommen aus einem Dorf, in dem damals etwa 2.000 Menschen gewohnt haben. Ich sehe uns immer noch in der Bushaltestelle sitzen, Bier trinken und Deutschpunk hören.

Angefangen hat alles im Kulturzentrum Speicher in Husum. Wie habt ihr euch damals gefunden? Kanntet ihr euch aus der Schule?
Marten: Husum ist eine kleine Stadt. Das heißt, wenn du irgendwas mit Punk oder linker Gegenkultur zu tun hast, kennst du schnell alle. Wir hatten uns schon vorher im Auge. Mit Jan habe ich in einer Band namens EXIL gespielt, die haben wir aber dann aufgelöst. Wir waren noch in anderen Bands unterwegs, außerdem habe ich mit Peter und Roland in einer WG gewohnt. Dann sind nach und nach alle Leute aus Husum weggezogen und ich war gelangweilt von meiner anderen Band. Die haben kaum geprobt, weil alle zum Studieren mussten. Dann haben wir einfach mit dem Rest der Leute, die noch da waren und richtig Bock hatten, eine Band gegründet. Das waren eben Jan, Peter, Rollo, und irgendwann Tobi. Die waren alle hochmotiviert, irgendwas auf die Beine zu stellen und aus der Stadt herauszukommen. Das war der Nukleus dieser Band, der bis heute geblieben ist. Wir wollten sofort spielen, wir haben nach drei Monaten unser erstes Konzert gegeben und dann ging es richtig los.

Offenbar war Husum ein fruchtbarer Boden für euch. Ihr hattet einen Proberaum, viel Zeit und Lust.
Marten: Wir hatten Glück, dass Peter im Speicher gearbeitet hat. Deshalb durften wir dort proben. Außer uns hat dort auch keiner geprobt. Das war kein Haus, in dem viele Bands unterwegs waren.
Jan: Peter war damals schon eine Weile als Busfahrer oder Tourbegleiter mit Hardcore-Bands unterwegs. Er hatte überall Kontakte und kannte geile Läden. Damals gab es noch kein Internet. Er hatte Telefonnummern, da hat er angerufen und einen Gig für uns klargemacht. Weil er dort schon mehrfach auf Tour mit anderen Bands Station gemacht hatte, kannte er die Betreiber und hat für uns gefragt. Deshalb war es für uns am Anfang sehr einfach, schon früh kleine Touren zu machen. Peter hatte schon ein richtiges Netzwerk, als wir mit TURBOSTAAT angefangen haben.

Irgendwann seid ihr alle in Flensburg gelandet. Wie ist das gelaufen?
Marten: In Husum ging irgendwann wirklich nicht mehr viel. Nach Flensburg sind die meisten Leute gezogen, weil es die nächste größere Stadt ist. Da gab es sogar ein besetztes Haus. Also sind wir nach und nach alle dahin gegangen. Einer nach dem anderen. In der ersten Zeit haben wir noch im Speicher in Husum geprobt, aber irgendwann ist Peter ins Volksbad nach Flensburg gewechselt, deshalb haben wir irgendwann dort auch geprobt. Das ist auch ein Kulturzentrum. Das war dann jahrelang unsere Homebase. Wir konnten dort proben und durften in dieses neue Internet gehen und Mails schreiben. Wir hatten dort unsere Postadresse und haben alle unsere Release-Partys dort gefeiert. Das war immer unser Laden. Und auch heute noch, wenn wir in Flensburg spielen, gehen wir ins Volksbad.
Jan: Für die Größe von Flensburg passiert da sehr viel. Es gibt dort einige Läden, in denen Leute aktiv sind. Das war schon geil und ein großer Unterschied zu Husum. Da gab es nur den Speicher und sonst nicht viel. In Flensburg ging einfach viel mehr.

Wo ist aktuell eure Homebase und wie funktioniert das Bandleben? Früher habt ihr euch einfach im Proberaum getroffen. Das ist aber nicht mehr so, oder?
Marten: Das ist überhaupt nicht mehr so. Wir haben alle unser eigenes Leben und wohnen in vier verschiedenen Städten. Jan und ich sind in Berlin, Tobi wohnt in Hamburg, Peter in Flensburg und Rollo in der Nähe von Flensburg auf dem Land. Wir müssen uns also immer verabreden. Das machen wir auch in einem gewissen Turnus. Wir proben alle zwei Wochen drei Tage lang. Da sind wir bei einem Kumpel auf dem Land in der Nähe von Schleswig. In einem umgebauten Schweinestall. Für mich ist in diesen Tagen auch nur TURBOSTAAT angesagt. Den Rest organisieren wir über Messages oder Zoom-Konferenzen. Wir müssen uns dafür richtig Zeit nehmen, weil jeder von uns Familie und andere Sachen am Start hat.

Seit „Uthlande“ gab es nicht nur die Pandemie, die euch zu schaffen gemacht hat, sondern auch ein ernsthaftes gesundheitliches Problem. Was ist passiert?
Jan: Es gab einen Herzinfarkt in der Band. Das kam völlig aus dem Nichts und hat viel ins Wanken gebracht, weil keiner von uns wusste, wie es weitergeht. Ob es überhaupt weitergeht. Das kam zu einer Zeit, in der wir gerade unsere ganzen Nachholkonzerte spielen wollten, die wir in der Pandemie verschoben hatten. In diesem Moment war alles so ungewiss, dass wir erst mal komplett alles absagen mussten. Wir haben keine Nachholtermine mehr gesucht, denn es ging erst mal darum, gesund zu werden. Es hat dann ein paar Monate gedauert, bis klar war, dass alles gut gegangen ist und wir Anfang des Jahres 2023 wieder Konzerte anpeilen konnten. Das war schon eine Zeit, in der bei jedem das Gefühl hochkam, dass es das vielleicht auch war mit TURBOSTAAT. Da hatte jeder seine eigenen Ängste. Aber die Reha funktionierte sehr gut, das ganze Umfeld war sehr liebevoll und rücksichtsvoll. So konnte man sehr schnell wieder Hoffnung schöpfen und das Ziel ausrufen, Anfang Januar wieder auf der Bühne zu stehen.
Wie war das in der Zeit, in der alles in der Schwebe war? Was ist da in euren Köpfen vorgegangen?
Marten: Wir haben uns alle Fragen gestellt. Geht es weiter mit der Band? Was mache ich stattdessen? Wenn wir weitermachen, wie soll das laufen? Das ist mir durch den Kopf gegangen. Gleichzeitig mussten wir uns auch konkret um Dinge kümmern. Als die ganzen Konzerte abgesagt wurden, mussten wir einige Dinge abwickeln, weil wir alles selbst organisiert hatten. Die Tickets aus dem Vorverkauf mussten zurückerstattet werden. Das war schon eine krasse Zeit. Das hat an vielem gerüttelt, man hat sehr viel infrage gestellt.
Tobert: Es war 1999 auch keine bewusste Entscheidung, eine Band zu gründen und auf Tour zu gehen. Wir haben alle in einer Band gespielt und alles hat sich so ergeben. Klar kam irgendwann der Punkt, an dem man geschnallt hat, wohin die Reise geht. Aber es war das Ergebnis einer organischen Entwicklung. Wenn es eine Sache gibt im Leben, die so natürlich gewachsen ist, dann ist die einfach existentiell. Wir haben uns nie aufgelöst, keiner hat die Band verlassen. Wenn es dann so einen Moment gibt, in dem alles infrage gestellt ist, zieht dir das schon die Beine weg. Wir sind alle über vierzig, teilweise über fünfzig und machen zum Teil Jobs, die mehr sind, als nur einmal in der Woche in der Kneipe stehen. Jobs, die viel Zeit in Anspruch nehmen, und gleichzeitig will man viel Zeit mit seiner Familie verbringen. Für mich fühlt sich der Rhythmus inzwischen wieder normal an, mit den Jubiläumskonzerten und den Album-Shows, die wir gerade spielen. Allen ist klar, dass die Band im Mittelpunkt steht.
Marten: Wir hätten auch sagen können: Okay, wir treffen uns hin und wieder und spielen fünf Konzerte im Jahr. Wir machen keine Platten mehr und spielen nur noch die ollen Kamellen für die Fans. Vor den Konzerten wird kurz geprobt und das war’s. Dann freuen sich ein paar Leute. Das hätten wir auch machen können. Haben wir aber nicht.

