
Ihr kennt doch diese Wimmelbilder, wo man auf einem einzigen Bild hunderte von kleinen gezeichneten Personen bei den unterschiedlichsten Verrichtungen betrachten kann? Man schafft es kaum, sich einen richtigen Überblick zu verschaffen, entdeckt aber stetig neue Details. Bei der Recherche zu Bands aus Washington, D.C., stellt man unweigerlich fest, dass es unglaublich ist, wer mit wem über die Jahre alles zusammengespielt hat. Die ausufernden Texte im Netz und Bücher über die Washingtoner Bands der 1980er Jahre, die so unfassbar umfassend dokumentiert wurden, haben mir das Gefühl vermittelt, dass ich mit dem Raumschiff Enterprise im All unterwegs bin und dabei endlose Weiten entdeckt habe.
MINOR THREAT
MINOR THREAT sind das absolute Aushängeschild der damaligen Punk-Szene der Hauptstadt der USA. Die 1980 gegründete Band selbst war relativ kurzlebig und löste sich nach nur drei Jahren wieder auf, hatte aber einen immens starken Einfluss auf die gesamte aufstrebende amerikanische Hardcore-Punk-Szene. Die Fundamente für das große Ansehen von MINOR THREAT lagen sowohl in ihrem großartigen Hardcore-Punk-Sound als auch in der Art und Weise, wie sie ihre Überzeugungen und Werte nach außen vertraten. Zum einen waren da die Grundlagen der späteren Do-It-Yourself-Bewegung, denn zu diesem Zeitpunkt hatte keine Plattenfirma Interesse daran, die derbe Musik und seltsamen Texte von ein paar jungen Typen zu veröffentlichen. Daher mussten es die Punks selbst in die Hand nehmen und so wurden alle Aufnahmen von MINOR THREAT auf dem bandeigenem Label Dischord Records veröffentlicht. Auf der anderen Seite waren es die neuartigen Inhalte ihrer Musik, die eine Menge jugendlicher Punks zutiefst ansprachen. Ihr Song „Straight edge“ wurde gar zum Namensgeber einer neuen Bewegung, bei der es um einen Lebensstil ohne Alkohol oder andere Drogen geht, ebenso galt es erstrebenswert, auf Sex zu verzichten, solange man noch nicht verheiratet war. MINOR THREAT wurden zu Ikonen der Straight-Edge-Szene in den USA, auch wenn es von der Band selbst in keiner Weise forciert wurde. Zusammen mit anderen Bands aus Washington, D.C. wie den BAD BRAINS oder den kalifornischen BLACK FLAG setzten MINOR THREAT einen eindeutigen Standard für viele weitere Punkbands, die sich in den 1980er und 1990er Jahren gründeten.
MINOR THREAT wurden 1980 in Washington, D.C. von Sänger Ian MacKaye und Schlagzeuger Jeff Nelson gegründet. Beide hatten zuvor bereits in einigen anderen Bands gespielt, unter anderem den TEEN IDLES. In den zwei Jahren, in denen die TEEN IDLES Konzerte spielten, gewannen sie einen Fankreis von circa 100 Leuten. Ian MacKaye und Nelson glaubten stark an den DIY-Ethos und eine unabhängige Underground-Musikszene. Nach der Auflösung der TEEN IDLES nutzten sie das Geld, das sie durch ihre Auftritte verdient hatten, um Dischord Records zu gründen, das die Veröffentlichungen zahlreicher anderer D.C.-Punkbands ermöglicht hat. Für MINOR THREAT wurden zudem noch der Bassist Brian Baker und der Gitarrist Lyle Preslar rekrutiert. MINOR THREAT spielten ihr erstes Konzert im Dezember 1980 vor 50 Leuten in einem Keller, wo sie für die BAD BRAINS, BLACK MARKET BABY und S.O.A. den Abend eröffneten. Die ersten beiden MINOR THREAT-7“s „Minor Threat“ und „In My Eyes“ wurden 1981 veröffentlicht. Der Song „Straight edge“ von der ersten 7“ trug, wie bereits zuvor erwähnt, dazu bei, die Straight-Edge Szene zu begründen. Obwohl das Stück nicht als Regelwerk für die SxE-Bewegung geschrieben wurde, verwendeten viele spätere Bands, die von der Idee inspiriert wurden, es als solches. Die Mitglieder von MINOR THREAT erklärten, dass sie Straight Edge nie als „Bewegung“ beabsichtigt hätten oder es als diese ansahen.
