DER KANON DES GUTEN GESCHMACKS

Foto© by Helge Schreiber

1980’S CHICAGO PUNK

Ein Stück meines kleinen Punkrock-Herzens wird immer mit Chicago verbunden sein. Das liegt daran, dass ein Teil meiner Familie dort lebt, ich seit Mitte der 1980er Jahre jeden Sommer mehrere Wochen dort verbracht habe und letztendlich dort auch verlobt war und insgesamt anderthalb Jahre sogar dort lebte. Ich war in der glücklichen Situation, eine Menge richtig guter Konzerte in Chicago zu sehen, daher liegen mir die Bands aus dieser Stadt besonders am Herzen. Die folgende Auswahl ist wie üblich wieder rein subjektiv. Fun Fact: Meine erste persönliche Begegnung mit Joachim und Uschi vom Ox-Fanzine fand übrigens 1990 in Chicago im Haus meiner (Berliner) Tante Leni auf der 6336 W. Eastwood Avenue in der Nähe des O’Hare-Flughafens statt.

Die Mehrheit der Punk-Szene betrachtet NAKED RAYGUN als die wichtigste beziehungsweise bekannteste Punkband aus Chicago. Die Geschichte von NAKED RAYGUN hat viel mit einem der ersten Kult-Punk-Clubs von Chicago zu tun, dem O’Banion’s, das sich in der 661 North Clark Street/Ecke West Erie Street und damit ziemlich im Zentrum von Chicago befand und von 1978 bis Anfang 1982 der Haupttreffpunkt der jungen Punk-Szene war. Dort spielten Bands wie die DEAD KENNEDYS, HÜSKER DÜ, T.S.O.L., THE FIX, MINOR THREAT, NECROS, TOXIC REASONS oder YOUTH BRIGADE, und natürlich war es auch der richtige Ort für die ersten Shows von Bands aus Chicago wie EFFIGIES, STRIKE UNDER oder eben NAKED RAYGUN. In den Räumlichkeiten des O’Banion’s war in den 1950er Jahren ein berüchtigter Strip-Club und in den 1970ern ein Gay-Club. Daher traf man im O’Banion’s auch immer noch die Gay-Community von Chicago. Wenn die Gays am Abend in andere Lokale weiterzogen, spielte der Bartender des O’Banion’s „Sunday morning nightmare“ von SHAM 69, um den Gästen mitzuteilen, dass sich das Publikum nun von einer schwulen hin zu einer Punk-Klientel änderte. In den 1920er Jahren befand sich hier übrigens das Blumengeschäft Schofield’s, das dem irisch-stämmigen Gangster Dean O’Banion zur Geldwäsche diente, wo ihn aber sein Rivale Al Capone am 10. November 1924 erschießen ließ.

Aber zurück zu NAKED RAYGUN. Im Februar 1980 gründeten Marko Pezzati (bs) und Santiago Durango (gt) eine Band, nachdem sie sich im O’Banion’s kennengelernt hatten. Markos kleiner Bruder Jeff Pezzati übernahm die Rolle des Sängers. Damals sang Jeff noch in einer Coverband namens CONDOR und trug einen riesigen Afro-Haarschnitt. Als er in die Punk-Szene um das O’Banion’s herum kam, fielen die Haare jedoch der Schere zum Opfer und im Juni 1980 spielten sie ihr erstes Konzert, allerdings noch nicht unter dem Namen NAKED RAYGUN, sondern als NEGRO COMMANDO. Im August traten sie dann erstmals als NAKED RAYGUN im ebenfalls legendären Oz-Club auf. 1981 erschienen vier Songs von ihnen auf dem Sampler „Busted At Oz“, auf dem sich ausschließlich Live-Mitschnitte von Punkbands aus Chicago befanden. In den kommenden Jahren spielten NAKED RAYGUN sowohl in Chicago als auch in den anderen Metropolen der USA größere Shows und veröffentlichten im Zeitraum bis zur ersten Bandauflösung 1992 fünf LPs sowie zwei 12“s und drei 7“s. In Europa waren sie 1989 als auch 1990, aber nur mit einer überschaubaren Anzahl von Konzerten. Die ersten beiden LPs kamen noch auf Homestead Records raus, aber mit wachsender Popularität wechselten sie zum Major Caroline Records. Der bei Caroline arbeitende ehemalige MINOR THREAT-Gitarrist Lyle Preslar hatte für NAKED RAYGUN einen Vertrag über drei LPs eingetütet. Bereits 1987 traten NAKED RAYGUN in Chicago nur noch in großen Clubs auf mit Kapazitäten von 2.500 Besuchern. 1992 war es dann allerdings erst mal vorbei, wobei die Band damals nicht offiziell das Ende bekannt gab, sondern einfach aufhörte, Konzerte zu spielen. Am 5. November 2006 kam es im Rahmen des Riot Festivals in Chicago zu einer Reunion der Band. Es waren Menschen aus den ganzen USA als auch aus Europa gekommen, nur um NAKED RAYGUN wieder live spielen zu sehen. Seitdem zählen NAKED RAYGUN zu den „großen“ Punkbands in den USA und spielten auch wieder regelmäßig Konzerte. 2021 veröffentlichten NAKED RAYGUN die vielbeachtete LP „Over The Overlords“ auf dem Chicagoer Label Wax Trax. Leider ist Bassist Pierre Kezdy am 9. Oktober 2020 an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.

