DER KANON DES GUTEN GESCHMACKS

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Bostoner Hardcore-Punk der 1980er Jahre

Anfang der 1980er Jahre lag das Augenmerk bei amerikanischem Punkrock vorrangig auf Metropolen wie Los Angeles, San Francisco, Chicago oder New York, daher war es schon ein ziemlicher Knaller, als 1982 „This Is Boston Not L.A.“ erschien, ein LP-Sampler mit ausschließlich Bostoner Bands. Zudem war die Musik absolut untypisch, denn dort wurde vorrangig knallharter und schneller Hardcore-Punk gespielt, wie etwa von JERRY’S KIDS, GANG GREEN, THE F.U.’S und THE FREEZE. Die ausgeprägte DIY-Mentalität und der daraus resultierende Gemeinschaftssinn waren ein weiteres wichtiges Merkmal der Bostoner Szene. Sie bot für viele junge Menschen einen Raum für Rebellion, Kreativität und Zugehörigkeit, was zur Entstehung und weltweiten Verbreitung des typischen Bostoner Straight-Edge-Hardcore-Punk beitrug.

SS DECONTROL

... waren eine Hardcore-Band aus Boston, Massachusetts, die sich im Jahr 1981 gründete. Die Abkürzung SS steht für SOCIETY SYSTEM. Namensgebend war laut der Band das Lied „Decontrol“ von DISCHARGE. Schlagzeuger Chris Foley, Bassist James Sciarappa und Gitarrist Al Barile hatten sich bei einem Konzert in einem Bostoner Club kennen gelernt. Danach trafen sie sich in der Garage von Sciarappa, fingen dort an zu proben und gründeten SSD. Sie vertraten einen Wertekanon, der an den der Washingtoner Straight-Edge-Band MINOR THREAT angelehnt war. Dazu gehörte, dass Drogen jeder Art abgelehnt wurden, dass es keine Barriere zwischen Band und Publikum bei Konzerten geben sollte, außerdem wurden jüngere Punks durch alkoholfreie Nachmittagskonzerte, sogenannte „Matinees“, mehr einbezogen. Es wurde zudem ein starker Zusammenhalt innerhalb der Szene propagiert und im Sinne des Do-It-Yourself-Gedankens organisierte man Konzerte und Plattenveröffentlichungen in Eigenregie, anstatt mit der Musikindustrie zu kooperieren.
Was die Bands aus Boston und Washington, D.C. einte, war die Ablehnung von allem, was aus New York kam. Gitarrist/Songwriter Alan Barile war die treibende Kraft hinter SSD, wie auch hinter der frühen Bostoner Hardcore-Punk-Szene allgemein, wobei Al oft Konzerte in Boston veranstaltete und sein eigenes Label Xclaim! Records betrieb. Kurz nach ihrer Gründung begab sich die Band mit dem Sänger David „Springa“ Spring ins Studio für die ersten Demotracks, die als „How Much Art“ veröffentlicht wurden. Im Jahr 1982 erschien die Debüt-LP „The Kids Will Have Their Say“ auf XClaim!, wobei Dischord Records den Vertrieb übernahm. Der Veröffentlichung folgten erstmals Auftritte außerhalb Bostons, darunter ein Konzert in Washington, D.C. zusammen mit VOID, BLACK MARKET BABY, IRON CROSS und ARTIFICIAL PEACE. Danach kam es zu Auftritten im New Yorker Club A7, wo SSD unter anderem mit den BAD BRAINS spielten. Im Jahr 1983 wurde die 12“-EP „Get It Away“ ebenfalls auf XClaim! Records veröffentlicht, danach stieß Francois Levesque als zweiter Gitarrist zur Band.
1984 wechselten SSD zu Modern Method Records, obwohl Gitarrist Al Barile das Label zwei Jahre zuvor noch als „Szenefremdkörper“ bezeichnet hatte. Die Band benutzte daraufhin nur noch das Kürzel „SSD“ und veröffentlichte im selben Jahr das Album „How We Rock“, wobei eine deutliche Entfernung vom Hardcore-Punk hin zum Hardrock erkennbar wurde. Diese Abkehr von den frühen schnellen Songs wurde von vielen Leuten aus der Punk-Szene sehr kritisch betrachtet und führte zu einem wachsenden Desinteresse an der Band. Nach einem Wechsel zu Homestead Records folgte im November 1985 das letzte Album „Break It Up“, das aus heutiger Sicht immer noch unhörbar ist. Innerhalb der SSD-Historie hat diese Platte den gleichen katastrophalen Nimbus wie „Grave New World“ für DISCHARGE. Nach einem Auftritt im April 1985 zusammen mit JERRY’S KIDS verkündeten SSD ihre Auflösung und erklärten die Hardcore-Szene für tot. „Am Arsch hängt der Hammer!“, so möchte ich das aus heutiger Sicht kommentieren. Was für ein überhebliches Getue von SSD! Nach der Trennung der Band verscherbelte Al Barile sein komplettes Equipment, um sich von dem Geld einen Jetski zu kaufen.
1992, sieben Jahre nach ihrer Auflösung, erschien die SSD-Diskografie „Power“ auf Taang! Records, die die Studioaufnahmen (19 Songs) und 10 unveröffentlichte Tracks enthielt. Nach dem Ende von SSD spielte Bassist James Sciarappa eine Zeit lang bei SLAPSHOT (1990 auf „Sudden Death Overtime“). Sänger Springa zog nach Chicago und sang kurzzeitig bei RAZOR CANE als auch bei THE HEDONISTS, die es immerhin auf zwei 7“-Veröffentlichungen brachten. Er absolvierte zudem ein Studium der Theaterwissenschaften. Die beiden Gitarristen Al Barile und Francois Levesque gründeten 1993 die Alternative-Rock-Band GAGE, die bis 1998 drei Studioalben auf CD veröffentlichten.
2008 überraschte die Ankündigung, dass SSD auf einem Festival in Europa auftreten würden. Die SSD-Version, die für den Auftritt vorgesehen war, war ein angedachtes Konstrukt des Sängers Springa, der mit neuen Musikern seiner Wahl auftreten wollte. Auf der zu dieser Zeit maßgeblichen Internetplattform MySpace prangerte Al Barile auf seinem SSD-Profil diese Wiedervereinigung als null und nichtig an und erklärte, dass SSD und Xclaim! alle Verbindungen zu Springa abgebrochen hätten. Infolgedessen spielten SSD 2008 nicht auf dem Festival in Europa.