In der Zeit zwischen der Veröffentlichung der zweiten 7“ Ende 1981 und der „Out Of Step“-12“ trennte sich die Band kurzzeitig für einige Monate, als Gitarrist Lyle Preslar nach Evanston zog, einem Vorort von Chicago, um ein Semester an der Northwestern University zu studieren. Lyle Preslar wurde dort für ein paar Proben Mitglied bei BIG BLACK. Während dieser Zeit stellten Ian MacKaye und Jeff Nelson ein reines Studioprojekt namens SKEWBALD / GRAND UNION zusammen, wobei sie sich aufgrund der zunehmenden Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen nicht auf einen Namen einigen konnte. Es wurden drei unbetitelte Songs aufgenommen, die später als 50. Veröffentlichung auf Dischord Records posthum veröffentlicht wurden. Während der inaktiven Phase von MINOR THREAT spielte Brian Baker auch für kurze Zeit Gitarre bei GOVERNMENT ISSUE, wo man ihn auf der „Make An Effort EP“-7“ hören kann. Im März 1982 verließ Lyle Preslar auf Drängen von H.R. von BAD BRAINS das College, damit MINOR THREAT wieder zusammenkommen. Die wiedervereinigte Band bestand aus einem erweiterten Line-up: Steve Hansgen kam als Bassist dazu und Baker wechselte zur zweiten Gitarre.
1983 trennten sich MINOR THREAT dann endgültig. Kreative Differenzen waren der Hauptgrund der Trennung. Lyle Preslar und Brian Baker waren Fans der Musik von U2 geworden und wollten, dass MINOR THREAT in eine ähnliche Richtung gehen sollten. Ian MacKaye ließ zum Ende hin mehr und mehr Proben aus und schrieb die Texte zu den Songs der „Salad Days“-7“ erst im Studio. Das war ein ziemlicher Kontrast zu den früheren Aufnahmen, da er die Musik für einen Großteil des frühen Materials der Band geschrieben oder mitgeschrieben hatte. MINOR THREAT, die nach dem Abgang von Steve Hansgen wieder zu viert waren, spielten ihre letzte Show am 23. September 1983 im Lansburgh Cultural Center in Washington, D.C.
Im März 1984, sechs Monate nach dem Ende von MINOR THREAT, wurden die beiden 7“s „Minor Threat“ und „In My Eyes“ auf einer LP zusammengefasst. In den folgenden Jahrzehnten wurde diese Platte zu einem Bestseller und über 30 Mal nachgepresst. Ian MacKaye gründete zusammen mit Jeff Nelson das Projekt EGG HUNT und in späteren Jahren FUGAZI, THE EVENS und CORIKY und 1987 auch PAILHEAD mit Paul Barker und Al Jourgensen von MINISTRY und Eric Spicer von NAKED RAYGUN. Brian Baker spielte noch in einer Vielzahl an Bands, wobei die bekanntesten JUNKYARD, THE MEATMEN, DAG NASTY und GOVERNMENT ISSUE sein dürften. Seit 1994 ist Brian Baker zudem festes Mitglied von BAD RELIGION. Lyle Preslar war kurzzeitig Teil von Glenn Danzigs SAMHAIN und ist in ein paar Songs auf ihrer ersten LP zu hören. 1984 stiegen Lyle Preslar und Brian Baker zusammen bei THE MEATMEN ein. Später leitete Lyle Preslar Caroline Records, signte unter anderem Peter Gabriel oder CHEMICAL BROTHERS und war auch für das Marketing von Sire Records verantwortlich. Lyle Preslar absolvierte die Rutgers University School of Law in Camden, NJ und lebt in New Jersey.
Jeff Nelson spielte mit THREE und THE HIGH-BACK CHAIRS, bevor er sich von der Live-Bühne zurückzog. Im Januar 1988 gründete er Pedestrian Press, mit der Absicht Bücher, Poster und verschiedene andere Merchandise-Artikel zu produzieren und zu verkaufen. Im folgenden Jahr 1989 gründete er das Sublabel Adult Swim Records, um Musik zu veröffentlichen, die für Dischord ungeeignet war. Heute lebt er in Toledo, Ohio. Steve Hansgen gründete SECOND WIND zusammen mit Rich Moore, einem ehemaligen MINOR THREAT-Roadie und Schlagzeuger der UNTOUCHABLES. 1992 arbeitete er als Produzent an der ersten TOOL-EP „Opiate“.