Die Wurzeln der EFFIGIES gehen bereits auf das Jahr 1978 zurück, als John Kezdy von der Universität in Wisconsin abging, nach Chicago kam und anfing, Gitarre zu lernen. Gemeinsam mit Steve Economou besuchte er Punk-Clubs wie das O’Banion’s und das Oz. Dessen Inhaber stellte ihnen Earl Letiecq vor, der gerade aus New York nach Chicago gezogen war und vorher bei WRECK’N CREW Gitarre gespielt hatte. Ihren Bassisten Paul Zamost trafen sie dann im Neo Club, ebenfalls ein beliebter Treffpunkt der Punks in Chicago. Da im Neo keine Konzerte stattfinden konnten, spielten DJs die ganze Bandbreite an Musik aus dem Punk- als auch Underground-Bereich. Am 8. November 1980 hatten EFFIGIES ihr erstes Konzert in Oz Club als Vorband von STRIKE UNDER. Innerhalb von wenigen Monaten erspielten sich die EFFIGIES einen guten Ruf in der nationalen Punkrock-Szene. Ihr Vinyl-Debüt feierten sie 1981 mit zwei Songs auf dem „Busted At Oz“-Sampler, so dass sie kurz darauf im Vorprogramm von BLACK FLAG in Chicago spielten konnten. Im Herbst 1981 erschien die „Haunted Town“-12“, die die EFFIGIES landesweit bekannt machte. Im November 1981 gingen sie auf eine Westcoast-Tour und damit waren sie die erste Punkband aus Chicago, die in den USA auf Tour ging. 1982 folgte die Veröffentlichung der absoluten Hit-Single „Body Bag/Security“, bevor der Ruhm der Band 1983 mit der „We’re Da Machine“-12“ zementiert wurde. Die Musik der EFFIGIES unterschied sie deutlich von vielen anderen US-Bands, die eher auf der Hardcore-Punk-Schiene unterwegs waren. Die EFFIGIES wiesen eher einen englischen Einfluss auf, es wurde also mehr Wert auf gute Rhythmen gelegt. In den Jahren nach 1984 wandte sich die Band mehr und mehr dem Post-Punk zu, veröffentlichte 1984 „For Ever Grounded“, 1985 „Fly On A Wire“ und 1986 „Ink“. Im Jahr darauf löste sich die Band das erste Mal auf, aber es folgten seither immer mal wieder einzelne Reunion-Konzerte. 2004 kam es zu einer offiziellen Reunion mit drei der vier Originalmitglieder, die 2007 mit der „Reside“-CD ihr erstes offizielles Album seit 20 Jahren veröffentlichten. Allerdings fielen die EFFIGIES 2010 wieder in einen Dornröschenschlaf. In der Corona-Zeit kamen sich die Bandmitglieder wieder näher und nahmen neue Songs auf. 2023 waren die Aufnahmen zu einer neuen LP fast abgeschlossen. Doch am 26. August 2023 erlag der Sänger John Kezdy seinen Verletzungen, die er sich beim Zusammenstoß mit einem Amazon-Lieferwagen zugezogen hatte, als er mit seinem Fahrrad zur Arbeit als Rechtsanwalt unterwegs war. Leider erlebte er die Veröffentlichung der „Burned“-LP (2024) nicht mehr, mit deren Songs die EFFIGIES wieder zu ihrem Sound von Anfang der 1980er Jahre zurückgekehrt waren. Die positiven Rückmeldungen von allen Seiten führten dazu, dass EFFIGIES sich dazu entschlossen weiterzumachen. So werden sie zum Beispiel im August 2025 auf dem Rebellion Festival in England spielen. Nach 40 Jahren werde ich dann endlich die Gelegenheit haben, EFFIGIES erneut live zu sehen.

