
Über Punkrock der 1980er Jahre aus den USA habe ich in den vergangenen Ausgaben bereits ausgiebig berichtet, aber die Punkbands aus Kanada stehen denen in nichts nach. Wenn man ehrlich ist, haben wir damals einige Bands wie D.O.A. oder SNFU eher als „Amipunk“ wahrgenommen. Es gibt unheimlich viele gute Punkbands aus Kanada zu entdecken, so dass ihr in dieser und der nächsten Ausgabe mehr darüber erfahren werdet.
Ich möchte mich zudem ganz recht herzlich für den tollen Support bedanken, den ich von unserem kanadischen Ox-Kollegen Allan MacInnis und der Fotografin Bev Davies erhalten habe, die mir bereitwillig mit Kontakten und Fotos ausgeholfen haben. Dank gebührt auch meiner jahrzehntelangen Freundin Julie Tseng aus Toronto („Julie’s HC Music and Stuff“ auf YouTube) als auch Erick Roy, der in Montreal die Facebook Gruppe „MTL HC/PUNK 80-89“ betreibt und der er uns weitere Fotografen und Bandmitglieder vermittelt hat.
NOMEANSNO
... sind aus Sicht der Ox-Leser:innen vermutlich die bekannteste kanadische Punkband über den Verlauf der vergangenen Jahrzehnte. Ursprünglich wurde die Band aus Vancouver 1979 von den Brüdern Rob und John Wright gegründet, wobei sich der Bandname von einem Anti-Vergewaltigungsslogan ableitet. Rob Wright, geboren 1954, war von seinem Job in Calgary nach Victoria, BC zurückgekehrt. Er interessierte sich für den damals neuen Punk-Stil als auch für die dortige Szene und wollte selbst Punkrock spielen, nachdem er das erste Mal die RAMONES gehört hatte. Speziell die Einstellung der Punk-Bewegung mit ihrer aggressiven „Fuck you“-Attitüde inspirierte ihn. Als er nach Victoria kam, brachte er ein TEAC Portastudio-Fourtrack-Tonbandgerät mit, eines der ersten, die damals hergestellt worden waren.
Rob Wright begann mit seinem jüngeren Bruder John im Keller ihrer Eltern zu proben. John Wright, der 1979 erst 17 Jahre alt war, ging zu dem Zeitpunkt noch auf die Highschool und hatte bereits das Schlagzeugspielen erlernt. Er spielte in Schulbands in einem Jazz-Stil, das heißt er hielt die Schlagzeugstöcke im Traditional Grip-Stil, wobei die linke Hand anders gehalten wird als die führende rechte Hand. John wusste auch, wie man Songs für eine Zweier-Besetzung schreibt, da sich damals keine Gitarristen in ihrem Bekanntenkreis befanden. Zu der Zeit war er stark von PiL und GANG OF FOUR beeinflusst, die dominante Bassstrukturen in ihrer Musik nutzten. Dies ist der Ursprung des typischen Sounds von NOMEANSNO, bei dem bei der Rhythmusgruppe eine große Betonung auf dem Bass lag. John war es auch, der 1979 D.O.A. live sah und sich deren 7“ „Thirteen/The Prisoner“ kaufte. Das war ein Gamechanger in der musikalischen Entwicklung von NOMEANSNO. 1980 erschien die erste NMN-Vinylveröffentlichung in Form der „Look, Here Come The Wormies/Social Services“-Split-7“, die von der Band auf ihrem Vierspur-Recorder in Eigenregie produziert wurde. NMN teilten sich diese Split 7“ mit MASS APPEAL, die im Wesentlichen auch aus Rob und John Wright bestanden, wobei Rob hier Gitarre spielte und sie durch Ray Carter am Bass ergänzt wurden.
Im März 1981 wurde eine weitere EP namens „Betrayal, Fear, Anger, Hatred“ mit vier Songs veröffentlicht. John und Rob spielten weiterhin als Duo und nach zwei EPs veröffentlichten NMN 1982 ihr erstes Album mit dem Titel „Mama“. Doch sie kamen nun zu der Überzeugung, dass es nicht wirklich funktioniert, Drei-Akkorde-Punkrock ohne Gitarre zu spielen. Rob und John brauchten sechs Monate, um Andy Kerr davon zu überzeugen, sich ihnen anzuschließen, bis die Chemie zwischen ihnen perfekt war. Die erste Platte mit Andy an der Gitarre war 1985 die 12“-EP „You Kill Me“. Andy zog es vor, anonym zu bleiben, und verwendete Pseudonyme wie „Buttercup“ oder „None-Of-Your-Fucking-Business“. Seine Art Gitarre zu spielen, brachte der Gruppe einen deutlichen Hardcore-Punk-Einschlag.
Es folgten die Alben „Sex Mad“ im Jahr 1986 und „Small Parts Isolated And Destroyed“ 1988. 1986 kamen NMN zum ersten Mal nach Europa auf Tour. Eigentlich hatte die niederländische Regierung ihre Tickets bezahlt, weil sie zu einem offiziellen Künstlerfestival eingeladen wurden. Sie hatten den Rest der Tour einfach drangehängt, clever gemacht. Der Song „Dad“ vom „Sex Mad“-Album wurde 1986 ein College-Radio-Hit. Ende der 1980er Jahre litt Rob Wright unter Knötchen auf seinen Stimmbändern, weshalb Andy Kerr vorübergehend den größten Teil des Gesangs übernahm und daher bei vielen der Songs auf „Small Parts Isolated And Destroyed“ zu hören ist. Als 1989 das Album „Wrong“ rauskam, hatte sich Rob Wright einer erfolgreichen Halsoperation unterzogen und war wieder in der Lage, selbst zu singen. Es gilt heute als ihr bestes Album.
NMN waren immer eine außergewöhnlich gute Live-Band, so dass das Trio viel Zeit auf Tour verbrachte. Doch nach acht Jahren hatte es Andy Kerr satt und verließ die Band. Zu dieser Zeit war er etwa 30 Jahre alt und beschloss, dass sein Leben in eine ganz andere Richtung gehen sollte. Er lernte eine Frau kennen, zog nach Amsterdam und lebt dort mit seiner Familie bis heute. NMN machten vorübergehend als Duo weiter. Mit Tom Holliston kam 1993 ein neuer fester Gitarrist zur Band. Der erste gemeinsame Auftritt war bereits im April 1992, als NMN ein paar Songs auf der Alternative Tentacles „100th Release“-Party im Kennel Club in San Francisco spielten. Die ersten offiziellen Shows mit Tom fanden ab Ende August 1993 statt. Die Songs von Tom Hollistons anderer Band SHOWBUSINESS GIANTS hatten einen poppigeren Charakter, was es ihm anfangs schwermachte, die Gitarre so zu spielen, dass es den NMN-Songs gerecht wurde. Nach kurzer Zeit tat er dies aber vollumfänglich im Sinne Wright-Brüder.
In den folgenden Jahren tourte NMN ausgiebig in Europa und Nordamerika. 1995 erschien „The Worldhood Of The World (As Such)“, 1998 „Dance Of The Headless Bourgeoisie“. Auf die Veröffentlichung der „One“-LP im Jahr 2000 folgte eine sechsjährige Release-Pause. Erst 2006 erschien mit „All Roads Lead To Ausfahrt“ ein komplettes neues Album. Der Titel war eine Hommage an ihre Fans in Deutschland, denn das war schon immer das Land, in dem NMN das treueste Publikum und den größten Erfolg hatten. Der Albumtitel stammt noch von ihrer ersten Europatour, wo sie auf der Autobahn immer wieder das Schild „Ausfahrt“ sahen und zuerst dachten, dass alle Straßen zu einer Stadt namens Ausfahrt führen ... Das Album war für NMN eine wissentliche Anstrengung, ihren Sound zurück in Richtung In-Your-Face-Punk zu führen, so dass es wieder kurze Punkrock-Songs zu hören gab.
Nach mehr als 175 Live-Shows im Jahr 2007 brauchten NMN 2008 dringend eine Pause. John verbrachte diese Zeit damit, für seine beiden Kinder zu Hause da zu sein, und spielte ein ganzes Jahr lang nicht Schlagzeug. Rob war am liebsten auf dem Golfplatz und half einmal pro Woche als Freiwilliger in einer Suppenküche, während Tom mit Laurie Mercier bei coolforever.com arbeitete, einem LP- und CD-Versand.