Macht ihr als Band jetzt etwas anders? Achtet ihr mehr auf euch und eure Gesundheit?
Marten: Das passiert bestimmt, aber wir setzen uns nicht zusammen und beschließen das ganz bewusst. Das entwickelt sich einfach so. Ganz natürlich.
Tobert: Das sehe ich nicht so. Ich hoffe, dass uns jemand in zehn Jahren diese Frage noch einmal stellt und wir sie dann genauso beantworten können. Ich finde nämlich, dass wir sehr schnell in alte Muster zurückgefallen sind. Eine neue Platte kommt raus und schon hängen alle an ihren Handys und müssen noch jede Menge Dinge erledigen. Hektik bricht aus und keiner denkt mehr daran, dass wir eigentlich langsam machen wollten. Das können wir gar nicht. Wir sind aber auch keine Voll-Halligallis. Wir gehen nicht jeden Tag in Fastfood-Restaurants und saufen auch nicht wie die Löcher. In der Band raucht niemand und alle machen Sport. Die zehn Tage auf Tour sind sicher nicht ausschlaggebend für den körperlichen Verfall, der zum Ende der Band führt. Aber ein bisschen mehr Awareness würde uns sicher sehr guttun.

Wie habt ihr das eigentlich geschafft, 25 Jahre in Originalbesetzung? Das ist schon eine Leistung, finde ich. Was ist der Leim, der euch zusammenhält?
Jan: Freundschaft. Kurz und bündig.
Marten: Ich kenne sonst niemanden, haha. Wir sind uns generell zugetan, das kann man schon sagen. Wir sind alle fünf auch Sturköpfe, die Dinge auch schnell mal ignorieren. Es kann schon sein, dass man sich fürchterlich über jemanden aufregt, und beim nächsten Treffen kommt derjenige rein, macht einen Witz und schon ist wieder alles vergessen. Das gehört auch dazu. Wahrscheinlich ist es so wie in allen Konstellationen, die lange halten. Eine Mischung aus sich mögen und ein dickes Fell haben. Bei TURBOSTAAT waren wir eigentlich schon immer Einzelgänger. Bei anderen Bands, mit denen wir auf Tour waren, saßen immer alle bis spät in die Nacht zusammen und haben gefeiert. Bei uns verteilt sich das nach den Konzerten schnell. Wir sind schon eine Gang, aber wir sind auch alle Individualisten.
Jan: Jeder hat auch sein eigenes Leben. Wir fahren auch nicht sieben Monate im Jahr im Tourbus durch die Gegend. Wir proben alle zwei Wochen, wir haben also schon viel Kontakt, aber privat sehen wir uns nicht so häufig. Wir haben unterschiedliche Leben und wohnen in verschiedenen Städten. Das hat sich alles so entwickelt und es fühlt sich gut an. Wir kennen uns jetzt seit 25 Jahren und wissen auch die Dinge zu bewerten, wenn es mal kracht. Wenn es schlechte Stimmung gibt, weiß man schon, woher es kommt und wohin es führen wird. Das muss man in dem Moment einfach aushalten. So werden Dinge auch schnell vergessen, weil wir uns schon so lange gut kennen. Im Grunde genommen ziehen wir alle an einem Strang.

Zwei Jahre nach dem Herzinfarkt kam der nächste Schicksalsschlag. Ende Juni 2024 ist euer langjähriger Freund und Merchmann Andree „Friese“ Böhle ist gestorben. Welche Bedeutung hatte Friese für TURBOSTAAT?
Marten: Für mich ist immer elementar, wie wir ihn kennengelernt haben. Wir haben damals ein Konzert in Bonn gespielt und hatten niemanden für den Merchstand dabei. Dann hat er spontan angeboten, das zu übernehmen. Wir kannten ihn nicht, er war zufällig als Gast beim Konzert. Das hat er sehr gut gemacht und sogar nach dem Konzert noch weitermacht. Das passte einfach gut und am nächsten Tag hat er bei seiner Arbeit angerufen, hat sich frei genommen und ist mit uns die nächsten Tage auf Tour gefahren. Das war 2004. Seitdem ist auch er nicht ausgestiegen. Es hat sich einfach so gefügt. Wie vieles bei uns. Wenn dieser Mensch plötzlich weg ist, der zwanzig Jahre lang dabei war, ist das natürlich ein harter Schlag für alle. Es fällt mir schwer, das in Worte zu fassen. Er war einfach ein enger Freund, Vertrauter und Gefährte. Der fehlt uns jetzt. Er war als Mann am Merch immer das Bindeglied zum Publikum. Der hat sich immer den Arsch aufgerissen für die Leute. Hatte immer die Bedürfnisse und Geschichten unserer Fans im Kopf. Er kannte auch die Namen von all diesen Menschen und hat uns das auch immer weitererzählt.
Jan: Er hat lange Zeit auch unseren Merch in Köln verkauft. Da konnten sich die Leute ihre Shirts selbst abholen. Da haben die Leute einen Kaffee bekommen und eine Weile mit ihm geschnackt. So war der einfach. Jeder konnte ihn anschreiben und spontan bei ihm zu Hause vorbeikommen. Wenn er vorher zufällig Kekse gebacken hatte, dann gab es auch Kekse.

Warum hieß er der „Friese“, wenn er in Köln gewohnt hat?
Jan: Der kam aus dem Emsland und ist irgendwann nach Köln gezogen. Ich weiß auch nicht mehr, wie der zu dem Namen Friese gekommen ist. Spitznamen passieren bei uns einfach so. Wenn wir Leute mögen, dann kriegen sie früher oder später auch einen Spitznamen. Der Friese war eben irgendwann der Friese. Der Friese aus Köln. Ein ganz wunderbarer Mensch, der sehr viel Herz in die Sache investiert und sich um unzählige Dinge gekümmert hat. Das war einfach ein guter Mann.

Kurz vor der Landtagswahl Anfang September habt ihr zusammen mit TEAM SCHEISSE eine kleine Tour mit vier Shows durch Thüringen und Sachsen gespielt. Was war der Hintergedanke?
Tobert: Die Idee war, mit zwei Bands in Läden zu fahren, bei denen der Fortbestand aufgrund der aktuellen politischen Situation akut gefährdet ist. Wo eine Veranstaltung wirklich konkret helfen kann. Bei uns im Westen sind solche Konzerte selbstverständlich, dort war es was Besonderes, was Wichtiges.
Marten: Die Termine hatten wir natürlich ganz bewusst direkt vor die Landtagswahlen gelegt. Um den Fokus auf das zu lenken, was das für Orte sind. Nämlich Orte für Humanismus und Gleichberechtigung. Das war die Grundidee dieser Tour. Dann sind wir dahingefahren und haben da einfach für die Leute gespielt.