ARTICLES OF FAITH waren ebenfalls eine der bedeutendsten Bands der Chicagoer Punk-Szene. Ursprünglich waren sie unter dem Namen DIRECT DRIVE gestartet, änderten den aber bald. Unter den Punkbands aus Chicago der frühen 1980er Jahre, waren AOF die erste echte Hardcore-Band und übernahmen eine wichtige Rolle beim Organisieren von Konzerten. Insbesondere waren sie für die vielen coolen Shows im Centro American Social Club (CASC) verantwortlich, die als All Ages-Shows konzipiert waren und so einem deutlich jüngeren Publikum die Chance gaben Punkshows zu besuchen. AOF mieteten den Club, buchten und veranstalteten die Konzerte. Auswärtige Bands brachten sie in ihrem Haus unter, das sie „Big Blue“ nannten. 1982 veröffentlichten sie ihre erste 7“ mit dem Titel „What We Want Is Free“, die ihnen in den ganzen USA viel Aufmerksamkeit einbrachte. Das führte dazu, dass ARTICLES OF FAITH Ende Oktober 1982 auf eine Tour gingen, die sie eigentlich nach Kanada, Texas und an die Westküste führen sollte. Leider mussten sie die Reise aufgrund eines defekten Vans und finanzieller Probleme mittendrin abbrechen und die Konzerte in Texas fanden nie statt. 1983 legten AOF ihre zweite 7“ „Wait“ nach, die sie an die Spitze der neuen US-Hardcore-Punk-Bewegung katapultierte. Hier nun ein kleiner Exkurs für Platten-Nerds: Ein Mitglied von ARTICLES OF FAITH arbeitete damals im legendären Wax Trax-Plattenladen und so wurde die 7“ zur Weihnachtszeit mit einem 3 cm breiten, roten Seidenband verkauft, auf dem „Seasonal Greetings from Articles of Faith“ stand. Davon gab es nur gut 30 Stück!
1984 lief es zunächst sehr gut für AOF, denn ihre Debüt-LP „Give Thanks“ fand enorm hohen Zuspruch in allen möglichen Ecken der Welt. Doch im Juli 1985 sollten AOF ihre vorerst letzte Show im Cubby Bear Club spielen, direkt gegenüber vom Baseballstadion der Chicago Cubs. Mein erster Familienbesuch im Sommer 1985 bescherte mir also die Möglichkeit, dieses letzte Konzert sehen zu dürfen. Der Grund für die Auflösung der Band war der Umzug ihres Sängers Vic Bondi von Chicago nach Massachusetts. Die bereits aufgenommene „In This Life“-LP erschien daher erst posthum im Jahr 1986. Die Band kam allerdings 1991 für eine Europatour wieder zusammen, die zur Veröffentlichung eines Live-Albums im Rahmen der „Your Choice Live Series“ auf dem gleichnamigen Label in Deutschland führte. Das Konzert am 10.03.1991 im AJZ Bielefeld war einfach nur großartig und ist allen Anwesenden bis heute als Highlight in Erinnerung geblieben. Im Jahr 2010 kamen ARTICLES OF FAITH für einige Shows in Chicago erneut zusammen, unter anderem spielten sie beim Riot Fest. Im selben Jahr veröffentlichten sie eine 12“ mit neuem Material. Eine kleine Anekdote am Rande: ARTICLES OF FAITH und EFFIGIES pflegten eine ausgeprägte gegenseitige Abneigung, da sich beide Bands in unterschiedlichen Punk-Szenen in Chicago bewegten. ARTICLES OF FAITH-Sänger und -Gitarrist Vic Bondi ist vermutlich eine der herausragendsten Persönlichkeiten in der amerikanischen Punk-Szene. Nach AOF spielte Bondi in Bands wie ALOY, JONES VERY, REPORT SUSPICIOUS ACTIVITY, DEAD ENDING und aktuell bei REDSHIFT. Außerdem meldet Vic Bondi bis heute zu vielen politischen und gesellschaftlichen Themen zu Wort und das hat in der amerikanischen Punk-Szene bis heute hohes Gewicht.