STATE OF ALERT
S.O.A., hatten sich im Oktober 1980 in Washington, D.C. gegründet und waren bis Juli 1981 aktiv. S.O.A. sind vor allem deswegen bekannt, weil sie die erste Band von Henry Rollins waren, bevor dieser nach Kalifornien umzog, um Sänger von BLACK FLAG zu werden. Henry Rollins trat bei S.O.A. noch unter seinem bürgerlichen Namen Henry Garfield auf. S.O.A. waren hervorgegangen aus den EXTORTS, nachdem sie ihren Sänger Lyle Preslar (der später Gitarrist von MINOR THREAT wurde) verloren und Henry Rollins engagiert hatten. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Henry Rollins als Sänger, Michael Hampton (später bei EMBRACE, FAITH, FAKE NAMES, THE SNAKES) an der Gitarre, Wendel Blow (später bei IRON CROSS) am Bass und Simon Jacobsen (später bei THE SNAKES) am Schlagzeug. Um den Jahreswechsel 1980/81 nahmen S.O.A. in den Inner Ear Studios in Arlington, Virginia zehn Songs für die „No Policy“ 7“-EP auf, die von Skip Groff produziert und von Inner Ear-Inhaber Don Zientara abgemischt wurde. Die „No Policy“ 7“-EP wurde im März 1981 auf Dischord Records als deren zweite Label-Veröffentlichung herausgebracht. Die „No Policy“-7“ wurde von Henry Rollins über seinen Job als Eiscreme-Verkäufer bei Häagen-Dazs finanziert, da Dischord zu der Zeit finanziell mit der Veröffentlichung der Debüt-EP von MINOR THREAT ausgelastet war.
Im April 1981 wurde Schlagzeuger Simon Jacobsen durch Ivor Hanson ersetzt. Dessen Vater war zu dieser Zeit Admiral bei der US-Marine und seine Familie lebte auf dem Gelände des Naval Observatory, zusammen mit dem US-Vizepräsidenten. Dort hatten S.O.A. auch ihren Proberaum und mussten jedes Mal vom Secret Service eingelassen werden. Ivor Hansons spielte nach dem Ende von S.O.A. auch noch bei EMBRACE und THE FAITH. S.O.A. spielten insgesamt nur neun Konzerte im Raum Washington D.C. und Henry Rollins beschrieb ihre Gigs später wie folgt: „Alle Auftritte dauerten lediglich 11 bis 14 Minuten, weil die Songs alle etwa nur 40 Sekunden lang waren ... und den Rest der Zeit riefen wir nur: ‚Are you ready? Are you ready?‘“ Die drei S.O.A.-Songs „I hate the kids“, das UK SUBS-Cover „Disease“ sowie das BOYCE AND HART-Cover „Stepping stone party“ wurden posthum auf der heute als Klassiker geltenden Dischord-Compilation-LP „Flex Your Head“ veröffentlicht, die im Januar 1982 erschien. Die „No Policy“-7“ ist im Original derzeit nur für viel Geld erhältlich, daher wurde sie 2022 im Rahmen der „First Six Dischord Records“-7“-Box wiederveröffentlicht.
THE FAITH
Der Anfang der Band beginnt mit dem Ausstieg von Henry Rollins bei S.O.A., der die Band in Richtung Kalifornien verließ, um bei BLACK FLAG zu singen. Henry Rollins wollte ursprünglich, dass Alec, der jüngere Bruder von Ian MacKaye, sein Nachfolger wird. Der wollte allerdings nicht die Texte von Henry Rollins übernehmen und so gründete Alec MacKaye stattdessen zusammen mit den S.O.A.-Mitgliedern Michael Hampton (gt) und Ivor Hanson (dr) eine neue Band namens THE FAITH. Die Stelle des Bassisten wurde von Chris Bald eingenommen. Bereits nach kurzer Zeit veröffentlichten THE FAITH eine Split-LP zusammen mit VOID, die sie 1982 mehr oder weniger weltweit bekannt machte. Danach stieg bei THE FAITH noch ein zweiter Gitarrist ein, Eddie Janney, ein ehemaliger Bandkollege von Alec bei den UNTOUCHABLES. Mit dieser Besetzung wurde 1983 die „Subject To Change“-12“ aufgenommen. Allerdings trennten sich THE FAITH noch im gleichen Jahr. 1985 kamen Michael Hampton, Ivor Hanson und Chris Bald noch einmal zusammen, aber nicht mehr unter dem Namen THE FAITH. Statt Alec MacKaye sang nun sein Bruder Ian und sie nannten sich EMBRACE, die Band war allerdings sehr kurzlebig, existierte nur von 1984 bis 1985 und spielte gerade mal elf Shows. Die EMBRACE-LP erschien 1987 posthum, nachdem sich die Band bereits lange zuvor aufgelöst hatte.