Es war also nicht die Idee, Menschen kurz vor der Wahl noch zu erreichen oder sogar umzustimmen?
Jan: Ich glaube, wir sind alle realistisch genug, dass niemand in den Tourbus gestiegen ist in dem Glauben, das Wahlergebnis noch verändern zu können. Das war natürlich nicht so. Es war schön zu sehen, wie viel es den Leuten bedeutet hat, dass wir da gespielt haben. Dass sie das Gefühl bekommen, dass sie nicht vergessen werden. Außerdem haben wir an diesen Abenden Geld generiert, das wir den Läden gegeben haben. Wir wissen genau, was passieren wird, wenn die Wahl durch ist. Kulturgelder werden gestrichen, solche Läden kämpfen ums Überleben. So konnten wir denen ein bisschen finanziell unter die Arme greifen und zur Überbrückung des einen oder anderen Monats beitragen. Weder TEAM SCHEISSE noch wir hatten das Gefühl, dass wir Wessis den Menschen im Osten erklären müssen, wie die AfD nicht gewählt wird. Natürlich haben wir das nicht gemacht.
Tobert: Deshalb haben wir die Tour auch „PR Ost“ genannt. Es ging darum, den Menschen eine Freude zu machen und ein bisschen Kohle dort zu lassen. Wir hatten auf jeden Fall eine großartige Zeit an diesen vier Tagen. Das waren wunderbare Shows an tollen Orten. Die Leute haben sich richtig gefreut, dass wir kommen. Und für uns als Band untereinander war das auch riesig. Es hat sich richtig gut angefühlt, was eigentlich normal sein sollte als Band. An Orten zu spielen, an denen es eventuell schwierig werden könnte.
Jan: Abgesehen davon, dass wir was Schönes für die Leute in der Region geboten haben, kann ich auch sagen, dass es auch für mich wichtig war. In den Osten zu fahren und zu sehen, dass es diese gallischen Dörfer gibt, die sich nicht unterkriegen lassen. Hier sind Leute, die Bock darauf haben, dass es bunt bleibt. Dass es in jeder Stadt coole Menschen gibt, die etwas auf die Beine stellen können. Mit diesem Gefühl bin ich nach Hause gefahren. Ich persönlich habe keinen Nazi gesehen, sondern nur Leute, die sich den Arsch aufreißen.

Es gab also keine brenzligen Situationen bei zwei Punkbands unterwegs im Osten?
Marten: Wir sind nicht DIE TOTEN HOSEN. Ich denke, wir fliegen deutlich unter dem Radar dieser Leute. Ich glaube, das hat die nicht so interessiert.
Tobert: Das war die erste Tour, die wir mit einer „Seekuh“ gefahren sind. Zwei Bands in einem Nightliner. Wir sind auch keine Kampfzecken. Wir sind nicht aus dem Bus gesprungen und haben gleich einen Nazi in den Busch gezogen. Wir waren viele und hatten zwei sehr beeindruckende Leute dabei, die sich darum gekümmert haben, dass alles läuft. Die Leute in den Läden leben das jeden Tag und wissen ganz genau, wo ihre Pappenheimer stecken. Wir konnten einfach ungestört unser Ding machen. Ohne irgendwelche Übergriffe oder Einschränkungen.

Wie beurteilt ihr die Wahlerfolge der AfD? Was macht das mit euch?
Jan: Das ist natürlich beschissen. Man wusste ganz genau, was passieren wird. Für niemanden von uns war es eine Überraschung. Mir wurde trotzdem schlecht, als ich gesehen habe, wie die Zahlen tatsächlich aussehen. Wenn wir von einem Drittel AfD-Wähler sprechen, vergisst man aber auch schnell die zwei Drittel, die nicht AfD gewählt haben.
Marten: Der Rest hat CDU gewählt. Das finde ich auch nicht geiler. Nicht ganz so schlimm, aber auch nicht wirklich gut. Es herrscht einfach ein Scheißklima in diesem Land und die Leute sind total ätzend. In meiner Jugend in der Wendezeit war das genauso. Alle taumelten im nationalen Wahn. Da gab es auch eine heraufbeschworene Flüchtlingskrise, weil sie Schuldige für die Situation gesucht haben. Schon damals brannten Häuser. Schon damals wurde von schneller Abschiebung gefaselt. Das kommt alles wieder, wie damals. Ich sehe da keine Hoffnung.

In meinen Augen hat es eine andere Qualität mit einer rechten Partei, die so viele Stimmen bei Wahlen bekommt. Das ist viel schlimmer als damals.
Marten: Das stimmt, das ist ein großer Unterschied. Das ist neu und das kann auch langfristig richtig zum Problem werden. Aber dass die Leute beschissen sind, das war mir schon länger klar.
Tobert: Gewisse Dinge sind anders, andere Dinge sind gleichgeblieben. So etwas wie die AfD gab es damals nicht. Ich merke an mir selbst, dass sich in mir gerade ein unwohles Gefühl breitmacht. So eine Prozentzahl schafft eine andere Realität. Früher haben wir uns als Freunde immer darüber unterhalten, wie viele Spinner bei uns herumrennen. Jetzt hat sich das manifestiert und das haut schon übel rein. Das macht echt schlechte Laune.
Jan: Marten hat natürlich recht. Aber es fällt mir schwer, einfach nur zu sagen: Alles ist beschissen. Ich möchte auch die Leute sehen, die nicht so beschissen sind.

Wie ist denn die Perspektive, wenn es so weitergeht?
Marten: Ich habe ein sehr ungutes Gefühl und ich befürchte, dass die noch viel erfolgreicher werden. Im Moment denke ich, dass bei vielen Leuten einfach die Sicherung durchgebrannt ist. Vielleicht hat das zu tun mit der Art, wie heute Medien konsumiert werden. Aber gut, wir kommen aus dieser Gegenkultur. Wir begreifen uns trotz allem und immer noch als Teil dieser Gegenkultur. Also werden wir einfach weitermachen und für etwas anderes stehen. Wenn nicht jemand kommt und eine andere Idee hat, können wir gar nichts anderes tun. Wir können nur vertreten, wofür wir stehen. Wir denken anders und kommen zu den Orten, an denen Menschen anders denken. Wir bauen Alternativen auf und machen Sachen zusammen statt gegeneinander. Wir tolerieren verschiedene Meinungen. Wir können uns streiten und trotzdem einen guten Abend haben. Wir stehen für Menschlichkeit und die Erkenntnis, dass wir nicht fremdgesteuert und wehrlos sind. Viele Leute fühlen sich heute ohnmächtig. Das ist oft der Kern des Ganzen. Aber das stimmt einfach nicht. Das lernt man als junger Punk. Diese Selbstbestimmtheit. Ich kann einfach was machen. Dann fahre ich in die Schweiz, nach Österreich oder Finnland und treffe dort Leute, die genauso sind wie ich. Die vernetzen sich und machen Dinge zusammen. Sei es Essen für alle, Obdachlosenhilfe oder Drogenhilfe. Wenn Leute sich zusammentun, können gute Dinge entstehen. Dann können wir auch eine schöne Welt haben.
Tobert: Ich sehe diese Angst, ich habe die auch. Aber ich fürchte mich nicht. Ich habe nicht vor, den Kopf in den Sand zu stecken. In unserem Selbstverständnis ist vollkommen klar, dass wir das tun, was wir machen, und uns nie in einem Umfeld bewegen werden, in dem wir als alt gewordene Punks Germany plötzlich geil finden. Wir werden immer Teil dieser Gegenkultur sein und dieses Selbstverständnis wird auch bleiben. Wenn die Verhältnisse sich ändern und man sich anders verhalten muss, dann werden wir es lernen. Aufgeben ist keine Option für uns. Dass man in manchen Gegenden schon mal resignieren kann, ist völlig in Ordnung. Aber nächste Woche ist eine Veranstaltung, dann spielt eine Band. Das wird super. Da kommen ein paar Leute, nehmen ihre Hunde mit und fahren Skateboard. Wir trinken alle Bier, bestimmt ist sogar schönes Wetter. Und vielleicht entsteht eine gute Idee an dem Abend. So muss man denken.