RIGHTS OF THE ACCUSED gründeten sich, nachdem die beiden Freunde Mike O’Connel (voc) und Anthony Illarde (dr) eine Suchanzeige im Plattenladen Wax Trax in Chicago aufgehängt hatten. So kamen Jay Yuenger (gt) und Perry zur Band, die sich kurz zuvor im O’Banion’s Club kennengelernt hatten. Aber mit Perry klappte es nicht, weil er ein „verfluchtes Muttersöhnchen“ war, wie die Band später behauptete. Erst nachdem eine Suchanzeige in einer Chicagoer Zeitung aufgegeben worden war, meldete sich Steve Stepe und wurde Bassist der Band. So entstand die erste „echte“ Version von RIGHTS OF THE ACCUSED. Zu diesem Zeitpunkt waren alle Mitglieder (außer Steve, der ein paar Jahre älter war) 14 bis 16 Jahre alt und gingen noch auf die Highschool. Sie spielten ihre erste Show am 23. Juli 1982 mit SIX FEET UNDER und DV8 im Cubby Bear Club. 1984 erschien in Eigenregie die erste 7“ der Band mit dem Titel „Innocence“, die sich ähnlich wie bei ARTICLES OF FAITH im Hardcore-Punk-Bereich bewegte. Steve Stepe verließ die Band 1984, da er aus Chicago wegzog, und wurde durch Tom Faulkner ersetzt, der zuvor bei NEGATIVE ELEMENT gesungen hatte, die Band, in der auch Steve Stepes Brüder Barry und Chopper spielten. Im Jahr 1985 stieß der ehemalige POLITICAL JUSTICE?-Gitarrist Wes Kidd zu RIGHTS OF THE ACCUSED. Das erste komplette Album „Dillinger’s Alley“ erschien 1987, produziert wurde es von BIG BLACK-Bassist Dave Riley. Auf dieser LP war bereits zu erkennen, dass sich RIGHTS OF THE ACCUSED musikalisch mehr in Richtung Hardrock/Heavy Metal entwickelten. Jay Yuenger verließ kurz darauf die Band. Die ehemaligen Roadies Brian St. Clair und Herb Rosen ersetzten Anthony Illarde beziehungsweise Tom Faulkner. Die zweite und letzte LP „Kick-Happy, Thrill-Hungry, Reckless & Willing“ wurde 1991 veröffentlicht. Kurz darauf lösten sich RIGHTS OF THE ACCUSED auf. Gitarrist Jay Yuenger spielte später bei WHITE ZOMBIE.