MARGINAL MAN
... waren eine Hardcore-Punk-Band, die sich 1982 gründete. Drei der Bandmitglieder, Sänger Steve Polcari, Gitarrist Pete Murray und Drummer Mike Manos, hatten zuvor zusammen in der Hardcore-Band ARTIFICIAL PEACE in Bethesda, Maryland gespielt und waren durch ihre drei Songs auf dem legendären „Flex Your Head“-Sampler bekannt geworden. Nach deren Auflösung taten sich die drei mit dem Bassisten Andre Lee und Kenny Inouye als zweiten Gitarristen zusammen. Der erste Auftritt der Band fand am 19. November 1982 bei einer Kellershow mit SCREAM, INSURRECTION, DOUBLE-O und UNITED MUTATION statt. Laut Polcari bezog sich der Bandname auf das Konzept „Freunde in zwei oder mehr Gruppen zu haben, aber keiner bestimmten Gruppe wirklich anzugehören. So im Sinne von ‚von außen nach innen schauen‘.“ Am 2. Januar 1983 spielten sie live beim „555“-Konzert im 9:30 Club in D.C. Die Show wurde mit „555“ angekündigt, weil nicht nur MARGINAL MAN zu fünft auf der Bühne standen, sondern auch MINOR THREAT und THE FAITH, die beide kurz zuvor ebenfalls einen zweiten Gitarristen zu ihrer Besetzung hinzugefügt hatten. Der Zuspruch war riesig und die Tickets waren fast sofort ausverkauft, so dass eine zweite Show angesetzt werden musste, um dem Andrang gerecht zu werden. Dies überraschte fast alle und machte zum ersten Mal deutlich, dass lokale Bands zunehmend mehr Aufmerksamkeit erregten als viele Tournee-Acts, die nach Washington kamen.
1984 veröffentlichten MARGINAL MAN die „Identity“-LP auf Dischord und 1985 „Double Image“ auf Gastanka Records. Die Band tourte regelmäßig durch die USA, bevor sie am 24. März 1988 ein „letztes“ Konzert im 9:30 Club gab. Die zweite LP „Double Image“ erschien nach der Auflösung der Band im Jahr 1988 auch noch einmal als Lizenzpressung beim Wuppertaler Label Double A Records, zudem kam ebenfalls Ende 1988 die selbstbetitelte „Marginal Man“ LP mit zehn neuen Songs auf Giant Records raus. In späteren Jahren kamen MARGINAL MAN noch zu einzelnen Reunion Shows zusammen, wie am 29. August und 30. Dezember 1991 im 9:30 Club als auch am 20. August 2011 im Black Cat Club.
VOID
... kamen ursprünglich aus der Kleinstadt Columbia, Maryland, die zwischen Baltimore und Washington liegt, und gehörten mit zum Kern der D.C.-Hardcore-Szene. Die Band gründete sich 1980, nachdem sich die Mitglieder nach einem Konzert von THE TEEN IDLES in Baltimore mit ihnen angefreundet hatten und in der Folge zahlreiche Hardcore-Konzerte in Washington besuchten. VOID wichen musikalisch vom klassischen D.C.-Sound ab, zudem trug Gitarrist Jon „Bubba“ Dupree durch sein Äußeres (er ist halb Afroamerikaner, halb Filipino) zum Exotenstatus der Band innerhalb der von Weißen dominierten Szene bei. VOID waren eine der ersten Bands, die Hardcore und Metal zum später angesagten Crossover-Sound mischten. Im November 1981 nahmen VOID in den Hit and Run Studios in Baltimore ein Demo mit 20 Songs auf. Durch die TEEN IDLES lernten Bassist Chris Stover und Drummer Sean Finnegan von VOID Ian MacKaye von Dischord kennen und so erschienen 1982 drei VOID-Songs auf dem „Flex Your Head“-Sampler. Ebenfalls auf Dischord Records erschien im September 1982 ihre Split-LP mit THE FAITH. Ab 1983 begannen VOID Metal-Einflüsse in ihre Musik zu integrieren, und das bereits mehrere Jahre, bevor dies im US-Hardcore zu einer allgemeinen Entwicklung wurde. Im April 1983 traten VOID als Headliner im CBGB’s Club in New York auf, wobei sich Sänger John Weiffenbach bereits nach einer Minute beim Sprung von einem Verstärker den Fuß brach. Im Sommer 1983 nahm die Band ein Album für das damals in Detroit ansässige Label Touch & Go Records auf, das jedoch nie veröffentlicht wurde, da es dem Label zunächst zu Metal-lastig war und die Band später einer Veröffentlichung nicht mehr zustimmte. 1984 lösten sich VOID auf.