Im Herbst 2024 habt ihr acht Album-Shows gespielt, bei denen ihr je eines eurer Alben komplett aufgeführt habt. Wie war das für euch?
Marten: Da waren jede Menge Songs dabei, die wir noch nicht oft live gespielt haben. Das mussten wir uns erst draufschaffen. Erst jeder für sich und dann im Kollektiv. Aber es hat funktioniert.
Tobert: Für diese Jubiläumssache haben wir lange nach einer Idee gesucht, die sich nicht wie Schützenfest anfühlt. Als es lief, haben wir schnell gemerkt, dass viele Leute von früher auftauchen. Die sind noch da und wir sind auch noch da. Es sind aber auch jede Menge junge Leute gekommen. Das war toll. Es hat sich als sehr gute Idee herausgestellt, den Leuten unsere alten Platten noch einmal vorzuspielen. Alle hatten voll Bock drauf und wir auch. Diese gute Laune hat einige Unzulänglichkeiten geschluckt. Man darf ganz uneitel sagen: So viele Schwierigkeiten, Konzerte zu spielen, hatten wir selten. Wegen all dieser Lieder, bei denen man nicht genau wusste, wie man sie spielt. Ich musste mir zum Teil Notizen zu den Tönen machen, weil ein Song so ähnlich war wie ein anderer. Das war einfach unheimlich viel im Kopf. Aber es hat großen Spaß gemacht, da zu stehen, herumzugurken und die Leute freuen sich trotzdem. Deswegen sind wir hier. Unser Plan war nicht, alle Songs wie auf Platte zu präsentieren, sondern eine Geburtstagsparty mit vielen Erinnerungen und alten Freunden zu schmeißen. Das hat sich sehr gut angefühlt.
Marten: Es war so, als ob wir genau das Jahr besucht hätten, in dem die Platte herausgekommen ist. Das hatte schon sehr viel mit unserer Biografie zu tun. Bei den Konzerten sind auch die Leute gekommen, die bei der jeweiligen Platte eine große Rolle gespielt haben. Leute, die uns in den Jahren begleitet haben, die darauf folgten. So sind wir mit jeder Platte und jeder Show in eine andere Phase unserer Band eingetaucht. Das fand ich spannend.
Jan: Für mich war speziell die Show in Bremen etwas ganz Besonderes. Da haben wir das erste Mal im Schlachthof gespielt. Das ist so ein Laden, in dem man umringt ist von Menschen. Da waren alle Leute von früher und wir wurden die ganze Zeit angebrüllt. Es war verrückt, weil niemand von uns damit gerechnet hat. Es gibt Konzerte, bei denen alle eine unterschiedliche Wahrnehmung haben, aber nach dem Konzert in Bremen haben alle gesagt, dass es unfassbar war. Das hat sich dann durchgezogen. Irgendwie war jeder Abend cool. Ich hatte ein bisschen Schiss vor der „Abalonia“-Platte, weil wir manche Lieder davon nie live gespielt haben, außer bei der Release-Party. Das fiel mir schwer, aber die weichen Knie, die ich hatte, waren unnötig. Irgendwie hat letztendlich alles funktioniert.

Aktuell ist euer Fokus voll auf TURBOSTAAT gerichtet. Neues Album und die Tour zum Album. Trotzdem die Frage: Was läuft gerade an Nebenprojekten?
Marten: Ich habe mit Thomas Götz von BEATSTEAKS die Band NINAMARIE. Außerdem spiele ich bei ES WAR MORD mit Tom Schwoll, dem früheren Gitarristen von JINGO DE LUNCH. Unser Schlagzeuger Peter ist nebenbei in einer Streetpunk-Band namens LOIT. Rollo spielt in einem Trio, das NOOR heißt, die finde ich auch sehr gut.
Tobert: Ich spiele noch in einer Band namens WAIT WAIT mit Helge Hasselberg, der bei TRÜMMER ist, sowie Pascal Finkenauer und Daniel Koch, der mit Deniz Jaspersen von HERRENMAGAZIN das Duo DER DON UND DANIEL gemacht hat. Ein kleines Projekt, das sich unfassbar selten zum Proben trifft. Das macht aber voll Spaß, wir finden es alle super.
Jan: Ich mache nichts, ich finde Musik auch echt scheiße, haha. Mir reicht TURBOSTAAT. Ich kann gut Tischtennis spielen. Ich würde meinen Tischtennisschläger nicht gegen eine Gitarre eintauschen.

Ihr feiert euer neues Album „Alter Zorn“ mit einer Show in der Hamburger Markthalle am 16. Januar, einen Tag vor dem offiziellen Release. Auf der anschließenden Tour bietet ihr Solidartickets für Menschen an, die nicht so viel Geld haben. Warum macht ihr das?
Marten: Um diese ganze Tour zu finanzieren, sind die Ticketpreise im Moment ziemlich hochgeschnellt. Dieser Preis hat ein Level erreicht, bei dem es sich nicht mehr jeder leisten kann, ein TURBOSTAAT-Konzert zu besuchen. Aber wir wollen trotzdem die Leute dabeihaben, die nicht genug Geld für den Eintritt haben. Deswegen können sie uns schreiben und dann bekommen sie ein vergünstigtes Ticket.
Jan: Das ist keine Idee von uns. Unsere Booking-Agentur macht das auch mit anderen Bands. Die haben auch gute Erfahrungswerte damit gesammelt. Da haben sich Leute ein schönes Konzept ausgedacht, das ich ganz fantastisch finde. Das ist großartig. In einer Zeit, in der sich Menschen genau überlegen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben, ist es auch dringend nötig. Vielleicht schaffen es so manche Leute doch auf unser Konzert, obwohl es der Geldbeutel eigentlich nicht hergibt. Ich fände es fürchterlich, wenn die Leute einfach nicht mehr kommen, weil die Produktionskosten so angestiegen sind, dass sich kein Mensch mehr ein Konzert leisten kann. Oder wenn wir Tickets so teuer anbieten müssen, dass wir uns selbst nicht mehr im Spiegel anschauen können. Das kann nicht der Weg sein.

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TURBOSTAATSBÜRGER:INNEN
Wie eine Band die Welt sieht, das erfährt man im Interview. Wie eine Band von anderen aus ihrem Umfeld gesehen wird, das findet man heraus, wenn man auch die zu Wort kommen lässt. Was wir getan haben.