Seit der Einführung von Facebook etablierten sich Al Barile und seine Ehefrau Nancy als ein äußerst witziges und sehr charmantes Duo, das sich gegenseitig auf die Schippe nahm, aber immer auch klar Stellung bezog gegenüber Rassismus und später auch Donald Trump. Zudem forcierte Barile die Wiederveröffentlichung der ersten SSD-LP als auch der 12“-EP in den Jahren 2023/24, die in vielen verschiedenen Vinylfarben angeboten wurden. In seinem Webshop verkaufte Al zudem jede Menge SSD-Merch. Seine Ehefrau Nancy veröffentlichte 2021 ihr Buch „I’m Not Holding Your Coat“ über ihre Erlebnisse in der Punk-Szene als Konzertveranstalterin in Philadelphia in den frühen 1980er Jahren, wo sie Bands wie MINOR THREAT, BAD BRAINS, DEAD KENNEDYS oder BLACK FLAG kennenlernte. Oral History at it’s best! Al Barile starb am 6. April 2025 im Alter von 63 Jahren an den Folgen seiner Darmkrebserkrankung.

THE F.U.’S
... gründeten sich im Sommer 1981, nachdem Sänger und Bassist John „Sox“ Stocking und Schlagzeuger Robert „Bob Furapples“ Hatfield eine Zeitungsannonce geschaltet hatten, durch die sie Gitarrist Steve Grimes trafen. Der Bandname steht natürlich für „Fuck You“ und geht laut Sox auf ein Interview mit der PLASMATICS-Sängerin Wendy O. Williams zurück, in dem sie erklärte, dass sie Punkrock als eine Art „Fuck You“ gegenüber der Gesellschaft versteht. Im Dezember 1981 gab Sox das gleichzeitige Singen und Bassspielen auf und konzentrierte sich ausschließlich auf den Gesang. Das Line-up wurde um den Bassisten Wayne Maestri ergänzt. 1982 steuerten THE F.U.’S vier Songs zum legendären „This Is Boston Not L.A.“-Sampler bei. Im selben Jahr erschien die Debüt-EP „Kill For Christ“ auf Xclaim! Records, dem Label von Al Barile von SSD. Das Coverartwork gestaltete Brian „Pushead“ Schroeder.
Die nachfolgenden Veröffentlichungen „My America“ (1983) und „Do We Really Want To Hurt You?“ (1984) wurden von Lou Giordano produziert. Insbesondere „My America“ fiel durch für die Punk-Szene ungewöhnliche politische Statements auf: die Band sprach sich darauf wie auch in mehreren Interviews für Patriotismus aus. Unter anderem enthielt die 12“ eine Coverversion des Songs „We’re an American Band“ von GRAND FUNK RAILROAD. „My America“ sei „eine Art in Ironie getränktes Konzeptalbum“, so die Band, allerdings wurde diese Einstellung zur LP von der Mehrheit der Hardcore-Szene als zu reaktionär abgelehnt, was zu einer regelrechten Ächtung der Band führte.
So gerieten THE F.U.’S in Konflikt mit Tim Yohannan, dem Gründer und Herausgeber des kalifornischen Fanzines Maximum Rocknroll, der die patriotischen Texte und Grafiken auf „My America“ als Sinnbilder des rechten Nationalismus empfand. Schlagzeuger und Songwriter Bob Furapples stellte fest, dass sich die Kritik im MRR negativ auf die Plattenverkäufe der Band ausgewirkt hatte, insbesondere in Europa. Die satirische Punkband THE DEAD MILKMEN machte sich über THE F.U.’S lustig, indem sie auf diesen Umstand später in ihrem aus der Sicht eines Rednecks formulierten Songs „Tiny town“ auf ihrer 1985er „Big Lizard In My Backyard“-LP anspielten, wo es hieß: „We hate blacks, and we hate jews, and we hate punks, but we love THE F.U.’S“. Erst 2010 relativierte Sänger Sox die damalige Selbstdarstellung der Band in einem Interview. Er sagte, die Band habe sich immer klar von rassistischen Ansichten abgegrenzt, und ergänzte, dass er mit dem Schreiben von „My America“ eine Reaktion provozieren wollte. Sox weiter: „Auf unserer ersten Tour begegnete ich vielen jungen Kids, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten. Viele von ihnen hatten sich harten Drogen zugewandt. Ich suchte damals nach einer aufrüttelnden Möglichkeit zu sagen: ‚Ja, Amerika hat seine Probleme, aber sich selbst zu zerstören hilft nicht.‘ Es musste eine starke Wirkung haben, denn ich sah, dass sich eine Krise abzeichnete.“
Nach der Veröffentlichung des dritten THE F.U.’S-Albums begann die Band, in ihren neuen Songs eine eher rockigere Ausrichtung zu bevorzugen. Sie spielten nunmehr „Punk“, allerdings ohne zugleich die Bezeichnung „Hardcore“ zu verwenden. Diese wurde weiter vorangetrieben, als die Band 1986 ihren Namen in STRAW DOGS änderte und der Gitarrist Steve Martin und der Drummer Chris „Bones“ Jones neu zur Band hinzustießen. STRAW DOGS veröffentlichten 1986 eine selbstbetitelte LP als auch „We Are Not Amused“, beide auf Restless Records. Tragischerweise starb Schlagzeuger Jones bei einem Autounfall am Tag nach der Veröffentlichung der Debüt-LP und wurde durch Erik Komst ersetzt. Das dritte Album „Your Own Worst Nightmare“ erschien auf Lone Wolf Records aus Toronto, Kanada. Europäische Neuveröffentlichungen erschienen auf dem Hannoveraner Label Lost And Found, von denen einige von der Band autorisiert wurden, wie die 1991er „Under The Hammer“-LP.
Im August 2010 reformierten sich THE F.U.’S für ein Konzert in Boston im Rahmen der Premiere eines Dokumentationsfilms über die Bostoner Hardcore-Szene. Seitdem gibt die Band regelmäßig Konzerte. Von der Originalbesetzung waren zunächst nur noch Sänger Sox und Drummer Hatfield dabei. Für die großartige 2022 veröffentlichte 12“-EP „Death Squad Nostalgia“ kehrte Gitarrist Steve Grimes zurück zur Band. Zudem kamen THE F.U.’S 2023 für eine UK-Tour erstmalig nach Europa. Sänger Sox agiert wortreich in den sozialen Medien bezüglich seiner Ablehnung und seinem Kampf gegen Donald Trump und die Republikaner.