1992 wurden die Songs des 1981er Demos als „Condensed Flesh“-7“ von Eye 95 Records veröffentlicht. 2006 fand zudem ein VOID-Song seinen Weg in den Soundtrack der „American Hardcore“-Doku. 2011 veröffentlichten Dischord die Diskografie „Sessions 1981-1983“. 2015 waren VOID selbstverständlich auch in der filmischen Dokumentation „Salad Days: A Decade Of Punk in Washington, DC (1980-90)“ des Regisseurs Scott Crawford vertreten. VOID-Gitarrist Bubba Dupree spielte später Gitarre bei MOBY. Schlagzeuger Sean Finnegan arbeitete als Techniker am Set der Fernsehserie „The Wire“ und verstarb 2008 43-jährig an einem Herzinfarkt.
SCREAM
... hatten sich 1981 im Washingtoner Vorort Bailey’s Crossroads, Virginia gegründet. Sie zählten mit zur Speerspitze der Washingtoner Hardcore-Explosion. Zu SCREAM gehörten Sänger Pete Stahl, sein Bruder und Gitarrist Franz, der Bassist Skeeter Thompson und Drummer Kent Stax. Zusammen mit Bands wie MINOR THREAT und GOVERNMENT ISSUE standen sie für schnelle Songs, gesellschaftskritische Texte und einen klaren DIY-Ethos. SCREAM nahmen 1983 ihre erste LP „Still Screaming“ im Keller der Inner Ear Studios in Arlington, Virginia auf. Die LP erschien auf Dischord Records und war mit der Katalognummer 9 das erste komplette Album einer Band aus D.C., da bis zu diesem Zeitpunkt lediglich 7“s und 12“s auf dem Label erschienen waren. 1985 folgte die „This Side Up“-LP, auf der nun ein Mix aus Hardcore-Punk und Rock-Elementen zu hören war, da es durch den Einsatz des zweiten Gitarristen Robert Lee „Harley“ Davidson einen wesentlich druckvolleren Sound gab. Zu dieser Zeit tourten SCREAM erstmals durch Europa und spielten sich komplett in die Herzen der Punks.
Musikalisch veränderten sich SCREAM danach auch weiterhin, was in Anbetracht der Entwicklungen in der Washington, D.C. Szene kein Wunder war. Auf dem dritten Album „Banging The Drum“ bemerkt man die Abkehr von den harten, schnellen Songs der Frühzeit hin zu einer expressiven Darstellung von Emotionen. Für ausgewählte Live-Shows hatten SCREAM den D.C.-Keyboarder Bobby Madden mit an Bord. Der ist heute mit Mitte 70 der SCREAM-Archivar und darüber hinaus ein begnadeter bildender Künstler.
Nach dem dritten Album verließ Drummer Kent Stax die Band aus persönlichen Gründen und wurde durch den 17-jährigen Schlagzeuger Dave Grohl ersetzt, der die Band über sein Alter belog, um mit SCREAM nach Europa fliegen zu können. Mit ihm nahmen SCREAM 1988 ihr viertes Album „No More Censorship“ auf, für das die Band eine Veröffentlichung durch das Reggae-Label RAS Records anstelle von Dischord bevorzugte. Die Band tourte im Frühjahr 1990 durch Europa und ihre Show in Alzey, Deutschland, wurde für Teil 10 der „Your Choice Live Series“ mitgeschnitten. SCREAM nahmen nach der Rückkehr in die USA ihr fünftes Studioalbum „Fumble“ auf, lösten sich allerdings 1990 auf. Erst drei Jahre nach der Trennung wurde „Fumble“ offiziell auf Dischord Records veröffentlicht.
Nach dem Ende von SCREAM zog Dave Grohl nach Seattle, um Schlagzeuger von NIRVANA zu werden, während Pete und Franz Stahl in Nord-Hollywood die Rockband WOOL gründeten. Anlässlich des verspäteten Releases von „Fumble“ tourte die SCREAM-Besetzung Stahl/Stahl/Thompson/Grohl im Sommer 1993 durch Nordamerika. Am 28. Dezember 1996 gab es eine weitere Reunion-Show im Black Cat Club, wo sich Dave Grohl beim Song „No more censorship“ noch einmal hinter die Drums setzte. Ein Mitschnitt des Konzerts wurde 1998 als „Live At The Black Cat“ von Torque Records als CD veröffentlicht.
1997 schloss sich Franz Stahl der neu gegründeten Band von Dave Grohl an und spielte zwei Jahre mit den FOO FIGHTERS. Während dieser Zeit arbeitete Pete Stahl als Roadmanager für die FOO FIGHTERS und QUEENS OF THE STONE AGE, während er weiterhin Alben mit mehreren anderen Bands aufnahm. Skeeter Thompson blieb im Raum D.C. und spielte weiterhin in diversen Bands. Kent Stax zog sich vollständig aus der Öffentlichkeit zurück und widmete sich seinem Familienleben. Das Original-Line-Up von SCREAM spielte am 20. Dezember 2009 eine weitere Reunion-Show, wieder im Black Cat Club. Bei einem Spontanauftritt anlässlich des 30-jährigen Jubiläums-Bash des Clubs am 31. Mai 2010 gaben Pete Stahl (voc), Dave Grohl (gt), Skeeter Thompson (bs) und Kent Stax (dr) die Songs „Choke word“ (B-Seite der 1986er „Walking By Myself“-7“) sowie zwei BAD BRAINS-Cover zum Besten.