An dieser Stelle ist es wichtig, das Nebenprojekt HANSON BROTHERS zu erwähnen, die sozusagen das Alter Ego von NMN waren. Die HANSON BROTHERS gründeten die Wrights 1984 als Spaßprojekt, mit dem sie sich anfangs ausschließlich dem Covern von RAMONES-Songs widmeten. Ab 1989 fingen sie an, eigene Songs im RAMONES-Stil zu schreiben. Die HANSON BROTHERS spielten Comedy-artigen Punkrock und ihre Texte drehten sich nur um Eishockey, Bier und Mädchen. Der Bandname bezieht sich auf drei Eishockeyspieler, die Hanson-Brüder, aus der Eishockey-Komödie „Slapshot“ aus dem Jahr 1977 mit Paul Newman. Der Kern der Band bestand aus John Wright am Gesang, Rob Wright am Bass und Tom Hollister an der Gitarre. Drummer wurde Ken Jensen von D.O.A., nachdem John sich ausschließlich dem Leadgesang widmete. Ken Jensen starb 1995 bei einem Hausbrand. Nach ihm kamen und gingen mehrere Schlagzeuger. Im Jahr 2000 wurden die Songs „Rink rat“, „Third man in“, „Stick boy“ und „Danielle“ im „NHL Rock The Rink“-Spiel für die Sony PlayStation vorgestellt.
Ebenfalls 2000 nahm John Wright in seiner Rolle des „Johnny Hanson“ ein Lehrvideo über das Herstellen von Bier im Homebrew-Verfahren auf. Die DVD war zusammen mit dem HANSON BROTHERS-Live-Album „It’s A Living“ erhältlich. Witzig waren auf jeden Fall die Albencover der HANSON BROTHERS, bei „My Game“ (2002) war es eine Abwandlung des Artworks der „My War“-Albums von BLACK FLAG, während „It’s A Living“ 2008 das Cover der RAMONES-Platte „It’s Alive“ parodierte.
Am 24. September 2016 gab John Wright offiziell das Ende von NOMEANSNO bekannt. Dies bedeutete ebenso das Ende der HANSON BROTHERS. NOMEANSNO hinterlassen 14 Alben, 16 Singles. Die HANSON BROTHERS kam auf vier Alben und drei Singles. Ein starkes Vermächtnis! Im Jahr 2019 dann taten sich John Wright und sein Bruder Rob mit Isaac Tremblay zusammen, um das Wildwood Public House zu eröffnen, ein Craftbeer-Pub in Powell River, British Columbia. Die Kneipe wurde im Dezember 2022 aufgrund der Auswirkungen der Corona Pandemie geschlossen, mit der Absicht, im März 2023 wieder aufzumachen, aber dazu kam es nicht.
Glänzende Augen gab es dann im Jahr 2025, als John Wright mit seiner neuen Band DEAD BOB auf Tour nach Deutschland und Europa kam, denn musikalisch ging es deutlich in Richtung von NMN. DEAD BOB bestehen neben John als Sänger aus Leuten, die zuvor unter anderem bei D.O.A. und HANSON BROTHERS gespielt hatten.
D.O.A.
... sind Kanadas legendäre Kings of Punk, die dazu beigetragen haben, die Gegenkultur des Punkrock auf der ganzen Welt zu verbreiten. Als Allererstes muss man erwähnen, dass sie sich 1981 den Begriff „Hardcore“ zu eigen machten und ihn mittels ihres legendären Albums „Hardcore ’81“ und den nachfolgenden Tourneen in die Umgangssprache einführten. Natürlich waren D.O.A. nicht die Erfinder von „Hardcore“, da muss man ebenfalls Bands wie BLACK FLAG, DEAD KENNEDYS, BAD BRAINS, ANGRY SAMOANS, MINOR THREAT, GERMS oder MIDDLE CLASS nennen, aber immerhin waren sie mit die Namensgeber für unser über alles geliebtes Genre.
D.O.A. hatten 1977 ihren Ursprung in THE SKULLS, einer frühen Punkrock-Band aus Vancouver, zu der der zukünftige D.O.A.-Kopf Joey „Shithead“ Keithley sowie Gründungsmitglieder der kanadischen SUBHUMANS, namentlich Brian „Wimpy Roy“ Goble und Ken „Dimwit“ Montgomery gehörten. THE SKULLS zogen 1977 nach Toronto um, weil sie sich dort bessere Chancen ausrechneten, bekannt zu werden, was aber nicht funktionierte. Daraufhin kehrte Joey Keithley nach Vancouver zurück und gründete Anfang 1978 D.O.A. Joey spielte Gitarre, Dimwits Bruder Chuck Biscuits Schlagzeug, Randy Rampage Bass. Und es gab einen Leadsänger, der nur als „Harry Homo“ bekannt war und auch den Bandnamen D.O.A. vorschlug.
Der erste Auftritt der Band fand am 20. Februar 1978 in Vancouver in der Japanese Hall statt, danach wurde Harry Homo wegen eines offensichtlichen Mangels an Musikalität entlassen. Joey Keithley übernahm daraufhin neben der Gitarre auch den Gesang. Die Band begann häufiger in Vancouver zu spielen. nahm im Sommer 1978 ihre erste Single „Disco Sucks“ auf und veröffentlichte die vier Songs in Eigenregie. Die Single führte bald die Charts des Radiosenders KUSF der University of San Francisco an, was die Band dazu veranlasste, auf eine Tour mit Ziel San Francisco zu gehen. Sie spielten ihre ersten Shows dort im August 1978 in den Mabuhay Gardens. Im Verlauf dieser Reise traf die Band auch zum ersten Mal Jello Biafra, den Frontmann der DEAD KENNEDYS und Betreiber des Labels Alternative Tentacles. Bereits im Herbst 1978 veröffentlichte Biafra dort die zweite D.O.A.-Single „The Prisoner“.
D.O.A. haben sich immer durch ein starkes politisches Bewusstsein ausgezeichnet und sich deutlich gegen Missstände ausgesprochen. Es war ihnen über die Jahrzehnte wichtig, Gruppierungen zu unterstützen, die sich für Themen wie Antirassismus, Hilfe bei Vergewaltigung, Globalisierung, First-Nations-Rechte, Anti-Zensur und Umweltschutz einsetzten. Dafür steht auch ihr bekannter Slogan „Talk-Action=0“.
Seit 1977 haben D.O.A. insgesamt 24 Alben und 28 (Split-)Singles veröffentlicht, wobei so gut wie alle in vielen Auflagen wiederveröffentlicht wurden, so dass auch die ganz alten Sachen weitestgehend noch zu normalen Preisen erhältlich sind. Das liegt daran, dass Joe Keithley auch der Gründer von Sudden Death Records ist, das er seit 1977 betreibt. Dort erschienen auch Platten und CDs von anderen Bands aus Kanada, darunter POINTED STICKS, YOUNG CANADIANS, MODERNETTES oder REAL McKENZIES, aber auch aus England, wie VICE SQUAD, DAMNED, SHAM 69, oder internationale Acts wie RAW POWER aus Italien oder MDC aus den USA.
1995 wurden D.O.A. schwer getroffen, als Schlagzeuger Ken Jensen bei einem Hausbrand ums Leben kam. Zu seinem Andenken wurde die „Ken Jensen Memorial Single (1966-1995)“-EP auf Alternative Tentacles veröffentlicht, mit jeweils zwei Songs von D.O.A. und RED TIDE, Kens früherer Band. Mit John Wright von NOMEANSNO, der am Schlagzeug einsprang, entstand dann das neunte D.O.A.-Album „The Black Spot“. Es enthielt einen einfacheren Punkrock-Sound, der damit wieder an die D.O.A.-Frühzeit Ende der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre anschloss. 2018 verstarb mit dem Bassisten Randy Rampage ein weiteres D.O.A.-Gründungsmitglied. Insgesamt 28 Leute spielten bei D.O.A. über die Jahre, aber Sänger/Gitarrist Joey „Shithead“ Keithley ist das einzige Mitglied, das von Anfang an bis heute dabei geblieben ist.