GANG GREEN
... gründeten sich 1982 und bestanden aus Drummer Mike Dean, Bassist Bill Manley und Sänger/Gitarrist Chris Doherty, der zu diesem Zeitpunkt erst 15 Jahre alt war und heute das einzig verbliebenes Gründungsmitglied ist. GANG GREEN setzten sich mit ihrem Image als Skateboard fahrende und massiv Alkohol trinkende Band deutlich von den anderen Bands aus Boston ab und passten nicht wirklich in das stellenweise militante Straight-Edge-Umfeld, das hauptsächlich von Bands wie SSD dominiert wurde. Bereits wenige Monate nach der Bandgründung und einigen Live-Konzerten erhielten GANG GREEN das Angebot, sich am „This Is Boston, Not L.A.“-Sampler zu beteiligen. Trotz ihrer noch geringen Erfahrung wurden in kürzester Zeit sieben Songs aufgenommen, die heute als Paradebeispiele für den frühen Bostoner Hardcore gelten. In der Dreier-Besetzung nahmen sie auch ihre erste 3-Song-EP „Sold Out“ auf, zugleich die allererste Veröffentlichung auf dem neu gegründeten Label Taang! Records. Diese 7“ gilt heute als einer der Klassiker des frühen amerikanischen Hardcore-Punk. 1984 lösten sich GANG GREEN zum ersten Mal auf. Sänger Chris Doherty schloss sich zunächst JERRY’S KIDS an und wechselte später zu STRANGLEHOLD. Außerdem spielte er noch bei der Ska-Band THE CHEAPSKATES, die ein Vorläufer von THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES waren.
Ende 1984 reformierte Chris Doherty GANG GREEN, wobei er nun von Brian Betzger, dem Schlagzeuger von JERRY’S KIDS, als auch den Stilphen-Brüdern Chuck an der Gitarre und Glen am Bass begleitet wurde. Es folgten bald die Aufnahmen zu der „Another Wasted Night“-LP, die 1986 erschien und GANG GREEN nicht nur landesweit in den USA, sondern auch in Europa bekannt machte. Zu diesem Zeitpunkt erstand ich mit Begeisterung diese LP im Plattenladen Wax Trax in Chicago, was mir in den Folgejahren den Ruf eines GANG GREEN-Fanboys einbrachte. Chuck und Glen Stilphen verließen allerdings GANG GREEN wieder und gründeten ihre eigene Band MALLET-HEAD.
Die zweite GANG GREEN-Reunion erfolgte 1987 mit neuer Besetzung, wobei Fritz Erickson an der Gitarre und Joe Gittleman am Bass neu hinzukamen. Das Comeback-Album „You Got It“ erschien 1987 auf dem großen holländischen Label Roadrunner Records und war ein großer Erfolg. 1989 erschien die „Older ... Budweiser“-LP auf Emergo Records, einem Sublabel vom Roadrunner, auf dem diejenigen Bands veröffentlicht wurden, die nicht klar der Metal-Szene zuzuordnen waren. Ende der 1980er Jahre waren GANG GREEN maßgeblich am Erfolg der sogenannten Crossover-Welle beteiligt, zusammen mit D.R.I., CORROSION OF CONFORMITY oder SUICIDAL TENDENCIES. Bassist Joe Gittlemen wechselte bald darauf zu THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES und wurde durch den D.R.I.-Bassisten Josh Pappe ersetzt. Nach einer letzten Abschiedstour im November/Dezember 1991 lösten sich GANG GREEN wieder auf. Chris Doherty und Brian Betzger gründeten KLOVER, die 1995 bei Mercury das Album „Feel Lucky Punk“ rausbrachten.
Im Jahr 1996 wurden GANG GREEN abermals reformiert, wobei Chris Doherty erneut auf die beiden Stilphen-Brüder Chuck und Glen setzte und die Band um Drummer Walter Gustafson ergänzte. In dieser Besetzung nahmen sie 23 Songs auf, die 1997 als „Another Case Of Brewtality“ auf CD veröffentlicht wurden, erst 2021 erschien dieses Album bei Taang! Records auch auf Vinyl. Im Jahr 2000 zog Chris Doherty nach Cincinnati, Ohio, so dass es in den Folgejahren eher ruhig um die Band wurde und es keine Auftritte gab.
2009 reformierte Chris Doherty GANG GREEN erneut, dieses Mal mit Musikern aus Cincinnati, namentlich Chris Donnelly an der Gitarre und den Brüdern Bryant – Dusty am Bass und Troy am Schlagzeug. Dieses Vergnügen dauerte allerdings auch nur ein Jahr, bevor es mit GANG GREEN wieder vorbei war. 2011 erschien noch einmal mit „I Fear“ auf Taang! Records eine 2-Song-7“. Auch wenn seitdem kein weiteres neues Material mehr kam, war der Status der Band als „aktiv“ markiert.
Am 31. Oktober 2018 erlitt Chris Doherty einen schweren Schlaganfall, der sowohl sein Herz als auch sein Gehirn in Mitleidenschaft zog, was zu einer schweren linksseitigen Lähmung führte. Seither absolvierte Chris Doherty ständige Physiotherapie- und Rehabilitationsmaßnahmen. 2023 begann er wieder einzelne Konzerte mit GANG GREEN zu spielen. Vom 21. Juli bis 30. Juli tourten sie an der Ostküste der USA, gefolgt von einer Europatour im August 2023. Wobei sich die Frage stellte, ob es wirklich notwendig war, dass Chris Doherty sich das antat, denn er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Das gesamte Erscheinungsbild löste Spekulationen darüber aus, ob dies nicht die letzte Tour von GANG GREEN war.

JERRY’S KIDS
... gründeten sich 1981 in Braintree, MA und zählen ebenfalls zur ersten Generation der Bostoner Hardcore-Bands. Sie bestanden aus den Brüdern Bryan (voc) und Rick Jones (bs), Dave Aronson (gt), Bob Cenci (lead gt) und Brian Betzger (dr). Der Bandname war indirekt durch die Muscular Dystrophy Association (MDA) inspiriert, einer US-amerikanischen Organisation, die sich im Kampf gegen die Muskeldystrophie engagierte. Auch der weltberühmte Komiker Jerry Lewis unterstützte die von der MDA betreuten Patienten, woraufhin diese als „Jerry’s Kids“ bezeichnet wurden.