Im Jahr 2011 nahmen SCREAM im Original-Line-Up sieben Songs für die „Complete Control Recording Sessions“-EP in Dave Grohls Studio 606 in Los Angeles auf, die von SideOneDummy Records als 10“ veröffentlicht wurde. Mit dieser im Gepäck gingen SCREAM 2012 in Europa auf Tour und es gab ein wunderbares Wiedersehen mit vielen Freunden aus den 1980er und 1990er Jahren. Leider verstarb Drummer Kent Stax am 20. September 2023 an einer Krebserkrankung. Seinem Wunsch entsprechend wurde die Position des Drummers durch Jerry Busher von FIDELITY JONES besetzt. Im November 2023 erschien das Album „DC Special“, das die Band zu den eigenen Wurzeln zurückführte. Leider erlebte Kent Stax den Release dieses Albums nicht mehr, für das er noch alle Tracks eingespielt hatte. 2024 beglückten uns SCREAM mit einer ausgiebigen Europa-Tour gemeinsam mit ihren Washingtoner Freunden SOULSIDE, wobei sie allenthalben von sämtlichen Anwesenden abgefeiert wurden.
IRON CROSS
... waren im Kreis der D.C.-Bands eine Ausnahmeerscheinung, sahen sie sich doch eher im traditionellen Sinne als Oi!-Band. Sie avancierten in den kommenden Jahrzehnten zu einem Vorbild der amerikanischen Oi!-Szene. IRON CROSS waren eine der ersten Bands in den USA, die den Skinhead-Look und -Sound kultivierten. Einige der Bandmitglieder hatten aufgrund ihrer Freundschaft mit anderen D.C.-Bands sowohl eine enge Verbindung zu Ian MacKaye und Dischord Records als auch zur Washingtoner Hardcore-Punk-Subkultur. Sänger Sab Gray war zum Beispiel einer der Bewohner des Dischord House in Arlington, Virginia. IRON CROSS gründeten sich 1980. Drummer Dante Ferrando spielte zuvor in der Band BROKEN CROSS gemeinsam mit Gitarrist Mark Haggerty. Als Sab Gray und Dante Ferrando beschlossen, eine neue Band zu starten, schlug Sab den Namen IRON CROSS vor. Die Position des Bassisten zu besetzen, erwies sich für sie in der Anfangszeit als recht kompliziert, da nach drei Fehlbesetzungen erst mit Wendel Blow, der zuvor bei S.O.A. gespielt hatte, der Richtige gefunden wurde. Der einzige Nicht-Skinhead in der Band war Dante Ferrando, der seine stachelhaarige Punk-Frisur beibehielt. Der Name der Band und die Tatsache, dass die meisten der IRON CROSS-Mitglieder Skinheads waren, führten zu Faschismusvorwürfen, die Gray und andere ursprüngliche D.C.-Skins stets zurückwiesen und erklärten, dass sie „Nazis hassen“.
IRON CROSS veröffentlichten 1982 auf ihrem eigenen Label Skinflint die „Skinhead Glory“-7“, 1983 folgte die „Hated & Proud“-7“. Ab Mitte 1983 kam es zu mehreren Wechseln in der Besetzung, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würde, lediglich Sänger Sab Gray blieb als Konstante dabei. 1985 lösten sich IRON CROSS aufgrund der Querelen durch die ständigen Besetzungswechsel auf. Drummer Dante Ferrando gründete mit Gitarrist Mark Haggerty die Band GRAY MATTER, später spielte er auch bei IGNITION und ist heute Besitzer des D.C.-Clubs The Black Cat. Sab Gray spielte noch in der Rockabilly-Band SAB GRAY & THE ROYAL AMERICANS. Deren einzige nennenswerte Veröffentlichung ist die 2007 erschienene CD „Two Piece And A Biscuit“, die sieben Songs enthält, die allesamt 2003 im Studio aufgenommen wurden und von denen vier von IRON CROSS stammen. Später brachte Sab Gray mit neuen Leuten neue Songs auf zwei Singles heraus. 2009 erschien eine Split-7“ mit KEYSIDE STRIKE auf Koi Records und 2012 die EP „Est. 1980“ auf seinem eigenen Label Skinflint, auf der sich IRON CROSS eher wie eine Streetpunk-Band anhören. Natürlich spielten sie für diese 7“ auch ihren Hit „Crucified“ noch einmal ein.