Im Jahr 2003 erklärte der Bürgermeister von Vancouver, Larry Campbell, den 21. Dezember zum „D.O.A. Day“ anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Band. Seither wird der D.O.A.-Tag jedes Jahr zumindest bandintern gebührend gefeiert. 2003 erschien zudem Joey Shitheads erstes Buch „I, Shithead: A Life in Punk“ beim Verlag Arsenal Pulp Press, das man durchaus als einen definitiven und schmissigen Blick auf den Punk und die Verbreitung der Gegenkultur in der westlichen Gesellschaft betrachten kann.
1996 und 2001 trat Joey Keithley bei den Provinzwahlen im kanadischen Bundesstaat British Columbia für die Green Party an, wobei er im Jahr 2001 neben der Parteichefin Adriane Carr den höchsten Stimmenanteil gewann. 2017 kandidierte er für den Sitz von Burnaby-Lougheed bei den Provinzwahlen in British Columbia und erhielt 14% der Stimmen. Am 20. Oktober 2018 wurde er bei den Kommunalwahlen als Mitglied der Grünen in den Stadtrat von Burnaby gewählt.
STRETCH MARKS
... stammen aus Winnipeg in der Provinz Manitoba in der Mitte von Kanada und standen dort gemeinsam mit PERSONALITY CRISIS an der Spitze der Punk-Szene. Gegründet wurden die STRETCH MARKS von den Highschool-Freunden Dik Savage (Dave McComb) am Mikro und den beiden Brüdern Bill Jackson an der Gitarre und Kelly Jackson am Schlagzeug, vervollständigt wurde die Besetzung durch den Bassisten Mark „Sikbee“ Langtry. Die STRETCH MARKS spielten überall in Zentral- und Westkanada, zogen immer recht viel Publikum an und entwickelten einen gewissen Kultstatus. 1983 gründeten sie ihr eigenes Label Head Butt Records und veröffentlichten im gleichen Jahr ihre Debüt-EP „Who’s In Charge?“, wobei der darauf enthaltene Song „Professional punks“ zu einem Hit innerhalb der kanadischen Punk Szene wurde, allerdings fühlten sich einige andere Punkbands davon auf den Schlips getreten.
STRETCH MARKS unterhielten gute Kontakte zu den Stern-Brüdern von YOUTH BRIGADE aus Kalifornien, die ursprünglich Kanadier waren, aber bereits 1970 mit ihren Eltern von Toronto nach Kalifornien gezogen waren, da ihr Vater in der Filmbranche tätig war. 1984 erschien auf dem von den Stern-Brüdern betriebenen Label Better Youth Organization der Sampler „Something To Believe In“, auf dem je zur Hälfte amerikanische und kanadische Bands vertreten waren. STRETCH MARKS sind auf dieser LP mit dem Song „Foreign policy“ zu hören. Über diesen Kontakt kam es dazu, dass Ende 1984 die erste LP der STRETCH MARKS mit dem Titel „What D’Ya See?“ sowohl auf Head Butt als auch auf BYO Records erschien. Die guten Vertriebskontakte von BYO ermöglichte es zudem, dass sie in der Folge mehrere kuze Touren in den USA absolvieren konnten, wo sie unter anderem mit FLOWER LEPERDS und CHANNEL 3 unterwegs waren. 1985 veröffentlichte Psyche Industry Records aus Kanada den Song „Old man understand“ auf dem LP-Sampler „It Came From The Pit“ und es schien so, dass den STRETCH MARKS überall die Türen weit offen standen. Aber vollkommen unerwartet brach die Band 1986 sang- und klanglos auseinander.
Drummer, Bassist und Gitarrist der STRETCH MARKS gründeten daraufhin mit Mitch Funk, dem Sänger von PERSONALITY CRISIS, die neue Band HONEST JOHN. Bassist Mark Langtry versuchte sich sogar als Profi-Wrestler, wobei er unter anderem für ein paar Runden rüder Bespaßung vor Konzerten der KILDONANS auftrat, einer weiteren Band mit ehemaligen STRETCH MARKS-Mitgliedern. Später wurde Langtry als Teil eines Wrestling-Tag-Teams für die Verwendung einer nicht genehmigten Schlagwaffe disqualifiziert und gesperrt.
Im Mai 2010 spielten STRETCH MARKS ein Reunion-Konzert auf dem Punk Rock Bowling Festival in Las Vegas, das von Shawn Stern von BYO-Records organisiert wird. Dort trafen sie mit einigen ihrer alten Tourmates zusammen, also CH3, YOUTH BRIGADE und 7 SECONDS. 2010 spielten NOFX auf ihrer selbstbetitelten Cover-10“ unter anderem eine Version des STRETCH MARKS-Klassikers „Professional punk“.
Auf Sounds Escaping Records aus Winnipeg erschien 2017 eine Diskografie-CD der STRETCH MARKS mit dem Titel „Who & What: The Complete Studio Recordings“. Enthalten sind die Songs der „Who’s In Charge“-EP“, der „What D’Ya See?“-LP, beide Compilation-Tracks und die bisher unveröffentlichte „Brave New Waves“-Aufnahme, die alle von Originalbändern remastert wurden. Der CD lag ein 24-seitiges Vollfarb-Booklet bei mit ausführlichen Linernotes des Musikhistorikers Chris Walter, Erinnerungen des langjährigen Managers Matt Vinet und vielen bisher unveröffentlichten Bildern des legendären Punkfotografen Doug Humiski.
YOUTH YOUTH YOUTH
... wurden vom Gitarristen Rob Mallion Ende 1980 in Toronto gegründet. Rob Mallion übte mit drei weiteren Leuten die ersten Songs ein und im Frühjahr 1981 spielten sie ein paar noch holprige Konzerte. Bei einem Auftritt zusammen mit der Band SEVENTEEN war die Chemie so gut, dass deren Drummer Brian McCullough und Bassist Paul Bishop bei YOUTH YOUTH YOUTH einstiegen. Bandgründer Rob Mallion traf dann Brian Taylor an einer Bushaltestelle, wobei sie herausfanden, dass sie beide ähnliche Interessen haben, und so Freunde wurden. Brian wurde der neue Sänger. Im November 1981 spielten YOUTH YOUTH YOUTH ihr erstes Konzert mit der neuen Besetzung, 1982 folgten weitere. Im Juni 1982 gingen sie ins Accusonic-Studio, um ein paar Songs aufzunehmen, die bald auf einer selbstbetitelten 9-Track-Kassette erschienen. Diese Veröffentlichung ermöglichte es der Band, Shows außerhalb von Toronto zu spielen, wie in Ottawa, Montréal, London und Windsor. Bis 1983 waren sie in Kanada bereits recht bekannt und spielten als Vorband für die meisten der damals bekannten Tour-Bands die in Kanada unterwegs waren, zudem wurden vier Songs auf dem „T.O. Hardcore 83“-Tape-Sampler veröffentlicht, auf dem nur Bands aus Toronto vertreten waren.
Im August 1983 gingen YOUTH YOUTH YOUTH ins Comfort Sound Studio und nahmen sieben Songs auf für die 12“ „Sin“, die auf Fringe Records veröffentlicht wurde, die bis dahin zuvor nur Alternative Tentacles-Platten etwa von DEAD KENNEDYS oder D.O.A. in Lizenz veröffentlicht hatten. Nach weiteren Shows, einigen Aufnahmen für den „Not Dead Yet“-Film und einer neuen Version des Songs „Dominance“ für den Better Youth Organization-Sampler „Something To Believe In“ fiel die Band Ende 1984 so schnell auseinander, wie sie begann. Die Mitglieder blieben auf unterschiedliche Art weiterhin in der Underground-Szene aktiv, Brian Taylor moderierte zum Beispiel die beliebte Radiosendung „Aggressive Rock“ auf CKLN, aber betreute auch die Studioproduktion von Alben vieler lokaler Heavy-Metal- und Punkbands wie SACRIFICE oder SUDDEN IMPACT. 1989 veröffentlichte Fringe Records die LP „Repackaged“, die die Songs der „Sin“-EP“ sowie die beiden Demos von 1982 und 1983 enthielt. 2014 erschien dann auf TOHC83 Records im Internet eine 28 Songs umfassende „Anthology“, die soundtechnisch hervorragend aufgearbeitet wurde. Erwähnenswert ist außerdem, dass Sänger Brian Taylor seit der Corona-Pandemie in der Band OLD singt und Bass spielt. OLD haben bisher eine 7“ und eine LP veröffentlicht, die mit einem rasend gespielten Hardcore-Punk begeistern.