JERRY’S KIDS spielten zunächst größtenteils auf Matinee-Konzerten, da die meisten Konzertbesucher in der noch jungen Hardcore-Szene minderjährig und darauf angewiesen waren, nachmittags stattfindende Shows ohne Alkoholausschank zu besuchen. Die Bostoner Hardcore-Szene der frühen 1980er wurde durch Skinhead-Look und den Straight-Edge-Gedanken dominiert. JERRY’S KIDS schlossen sich dem nicht an, sondern behielten ihren Style bei und tranken Alkohol. Gitarrist Bob Cenci gibt als wichtigste Einflüsse Bands wie BLACK FLAG, G.B.H und DISCHARGE an. 1982 waren JERRY’S KIDS mit sechs Songs auf dem „This Is Boston Not L.A.“-Sampler vertreten, der die junge Hardcore-Punk-Szene Bostons weltweit bekannt machte. Zu diesem Zeitpunkt trat die Band 1982 auch maskiert unter dem Namen THE F.A.’S auf, wobei ihr Set ausschließlich aus Stücken bestand, die die Stadt New York und deren Hardcore-Szene negativ darstellten, da eine große Rivalität zwischen den Hardcore-Punks aus Boston und New York bestand.
Kurz darauf mussten JERRY’S KIDS zwei Abgänge verkraften. Der zu dem Zeitpunkt erst 15-jährige Sänger Bryan Jones brach sich bei einem der ersten Konzerte ein Bein, so dass ihm seine Eltern weitere Aktivitäten mit der Band verboten. Sein Bruder Rick Jones übernahm daraufhin zusätzlich den Posten des Sängers. Auch Gitarrist Dave Aronson verließ die Band und wurde durch Chris Doherty von GANG GREEN ersetzt, die sich gerade zuvor aufgelöst hatten. In dieser Besetzung wurde 1983 die Debüt-LP „Is This My World?“ aufgenommen und auf XClaim! Records veröffentlicht.
Ein Erfolg der Band über die Stadtgrenzen Bostons hinaus wollte sich zu dieser Zeit nicht einstellen, zudem kam es zur Trennung von XClaim!. Deshalb gab es keine Nachpressungen des Debütalbums und infolgedessen fanden sie auch keine Auftrittsmöglichkeiten in anderen Staaten der USA. Im Dezember 1984 lösten sich JERRY’S KIDS frustriert auf, woraufhin Drummer Betzger gemeinsam mit Chris Doherty GANG GREEN reformierte. Auf Betreiben von Rick Jones kam es 1987 zu einer Reunion von JERRY’S KIDS, wieder mit Dave Aronson an der Rhythmusgitarre und dem ersten GANG GREEN-Drummer Mike Dean anstelle von Brian Betzger am Schlagzeug. Er wurde allerdings nach kurzer Zeit durch Jack Clark (THE CHOIR BOYS) ersetzt. In dieser Besetzung veröffentlichte die Band 1989 mit „Kill Kill Kill“ noch ein weiteres Album, dieses Mal auf Taang! Records. Auftritte außerhalb Bostons waren auch zu dieser Zeit nicht möglich, da Bassist/Sänger Rick Jones beruflich extrem eingebunden war, so dass sich die Band 1990 wieder auflöste.
Nach dem Ende von JERRY’S KIDS spielten Leadgitarrist Bob Cenci und Drummer Brian Betzger zeitweise bei GANG GREEN, die sich unter der Führung von Chris Doherty ebenfalls mehrfach auflösten und wieder reformierten – 2004 mit Ross Luongo (DYS) am Schlagzeug. JERRY’S KIDS spielten fortan in der Besetzung Jones-Cenci-Luongo-Clark gelegentlich Konzerte in Boston, ohne aber neues Material aufzunehmen. 2006 waren JERRY’S KIDS mit einem Song auf dem Soundtrack der Doku „American Hardcore“ vertreten. 2010 wurde sie im Film „All Ages“ porträtiert, der beim Boston Independent Film Festival präsentiert wurde. Clark spielte 2011 kurzzeitig bei DYS. 2018 lösten sich JERRY’S KIDS endgültig auf. Ihr Gitarrist Dave Aronson starb am 4. März 2021 im Alter von 54 Jahren.

THE PROLETARIAT
... sind eine Punkrock-Band aus dem Südosten von Massachusetts, die ihre Blütezeit in den 1980er Jahren erlebte, als sie in der Bostoner Hardcore-Szene aktiv war und die Bühnen der vielen Clubs mit den besten Punk- und Hardcore-Punk-Acts ihrer Zeit teilte. Und das, obwohl der Sound von THE PROLETARIAT, im Unterschied zur Mehrheit der Bostoner Punkbands, als eher gemäßigt galt. Ursprünglich hatten THE PROLETARIAT Anfang 1980 als Coverband begonnen, die in dieser Form auf den frühen Punk-Shows im Raum Boston spielte. Auffällig war vor allem, dass ihr amerikanischer Sänger Richard Brown mit einem deutlich britischen Akzent sang. Komplettiert wurde die Band durch zwei Freunde, die beide frühere Klassenkameraden an der Apponequet Regional High School waren, namentlich Gitarrist Frank Michaels und Bassist Peter Bevilacqua. Die drei hatten sich gemeinsam an der Southeastern Massachusetts University eingeschrieben, wo sie Geschichte und Wirtschaft studierten.