Mitte der 1980er Jahre begannen AGNOSTIC FRONT den IRON CROSS-Song „Crucified“ zu covern, der 1982 auf der „Skinhead Glory“-7“ enthalten war. 1987 veröffentlichten AGNOSTIC FRONT ihre Version des Tracks auf der LP „Liberty & Justice For...“. Die Metapher der Kreuzigung eines Skinheads fand großen Anklang bei kommunistischen, anarchistischen und unpolitischen Skins, die es satt hatten, als Neonazis abgestempelt zu werden. Sympathisanten der White Power-Bewegung und Faschisten, die sich Skinheads nannten, identifizierten sich allerdings ebenfalls mit dem Lied. So ist „Crucified“ von IRON CROSS weltweit zu einer Hymne für beide Skinhead-Fraktionen geworden.
DAG NASTY
... wurden im Jahr 1985 von Brian Baker gegründet, der zuvor Gitarrist von MINOR THREAT war. Mit dabei waren Drummer Colin Sears sowie Bassist Roger Marbury und Sänger Shawn Brown, die beide vorher bei BLOODY MANNEQUIN ORCHESTRA spielten. Kurz vor der Aufnahme ihrer Debüt-LP „Can I Say“ wurde Shawn Brown durch Ex-DYS-Frontmann Dave Smalley ersetzt. Damit hielt eine Art Drehtür-Mentalität Einzug, die während der gesamten Existenz der Band andauerte und Brian Baker schließlich als einziges ursprüngliches Mitglied zurückließ.
Dave Smalley verließ DAG NASTY kurz vor einer geplanten Tour mit den DESCENDENTS, um in New York die Universität zu besuchen. Durch eine Anzeige in einer Lokalzeitung wurde mit Peter Cortner aber noch rechtzeitig ein neuer Sänger gefunden. Nach der Tour nahmen DAG NASTY neues Material auf, das erst Jahre später veröffentlicht wurde. Nach ein paar weiteren lokalen Shows löste sich die Band im Herbst 1986 auf. Brian Baker ging nach L.A., wo er ein kurzes Intermezzo bei DOGGY STYLE inklusive einer LP hatte. Anfang 1987 kehrte Brian Baker zurück und reformierte DAG NASTY. Monate später nahmen DAG NASTY das Album „Wig Out At Denkos“ auf, das sowohl Tracks von den Aufnahmen in Herbst 1986 enthielt, als auch neue Songs. 1988 erschien das Album „Field Day“ auf dem Majorlabel Giant Records, das von Dutch East India Trading vertrieben wurde. Es war ein ehrgeiziges Album, das gegensätzliche Reaktionen in der Szene hervorrief. Viele hassten es, weil es ihnen zu rockig und poppig klang, wohingegen andere genau das an diesem Album liebten. Es war der Versuch von Brian Baker, Pop-Melodien mit Hardcore- und Rock-Riffs zu kombinieren. DAG NASTY trennten sich kurz nach dem Ende der „Field Day“-Tour erneut.
1992 kamen DAG NASTY mit Dave Smalley als Sänger noch einmal zusammen und veröffentlichten das Album „Four On The Floor“ auf Epitaph Records. Und exakt zehn Jahre später kamen DAG NASTY erneut mit Dave Smalley zurück und brachten „Minority Of One“ auf Revelation Records raus. Das verdeutlicht, dass DAG NASTY für die Mitglieder eher ein Nebenprojekt als eine Vollzeitband waren. Peter Cortner, der seit Jahren nicht mehr direkt an der Band beteiligt war, wurde nach seinem Jurastudium Anwalt und praktizierte als Dozent. Inzwischen singt er zusammen mit Doug Carrion, der ebenfalls ein Ex-DAG NASTY-Mitglied ist, in der Band FIELD DAY, die es seit 2020 immerhin schon auf zwei 7“s, eine 12“ und eine LP gebracht haben. Drummer Colin Sears spielte bei THE MARSHES und später nach seinem Umzug nach Portland, Oregon bei HANDGUN BRAVADO. Er arbeitet zudem als Stadtplaner für die Portland Development Commission. Allseits bekannt ist, dass Brian Baker 1994 bei BAD RELIGION eingestiegen war, nachdem Brett Gurewitz die Band verlassen hatte, um sich auf sein Plattenlabel Epitaph Records zu konzentrieren.