DEATH SENTENCE
... wurden Anfang 1984 in Vancouver, British Columbia gegründet und entwickelten sich zu einer der unbeständigsten und kompromisslosesten Bands innerhalb der kanadischen Hardcore-Punk-Bewegung. Das Original-Line-up bestand aus Sänger und Gitarrist Pete „Puke“ Keller (auch bekannt als Pete Cleaver), Gitarrist Syd Savage, Bassist Tim Challenger und Schlagzeuger Doug „Donut“ Proulx. Die Band, die sowohl von UK-Punk als auch US-Hardcore beeinflusst war, spielte eine frühe Form des Crossover. Ihre Musik half, die Genregrenzen in Sachen Geschwindigkeit, Lautstärke und konfrontativer Live-Provokation auszuweiten. Ihre Sound war aggressiv, blieb aber unpoliert, man könnte fast meinen, sie hätten es darauf angelegt, aus dem Begriff „Street Punk“ nun „Street Hardcore“ abzuleiten. Es ging darum, dass sie schnell abliefern und dazu sehr starke sozialkritische Texte rüberbrachten. DEATH SENTENCE wurden in der Underground-Szene von Vancouver schnell populär, nachdem sie den zweiten Platz bei einem chaotischen Bandcontest belegten, der fast in einem Aufruhr mündete. Den Gewinn investierten DEATH SENTENCE in ihr erstes Demo mit acht Songs.
1985 nahmen DEATH SENTENCE in einem Keller in East Vancouver innerhalb von nur vier Tagen ihre Debüt-LP „Not A Pretty Sight“ auf. Diese erschien auf Undergrowth Records, wobei diese Platte schnell zu einem Meilenstein des kanadischen Hardcore-Punk wurde. Trotz der miesen Aufnahmebedingungen konnte diese LP die Band in ihrer ganzen Intensität einfangen. Das Album bescherte DEATH SENTENCE landesweite Bekanntheit und ist bis heute eine der einflussreichsten kanadischen Punk-Platten der 1980er Jahre.
Der Erfolg der ersten LP verhalf der Band dazu, ausgiebig durch Kanada und den Nordwesten der USA touren zu können, wo sie unter anderem mit Bands wie BLACK FLAG, BAD BRAINS, MDC, D.O.A. oder GBH spielten. Es folgten einige Besetzungswechsel. Gitarrist Syd Savage verließ die Band kurzzeitig, kehrte aber wieder zurück. Jimmy „Vegas“ Sigmund stieß als Bassist dazu. Mehrfach sprang Brad Kent als Gitarrist ein, den man auch von anderen Bands kennt, wie den AVENGERS, den kanadischen SUBHUMANS, D.O.A. oder POINTED STICKS. Der Sound von DEATH SENTENCE wurde mit der Zeit härter, sie integrierten heftige Rock- und Metal-Elemente, ohne ihr Hardcore-Fundament aufzugeben. Diese Entwicklung gipfelte 1987 in der Aufnahme der „Stop Killing Me“-LP, die im folgendem Jahr von Fringe Product veröffentlicht wurde. Aufgenommen in den Profile Sound Studios in Vancouver und in Toronto gemastert, passte das Album wie die Faust aufs Auge zu der damals sehr großen Crossover-Welle innerhalb der Punk Szene.
Kurz danach erschien ebenfalls auf Fringe Product die „Danger Zone/I.W.A.W.F.T. Soviet Union“-7“, die ein breiteres klangliches Spektrum widerspiegelte. 1989 wurde ein Demotape mit dem Titel „Girls, Guns & Guitars“ aufgenommen, das musikalisch in eine noch rockigere Richtung ging, aber der interne Druck durch Drogenmissbrauch, finanzielle Probleme und ständige Besetzungswechsel verhinderte die Fertigstellung eines dritten Albums und 1991 lösten sich DEATH SENTENCE schließlich auf. Der Tod von Sänger/Gitarrist Pete Keller im Jahr 1994 markierte einen entscheidenden Verlust für die Band und die Punk-Community von Vancouver. Doch das Interesse an DEATH SENTENCE hielt in den Folgejahren an, allerdings konnten die Platten aufgrund rechtlicher Probleme nach dem Ende des Labels Fringe Product nicht nachgepresst werden. Erst 2009 erschien eine selbstbetitelte Anthologie-CD auf Lazy 8 Records mit den Songs der beiden LPs.
Im Jahr 2001 fand eine Reunion-Show statt, als die Band mit Gastsänger Bernie Coulson für das Naughty Camp Festival wieder zusammenkam. Es folgten noch einige weitere Auftritte, jetzt mit Dan „Jib-Tank“ Scum am Mikro, dann war aufgrund von terminlichen Abstimmungsprobleme der Bandmitglieder endgültig Schluss. Trotzdem hatten DEATH SENTENCE einen anhaltenden Einfluss auf die kanadische Punk Szene, als einer der gefährlichsten und prägendsten Hardcore-Acts aus Vancouver der 1980er Jahre.
Über vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung kehrten DEATH SENTENCE 2025 mit einer neuen Besetzung zurück. Gründungsmitglied Syd Savage und der langjährige Bassist Jimmy Sigmund bilden den Kern, ergänzt durch Shane Davis (TANK HOG, OGER) und Kristoff Maier (CRUMMY). Zusammen spielen sie eine moderne Version der DEATH SENTENCE-Songs, wobei sie ihren Wurzeln Tribut zollen, um daran zu erinnern, wie Hardcore-Punk klingen soll.
PERSONALITY CRISIS
Die Band wurde 1979 als LE KILLE von Bassist Mitch Funk in Winnipeg in der Provinz Manitoba gegründet, wobei er das einzige konstante Mitglied der Gruppe bleiben sollte. Zur der Band gehörten noch die Gitarristen Tommy Wharton und Walter Kot, der Schlagzeuger Ed Asselin und Sänger Doug Bauer. Bauer und Asselin verließen im folgendem Jahr die Band wieder und bewegten Mitch Funk dazu ausschließlich den Lead-Gesang zu übernehmen. 1981 verließ Gitarrist Tommy Wharton die Band. Der Einstieg von Schlagzeuger Mark Halldorson und Bassist Richard Duguay fiel mit der Namensänderung in PERSONALITY CRISIS später in diesem Jahr zusammen. Nach dem Ausscheiden des zweiten Gitarristen Walter Kots 1982 hatte die Gruppe ihre letzte, langlebige Besetzung gefunden. Neben Mitch Funk waren das Richard Duguay (jetzt Gitarre), Gitarrist Jimmy Green, Bassist Duane Eddie und Schlagzeuger Jon Card.
PERSONALITY CRISIS veröffentlichten 1981 und 1982 insgesamt drei Demotapes, 1983 kam die LP „Creatures For Awhile“ bei Risky Records raus, doch bereits 1984 folgte die Auflösung. Die LP wurde 1990 von Overground Records noch einmal veröffentlicht, jetzt mit einem neuen Cover sowie fünf neuen Songs, die fünf Tracks der Originalversion ersetzten. Overground veröffentlichte in dem Jahr auch die posthume 7“ „Twilight’s Last Gleaming“ mit zwei Songs. Rereleases von „Creatures For Awhile“ in der ursprünglichen Version erschienen 2009 auf War On Music sowie 2021 und 2023 auf Porterhouse Records.
Winnipegs Punk-Szene war aufgrund der geografischen Lage in der Mitte Kanadas, quasi auf halbem Weg zwischen Vancouver im Westen und Toronto/Montreal im Osten, in den 1980er Jahren ein beliebter Knotenpunkt des nordamerikanischen Tourgeschehens, es gab Auftritte von D.O.A., MINOR THREAT oder CRO-MAGS. Eine Legende besagt, dass sich DISCHARGE in Winnipeg nach einem besonders angespannten Konzert auf der „Grave New World“-Tour aufgelöst haben. Neben der Gastfreundschaft bot diese gerne als depressiv kolportierte Grenzstadt zur USA auch eine der vielfältigsten regionalen Szenen der damaligen Zeit, sozusagen eine selbstbewusste Avantgarde mit Bands wie RUGGEDY ANNES, DUB RIFLFES, STRETCH MARKS – obwohl PERSONALITY CRISIS über dem Rest schweben.