LIFE SENTENCE waren eine Hardcore-Band, die sich 1984 gründete und ziemlich erfolgreich war, aber schlussendlich recht unschön auflöste. LIFE SENTENCE spielten jede Menge Shows in Chicago, tourten in den USA und teilten die Bühne mit vielen großen Bands wie DEAD KENNEDYS, DECRY, GANG GREEN, RAW POWER, MDC, DIE KREUZEN, AOD, WILLFUL NEGLECT, oder RIISTETYT. Ich sah sie am 24.07.1988 in Elmhurst, Illinois, wo sie zusammen mit D.O.A. und S.N.F.U. spielten. Sie nahmen Anfang 1985 ein Demotape auf und etwa ein Jahr später 1986 veröffentlichten sie ihr erstes selbstbetiteltes Album – ihr Song „Punks for profit“ wurde zu einem Hit in der internationalen Punk-Szene. Diese LP eröffnete der Band die Möglichkeit, so gut wie überall in den USA Konzerte zu spielen. Auf der ersten LP sind übrigens zwei Sänger zu hören. Ursprünglich sang Ray Morris bei LIFE SENTENCE, allerdings ist seine Stimme auf der Debüt-LP nur in der Hälfte der Songs zu hören, da er während einer kurzen Tour in Arkansas gefeuert und aus dem Van geschmissen wurde. Deshalb konnte er die Aufnahmen mit der Band nicht beenden. Ray Morris wurde auf dem LP-Cover wegen des Streits namentlich nicht mal erwähnt. Nach der Veröffentlichung der Platte hörten die Probleme leider nicht auf. Die Band spaltete sich quasi in zwei Lager und beide Seiten verklagten sich gegenseitig wegen der weiteren Nutzung des Bandnamens. Ich erinnere mich gut an diesen skandalösen Streit und die gegenseitigen Anfeindungen auf den Leserbriefseiten des Maximum Rocknroll-Fanzines. Schließlich gewann Bandgründer und Gitarrist Eric Brockman das Gerichtsverfahren und brachte anschließend 1989 die zweite LP „No Experience Necessary“ und 1991 die 7“ „More Punks For Profit“ heraus, die beide aber nicht annähernd so gut waren wie die erste Platte. Live wurde Eric Brockman von einer ständig wechselnden Rhythmusgruppe unterstützt, bis Ende 1991 sein Drogenmissbrauch dazu führte, dass sich LIFE SENTENCE auflösten, was zu jahrelangen Spekulationen über das weitere Schicksal von Eric Brockman führte. 2008 tauchte er wieder auf und kündigte großspurig eine neue Version von LIFE SENTENCE an, die 2009 sogar ein paar wenige Konzerte in Chicago spielten, bevor sie sich wieder sang- und klanglos auflösten. Eric Brockman verstarb am 7. März 2016. Gitarrist Joe Losurdo gründete Anfang der 2000er Jahre zusammen mit Anthony Illarde von RIGHTS OF THE ACCUSED und Chopper Stepe von NEGATIVE ELEMENT beziehungsweise CAUSTIC DEFIANCE eine grandiose Hardcore-Band namens REGRESS. 2005 kamen sie auf Europatour und gaben am 16.03.2005 im AZ Mülheim ein Konzert, auf dem sie erst ein komplettes Set von REGRESS ablieferten und nach einer 20-minütigen Pause als LIFE SENTENCE wiederkamen und alle Songs von der ersten LP von 1985 spielten. A dream came true!

OUT OF ORDER wurden 1983 in dem Chicagoer Vorort Berwyn gegründet. Leadsänger Devon Brock hatte über eine Kleinanzeige nach einem Sänger gesucht und traf sich mit Gitarrist Rade Krklec, Bassist Mike Cwik und Schlagzeuger Joel Tomano. Kurz darauf spielten sie ihre erste Show im Centro American Social Club zusammen mit SAVAGE BELIEFS, ARTICLES OF FAITH und TOXIC REASONS. Ende 1983 nahmen OUT OF ORDER zwei Songs auf für den „Middle Of America“-Sampler (ausschließlich mit Chicago-Bands wie NAKED RAYGUN, ROTA, EFFIGIES, NADSAT REBEL, SAVAGE und BIG BLACK), der 1984 erschien. Kurz darauf wurde der Schlagzeuger Joel Tomano durch Matt Fusello ersetzt und später noch der Bassist Mike Cwik durch Jim Owens. Im Jahr 1985 veröffentlichten OUT OF ORDER ihre einzige LP „Paradise Lost“. Einige Zeit danach verließ der neue Bassist Jim Owens die Band wieder. Das führte dazu, dass der ursprüngliche Bassist Mike Cwik zurückgerufen wurde, um vorübergehend einzuspringen. Was aber auch nicht reichte, denn Alan Luckett sprang für kurze Zeit ebenfalls am Bass ein. Erst eine Kleinanzeige führte dazu, dass sie ihren endgültigen Bassisten Mark Khedroo fanden. 1989 lösten sich OUT OF ORDER leider auf, wobei der Grund laut Sänger Devon Brock „der kombinierte Effekt der Drehtürpolitik für Bassisten als auch eines Mangels an Orientierung und Geschäftssinn“ war. 1998 veröffentlichte Victory Records die „Paradise Lost“-LP noch mal zusammen mit raren Aufnahmen und Live-Tracks auf einer CD mit dem Titel „Survival Of The Fittest“. Ebenfalls im Jahr 1998 reformierten sich OUT OF ORDER für einen Abend und spielten eine All-Ages-Show im großen Cabaret Metro Club.

