
Einen Albumtitel wie „Golden Years“ kann man in diesen Zeiten nur sarkastisch verstehen. Der Klimawandel wird immer bedrohlicher, in Europa tobt ein Krieg und Rechtspopulisten feiern einen Wahlsieg nach dem anderen. Wie kann man da von goldenen Jahren sprechen? Betrachtet man aber den Mikrokosmos von TOCOTRONIC, dann kann man „Golden Years“ allerdings schon für bare Münze nehmen. Seit ihrem fünften Studioalbum „K.O.O.K.“ (1999) landet die Band mit jedem Album in den Top Ten der Albumcharts. Und das inzwischen sogar wieder in Originalbesetzung. Seit dem Anfangstagen in Hamburg haben TOCOTRONIC ihren Erfolg Stück für Stück aufgebaut. Die Trainingsjacken-Jahre mit Songs wie „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ oder „Die Welt kann mich nicht mehr verstehen“ verbringen die Tocos noch beim Indielabel L’Age D’Or. Mit Bands wie BLUMFELD, DIE STERNE oder KOLOSSALE JUGEND gelten sie als Mitbegründer der Hamburger Schule. Mit ihrem achten Album „Kapitulation“ (2007) wechseln sie zum Majorlabel Vertigo Records und lassen den Underground hinter sich, zumindest was die Vertriebsstrukturen betrifft. Geblieben sind die nonkonformistische Attitüde und der Mut zur Konfrontation. Sie spielen Soli-Konzerte für die Rote Flora oder Wildwasser und legen den Finger weiter in die Wunde. Schon auf dem letzten Album „Nie wieder Krieg“ hat Sänger und Texter Dirk von Lowtzow klar Stellung gegen Rechtsextremismus bezogen. Das ist auf „Golden Years“ nicht anders. „Denn sie wissen, was sie tun“ richtet sich an Hass und Hetze in sozialen Medien. „Bye Bye Berlin“ greift die Kulturkürzungen in der Bundeshauptstadt auf. Es gibt aber auch sehr persönliche Texte über Liebe, Tod und die Finsternis dieser Tage. Musikalisch ist Album Nr. 14 der Tocos wieder sehr divers. Es gibt wütende Gitarrenrocker, aber auch fast schon von Altersmilde geprägte Songs, die sehr versöhnlich klingen. „Golden Years“ ist das vorerst letzte Album der Band mit dem zweiten Gitarristen Rick McPhail, der aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit aussteigen muss. Produziert hat das neue Album Moses Schneider, der die Band schon seit fast 20 Jahren im Studio betreut. Gemischt hat erstmals Max Rieger, Gitarrist und Sänger von DIE NERVEN. Das Instrumentarium von TOCOTRONIC hat sich im Laufe der Jahre massiv erweitert. Neben Gitarre, Bass und Schlagzeug kann man inzwischen auch Vibraphon oder Maultrommel hören. Für mehr Wärme und mehr Emotionen in den Songs. Trotzdem ist der schrammelige Trademark-Sound der frühen Tage immer noch da. TOCOTRONIC sind eben längst keine reine Indie-Gitarrenband mehr, sondern eine, die auch den Mut hat, neue Einflüsse in ihren Songs zuzulassen. Ohne Angst, damit Fans zu verprellen.
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