Nach dem Ende der Band im Jahr 1984 wechselte Drummer Jon Card zu SNFU, D.O.A. und später zu THE SUBHUMANS. Es ist noch erwähnenswert, dass er am 11.12.1960 in Zweibrücken geboren wurde. Sein Vater war bei der Royal Canadian Air Force. Im Alter von vier Jahren zog er mit seinen Eltern nach Calgary in Kanada. 1982 sah er dort PERSONALITY CRISIS live und zog kurzentschlossen nach Winnipeg, um bei ihnen zu trommeln. Jon Card verstarb leider im April 2024 nach langer Krankheit. Auch Sänger Mitch Funk spielte noch in anderen Bands, darunter HONEST JOHN, während Gitarrist Richard Duguay später mit GUNS N’ ROSES war, einschließlich seiner Mitwirkung bei den Gitarrentracks auf dem „The Spaghetti Incident?“-Album von 1993, das mehrere Punk-Cover enthielt. Die Songs von PERSONALITY CRISIS wurden später von SNFU und THE FORBIDDEN DIMENSION gecovert.
In der Nachbetrachtung bleibt festzuhalten, dass PERSONALITY CRISIS eine der spannendsten Bands in der Szene von Winnipeg waren. „Creatures For Awhile“ bleibt eines der charismatischsten Alben der 1980er Jahre, was vornehmlich auf die unfassbare Baritonstimme von Mitch Funk zurückzuführen ist. Leider ist er 2024 nach einem langem Kampf gegen den Krebs im Alter von 65 Jahren verstorben. Mitch Funk war eine lokale Legende, der mit seiner Ausstrahlung und seinem schwarzen Humor die Hardcore-Szene faszinierte. 2008 veröffentlichte der Punk-Historiker Chris Walter bei GFY Press die Bandbiografie „Personality Crisis: Warm Beer and Wild Times“.
NEOS
... gründeten sich 1980 in Victoria, British Columbia, gut eineinhalb Stunden Fährfahrt von Vancouver entfernt, an der kanadischen Pazifikküste. Das Highschool-Trio spielte laute und einfache Hardcore-Punk-Nummern und versuchten, die „schnellste Band der Welt“ zu werden, was sie zu dieser Zeit womöglich auch waren. NEOS ähnelten Bands wie DEEP WOUND, GANG GREEN oder D.R.I.. In Kanada waren die NEOS absolute Pioniere. Sie waren mit NOMEANSNO befreundet und haben ihnen bei den ersten Schritten in der Punk Szene geholfen. Die NEOS bestanden aus Steve Bailey (gt, voc), Kev Smith (bs) und Mario Kasapi (dr). Sie schafften es dennoch, sich für die „langsame“ Musik von Bands zu öffnen wie den kanadischen SUBHUMANS, BLACK FLAG oder DEAD KENNEDYS, womit sie Jello Biafra als Fan gewannen. NEOS veröffentlichten im Jahr 1982 zwei 7“s auf ihrem eigenen Label Alandhiscar. „End All Discrimination“ umfasste 11 Tracks und auf „Hassibah Gets The Marsian Brain Squeeze“ waren es 14. Das New Yorker Ratcage-Label fand großen Gefallen an den NEOS und presste die zweite 7“ im Jahr 1983 offiziell nach.
Die NEOS blieben während der 1980er Jahre ein kleiner, aber feiner Geheimtipp. Sie waren Pioniere des super tighten, ultraschnellen Hardcore, der später in vielen anderen Subgenres wieder auftauchte. Von Jello Biafra über J. Mascis bis hin zu Fat Mike – sie alle schätzen die unheimliche musikalische Wucht der NEOS. Einige ihrer obskuren Songs wurden später auch von CHARLES BRONSON, SPAZZ und NOFX gecovert.
Nachdem sich die NEOS Ende 1983 auflösten, machten Gitarrist/Sänger Steve Bailey und Bassist Kev Smitch ein weiteres Jahr unter dem Namen HARVEST OF SEAWEED weiter, allerdings war dies nur eine Studioformation, aber keine Live-Band. Danach startete Kev Smith die Band SLUDGE CONFRONTATIONS zusammen mit John London von der legendären Hardcore-Band JERK WARD aus Victoria, sie veröffentlichten fünf Alben und zwei Singles. Die NEOS-Mitglieder spielten schließlich Anfang der 1990er Jahre bei MEXICAN POWER AUTHORITY vorrangig Grind- und Fastcore und brachten es auf sechs Alben und drei Singles. Eine weitere Band mit Steve Bailey von NEOS waren Tom Hollistons SHOWBUSINESS GIANTS (acht Alben und zwei Singles), wo unter anderem auch Andy Kerr und John Wright von NOMEANSNO mitmachten.
2021 erschien auf Supreme Echo Records die liebevoll zusammengestellte NEOS-Anthology-LP „Three Teens Hellbent On Speed“, die man auch als eine „Anthropologie der Gegenkultur“ bezeichnen kann. Es ist ein Versuch, die kurze, aber ereignisreiche Existenz der NEOS zu dokumentieren, die mit tiefgründigen Texten, Humor, bizarren Arrangements und purer Verrücktheit andere Bands aus dem Thrash Metal, Grindcore, Noisecore und Hardcore-Punk inspirierten. Enthalten sind sämtliche Aufnahmen aus den Jahren 1981 bis 1983, also beide EPs, Outtakes, Demos und Live-Mitschnitte. Insgesamt sind es 51 Songs in 49 Minuten, die von den Originalquellen stammen und sorgfältig remastert wurden. Der LP liegt ein 24-seitiges Booklet bei mit einer ausführlichen Biografie von Gitarrist und Sänger Steve Bailey sowie Songtexten, vielen Fotos, Postern, Artwork etc. Erschienen ist das Ganze in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren auf schwarzem Vinyl.
DAYGLO ABORTIONS
... wurden 1979 von Sänger und Gitarrist Murray „The Cretin“ Action in Victoria, British Columbia gegründet. Murray Acton ist über all die Jahrzehnte hinweg die treibende Kraft bei DAYGLO ABORTIONS geblieben. Acton macht Musik, seit er 1977 als Teenager sein erstes Live-Konzert gesehen hatte. Seit der Gründung haben die DAYGLO ABORTIONS tausende von Konzerten weltweit gespielt. Murray Acton ist meistens gleichzeitig in mehreren Bands und auch genreübergreifend aktiv. Seiner Ansicht nach stellt das Musizieren die höchste Berufung der Menschheit dar.
Wahrscheinlich sind DAYGLO ABORTIONS die anstößigste Punk-Metal-Band, die Kanada je hervorgebracht hat. Seit dem Start der Band sind sie zwei Jahrzehnte lang keiner Provokation aus dem Weg gegangen, die dazu beigetragen könnte, ihr Publikum zu schockieren und gut zu unterhalten. Dies taten sie mit Songs über Hundeficken, Mord an den eigenen Eltern, Vergewaltigung, Masturbation, Nuklearkrieg und natürlich über das nordamerikanische Opioid-Fiasko mit Hunderttausenden von Toten. Ihre Texte spiegeln damit eine genretypische Missachtung der gesellschaftlichen Normen wider. Musikalisch hatten DAYGLO ABORTIONS ihre Punk- als auch Metal-Phasen. Aber immer begeistert die Band mit ihren eingängigen, energiereichen als auch verdammt coolen Metalriffs, die man heutzutage in der Form kaum noch von anderen Bands zu hören bekommt. Ab ihrem Album 2004 „Holy Shiite“ zeigten die DAYGLO ABORTIONS ein neu gewonnenes politisches Bewusstsein mit Songs wie „America eats her young“, „Christina Bin Laden“, „Scientology“ und „Where’s Bin Laden?“. Über die Jahrzehnte hinweg bekam die Band rechtliche Probleme wegen des Coverartworks ihrer Platten. 1988 leitete ein Polizist in Nepean, Ontario eine strafrechtliche Untersuchung ein, nachdem seine Tochter die LP „Here Today, Guano Tomorrow“ mit nach Hause gebracht hatte. Daraufhin wurde Anklage wegen Obszönität gegen das Label der Band erhoben, Fringe Product Inc., als auch gegen dessen Plattenladen Record Peddler. DAYGLO ABORTIONS selbst wurden nicht angeklagt. Bei dem Prozess stellte eine Jury jedoch fest, dass das Material der Band nicht obszön sei.