BHOPAL STIFFS waren eine Hardcore-Punk-Band, die von 1985 bis 1989 existierte. Der Bandname geht zurück auf eine Umweltkatastrophe, die sich am 3. Dezember 1984 im indischen Bhopal ereignete. Es war der bisher schlimmste Chemieunfall der Geschichte, an dessen unmittelbaren Folgen tausende Menschen starben. Die indische Chemiefabrik UCIL war zu 51% im Besitz des US-Chemiekonzerns Union Carbide, daher wollte die Band mit ihrem Namen „Bhopal-Leichen“ ein klares politisches Zeichen setzen. Eine Zeit lang probten BHOPAL STIFFS an fünf Tagen die Woche, traten aber nie auf. Schließlich spielten sie ihre erste Show im legendären Exit Club. Übrigens mein Lieblingsclub in Chicago, wo ich gerne jedes Wochenende abhing, wenn ich dort war. Die Mitglieder von BHOPAL STIFFS waren im Exit Club Stammgäste und mit Teilen des Personals befreundet. Nach einer Weile wurden die BHOPAL STIFFS zu einer Art Hausband des Exit Clubs, spielten regelmäßig und sprangen auch bei Bedarf spontan ein. Joe Patelco, der Manager des Clubs, bot ihnen an, die Produktion der 7“ zu übernehmen und finanzierte sie schließlich. Die Band ging 1987 mit Iain Burgess in das Studio der Chicago Recording Company, um ein Demo mit zehn Songs aufzunehmen, von denen zwei auf ihrer selbstbetitelten 7“ landeten. Doch interne Spannungen und Streitereien spitzten sich 1988 zu, so dass Gitarrist und Co-Songwriter Vince Marine aus der Band geworfen und durch Ron Lowe ersetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt gingen die BHOPAL STIFFS zurück ins CRC Studio zu Iain Burgess, um die „EPA EP“-12“ aufzunehmen. Nachdem Vince die Band verlassen hatte, ließ das Engagement für die Band rapide nach, sie existierte noch eine Weile auf Sparflamme und löste sich letztendlich 1989 auf. Larry, Steve und Dave begannen mit John Haggerty zu jammen, der kurz zuvor NAKED RAYGUN verlassen hatte, und nahmen an einigen Proben der BHOPAL STIFFS teil. Als sich die Sache mit den BHOPAL STIFFS in Luft auflöste, wurde die früheste Inkarnation von PEGBOY gegründet. Nur für B.S.-Drummer Dave Schleitwiler sollte es nicht weitergehen, da John Haggerty lieber mit seinem Bruder Joe zusammenspielen wollte, der nun der Schlagzeuger von PEGBPOY wurde. Zwei Songs der BHOPAL STIFFS aus der Zeit kurz vor dem Ende der Band, die noch beim gemeinsamen Jammen mit John Haggerty entstanden waren, wurden zu offiziellen PEGBOY-Songs und „My youth“ erschien 1990 auf ihrer 12“ „Three-Chord Monte“.

NO EMPATHY wurden Ende 1983 von Sänger Marc Ruvolo und Bassist Iggy Recinos gegründet. Die beiden hatten vorher bei der kurzlebigen Band GNP (GROSS NATIONAL PRODUCT) kennengelernt und beschlossen bald darauf, eine eigene Band zu gründen. Kurze Zeit später kamen Craig White an der Gitarre und Chris Russell am Schlagzeug hinzu. Ihr erster Auftritt war am 13. Juli 1984 in einem YMCA-Club in der Innenstadt von Chicago. Bassist Recinos verließ die Band nach drei Auftritten und wurde durch Tom Costanzo ersetzt. Sänger Marc Ruvolo war das einzige konstante Mitglied während der 13-jährigen Bandgeschichte, aber das Line-up Marc Ruvolo, Martin Geraghty, Chuck Uchida, Steve Gallup und Kurt Stephens gilt als die „klassische“ NO EMPATHY-Besetzung, die den größten Teil ihrer Platten im Studio aufnahm und sieben Jahre lang bestand. In diesem Zeitraum teilten NO EMPATHY die Bühne mit vielen Punk-Legenden wie 7 SECONDS, FEAR, STIFF LITTLE FINGERS, BAD BRAINS, NOFX und FUGAZI, und tourten zahlreiche Male durch die USA. Marc Ruvolo gründete auch Johann’s Face Records, um die Platten von NO EMPATHY zu veröffentlichen, begann aber bald darauf, auch Platten von anderen Bands wie THE SMOKING POPES, ALKALINE TRIO, APOCALYPSE HOBOKEN und vielen anderen rauszubringen. Das Label existiert bis heute und nähert sich der 100. Veröffentlichung. NO EMPATHY spielten am 4. April 2009 zum Anlass des damaligen 20-jährigen Bestehens von Johann’s Face Records, wo zwischen 1993 und 1997 drei-LPs und zwei 7“s von NO EMPATHY erschienen waren, eine einmalige Reunion-Show. NO EMPATHY mögen in Europa keinen großen Bekanntheitsgrad besitzen, aber in Chicago und den USA waren sie mit ihren insgesamt fünf LPs als auch fünf 7“s dafür umso bekannter.