Heike, der Friese und TURBOSTAAT

Meine TURBOSTAAT-Geschichte ist eher die TURBOSTAAT-Geschichte meines „kleinen“ Bruders, dem Friesen, der sich mit geliehener Unterhose 2003 als „Aushilfsmercher“ in den Tourbus setzte und dann einfach nicht mehr ausstieg. Die TURBOSTAAT-Bandfamilie hat seitdem sein Leben beeinflusst wie kaum jemand anderes und er war all die Jahre so glücklich und stolz, mit der Band unterwegs sein zu dürfen, zuletzt im Januar diesen Jahres. TURBOSTAAT habe ich das erste Mal 2015 beim Rock am Ring in Mendig live gesehen. BASTILLE auf der Volcano Stage waren mir zu langweilig, TURBOSTAAT dagegen haben mich echt beeindruckt und ich habe dem Friesen mehrere Fotos und Videos vom Auftritt geschickt. Die Ehre, dass mich der Friese dann mal zu einem TURBOSTAAT-Konzert mitgenommen hat, hatte ich aber leider nie. Er hatte vermutlich zu große Sorge, dass ich ihn mit meinem Fangirl-Gehabe vor seinen Jungs blamiere.
TURBOSTAAT waren während der schlimmen Zeit nach Andrees Tod auch für uns als Frieses Familie eine unglaubliche Stütze. Ihr Mitgefühl, ihre eigene tiefe Trauer, all ihre lieben Worte über Andree, ihre Friesenshirt-Aktion und natürlich auch jetzt ihre kraftvolle und gleichzeitig rührende neue Single und das Video zu „Jedermannsend“ haben uns unbeschreiblich gerührt und getröstet. Diese Jungs machen nicht nur großartige Musik, sie sind einfach auch verdammt liebe und nette Menschen! Frieses Geschichte mit TURBOSTAAT bleibt auf ewig unvergessen, endete aber mit „Am Ende einer Reise“ auf seiner Beerdigung. Aber ab nun beginnt ja vielleicht meine eigene TURBOSTAAT-Geschichte: Wir sehen sie nämlich zunächst im Dezember in Düsseldorf und dann noch einmal im Januar in HH. Und ich werde dabei immer Frieses Stimme im Ohr haben, der mein Fangirlgehabe zügelt und mir die gesamte Zeit zuzischen wird: „Reiß dich zusammen, das sind ganz normale Freunde von mir.“ Ich freue mich sehr drauf!

Gerri, HALLO KWITTEN, AALKREIH
Ich kenne TURBOSTAAT seit ihrer Gründung. Schließlich stammen wir alle aus der schönsten Einöde der Welt: Nordfriesland. Die Landschaft und die Menschen dieses Landstrichs haben uns nachhaltig geprägt – mit Deichen, Landwirtschaft, flachem Land und wechselhaftem Wetter. Es könnte schlimmer sein. Immerhin bringt diese Region immer wieder kreative Köpfe hervor, die sich der Kunst widmen, und manchmal gelingt es ihnen sogar, etwas wirklich Großartiges zu schaffen. Zu diesen Menschen gehören die Mitglieder von TURBOSTAAT.
Ich erinnere mich gut daran, wie die Band anfangs einfach Freude daran hatte, Punkmusik mit Freunden zu spielen. Das stand absolut im Mittelpunkt. Bereits beim ersten Konzert konnte man erahnen, welches Potenzial in ihnen steckt. An guten Tagen gelingt es TURBOSTAAT, einen ganzen Raum mit auf eine emotionale Reise zu nehmen. Sie schaffen eine eigenartig schöne Stimmung, der sich niemand entziehen kann – das habe ich mehrfach erlebt. Besonders unvergesslich war ein Abend anlässlich ihres zwanzigjährigen Jubiläums, als sie im Speicher Husum vier Konzerte gaben und ihre gesamte Diskografie spielten. Ich erinnere mich besonders an den letzten Tag dieses Festes. Vom ersten Ton an brannte die Hütte. TURBOSTAAT waren voll da, und der gesamte Speicher war mit ihnen verbunden. Es fällt mir schwer zu beschreiben, was diesen Abend so besonders machte, aber ich weiß noch, dass ich Hauke, dem Tontechniker, während des Konzerts mindestens zwei Nachrichten geschickt habe, um ihm für den besten Sound der Welt zu danken. Ich habe frenetisch gejubelt und laut mitgesungen – das passiert mir äußerst selten. Es war mehr als nur großartige Musik. Der Speicher Husum verwandelte sich in einen außergewöhnlich positiven Ort. Genau das schaffen TURBOSTAAT an ihren besten Tagen: Sie erschaffen einen Raum der positiven Gemeinschaft, ein kollektives Erlebnis. Wenn ich TURBOSTAAT eine Superkraft zuschreiben müsste, wäre es diese. Zum Glück halten sie es seit 25 Jahren miteinander aus. Das lässt hoffen.

Kevin Hamann, CLICKCLICKDECKER
1998 Husum. Die kleine, aber wichtige Szene um den Speicher, Lund Castle Records, EXIL, AKEPHAL etc. zerfasert sich zu der Zeit. Tobert Knoop und ich beziehen unsere erste WG und wenig später mieten wir ein ganzen Haus für 500 DM, in dem öfter mal Bands aus dem Speicher pennen. Irgendwann Anfang 1999 erzählt er von einer neuen Band, in die er gerade eingestiegen ist, und in unserem Wohnzimmer treffen sich immer häufiger Roland, Martin und er, um Platten zu hören, um sich danach auszutauschen, wohin die Reise gehen soll. Das Songwriting und die Stimme von EXIL, gepaart mit einem kraftvollen Gerümpel von Peter an den Trommeln und einer Wand an Bass und Rhythmusgitarre blies nicht nur mich damals weg beim ersten Konzert der Band Mitte 1999 im Speicher. Hinzu kam die Ästhetik, die TURBOSTAAT ausmacht. Ich weiß nicht, wie viele Konzerte ich von ihnen gesehen habe, aber auf dem letzten hatte ich mein erstes Date mit meiner jetzigen Frau und wir feierten gemeinsam und brüllten viele Lieder mit. Es gibt wenige Bands, die es schaffen, dass sich alle einig sind. TURBOSTAAT sind eine davon.

Sandra Rosskopf
TURBOSTAAT haben damals, weil schon „zu groß“ für die KTS, im Jazzhaus gespielt. Ein renommierter Laden in Freiburg, aber halt nicht so „cool“ damals wie die KTS. Wir waren alle da, aber irgendwie hat was gefehlt. Wie der liebe Musikgott es wollte, ist der nächste Gig in der Schweiz ausgefallen und TURBOSTAAT hatten einen Offday. Dann kam die geniale Idee auf, wir machen ein außerplanmäßiges Konzert in der KTS, natürlich nicht offiziell, sondern als TURBOSTAAT-Coverband angekündigt, da wir nur den kleinen Raum hatten, da passen achtzig oder noch weniger Leute rein, und nicht wollten, dass das überrannt wird. Eine Szene am diesem Abend ist unvergesslich: Der Eintritt hat höchstens 5 Euro gekostet und zwei sehr junge Fans, ausgestattet mit TURBOSTAAT-T-Shirts und nach eigener Aussage große, große Fans, wollten um den Preis feilschen. Peter, Tobi und Marten liefen derweil mehrmals vorbei, wohl unerkannt. Wir blieben hart, die auch und sie meinten, 5 Euro für eine TURBOSTAAT-Coverband sei echt zu viel, und sind wieder gegangen. Was soll ich sagen, das Konzert war der Hammer. Sie haben auch noch mal die ganz alten Sachen gespielt, sogar auf Wunsch. Der Schweiß ist von der Decke getropft und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, dass wir den jungen Fans nicht die Wahrheit gesagt haben. Aber manchmal ist man halt überheblich und denkt, ein Fan sollte seine Band erkennen, oder?