Die Bandbiografie „Argh Fuck Kill: The Story of the Dayglo Abortions“ von Autor Chris Walter wurde 2010 von GoFuckYerself Press veröffentlicht. 2012 sah ich die DAYGLO ABORTIONS live auf dem Ruhrpott Rodeo Festival in Hünxe in Deutschland. Speziell ihr Drummer Marc Hlady hat mich mit seiner Art sehr beeindruckt. Sein Spitzname lautet „Blind Marc“, was damit zu tun hat, dass er in der Tat blind ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der er cool und sicher Schlagzeug spielt, war einfach beachtlich. Aber auch der Rest der Band sorgte für einen ordentlichen Abriss auf der Bühne. Seit 1979 haben DAYGLO ABORTIONS insgesamt elf LPs und zwei EPs veröffentlicht, wobei es die 1986 erschienene LP „Feed Us A Fetus“ auf 27 verschiedene Pressungen gebracht hat.
Am 30. August 2025 wurden sowohl Sänger und Gitarrist Murray Acton als auch Gitarrist Matt Fiorito in Ashland County, Ohio während einer laufenden US-Tour verhaftet. Zuerst wurden eventuelle Trump’sche Einwanderungsverstöße für Kanadier vermutet, da tagelang kein Kontakt zu den beiden bestand. Erst nachdem ein Anwalt eingeschaltet wurde und über eine Spendenaktion Geld für die Kaution für Matt Fiorito gesammelt wurde, wurden die beiden nach gut einer Woche wieder aus dem Gefängnis entlassen. Allerdings offenbarte sich bei der Entlassung ein entspanntes Verhältnis zu den Staatsbeamten, da sie der Band zehn Tourshirts abkauften. Danach konnten DAYGLO ABORTIONS zumindest die letzte Woche ihrer Tour zu Ende spielen. Murray Acton kehrte unbehelligt und ohne Anklage nach Kanada zurück, während Matt Fiorito nach dem Abschluss der Tour wieder in Ashland County erschien und wegen Drogenbesitz in kleinerem Umfang angeklagt wurde.
SNFU
Ken Chinn, der sich später Mr. Chi Pig nannte, traf in den späten 1970er Jahren die Zwillingsbrüder Brent und Marc Belke in Edmonton in der Provinz Alberta. Die drei Teenager verband ihr großes Interesse für die Skateboard-Subkultur als auch die aufkommende Punkrock-Bewegung. Sie gründeten 1981 die Punkband LIVE SEX SHOWS mit Schlagzeuger Ed Dobek und Bassist Phil Larson, die sich allerdings nach nur ein paar Konzerten wieder trennte. Chinn und die Belkes starteten daraufhin eine neue Gruppe mit dem Namen SOCIETY’S NO FUCKING USE, wobei sie den Namen nach kurzer Zeit in SOCIETY’S NFU abänderten. Die vielen Besetzungswechsel bei SNFU können hier nicht detailliert wiedergeben werde, da über die gesamte Dauer ihres Bestehens 27 Bandmitglieder bei SNFU aktiv waren und vier weitere Gastmusiker auf bestimmten Touren aushalfen.
1982 entstand ein 2-Song-Demotape mit dem Titel „Life Of A Bag Lady“ und bald darauf verwendeten sie nur noch SNFU als Bandnamen. 1983 waren sie dann mit zwei Songs auf dem „It Came From Inner Space“-Sampler von Rubber Records vertreten. Nach und nach bauten sich SNFU durch ihre grandiosen Live-Shows in ganz Nordamerika eine große Fangemeinde auf. Zudem waren sie 1983 und 1984 gemeinsam mit Bands wie YOUTH BRIGADE, DEAD KENNEDYS und DAYGLO ABORTIONS unterwegs, zudem erschien mit „Victims of the womanizer“ ein weiterer SNFU-Song auf dem heute legendären LP-Sampler „Something To Believe In“ auf Better Youth Organization Records. Daher war es absolut naheliegend, dass 1985 und 1986 auch die ersten beiden Alben „And No One Else Wanted To Play“ und „If You Swear, You Will Catch No Fish“ auf BYO Records erschienen, was ein echter Karriere-Booster für SNFU war, denn ihre Popularität stieg durch der Erfolg der beiden LPs stetig. Das Flipside-Fanzine wählte SNFU 1987 zur besten Live-Band, noch vor RED HOT CHILI PEPPERS oder FUGAZI. 1987 sah man METALLICA-Leadsänger James Hetfield auf dem Backcover von „The $5.98 E.P. – Garage Days Re-Revisited“ in ihrem ikonischen „Zombie“-T-Shirt. SNFU tourten zusammen mit VOIVOD und DAYGLO ABORTIONS und unterschrieben bei Cargo Records Canada. Cecil English produzierte ihre dritte LP „Better Than A Stick In The Eye“, die 1988 veröffentlicht wurde und das weltweite Hardcore-Punk-Publikum im Sturm eroberte.
Ende 1988 kamen SNFU auf ihre erste Tour nach Europa und spielten am 23.11. in der Zeche Carl in Essen, wo als Vorband FILTHY FEW auftraten, deren Sänger der geneigte Autor dieses Artikels ist. Das erste Mal vor 500 Leuten aufzutreten, war für mich eine großartige Sache, auch wenn es uns als Vorband natürlich bewusst war, dass das Publikum wegen SNFU gekommen war. Aufgrund von bandinternen Spannungen und musikalischen Differenzen lösten sich SNFU Ende 1989 auf. Ken Chinn zog nach Vancouver und sang bei THE WONGS und LITTLE JOE, wobei beide Bands sehr kurzlebig waren. Er outete sich auch bezüglich seiner Homosexualität und wurde ein Verfechter der queeren Identität.
Um ihren Vertrag mit Cargo Records zu erfüllen, veröffentlichten SNFU 1991 die „The Last Of The Big Time Suspenders“-LP, bestehend aus Live- und Demotracks und Studio-Outtakes. Daraufhin reformierten die Belke-Brüder, Mr. Chi Pig, Creager und Jon Card die Band. Zunächst war nur eine unterstützende Promotour zur Veröffentlichung der LP geplant. Die Tour war jedoch so erfolgreich, das SNFU einige Monate später offiziell reaktiviert wurden. 1992 folgte mit einer erneut neuen Besetzung eine umfangreiche Europatournee. 1993 unterzeichnete die Band einen Vertrag über drei Platten bei Epitaph Records, die sich damals auf dem Sprung vom Indie- zum Mainstream-Label waren, vorrangig durch den Erfolg der von ihnen veröffentlichten Alben von THE OFFSPRING und RANCID.
Von 1993 bis 1996 veröffentlichten SNFU auf Epitaph die Alben „Something Green And Leafy This Way Comes“, „The One Voted Most Likely To Suceed“ und „Fyulaba“. Zu diesem Zeitpunkt tourten SNFU auch zusammen mit GREEN DAY und BAD RELIGION, zusätzlich eröffneten sie große Mainstream-Konzerte in den USA als Vorband von KORN und TOOL. Da die letzte Platte „Fyulaba“ von 1996 nur gemischte Resonanz erhielt, verlängerte Epitaph den Vertrag der Band nicht, nachdem er Ende 1997 ausgelaufen war. Als Notlösung brachten SNFU das Live-Album „Let’s Get It Right The First Time“ heraus. Im März 1998 verließen Rees und Brent Belke SNFU, da beide ihre Film- und Fernsehkarriere weiter verfolgen wollten.