LOST CAUSE, manchmal auch CHICAGO’S LOST CAUSE genannt, um sich von der gleichnamigen kalifornischen Band zu unterscheiden, waren im Zeitraum von 1986 bis 1989 in Chicago eine ziemlich bekannte Punk- und Hardcore-Größe, die von Frontmann Joe Kelly geleitet wurde. LOST CAUSE eröffneten oft für einige der größeren nationalen Punkbands, typischerweise im großen Metro-Club und wurden dadurch in Chicago ziemlich bekannt. 1986 sah ich LOST CAUSE live im Exit Club und war total begeistert. Sie klangen in meinen Ohren stark nach AGNOSTIC FRONT, wobei ihr Song „Where is Babylon?“ für mich absolut Kult ist. Nach der ersten selbstbetitelten LP 1987 verließen allerdings sämtliche Mitglieder außer Joe Kelly LOST CAUSE und gründeten MOSH. Joe kehrte mit einer neuen Besetzung zurück, um 1989 die Platte „Chicks Go Wild“ aufzunehmen, die mit ihrer Mischung aus Punk, Metal und Rap rückblickend betrachtet ihrer Zeit möglicherweise ein paar Jahre voraus war. Bei ihrer Veröffentlichung 1989 scheint sie jedoch den Ruf der Band restlos ruiniert zu haben, da LOST CAUSE sich noch im selben Jahr auflösten.