Tom Haller, Flight 13
Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, jedenfalls kam mein Freund Jürgen, der damals bei Flight 13 gearbeitet hat, aufgeregt zu mir und faselte was von toller neuer Band, die er unbedingt rausbringen wolle. Beim Hören des Namens war ich skeptisch: schon wieder was mit Turbo mitten in der Hochphase von TURBONEGRO, TURBO AC’S etc. Ich kann mich nicht genau erinnern, ob ich erst das Album gehört oder die Band live in der KTS Freiburg gesehen habe, jedenfalls fand ich beides ziemlich stark! Wie damals für KTS-Konzerte üblich war es rauh, wild und es floss jede Menge Bier, so wie es sich für eine ordentliche Punk-Show gehört. Jürgen kam am nächsten Tag zu spät zur Arbeit. Rob und ich legten uns im ersten Stock vom Mailorder mit einem Eimer Wasser auf die Lauer. Irgendwann bog Jürgen in den Hof ab und kam zum Eingang, genau in dem Moment kippten wir den Eimer aus. Der Spaß war groß und wir verkauften das Debüt sehr gut! Seitdem gucke ich mir regelmäßig TURBOSTAAT Shows an. Für mich eine der besten und außergewöhnlichsten deutschsprachigen Punkbands!

Renke Ehmcke, Zeitstrafe
Lookismus haben wir natürlich alle längst überwunden. Dennoch muss man einfach sagen: TURBOSTAAT sahen immer besser aus als wir. Ende der 1990er, Anfang der 2000er war mit Punk viel los in Schleswig-Holstein und wir kamen aus Neumünster. Eine harte, ungastliche und unansehnliche Stadt, nicht zu vergleichen mit den knuffigen Küstenorten wie Husum oder Flensburg, die unter anderem TURBOSTAAT und die hier einfach mal von mir erwähnten und damals wie heute verehrten ANGSTZUSTAND beheimateten. Ich sah TURBOSTAAT bereits vor ihrem ersten Album live, oft und überall da, was bis zu 100 km entfernt war, und sie waren der Shit. Sie trugen Cowboyhüte, sahen selbst damit fantastisch aus, und Hemden. Gute Frisuren und unpeinliche Tattoos. Die Musik war energiegeladen, norddeutsch und schlau. Wir waren etwas jünger als sie, hatten Hoodies von LAGWAGON (ich nicht) und Longsleeves von RYKER’S (ich) an. Mein Freund Malek und ich waren große NOBODYS-Fans, eine Band, die schon damals nie jemand hätte hören dürfen. Bitte hört sie euch nicht an.
TURBOSTAAT haben wir trotzdem gefühlt. Wenn man ihnen mal über den Weg lief, fühlte man sich direkt underdressed und minderwertig und überlegte, ob die Bundeswehr-Springerstiefel des Bruders und Straight-Edge-Cap (war niemand) noch klargingen und wo zur Hölle man überhaupt Hemden kaufen kann. Eine oberflächliche Projektion natürlich, die spätestens dann vergessen wurde, als man mal ein paar Worte wechselte und/oder sich auf Tour begegnete. Nett waren die auch noch und schienen sogar interessiert an dem, was man mit Punk aus Neumünster heraus versuchte. Ich hatte und habe immer wahnsinnigen Respekt vor dem Weitermachen, Familiensinn und Arbeitsethos der Band. Mindestens zwei Wörter des letzten Satzes sind so schlimm, wie der erste dieses kleinen Textes und wir alle haben auch mit ihnen selbstverständlich nichts zu tun. Ist doch rund. Ich könnte noch ganz viel über TURBOSTAAT schreiben. Aber jetzt hab ich Lust bekommen, sie zu hören, also Ciao.

Jürgen Schattner, Rookie Records, KICK JONESES
Es war der 19. Mai 2000, als ich TURBOSTAAT zum ersten Mal sah. Ich gestehe, ich musste in Beppos Archiv nachschauen, dort sind alle Konzerte von WALTER ELF, SPERMBIRDS und KICK JONESES notiert. Wir waren zu der Zeit noch regelmäßig mit KICK JONESES unterwegs, ich wohnte in Freiburg und hatte gerade bei Flight13 angefangen. Wie es kam, dass wir im AJZ Neumünster zusammen mit TURBOSTAAT spielten, kann ich nur vermuten. Theo oder Renke (Zeitstrafe) hatten sie wohl dazu eingeladen. Ob ich selbst das Konzert ausgemacht hatte oder Trümmer, weiß ich nicht mehr. Es waren auch einige Hamburger Freund:innen angereist, darunter Olaf Schiffen, den ich schon eine Weile kannte.
Den Namen der dritten Band habe ich vergessen, dann spielten TURBOSTAAT und ich war ziemlich beeindruckt. Ich kannte Peter aus Husum von Lund Castle Records, aber hatte ihn noch nie am Schlagzeug erlebt. Der Sound klingt wie heute in meinen Ohren: kraftvoll, schnell, rauh und mit ganz besonderem Gesang und tollen Texten. Wow, sofortige Verliebtheit! Das AJZ kochte beim TURBOSTAAT-Set. KICK JONESES konnten die durchgeschwitzten Leiber danach nur noch schwer zum Tanz bewegen. Ich hatte 1996 mein Label Rookie Records gestartet, war aber nicht wirklich auf der Suche nach neuen Bands. Aber hier wollte ich aktiv werden. Olaf stand schon bei Peter, die sich um einiges länger kannten. Es ging, natürlich, um das erste TURBOSTAAT-Album, das bald erscheinen sollte. Ich weiß nicht mehr, wer die Idee hatte, aber letztlich sollte es ein Schiffen/Rookie-Co-Release werden und alle waren glücklich damit. Der Rest ist Geschichte und bekannt, „Flamingo“ erschien 2001.

Theo, AJZ Neumünster
Wann auch immer ich Jürgen von Rookie Records treffe, sind TURBOSTAAT und deren Konzert im AJZ Neumünster ein Thema. Seine Begeisterung für die Band war und ist schon sehr besonders und führte dazu, dass er die erste TURBOSTAAT-LP veröffentlicht hat und ich nach jedem zufälligen Treffen mit ihm immer wieder zu meinen TURBOSTAAT-Platten greife. Irrtümlicherweise wird das besagte Konzert auch mir zugeschrieben. Tatsächlich haben aber meine geschätzten Freunde Matze und Renke das Konzert eingefädelt und KICK JONESES dazu eingeladen. Am Ende war es Matze, der dann TURBOSTAAT für die nächsten Jahre auf unsere Agenda brachte. Vor allem das „Flamingo“-Album war unser Soundtrack und lief auf unseren ständigen Konzert- und Hamburg-Trips rauf und runter.