Trotz der Frustration durch die Erfahrungen in der Musikbranche und den Ausstieg der Bandmitglieder entschieden sich Ken Chinn, Johnson und Marc Belke, mit SNFU weiterzumachen. Also tourten sie weiter und begannen mit der sporadischen Arbeit an einem neuen Album, was letztendlich aber sechs Jahre dauern sollte. 2004 erschien „In The Meantime And Inbetween Time“ dann auf Rake Records. Kritiker bewerteten dieses Album als die Rückkehr zu alter Form, einige zählten es gar zu den besten SNFU-Veröffentlichungen überhaupt. Der Song „Cockatoo quill“ platzierte sich laut einer CBC Music-Umfrage im Jahr 2017 unter den Top 20 der beliebtesten kanadischen Songs. Im August 2005 löste sich die Gruppe allerdings aufgrund von internen Spannungen abermals auf. Marc Belke begann für eine große Radiostation zu arbeiten und moderierte dort seine eigene Show. Ken Chinns Gesundheitsprobleme eskalierten, er war eine Zeit lang obdachlos, bevor er in einem Projekt für betreutes Wohnen unterkam.
Im Juli 2007 planten Chinn und Fleming, eine Reihe der alten Songs als „asSNFU“ auf der 25-jährigen Jubiläumsparty von SNFU zu spielen. Zu Fleming an der Gitarre rekrutierten sie den Bassisten Bryan McCallum und den Schlagzeuger Chad Mareels. Als asSNFU spielten sie danach ein paar Konzerte, bevor sie sich wieder SNFU nannten. Diese Fortsetzung in Abwesenheit von Marc Belke verursachte eine kleine Kontroverse, aber Ken Chinn erklärte: „Was mich betrifft, ist es SNFU. Die Band hat sich im Laufe der Jahre verändert, und das ist nur eine weitere Veränderung. Diese Lieder sind mein Leben. Ich werde sie spielen, bis ich sterbe.“ SNFU entfalteten ihre umfangreichsten Aktivitäten seit den Epitaph-Jahren, was Touren in Kanada und Europa umfasste.
Im März 2010 hatte mit „Open Your Mouth And Say ... Mr. Chi Pig“ ein Dokumentarfilm über Ken Chinn Premiere. Produziert von der kanadischen Firma Prairie Coast Films und unter der Regie von Sean Patrick Shaul, konzentriert er sich auf Ken Chinn, seinen Drogenmissbrauchs und seine Schizophrenie. Die Doku enthält Interviews mit Jello Biafra von den DEAD KENNEDYS, Joey Keithley von D.O.A. und weiteren Personen aus der Underground-Punk und Medien-Szene.
Eine schwere Lungenentzündung von Ken Chinn führte dazu, dass viele Termine im Jahr 2011 abgesagt werden mussten. Die Band blieb dennoch aktiv und komponierte mit „Never Trouble Trouble Until Trouble Troubles You“ ihr erstes neues Material seit neun Jahren, das 2013 auf Cruzar Records erschien. Das Album erhielt gemischte Kritiken, einige lobten die erfolgreiche Annäherung der neuen Bandbesetzung an die vorherige Arbeit der Gruppe. Andere hingegen stellten Ken Chinns Fähigkeit infrage, weiter aufzutreten, da er nur über eine sehr schwache körperliche Konstitution verfügte. Dennoch war seine stimmliche Performance bei Live-Konzerten in vollem Umfang überzeugend. 2013 starteten sie ihre erste Tour in Japan und eine anschließende durch Kanada.
Der Punk-Historiker und Autor Chris Walter veröffentlichte 2014 eine offizielle Biografie der Band namens „What No One Else Wanted To Say“ bei GFY Press. Ab April 2014 spielte die Band in Europa, Kanada, und absolvierte wieder ihre ersten Auftritte in den USA seit 2001. Sie kehrten im Juli mit dem britischen Schlagzeuger Jamie Oliver aus Großbritannien nach Europa zurück. Gastdrummer Txutxo Krueger von TOTAL CHAOS half auch bei mehreren Auftritten aus. 2015 gab es in Kanada mehrere Konzerte, auf denen SNFU das 1985 erschienene Album „And No One Else Wanted To Play“ in seiner Gesamtheit spielten, um an das 30-jährige Jubiläum der LP-Veröffentlichung zu erinnern. 2015 traten sie auch zum ersten Mal seit 1997 in Australien und Neuseeland auf. Der baskische Schlagzeuger Batikão Est (von ESTRICALLA) begann 2016 mit der Gruppe zu spielen, darunter auch in Kanada und Europa.
Die Band plante weitere Termine für 2018, sagte diese aber ab und kündigte eine Pause an. Zwei Bandmitglieder (Steffes und später Dave Bacon) schlossen sich den REAL McKENZIES an. Im Juni 2019 veröffentlichte Artoffact Records „... And Yet, Another Pair Of Lost Suspenders“, ein Live-Album, das während der Reunion-Tour 1992 im Les Foufounes Électriques in Montreal aufgenommen worden war.
2019 erschien unter dem Namen SNFU das DAYGLO ABORTIONS-Cover „I wanna be an East Indian“ auf der LP „FTW – If It Can’t Take A Joke: A Tribute To The Dayglo Abortions“ von Cruzar Media Records, doch der Track stammte ausschließlich von Ken Chinn und Studiomusikern. Im November des Jahres enthüllte Kenn Chinn, dass er eine schwere Erkrankung hätte, die bald zu seinem Tod führen würde. Dennoch nahm er noch eine 7“ mit einer Orchesterversionen von „Hurt“ (geschrieben von NINE INCH NAILS) und des SNFU-Titels „Painful reminder“ auf. Ken Chinn starb am 16. Juli 2020 im Alter von 57 Jahren. SNFU veröffentlichten auf YouTube kurz nach seinem Tod den akustischen Track „Cement mixer“, Ken Chinns letzte Aufnahme. Damit wollte er all seinen Freunden ein letztes Goodbye senden, was ihm eindrucksvoll gelungen war. Der ursprüngliche SNFU-Schlagzeuger Evan C. Jones starb nur ein Jahr später am 17. April 2021.
SUBHUMANS
... sollte man nicht verwechseln mit der gleichnamigen britischen Punkband. Die kanadischen SUBHUMANS kamen aus Vancouver, British Columbia, wurden im Frühjahr 1978 von Brian „Wimpy Roy“ Goble (voc), Mike „Normal“ Graham (gt), Gerry „Useless“ Hannah (bs) und Ken „Dimwit“ Montgomery (dr) gegründet und waren ursprünglich bis Herbst 1982 aktiv. 1995 kamen sie für eine Tournee wieder zusammen und reformierten sich 2005 erneut bis 2010. In Vancouvers langer und glorreicher Punkrock-Geschichte waren nur wenige Bands mehr Punk oder rockiger als die SUBHUMANS. Frühe Konzerte endeten oft mit Krawallen und auch viele Jahrzehnte später überwältigen ihre Platten einen immer noch mit ihrer rohen Kraft. Die SUBHUMANS waren wütend und witzig, und verkörpern alles, was am Punkrock zwischen 1978 und 1982 so großartig war.
Ihre erste Show fand im Rahmen einer „Anti-Kanada-Tag“-Demo am 1. Juli 1979 statt, die von Anarchisten gesponsort wurde. Ihre Mischung aus rüdem Auftreten und musikalischem Talent war perfekt. Wimpy war der geborene Frontmann, der auf der Bühne immer eine unglaublich lustige Performance ablieferte. Seine Vorliebe für das Eintauchen ins Publikum ließ ihn oft verletzt und mindestens einmal auch völlig nackt zurück. SUBHUMANS und eine Handvoll anderer Punkbands, die sich im Zuge der weltweiten Punk-Bewegung auch in Vancouvergegründet hatten, sorgten dafür, dass eine große lokale Punk-Szene entstand, die wild, rauh und stürmisch war. Es gab neue Konzertorte, die gleich wieder dichtmachten nach Auftritten, die das Publikum begeisterten und Clubbesitzern und Polizei das Entsetzen ins Gesicht trieben. Das heutzutage vertraute Punk-Ethos, das besagt, dass jeder in einer Band spielen und dass jede Band dein Leben verändern kann, war Anfang der 1980er Jahren noch komplett neu und begeisterte allenthalben.