Aber je mehr sie in Kontakt mit linker Politik kamen, desto klarer wurde ihnen, dass sie eine eigene Band gründen wollten. Daher brachen alle drei während ihres letzten Jahres das College ab, um THE PROLETARIAT zu gründen. Um Teil der Arbeiterklasse zu werden, nahm Sänger Richard Brown einen Job als Lieferwagenfahrer an und Bassist Peter Bevilacqua arbeitete in einem Supermarkt. Gitarrist Frank Michaels seinerseits kümmerte sich um alles, was mit der Band zusammenhing. Nach ein paar Monaten mit Proben in Browns Elternhaus in Assonet hatten THE PROLETARIAT am 14. Februar 1981 im Lafayette Club in Taunton ihren ersten Auftritt. Mitte 1981, nachdem die Band einige Shows im Südosten von Massachusetts gespielt hatte, bei denen sie hauptsächlich SEX PISTOLS-Cover zum Besten gaben, entwickelten THE PROLETARIAT ihren eigenen Sound, bei dem sie den geradlinigen Klang der frühen THE CLASH mit kantigen Rhythmen und einer politischen Agitprop-Rhetorik verschmolzen. Sie wurden auch oft mit englischen Bands wie CRASS oder THE FALL verglichen, obwohl die Band diese bis dahin gar nicht kannte.
Zwischen November 1981 und März 1982 nahmen THE PROLETARIAT in den Bostoner Radiobeat Studios mit den Produzenten Jimmy Dufour und Lou Giordano mehrere Songs auf. Die stießen auf große Resonanz bei den örtlichen Radiostationen, wo sie viel Airplay bekamen, was die Band auf einige Top-10-Listen der Sender brachte. Aufgrund dieser Aufmerksamkeit seitens der Punk-Szene fanden auch drei THE PROLETARIAT-Titel ihren Weg auf den „This Is Boston Not L.A.“-Sampler von Modern Method Records. Im Spätsommer 1982 veröffentlichte das Label als Follow-up die 7“-Compilation „Unsafe At Any Speed“, auf der THE PROLETARIAT mit einem weiteren Song vertreten waren. Als Live-Band erspielten sich THE PROLETARIAT überregional einen Namen, nachdem sie 1982 Finalisten beim „Rock ’n’ Roll Rumble“-Wettbewerb des kommerziellen Bostoner Radiosenders WBCN waren. Aufgrund der räumlichen Nähe zu Rhode Island spielten THE PROLETARIAT häufiger in Providence und Pawtucket, wo sie eine treue Anhängerschaft hatten. Außerdem erhielten sie Geldspenden von Wohltätern, die proletarische Musik und Politik unterstützen wollten.
Vier Songs von einem früheren Demo wurden mit 14 weiteren Studiosongs 1983 auf der THE PROLETARIAT-Debüt-LP „Soma Holiday“ auf Radiobeat Records veröffentlicht. Der Titel verweist auf die Droge Soma aus Aldous Huxleys dystopischem Roman „Schöne neue Welt“. Das Album zeigte die Artpunk-Wurzeln der Band, während in ihren Texten soziale Themen aus einer marxistischer Perspektive beschrieben wurden, mit dem Ziel, den Kapitalismus zu kritisieren, jedoch ohne revolutionäre Dogmen zu beschwören. In den Jahrescharts des Musikmagazins Boston Rock von 1983 belegten THE PROLETARIAT den ersten Platz als beste lokale Band, standen an zweiter Stelle für die beste LP und landeten auf dem vierten Platz als beste nationale Band.
1984 kehrten PROLETARIAT in die Radiobeat Studios zurück, um ein neues Album aufzunehmen. Einer der Songs aus dieser Aufnahmesession, „An uneasy peace“, erschien auf dem Doppel-LP-Sampler „P.E.A.C.E.“ von R Radical Records, dem Label von Dave Dictor, dem Sänger von MDC, wodurch die Band nun auch internationale Bekanntheit erlangte. Am 30. Juni 1984 spielten THE PROLETARIAT in ihrer ursprünglichen Besetzung in Boston ihre letzte Show. Später im Jahr, noch bevor ihr zweites Album fertiggestellt werden konnte, verließ Sänger Richard Brown die Band, ebenso wie Drummer McKnight, der am Bristol Community College Ingenieurwissenschaften studierte. Die beiden wurden durch Sängerin Laurel Ann Bowman und Schlagzeuger Steve Welch ersetzt.
Dieses Line-up war allerdings nur von kurzer Dauer und nach nur einer Show am 1. Juli 1985 zusammen mit der italienischen Band RAW POWER im Living Room Rock Club in Providence, Rhode Island lösten sich THE PROLETARIAT endgültig auf. Die Studioaufnahmen wurden posthum 1985 auf der 7“ „Marketplace“ und 1986 auf der „Indifference“-LP auf Homestead Records veröffentlicht. Sowohl die Single als auch das Album zeigten eine andere Seite der Band, einschließlich geschichteter Melodien und Gastauftritten von Roger Miller von MISSION OF BURMA, der in einer aktualisierten Version von „An uneasy peace“ Klavier spielte, sowie Laurel Ann Bowman, deren leise Stimme im scharfem Kontrast zu Browns Stakkato-Gesang stand.
Anfang 1995 gründeten Brown, Bevilacqua und Michaels mit dem Schlagzeuger Jack Prascovics eine neue Band mit dem Namen CHURN, nachdem sie zehn Jahre nicht zusammengespielt hatten. Mitte 1996 schloss sich McKnight ihnen an als Ersatz für den Schlagzeuger, was dazu führte, dass nun alle ursprünglichen Mitglieder von THE PROLETARIAT bei CHURN wieder vereint waren. Allerdings löste sich die Formation aufgrund anhaltender Probleme 1997 wieder auf. 1998 erschienen sämtliche Studioaufnahmen von THE PROLETARIAT in Form einer Doppel-CD unter dem Titel „Vooodoo Economics And Other American Tragedies“ (inklusive vier unveröffentlichter Tracks) auf Taang! Records. Die zwischenzeitige THE PROLETARIAT-Sängerin Laurel Ann Bowman starb am 26. Januar 2009 im Alter von 44 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit.
Im Herbst 2016 reformierten sich THE PROLETARIAT nach 20 Jahren Pause für eine Reihe von Konzerten. Die Originalmitglieder Richard Brown, Peter Bevilacqua und Tom McKnight wurden von Gitarrist Don Sanders begleitet, der früher bei IDLE RICH war. Parallel zu der Reunion erschien die Vinyl-Neuauflage der 1983er Debüt-LP „Soma Holiday“ auf dem in Sacramento ansässigen Label SS-Records. Im Jahr 2017 spielten THE PROLETARIAT zudem eine Reihe von Shows in den USA und Kanada. 2018 erschienen mit der „Move“-LP sowie der „The Murder Of Alton Sterling“-7“ zwei brandneue Platten von THE PROLETARIAT, die eindrucksvoll zeigten, dass die Band in der Gegenwart vollumfänglich angekommen ist. Die Texte waren brandaktuell, mega angepisst und legten weiterhin einen glühend heißen Finger in die Wunden der Problemzonen der heutigen Zeit. Making punk a threat again ... THE PROLETARIAT sind definitiv dabei!