IMPULSE MANSLAUGHTER waren von 1984 bis 1993 aktiv. Der Sound der Band lässt sich am besten als eine Mischung aus Crust Punk und Metal beschreiben. Sänger Karl Patton war das einzige konstante Mitglied, wobei Bassist Vince Vogel 1988 dazukam und bis zum Ende blieb. Ihr erster Drummer Glen Herman war ein guter Freund von mir und wir verbrachten einige Zeit zusammen in Chicago. Damals konnte ich den Kontakt zu Markus Staiger vom deutschen Label Nuclear Blast Records herstellen, so dass Staiger die Band auf einer USA-Reise treffen konnte. Daraufhin wurden IMPULSE MANSLAUGHTER zu einer der ersten Bands, die auf Nuclear Blast veröffentlichten. 1987 erschien die „He Who Laughs Last ... Laughs Alone“ LP, die in den USA in Kooperation mit Underdog erschien. Im Jahr 1988 veröffentlichten IMPULSE MANSLAUGTER ihre zweite LP mit dem Titel „Logical End“, die in Europa wieder auf Nuclear Blast Records erschien und in den USA auf Walkthrufyre. Während der Aufnahmen zu „Logical End“ verließ Mike Hanley die Band, dem kurze Zeit später Sänger Karl Patton folgte. Als neuer Gitarrist kam John Tolczyk dazu und als Sänger Guy Aitchinson. Er war übrigens auch einer der wichtigsten Tätowierer der USA in den 1980er und 1990er Jahren, da er als Erster Tattoos im Stile von HR Giger stach. Ich trage heute noch stolz seine Arbeit auf dem rechten Innenarm! Da sich ihr Sound durch die Besetzungswechsel stark verändert hatte, entschied sich die Band, ihren Namen in VERMICIOUS KNIDS (Bösartige Maden) zu ändern. Doch kurze Zeit später wechselten sie wieder zu IMPULSE MANSLAUGHTER und auch Sänger Karl Patton kehrte zur Band zurück. Von den VERMICIOUS KNIDS und IMPULSE MANSLAUGTHER findet man übrigens jeweils einen Song auf dem 1989er Doppel-LP-Sampler „The Pleasures Of Life“ von Nuclear Blast. Es gibt noch eine Limited Version dieses Kult-Samplers mit einer dritten LP, auf der auch vier (!) Songs meiner Band FILTHY FEW zu hören sind. 1988 gab es eine Tour durch Deutschland zusammen mit den ROSTOK VAMPIRES. Da Nuclear Blast Ende der 1980er Jahre noch unerfahren in der Planung von Touren war, endete das Ganze in einem Desaster, da die Auftritte schlecht vorbereitet waren oder ganz ausfallen mussten. Dies führte dazu, dass erneut Mitglieder die Band verließen. Zuerst brach Mike Hanley die Tour ab, wenige Wochen später folgten Glen Herman und Sänger Karl Patton. Jedoch bedeutete dies nicht das Ende der Band. Als neuer Schlagzeuger stieg Daniel Duchaine ein, als neuer Gitarrist Rob Lanam. Nachdem die Band fast zwei Jahre nichts von sich hören ließ, nahm sie im Jahr 1991 die 7“-EP „Sometimes“ auf, die auf dem Nuclear Blast-Sublabel Mind Control Records veröffentlicht wurde. Nach einer Tour durch die USA, sowie einigen Auftritten in Kanada, löste sich die Band 1993 endgültig auf, nachdem Schlagzeuger Daniel Duchaine und Bassist Vince Vogel die Band wieder verlassen hatten. Drummer Daniel Duchaine betreibt seit langem den Rushmor Record Shop in Milwaukee, Wisconsin und spielte zuletzt bei BURNING SONS, die zwischen 2010 und 2012 eine LP und zwei 7“ auf dem legendären kalifornischen Label Mystic Records veröffentlichten.

NEGATIVE ELEMENT waren eine junge Punkband aus Willow Springs, einem Vorort im Südwesten von Chicago, und bekannt für ihre ziemlich energiegeladene Live-Performance. Rückgrat der 1980 gegründeten Band waren die Brüder Chopper und Barry Stepe, die beide Gitarre spielten. Ergänzt wurde sie noch durch Tom Faulkner (später RIGHTS OF THE ACCUSED) am Mikro und Keith Lyons an den Drums. Am bekanntesten sind sicher ihre Songs „Anti-Pac Man“ und „What ever happened to Elmer Fudd“ von ihrer 1983 erschienenen 8-Track-7“ „Yes, We Have No Bananas“ auf Version Sound Records (die auch die 7“s von DIE KREUZEN und ARTICLES OF FAITH veröffentlichten). Der erste Auftritt von NEGATIVE ELEMENT war am 15. August 1982 im Exit Club zusammen mit MDC und RIGHTS OF THE ACCUSED. Die Band löste sich 1984 schon wieder auf, nachdem die beiden Stepe-Brüder nach Peoria gezogen waren. Am 24. November 2007 spielten NEGATIVE ELEMENT ihr erstes Konzert nach über 20 Jahren im Rahmen der Premiere der Musikdoku „You Weren’t There“. Nur Drummer Keith Lyons war zu dem Zeitpunkt in Deutschland und konnte nicht dabei sein. 2016 veröffentlichten Alona’s Dream Records die „Yes, We Have No Bananas“-EP zusammen mit dem bis dahin unveröffentlichten „Old Testament“-Demotape auf einem Album mit dem Titel „Shouts Of Rebellion 1982-1983“.

Die 1990er Jahre brachten ebenfalls eine Menge guter Bands aus Chicago, wie PEGBOY, ALKALINE TRIO, BOLLWEEVILS, 88 FINGERS LOUIE, LOS CRUDOS, BIG BLACK oder DEFOLIANTS. Das ist aber sicherlich einen weiteren „Kanon“ wert. Ausdrücklich keine Erwähnung finden hier übrigens SCREECHING WEASEL, die sich 1986 gründeten und sicherlich einige Relevanz besitzen. Allerdings hatte ich mit dem arroganten Sänger eine unschöne Auseinandersetzung. Also fick dich, Ben Weasel!

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