Die SUBHUMANS wurden schnell zu einer der führenden Bands der Szene und stürzten sich in DIY- und Small-Label-Aufnahmen, um ihre Musik zu veröffentlichen. Wie die anderen echten Punkbands dieser Zeit vermieden sie den müden und egozentrischen Style von stereotypen Popsongs. Sie waren stets auf der Höhe der Zeit und schrieben politische Texte mit satirischem Einschlag. SUBHUMANS-Songs wie „Fuck you“ und „Slave to my dick“ wurden Hymnen für ihr Publikum. „Fuck you“ war die ultimative Give-the-Finger-to-Authority Punk-Nummer, quasi eine musikalische Bombe mit einem Refrain, der die Haltung der desillusionierten Jugendlichen überall auf der Welt zusammenfasste: „Es ist uns egal, was du sagst, fick dich!“ Der Song „Slave to my dick“ war ein kritischer Blick auf Geschlechterrollen und eine bitterböse Satire auf geile Männer und ihre plumpen Strategien, um flachgelegt zu werden: „I do a lot of talking / But I don’t say much / I can’t be real / ’Cause I’m such, you know / I’m such a slave to my dick / It really makes me sick.“ Alle sangen auf den SUBHUMANS-Konzerten diesen Refrain mit. Andere Publikumslieblinge waren „Firing squad“, ein Lied über die Heucheleien und den Fanatismus, der Ende der 1970er von der iranischen Revolution entfesselt wurde, und „Inquisition day“ über den möglichen Aufstieg des Staatstotalitarismus in Kanada oder jedem anderen Land.
Kurz nach ihrer ersten Single „Death To The Sickoids“ verließ Dimwit die Band und wurde durch Koichi „Jim“ Imagawa ersetzt. Die Band veröffentlichte 1980 ihre erste LP „Incorrect Thoughts“. Danach verließen Hannah und Imagawa die Band und wurden durch Ron Allan (bs) und Randy Bowman (dr) ersetzt. Beflügelt vom Erfolg ihres Debütalbums machten sich die SUBHUMANS auf den Weg, um durch die USA und Kanada zu touren. Sie verbrachten endlose Stunden in einem stickigen Van, um mit Bands wie BLACK FLAG, HÜSKER DÜ, MINOR THREAT, DEAD KENNEDYS, X und BAD BRAINS zu spielen. Sie kamen an der Westküste besonders gut an und bauten sich eine große Anhängerschaft in Städten wie Seattle und San Francisco auf.
Nachdem Bassist Gerry „Useless“ Hannah die Band 1981 verlassen hatte, engagierte er sich für eine kleine Gruppe von Untergrundaktivisten, die sich selbst „Direct Action“ nannten. In den alternativen Medien wurden sie als „Vancouver 5“ bezeichnet, aber in der Mainstream-Presse nannte man sie die „Squamish 5“. Die „Direct Action“-Gruppe, die sich aus Ökolog:innen und Feminist:innen zusammensetzte, war für eine Reihe von Aktionen verantwortlich, darunter ein Bombenanschlag am 14. Oktober 1982 auf das Werksgebäude von Litton Industries in Ontario, wo Leitsysteme für Marschflugkörper hergestellt wurden. Dabei wurden mehrere Werksarbeiter und auch drei Polizisten verletzt. Hannah war zwar nicht an dem Litton-Bombenanschlag beteiligt, doch er unterstützte ihn und war bei anderen Aktionen dabei. Er plante auch, einen Geldtransporter auszurauben, um zukünftige Aktionen zu finanzieren.
Am 20. Januar 1983 wurde er zusammen mit vier anderen Mitgliedern von „Direct Action“ verhaftet. Für die Gruppe wurden von Leuten wie Jello Biafra und Joey Shithead von D.O.A. viele Spenden gesammelt, um Anwaltskosten zu bezahlen, aber am Ende bekannte sich Hannah schuldig, um einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe zu entgehen. Er erhielt eine zehnjährige Haftstrafe und wurde nach fünf Jahren vorzeitig freigelassen. Während seiner Zeit im Gefängnis begann er, eine Kolumne für das Maximum RocknRoll Fanzine in San Francisco zu schreiben, die dazu beitrug, seine Verbindung zur Punk-Szene aufrechtzuerhalten. Einige Jahre später drehte Glen Sanford, ein Filmemacher aus British Columbia, eine Doku über ihn mit dem Titel „Useless“.
1981 nahm man die SUBHUMANS in Deutschland vor allem durch ihren Song „Slave to my dick“ auf dem LP-Sampler „Let Them Eat Jellybeans“ von Alternative Tentacles wahr, auf dem weitere illustre Acts wie BLACK FLAG, D.O.A., DEAD KENNEDYS, CRICLE JERKS, FEEDERZ, REALLY RED oder BAD BRAINS vertreten waren, die heute allesamt als Kultbands des frühen nordamerikanischen Punkrock gelten. Das brachte den kanadischen SUBHUMANS eine gesteigerte Aufmerksamkeit, so dass das neue Line-up bei SST Records unterschrieb und 1982 die „No Wishes, No Prayers“-LP aufnahm. Aber kurz vor der Veröffentlichung der Platte trennte sich die Gruppe, da Brian Goble die Band verließ, um sich D.O.A. anzuschließen.
1995 reformierten sich die SUBHUMANS für eine Tour durch Westkanada. Die Besetzung bestand aus Brian Goble, Gerry Hannah, Ron Allan und Randy Bowman, zusammen mit Jon Williams an der Gitarre. Eine Zusammenstellung der Live-Aufnahmen der Tour 1995 mit dem Titel „Pissed Off ... With Good Reason!“ wurde im folgenden Jahr auf Essential Noise Records als CD veröffentlicht.
2005 kamen die SUBHUMANS mit dem folgenden Line-up wieder: Gerry Hannah am Bass, Jon Card (ex-PERSONALITY CRISIS, -SNFU und -D.O.A.) am Schlagzeug, Wimpy Roy am Mikro und Mike Graham an der Gitarre. Sie unterzeichneten bei Alternative Tentacles und G7 Welcoming Committee Records. Ein neues Album, „New Dark Age Parade“, wurde im September 2006 veröffentlicht. 2008 folgte mit „Death Was Too Kind“ eine Zusammenstellung der Songs der frühen Singles und EPs der Band.
Ron Allan und Mike Normal gründeten SHANGHAI DOG mit Barry Taylor von den YOUNG CANADIANS und Doug Andrew von CIRCUS IN FLAMES. Randy Bowman spielte später bei THE ENIGMAS als auch bei THE SCRAMBLERS. Die Songs der SUBHUMANS wurden von vielen anderen Bands gecovert, darunter D.O.A., NOMEANSNO, MDC, OVERKILL, JINGO DE LUNCH („Sick of today“) und sind in der Punk-Community immer noch hoch angesehen.
2010 wurde ein Dokumentarfilm über die SUBHUMANS mit dem Titel „Bloodied But Unbowed“ unter der Regie von Susanne Tabata vorgestellt. Im gleichen Jahr veröffentlichte die Band das Album „Same Thoughts, Different Day“, eine neu aufgenommene Version ihres ursprünglich 1980 erschienenen Debüts „Incorrect Thoughts“. Die Band hatte ursprünglich ihre erste LP neu auflegen wollen, wurde aber von der amerikanischen Plattenfirma CD Presents Ltd. Records blockiert, die das Eigentum daran beanspruchte. Die Band entschied, dass es wahrscheinlich billiger ist als ein langer Rechtsstreit, und entschied sich, das Album neu aufzunehmen, einschließlich „Bonus-Songs“ aus der gleichen Ära, die bislang unveröffentlicht waren. Obwohl es keine formelle Auflösung gab, erwiesen sich eine Reihe von Shows im Jahr 2010 nach der Veröffentlichung des Albums als die letzten Auftritte der Band. Am 7. Dezember 2014 starb Leadsänger Brian Goble im Alter von 57 Jahren an einem Herzinfarkt.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #121 August/September 2015 und Axel M. Gundlach
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #126 Juni/Juli 2016 und Markus Kolodziej
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #130 Februar/März 2017 und Markus Kolodziej
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #140 Oktober/November 2018 und Markus Kolodziej
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #162 Juni/Juli 2022 und Michael „Slayer“ Schneider
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #163 August/September 2022 und Michael „Slayer“ Schneider
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #171 Dezember 2023/Januar 2024 2023 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #172 Februar/März 2024 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #173 April/Mai 2024 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #174 Juni/Juli 2024 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #175 August/September 2024 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Axel M. Gundlach
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #179 April/Mai 2025 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Helge Schreiber
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Helge Schreiber