NEGATIVE FX
... waren eine Hardcore-Band aus Boston, die sich 1981 gründete. NEGATIVE FX spielten schnellen und unmelodischen Hardcore-Punk, der in den Refrains oft laute Gangshouts enthielt. Die Band bestand aus Patrick Raftery an der Gitarre, Rich Collins am Bass, Dave Brown am Schlagzeug und dem Sänger Jack Kelly, der in späteren Jahren ausschließlich „Choke“ genannt wurde. Obwohl die Band nur kurze Zeit existierte und insgesamt fünf Shows spielte, war ihr Engagement in der lokalen Straight-Edge-Szene der frühen 1980er Jahre bekannt. Zusammen mit Mitgliedern von DYS und SS DECONTROL waren NEGATIVE FX Teil der „Boston Crew“, einer Gruppe von Freunden, die mit SSD und anderen Bostoner Hardcore-Bands durch die Lande reisten.
Die Texte von NEGATIVE FX beschworen oft den „Unity“-Gedanken. Weitere Lyrics waren durchaus politischer Natur beziehungsweise dem Zeitgeist verpflichtet, es ging um die Angst vor einem Atomkrieg und die allgegenwärtige Polizeigewalt. Das markantestes ihrer fünf Konzerte war ihr Auftritt als Vorband von MISSION OF BURMA, die am 12. März 1983 im Hotel Bradford in Boston ihre von Ausschreitungen begleitete, berühmt-berüchtigte Abschiedsshow spielten. Als der Tontechniker das Set von NEGATIVE FX frühzeitig beenden wollte, wurde er von Fans angegriffen und verprügelt.
Im April und im November 1982 nahmen NEGATIVE FX 18 Lieder in den Radiobeat Studios am Kenmore Square in Boston auf, doch Choke Kelly verletzte sich am Knie und danach fand die Band nicht mehr wirklich zusammen und löste sich auf. Erst 1984, nachdem NEGATIVE FX schon ein Jahr aufgelöst waren, veröffentlichte Taang! Records das selbstbetitelte Debütalbum der Band. Das LP-Cover zeigt das Gesicht von Charles Manson, der aber anstelle des Hakenkreuzes das NEGATIVE FX-Logo auf seiner Stirn trägt. Das Manson-Motiv stammte von dem Konzertflyer zum Auftritt mit MISSION OF BURMA. Die LP wurde zunächst auf schwarzem Vinyl veröffentlicht, um in den folgenden Jahrzehnten weitere acht Mal auf blauem, rotem, klarem als auch bernsteinfarbenem Vinyl (alle auf ca. 500 Stück limitiert) wiederaufgelegt zu werden. Im Jahr 2002 veröffentlichte das belgische Label Reflex Records das Album, das um den Live-Track „Might makes right“ ergänzt wurde, noch mal unter dem Namen „Discography & Live“. Distortions Records brachte zudem 2003 die 7“ „Government War Plans“ raus, die die Songs des ersten Demos von 1982 enthielt. Nach der Auflösung von NEGATIVE FX 1983 gründete Sänger Choke Kelly zusammen mit Gitarrist Pat Ratferty die Band LAST RIGHTS, 1984 erschien die 7“ „Chunks/So Ends Our Nights“. Und Sänger Choke Kelly gründete 1985 SLAPSHOT.
Fun Fact: Der Bandname NOFX ist eine Anspielung auf NEGATIVE FX. Gitarrist Eric Melvin hatte sich die LP von NEGATIVE FX angehört, und als er gemeinsam mit Fat Mike einen Namen für ihre damals neu gegründete Band suchte, schlug er den Namen „NO-FX“ vor.

SLAPSHOT
... gründeten sich 1985 zu einem Zeitpunkt, als sich die Hardcore- und Straight-Edge-Szene in einer Krise befand. Bei SLAPSHOT taten sich die drei Gründungsmitglieder Jack „Choke“ Kelly (voc), Steve Risteen (gt) und Mark McKay (dr) zusammen, mit dem Ziel, wieder „Oldschool Hardcore“ zu spielen. Zuerst gab es die Überlegung, die Band „Straight Satan“ zu nennen, in Anlehnung an die mit Charles Manson verbundene Motorrad-Gang Straight Satans Motorcycle Club. Zum Glück verwarfen sie den Plan und nannten sich SLAPSHOT, nach dem Eishockey-Film „Slapshot“. Zuletzt stieß der ehemalige DYS-Bassist Jonathan Anastas zur Band.
Sänger Choke hatte Mitte der 1980er Jahre als ehemaliges Bandmitglied von NEGATIVE FX bereits einen hohen Bekanntheitsgrad in der Szene, was Taang! Records dazu brachte, viel Werbung für SLAPSHOT zu schalten. So ist es nicht überraschend, dass bereits das allererste Konzert ausverkauft war. Ein erstes musikalisches Ausrufezeichen setzten SLAPSHOT 1986 mit der „Back On The Map“-12“ auf Taang! Records. 1988 erschien ihre Debüt-LP „Step On It“, die bis heute als Meilenstein der gesamten US-Punk-Szene gilt. Auch die folgende LP „Sudden Death Overtime“ erschien wieder auf Taang! Records. Anfang der 1990er Jahre folgten eine Live-Platte sowie die „Unconsciouness“-LP auf dem deutschen Label We Bite Records. Die Beziehung zu den Plattenfirmen war nicht immer konfliktfrei, da die Band für ihr Album „16 Valve Hate“, das auf dem Hannoveraner Label Lost & Found erschien, nach eigener Aussage keinerlei Zahlungen erhalten hatte.