Olaf Evers, Schiffen
Tja, lange her, Erinnerung war schon mal besser. Ich bin in Elmshorn nördlich von Hamburg aufgewachsen und seit Mitte der 1980er regelmäßig mit meiner Clique auf Punk-Konzerte überall in Schleswig-Holstein gefahren. Und da gehörten eben auch Läden wie der Speicher in Husum oder das Volksbad in Flensburg zu unseren regelmäßigen Anlaufstationen. Seit Anfang der 1990er habe ich selbst in Hamburg Konzerte, vor allem im Störte in der Hafenstraße, in der Fishcore-Gruppe mit organisiert. Wo wir auch viele der damaligen Bands aus S-H veranstalteten. Auch Peters Band ZACK AHOI! und, soweit ich mich erinnere, auch EXIL von Marten und Jan.
Als ich dann mit meinem Kollegen Kay das Schiffen-Label gründete, um das erste DACKELBLUT-Album rauszubringen, war schon klar, dass wir auch weitere Bands veröffentlichen wollten, die nicht aus dem Rachut-Kosmos kommen würden. Wie das dann konkret mit TURBOSTAAT und Schiffen und Rookie zustande kam? Da gibt es jetzt bei mir keine Tagebuchaufzeichnungen und die Erinnerung ist nicht mehr die beste.
Ich erinnere mich so halbwegs an das von Jürgen geschilderte Konzert im AJZ in Neumünster. Aber auch an die WG in Husum, wo wir öfter mal nach Konzerten im Speicher pennten. Und dann gab es später auch noch ein TURBOSTAAT-Konzert auf der MS Stubnitz, bei dem Kay und ich uns die Band ansahen und wo es schon konkret um die Zusammenarbeit ging. Und dazu war auch die Kombination mit Rookie als zweitem Label stimmig. Eben auch, weil Jürgen damals bei Flight 13 arbeitete und ich beim Indigo-Vertrieb. Da hatten wir die ideale Konstellation am Start, um „Flamingo“ rauszubringen. Nach „Flamingo“ und „Schwan“ kam dann ja noch die „Haubentaucherwelpen“-7“ bei Schiffen raus, quasi als Abschiedsgeschenk der Band. Damals war auch schon klar, dass wir Schiffen nicht mehr aktiv weiterbetreiben wollten, war also der perfekte Abgang für die Band. Es ging ja auch super weiter mit „Vormann Leiss“ und wir waren auch später immer wieder auf ihren Konzerten und Feiern dabei. Ich fahre jetzt gleich nach Abschluss dieses Textes hier nach Lübeck ins Treibsand, da spielen TURBOSTAAT heute die „Flamingo“-LP in Gänze. Ich freu mich!
P.S. Ach so, eine Frage, die immer mal wieder aufkommt, weil es ja vor allem in der Anfangszeit diese Vergleiche von Jans Gesang mit dem vom Jens Rachut gab. Diese Ähnlichkeit würde ich jetzt auch nicht abstreiten. Aber um das mal salopp zu sagen, wir haben TURBOSTAAT ganz bestimmt nicht auf Schiffen veröffentlicht, weil das so ähnlich klang. Sondern wenn überhaupt, obwohl die Ähnlichkeiten da waren. Schließlich waren sie in meinen Augen eben auch damals schon sehr eigenständig und natürlich auch live eine echte Bank.

Anke Schneider, Warner Music Central Europe
Nächtlicher Videodreh zu „Harm Rochel“ irgendwann 2007, eine Hamburger U-Bahn-Station. Ein kantiger Mann mittleren Alters Namens Dieter übernimmt die Hauptrolle und singt den Text, pöbelt die einzelnen Bandmitglieder an und schreit „Leb doch mehr wie deine Mutter. Leb bloß nicht wie ich.“
Wir lernen die Band zum ersten Mal richtig kennen und nach anfänglicher norddeutscher Zurückhaltung wird im Laufe des späten Abends klar – man hat eine gemeinsame Wellenlänge, die fünf jungen Herren aus dem Norden und die Menschen vom neuen Label. Weiter geht’s mit einer gemeinsamen „Butterfahrt“ in Flensburg und wir laden alte Weggefährten und Partner aus Medien und TV ein, einen Tag in Flensburg mit der Band in ihrer Heimat zu verbringen. Hat noch nie jemand gemacht in Flensburg, aber wir. Es folgen Konzerte, viele Konzerte, zahlreiche Interviews und Termine, Festivals, Ausflug zum Solikonzert nach Rendsburg und die ersten großen Festival-Shows bei Rock am Ring/Rock im Park und beim Hurricane/Southside. Man wächst zusammen, diskutiert viel, einigt sich und lässt 2010 gemeinsam das „Island Manöver“ zu Wasser. TURBOSTAAT, das sind nicht nur Jan, Marten, Peter, Roli und Tobert, das ist immer auch der unsterbliche Friese. Eine richtige Gang. Eine mit Haltung und Texten, die ihresgleichen suchen. Weil sie vertrackt und schlau sind und Fragen aufwerfen. Darüber hinaus erzeugt die Band musikalisch eine ihnen ganz eigene Stimmung, wie sonst niemand anders. Wer schon einmal im Herbst auf einer norddeutschen Hallig an der Warftkante saß und aufs Meer hinaus geschaut hat, ahnt, wovon ich spreche. Viel Herzblut für diese Band, damals und heute!

Jörkk Mechenbier, LOVE A
Kurz vor der Jahrtausendwende begab es sich, dass ich meinen Lebensmittelpunkt nach Düsseldorf verlegte, um im benachbarten Haan-Gruiten (zwischen Wuppertal und Düsseldorf gelegen) ein Praktikum beim Ox zu machen. Meine Connection in die Altbierstadt war damals mein Freund Nico (Moloko Plus Fanzine, boardsteinkante.de), der mir wiederum seine alten Buddys Dimi und Spiro von der Band FREEYOURSELF vorstellte, mit der Bitte, mir bei der Wohnungssuche zu helfen. So kam es, dass die beiden nun auch recht schnell zu guten Freunden wurden und wir viele gemeinsame Abende vor dem Plattenspieler verbrachten. Dimi, der zusammen mit Bruder Spiro und Cousin Milto das bandeigene Label Buenaventura Notes Betrieb, spielte mir eines Abends das Demotape einer potenziellen Labelband vor, von der er mir bereits einige Male vorgeschwärmt hatte. Er sprach von „der Zukunft des Deutschpunk“ und ahnte dabei sicher nicht, wie sehr er damit recht behalten sollte. Den Deal machten damals zwar Jürgen und Olaf von Rookie und Schiffen, da die beiden mit Flight 13 und Indigo im Rücken einfach breiter aufgestellt waren als die DIY-Herzbuben meiner Griechen-Connection, aber dennoch bleibt festzuhalten, dass ich es bis heute cool finde, sozusagen noch vor Tag 1 bereits Fan gewesen zu sein.
Eines der ersten Konzerte, die ich mit Alex Pascow zusammen im legendären AJZ Homburg veranstalten durfte, war dann mit TURBOSTAAT und DURANGO 95. Am Tag danach durfte ich auch gleich mein erstes Interview fürs Ox mit, logo, TURBOSTAAT machen. Das Ganze geschah im Beisein von Neu-Labelboss Olaf von Schiffen auf dem heutzutage ebenfalls legendären Heidehof in Gimbweiler (Home of PASCOW und Kidnap Music). Ein paar Jahre später schrieb mir dann Marten, dass er sich die erste LOVE A-Single gekauft habe und der Quatsch ihm tauge, woraufhin wir immer mal wieder gemeinsame Konzerte spielten und Abende als Bands miteinander verbrachten. Ja, auch dass man fortan irgendwie ein bisschen zusammengehörte.
Auch Humberto, Chris und den lieben Friese hätte ich ohne TURBOSTAAT niemals kennengelernt. Und auch wenn letztgenannter mir dieser Tage hart fehlt: Vielen Dank für viele Jahre tolles Gemensche, Gemeinsames und hey: die Musik natürlich!