SLAPSHOT kamen in den vergangenen vier Jahrzehnten regelmäßig nach Deutschland und Europa auf Tour. Seit dem Jahrtausendwechsel veröffentlichten SLAPSHOT weitere fünf Studioalben, die jedes für sich als gelungen zu bezeichnen sind. Musikalisch blieben sich SLAPSHOT immer treu und stehen weiterhin für schnellen Hardcore-Pun. Das letzte Studioalbum von 2018, „Make America Hate Again“, ist während der ersten Präsidentschaft von Trump entstanden und zeigt deutlich die ablehnende Haltung der Bandmitglieder. SLAPSHOT setzten sich in ihren Texten immer wieder kritisch mit den USA beziehungsweise der amerikanischen Politik und Gesellschaft auseinander. Beispiele hierfür sind der Song „Shoot Charlton Heston“, in dem das Second Amendment, also das in der Verfassung verankerte Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen, kritisiert wird, sowie die Anti-Irakkrieg-Lieder „Digital warfare“ und „Tear it down“ oder auch der Titel „Fuck New York“ aus dem Jahr 2005.
Der 2010 zu SLAPSHOT gestoßene Gitarrist Craig Silverman spielte ab 2014 parallel in der New Yorker Hardcore-Band AGNOSTIC FRONT, verließ aber 2019 SLAPSHOT, um mehr Zeit mit seiner Familie und seiner Hauptband zu verbringen. Für ihn kam Tye Tonkin als neuer Gitarrist zur Band. Das Karlsruher Label Backbite Records wiederveröffentlichte zwischen 2018 und 2020 die Alben „Step On It“ (1988), „Unconsciousness“ (1994), „Blast Furnace“-12“ (1993), „16 Valve Hate“ (1995) und „Tear It Down“ (2005) in erstklassiger Qualität. Im September 2024 kündigten SLAPSHOT für 2025 ihre Auflösung an, im 40. Jahr ihres Bestehens.
Wenn man über SLAPSHOT berichtet, muss man aus journalistischer Chronistenpflicht auch das Seitenprojekt STARS AND STRIPES erwähnen, mit dem sie vor allem in den 1990er und 2000er Jahren aktiv waren. Der musikalische Stil dieser Gruppe war an alten englischen Oi!-Bands orientiert und die Texte hatten einen stark patriotischen Einschlag. Laut Sänger Choke sollten die Texte ironisch verstanden werden. Besonderer Popularität beim Publikum erfreuten sich bei SLAPSHOT-Konzerten zusätzlich gespielte STARS AND STRIPES-Songs. Insbesondere auch die rechte Szene zeigte hier Interesse, das durch Neuauflagen von STARS AND STRIPES-Platten bei Rechtsrock-Labels gezielt bedient wurde, beispielsweise wurde „Shaved For Battle“ als CD von TRCD Records lizensiert, einem Sublabel von Rock-O-Rama Records.
Zudem hat Sänger Choke Kelly bei mehreren Songs der sehr kontroversen Grindcore-Band ANAL CUNT die Backingvocals beigesteuert und betrieb Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre das Plattenlabel Patriot Records, das in der europäischen Szene als zum Teil rechtsgerichtet wahrgenommen wurde. Es bleibt zu ergänzen, dass die Bandmitglieder in den vergangenen Jahren eine klare Abgrenzung gegenüber der rechten Szene betreiben.

DYS
... wurden 1984 von Sänger Dave Smalley und Bassist Jonathan Anastas gegründet, wobei das Kürzel DYS für „Department of Youth Services“ steht, eine US-amerikanische Institution, die sich um jugendliche Kriminelle kümmert. Zusammen mit SS DECONTROL und NEGATIVE FX beziehungsweise später LAST RIGHTS bildeten DYS die sogenannte „Boston Crew“, eine Gruppierung, die unter anderem großen Einfluss auf die Verbreitung der Straight-Edge-Bewegung hatte. Mit Dave Collins am Schlagzeug und Andy Strachan als Gitarrist spielten DYS 1983 das Demo „Wolfpack“ ein. Als Letzter stieß Andy Strachan als fester Gitarrist zu DYS. Auf dem SSD-eigenen Label XClaim! erschien 1983 die Debüt-LP „Brotherhood“, deren Produktion die Band selbst finanziert hatte. Diese LP zählt heute zu den wichtigsten Veröffentlichungen der Bostoner Hardcore-Punk-Szene. Mit Ross Luongo stieß ein zweiter Gitarrist zur Band, die sich nun eher am Speed Metal orientierte. Dave Smalley begründete den stilistischen Wechsel später damit, dass die Band „einfach gelernt hat, ihre Instrumente zu spielen“. Im Anschluss erschien 1985 eine selbstbetitelte DYS-LP auf dem Bostoner Label Modern Method. Die stellte sich schließlich auch als ihr letztes Album heraus, da die Band sich aufgrund musikalischer und persönlicher Differenzen auflöste. Dave Smalley gründete anschließend DAG NASTY.
Noch in den 2000er Jahren schloss Dave Smalley eine DYS-Wiedervereinigung kategorisch aus. 2010 aber plante ANTIDOTE-Sänger Drew Stone einen Dokumentarfilm über die Bostoner Hardcore-Punk-Szene und bat Dave Smalley, in diesem Rahmen ein Konzert mit DYS zu spielen. Tatsächlich konnte die reformierte Band innerhalb kürzester Zeit 1.100 Karten für dieses Reunion-Konzert absetzen. Nach dem erfolgreichen Auftritt wurde die Band von THE MIGHTY MIGHTY BOSSTONES für ihre Konzertreihe „Hometown Throwdown“ verpflichtet. Kurz darauf veröffentlichte Bridge Nine Records die Live-LP „More Than Fashion: Live From The Gallery East Reunion“, die den Auftritt bei der Reunion-Show enthält. DYS nahmen 2011 fünf neue Studiosongs auf, die allesamt einzeln als mp3-Singles online veröffentlicht wurden. In diesen fünf Stücken sind DYS besser als jemals zuvor, so dass man sich wünschen würde, dass sie irgendwann auf Vinyl oder CD veröffentlicht werden.

SIEGE
... wurden 1981 in Weymouth, MA gegründet von Kurt Habelt (gt), Henry McNamee (bs) und Rob Williams (dr). 1983 kam der Ska-Saxophonist Kevin Mahoney noch als Sänger dazu. Der Anspruch der vier Bandmitglieder war es, die schnellste Band der Welt zu werden. Nach intensiven Jamsessions begann das Quartett ab 1983 live aufzutreten und erspielte sich schnell eine große Fanbase. 1984 nahmen SIEGE in den Radiobeat-Studios ein Demo auf, das von Lou Giordano produziert wurde. Das ursprünglich selbstbetitelte Tape (in späteren Jahren als „Drop Dead“ auf Discogs gelistet) enthielt auf der A-Seite fünf rasend schnelle Songs, während die B-Seite lediglich einen Track enthielt, das langsame, wahnhaft-kranke Stück „Grim reaper“, in dem Sänger Kevin Mahoney sein Saxophon spielte. Drei weitere Songs aus dieser Aufnahmesession fanden ihren Weg zudem auf den Kult-Sampler „Cleanse The Bacteria“ auf Pusheads Label Pusmort, was die einzige offizielle SIEGE-Vinylveröffentlichung war.
Es folgten weitere Live-Auftritte, bis es im Herbst 1985 vor einem Gig im CBGB’s in New York zu einem heftigen Streit innerhalb der Band kam, die sich daraufhin spontan auflöste. 1990 versuchten Schlagzeuger Robert Williams und Gitarrist Kurt Habelt SIEGE mit Hilfe von Seth Putnam von ANAL CUNT am Mikro zu reformieren. Es wurden 1991 sogar vier Songs in der neuen Besetzung aufgenommen, aber die Bänder dieser Session gingen verloren. Zudem lösten sich SIEGE kurz darauf wieder auf. Erst 2014 wurde diese „Lost Session“ wiedergefunden und in Form einer 7“ auf PATAC Records erstmalig veröffentlicht. Die wenigen Studioaufnahmen der Band wurden später sehr häufig wiederveröffentlicht. Alleine vom „Drop Dead“-Demotape gab es über die vergangenen Jahrzehnte hinweg 20 Versionen. Als ultimative SIEGE-Diskografie ist die 2019 auf dem italienischen Label FOAD erschienene Doppel-LP mit dem Titel „Drop Dead – Complete Discography“ zu nennen.
Am 14. Oktober 2011 verstarb der Sänger Kevin Mahoney an den Folgen seiner Diabetes-Erkrankung. 2016 gab es eine erneute Reunion der Band, so dass SIEGE 2017 auf Europatour gingen, die sie für zehn Konzerte durch fünf Länder führte. Als Sänger fungierte Mark Fields.
Mit ihrer bis dahin einzigartigen Kombination aus Hardcore-Punk, extremer Geschwindigkeit sowie brutalen Textinhalten beeinflussten SIEGE offenbar maßgeblich die im englischen Birmingham aufkommende Grindcore-Bewegung, da führende Genrevertreter wie NAPALM DEATH die Musik von SIEGE als einen ihrer Haupteinflüsse bezeichneten. SIEGE werden neben REPULSION und NAPALM DEATH zu den Vätern des Grindcore gezählt.

DEEP WOUND
... sind für mich eine der besten Hardcore-Punk-Bands aus den USA! In den frühen 1980er Jahren lebten J Mascis und DEEP WOUND-Sänger Charlie Nakajima in Amherst, Massachusetts, und besuchten dieselbe Highschool. 1982 traf Gitarrist Lou Barlow den Bassisten Scott Helland am Fach mit den englischen Oi!-Singles im örtlichen Plattenladen. Bald darauf hängte Scott Helland dort einen Flyer auf, auf dem nach Musikern gesucht wurde, die auch auf Bands wie ANTI-PASTI und DISCHARGE standen. J Mascis reagierte umgehend auf diesen Aushang und ließ sich von seinem Vater zu Lou Barlow nach Westfield, MA fahren, um als Schlagzeuger vorzuspielen. Er wurde auf der Stelle verpflichtet. Und obwohl die Band eigentlich bereits einen Sänger hatte, überzeugte J Mascis sie davon, diesen durch Charlie Nakajima zu ersetzen. So war das Line-up von DEEP WOUND komplett.
DEEP WOUND nahmen nach recht kurzer Zeit bereits Ende 1982 ein erstes Demotape mit dem Titel „American Style“ auf, auf dem 13 Songs enthalten waren, und begannen in Boston Konzerte mit Bands wie SSD, THE F.U.’S oder JERRY’S KIDS zu spielen. Aber auch im weiteren Umland von Massachusetts waren DEEP WOUND Vorgruppe für andere Hardcore-Punk-Bands. Anfang 1983 erschien ein weiteres, selbstbetiteltes Demo-Tape. Mitte 1983 erschien dann auf Radiobeat Records die erste selbstbetitelte 7“-EP, die heutzutage als ewiger Klassiker des 1980er-Jahre-US-Punk gilt und kaum für unter 500 Euro zu finden ist. Zwei weitere Songs der Aufnahmesession fanden ihren Weg auf den „Bands That Could Be God“-LP-Sampler von Radiobeat und Conflict Records, der Anfang 1984 erschien.
DEEP WOUND wurden 1984 sang- und klanglos aufgelöst, als J Mascis und Lou Barlow DINOSAUR JR. gründeten. Barlow verließ 1989 DINOSAUR JR. und gründete SEBADOH. Scott Helland spielte einige Jahre mit den OUTPATIENTS und tritt heute zusammen mit seiner Partnerin Samantha Stephenson unter dem Namen FRENCHY & THE PUNK auf, was ein euro-amerikanisches Akustik-Alternative-Post-Punk-Kabarett-Duo mit Sitz in New York City ist. Charlie Nakajima gründete später GOBBLEHOOF. J Mascis sieht man oft mit einem DEEP WOUND-Pullover, den ihm seine Mutter gestrickt hat und mit dem er auch für offizielle DINOSAUR JR.-Fotos posiert.
Im April 2004 spielten SONIC YOUTH ein Konzert in der John Green Hall auf dem Smith College Campus in Northampton, Massachusetts. Als Vorband traten SEBADOH gemeinsam mit J Mascis auf, wo zur Freude aller Anwesender auch einige DINOSAUR JR.-Songs gespielt wurden. Aber das wurde noch davon getoppt, dass auch der DEEP WOUND-Sänger Charlie Nakajima und -Gitarrist Scott Helland auf die Bühne kamen, um gemeinsam „I saw it“ zu performen. Das verblüffte Publikum wurde Zeuge einer nur einen Song langen DEEP WOUND-Reunion!
Im Jahr 2005 veröffentlichte Damaged Goods Records aus England eine DEEP WOUND-Diskografie-LP, die das Demo von 1982, die Songs der 7“ als auch der beiden Songs vom „Bands That Could Be God“-Sampler enthält.

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