Sebastian Henkelmann, HENQ, ex-ESCAPADO
Ein kalter Winterabend in der Fördestadt, Anfang 2005. Ich stapfe mit halbnassen Turnschuhen durch den grauweißen Schnee der Johannisstraße. Schon wenig später befinde ich mich in Martens kleiner, schummrig beleuchteter Musikkammer. Wir hatten uns ein paar Wochen vorher zufällig in einer Bar nähe der Hafenspitze kennengelernt und beschlossen, dass man sich ja auch mal privat treffen und ein bisschen über Musik plaudern könne. Natürlich wusste ich aber längst vor dieser Begegnung, wen ich da gerade kennenlerne. Ich besitze die „Onkel Feinkosts Super 8 Memories“-LP von Martens alter Band EXIL, verfolge nebenher sein Soloprojekt LATTEKOHLERTOR und TURBOSTAAT sind schon seit ein paar Jahren so was wie das musikalische Aushängeschild der Stadt: die grandiose Flensburger Punkband aus Husum (zu dem Zeitpunkt übrigens noch nicht „verdammt noch mal“, das kam erst 2007), die mit „Flamingo“ und „Schwan“ bereits zwei Neoklassiker des melancholischen Deutschpunk hervorgebracht hatte.
Marten teilt sich die Wohnung zu der Zeit mit Roland. Er holt uns etwas zu trinken und legt eine HOT SNAKES-Platte auf. Es ist „Suicide Invoice“. Organisch-dissonante Schrammelgitarren scheppern über einen treibenden Bass-Kick-Snare-Beat durch den Raum. Marten nickt breit grinsend mit den Kopf, seine Augen leuchten. Auch ich bin hin und weg! Am Ende des Songs tönt es „I hate the kids“ aus den Boxen. Wir studieren zu diesem Zeitpunkt beide Realschullehramt. Welch herrliche Ambivalenz.
Wir reden über die BEATSTEAKS und Martens neues Projekt NINAMARIE, das er gerade aus einer Kein-Bock-auf-Silvester-Laune heraus mit Thomas Götz begonnen hat. Ich erwähne zwischendurch beiläufig, dass ich mir das „Shadows Collide With People“-Album von John Frusciante zugelegt habe und mir auch diese Art von Musik gefällt. Bevor ich gehen will, drückt mir Marten plötzlich eine Platte von ATAXIA (damaliges musikalisches Projekt von Frusciante und Klinghoffer) in die Hand mit den Worten: „Hier, kannst du haben. Hab die von meinem Label bekommen. Ich kann damit nicht viel anfangen.“ Und so schlendere ich mit einer neuen Platte im Gepäck durch den Schneematsch zurück nach Hause. „The sides“ von ebenjener LP ist bis heute einer meiner Lieblingssongs.
Seitdem ist viel passiert. TURBOSTAAT aber waren immer eine Konstante. Ein Konstrukt, das nicht nur Jan und Marten und Roland und Peter und Tobert bis heute zusammenhält. TURBOSTAAT sind über die Jahre treue Weggefährten geworden. TURBOSTAAT vereinen – viele Menschen und in vielerlei Hinsicht. Wenn Jan am Ende eines Konzertes sagt: „Danke, dass wir das machen dürfen“, so sagen wir: „Danke, dass ihr das immer noch macht!“ Für euch, für uns, für Friese.

Jan, DUESENJAEGER
Ich weiß noch ziemlich genau, wann und wo ich TURBOSTAAT das erste Mal getroffen und gesehen habe. 2000 oder 2001 im JZ Oerlinghausen, ZEROID, DUESENJAEGER – die Band, in der ich nun seit knapp 25 Jahren aktiv sein darf – und eben TURBOSTAAT. Vieles an diesem Abend ist irgendwie verschwommen und mir nicht mehr so recht in Erinnerung, lange her. Dass TURBOSTAAT den Laden zerlegt und alles, was vorher auf der Bühne passiert war, mit einem Inferno aus Moll-Akkorden und purer Energie obsolet gemacht haben, das weiß ich allerdings noch sehr genau!
Am nächsten Morgen kam Jan Windmeier zu mir und fragte, ob wir Shirts dabei hätten. Wir hatten damals die ersten fünf oder acht Duesen-Shirts ever im Gepäck, der Aufdruck noch schön mit Transferfolie selber draufgebügelt. Und so hat an dem Morgen das erste Duesen-Shirt den Besitzer gewechselt, Jan war tatsächlich der Erste. Danke dafür.
In den folgenden 25 Jahren sind TURBOSTAAT die Band gewesen, die ich wohl am häufigsten in meinem bisherigen Leben gesehen habe, und mit keiner anderen Band haben wir bisher so oft die Bühne geteilt. Ob neun Zahlende in der Baracke in Münster, Schnapsgewitter im Kapu in Linz, die ausverkaufte Markthalle Hamburg – egal, es ist immer besonders. Vor, auf und abseits der Bühne. Auch dafür danke. Bleibt golden!

Herr Neumann, DUESENJAEGER
Ich kann mich noch daran erinnern, dass mein alter Mitbewohner Andi Theke (damals COLT SEAVERS, MISSING SHADOWS, ANATOL, später IDLE HANDS und natürlich auch mit Klick und mir als WIPERS-Coverband WIRES unterwegs) eines Sonntags vom Konzertspielen wiederkam und von einer Band namens TURBOSTAAT erzählte. Den Namen fand ich direkt doof, aber wie der es schilderte, war das offenbar eine ungewöhnlich gute Band, die alles richtig macht, auf die alle Anwesenden sich einigen konnten. Er war richtig beeindruckt. Und ich entsprechend neugierig.
Ich musste dann unbedingt zur „Flamingo“-Release-Party nach Husum, zusammen mit Nicolas Ruth (ANATOL) und Basti Bredtmann (meerwert.platten). In meiner Erinnerung waren wir am Freitag bei AMEN 81 in Münster und haben da irgendwie in und um die Baracke herum „übernachtet“ und am nächsten Tag ging es weiter mit dem Zug nach Husum. Vielleicht vermische ich da auch verschiedene Wochenenden, aber ich fürchte: nicht. Wir trugen Sakkos und es gab Sekt. Wir haben versucht, uns im Zug als Schaffner auszugeben, was natürlich nicht geklappt hat, und hatten generell ziemlich viel Mist in der Rübe zu der Zeit. Es muss 2001 gewesen sein, ich bin nicht mehr ganz sicher, wie das mit der LP-Veröffentlichung gelaufen ist. Wir hatten die Songs auf jeden Fall schon rauf und runter gehört, daher gehe ich davon aus, dass die schon gerade erschienen war. Ich war Riesenfan davon, genau meine Tasse Tee und habe die Platte exzessiv gehört. Auch die UNABOMBER-Sachen fand ich spitze oder PANKZERKROIZA POLPOTKIN (später SCHNELLER AUTOS ORGANISATION) oder EL MARIACHI. Oder LATTEKOHLERTOR.
Das ist alles schon so unfassbar lange her, es fühlt sich an wie „von damals“ schwadronieren. Ist es ja auch. Es hat auch nicht allzu lange gedauert, bis ich darüber nachgedacht habe, nach Flensburg zu ziehen, aber das ist eine andere Geschichte. Ich weiß noch, wie uns das Konzert unheimlich umgeblasen hat, diese elektrisierende Energie, wie die Deko mit den aufblasbaren Flamigos der Hit war, wie ich mir es nicht verkneifen konnte, „Sandra liebt ihn auch“ in Martens Mikro zu brüllen. Der war davon, glaube ich, nicht halb so begeistert wie ich, und wie wir am Ende Peter vollquatschen mussten, dass wir natürlich nicht mehr nach Hause kommen, so weit hatten wir ja, na klar, überhaupt nicht geplant, und nach einigem Hin und Her durften wir im Speicher-Büro übernachten. Wo die Fotokopien am nächsten Tag auf einmal hergekommen sind, weiß ich – ehrlich! – nicht mehr. Hier noch mal hochoffiziell: Entschuldigung, Peter! Dass TURBOSTAAT immer noch aktiv sind und wie die sich entwickelt haben, finde ich absolut bemerkenswert grandios. Ich freue mich total auf die neue Platte und möchte hiermit ebenfalls zum 25-Jährigen gratulieren! Hipp Hipp usw. usf. Glückwunsch und bis hoffentlich bald!

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