Im Oktober 2012 kündigten DAG NASTY eine Reunion-Show in Washington D.C. mit ihrem ursprünglichen Sänger Shawn Brown an. Am 28. Dezember 2012 spielte das ursprüngliche DAG NASTY-Line-Up im Black Cat Club zur Unterstützung des Dokumentarfilms „Salad Days: A Decade of Punk in Washington, DC (1980-90)“. DAG NASTY reformierten sich 2015 ein weiteres Mal, 2016 spielten sie sogar eine Tour in Europa. Damals sah ich DAG NASTY auf dem Rebellion Festival in England und bin bis heute von dieser großartigen Live-Darbietung der alten Songs begeistert. In den USA spielten DAG NASTY 2016 auch auf dem Punk Rock Bowling Festival in Las Vegas und räumten dort ebenfalls ab. Ende 2016 erschien auf Dischord Records die „Cold Heart/Wanting Nothing“-7“, die bislang ihre letzte Veröffentlichung darstellt.
BEEFEATER
Mit BEEFEATER tauchte 1984 eine Punkband in Washington, D.C. auf, die im Vergleich zu allen anderen ziemlich ungewöhnlich war, da sie eine Fusion aus Punk, Funk und Jazz spielte, wobei sich Sänger Tomas Squip in seinen Texten vorrangig mit Politik und Spiritualität beschäftigte. Die Kombination aus ihrer pointierten Herangehensweise und der Intensität von Bands wie RITES OF SPRING wurde zur Inspiration für einen Großteil der Musik, die in den kommenden Jahren aus der Washingtoner Punk-Szene hervorgehen sollte. Ab Mitte der 1980er Jahre veränderte sich das musikalische Programm der Bands auf Dischord Records radikal. Vom schnellen Hardcore-Punk der frühen 1980er wechselte es zu den expressiven Bands, die schnell zu einem Aushängeschild des Punksounds aus Washington wurden, siehe exemplarisch FUGAZI.
BEEFEATER bestanden aus Sänger Tomas Squip, der 1981 aus der Schweiz nach Washington gekommen war, Gitarrist Fred „Freak“ Smith, Bassist Dug E. Bird (Birdzell) und Drummer Bruce Atchley Taylor. Ihre Debüt-LP „Plays For Lovers“ wurde 1985 selbstverständlich auf Dischord Records veröffentlicht. Der Nachfolger war 1986 eine 6-Songs-12“ mit dem Titel „Need A Job“, die auf Olive Tree Records erschien. Danach lösten sich BEEFEATER allerdings sang- und klanglos auf. Ihr letztes Album „House Burning Down“ kam posthum 1987 auf Dischord raus. Die Bandbesetzung war Zeit ihres Bestehens relativ stabil, lediglich die Stelle des Drummers wurde dreimal neu besetzt, zuletzt mit Kenny Craun. Nach der Trennung gründeten Tomas Squip und Dug Birdzell die Band FIDELITY JONES, während Kenny Craun bei RHYTHM PIGS spielte und Gitarrist Fred „Freak“ Smith sich STRANGE BOUTIQUE anschloss. Tomas Squip trug auch als Fotograf zu mehreren Dischord-Veröffentlichungen bei. Seine Kameraarbeit ist auf Platten von MINOR THREAT, DAG NASTY, SCREAM, EGG HUNT, RITES OF SPRING sowie auf dem Cover des 1985er Rereleases des „Flex Your Head“-Samplers zu sehen. Squip, der später zur Sikh-Religion konvertierte und den Namen Omar Emmet annahm, ist heute professionell als Künstler tätig. Gitarrist Fred Smith wurde am 8. August 2017 in San Fernando, Kalifornien erstochen. Er wurde 55 Jahre alt.
GOVERNMENT ISSUE
... waren von 1980 bis 1989 aktiv. Die Hardcore-Punk-Band erlebte viele Besetzungswechsel während dieser neun Jahre, wobei Sänger John Stabb das einzige ständige Mitglied blieb. Zu den verschiedenen Zeiten der Bandgeschichte spielten hier bekannte Musiker wie Brian Baker und Steve Hansgen (beide zuvor bei MINOR THREAT), Mike Fellows (RITES OF SPRING), J. Robbins (JAWBOX) und Peter Moffett (KINGFACE, WOOL). GOVERNMENT ISSUE, kurz GI, debütierten beim zweitägigen Unheard Music Festival in D.C. im Dezember 1980. Sänger John Stabb hatte seinen Spitznamen von THE STAB, seiner ersten Band, die mal als Vorband von den TEEN IDLES gespielt hatte. GOVERNMENT ISSUE fügten ihrer Musik auf späteren Veröffentlichungen Elemente von Heavy Metal und New Wave sowie psychedelische Einsprengsel hinzu. Dies führte dazu, dass GOVERNMENT ISSUE bisweilen im Vergleich zu anderen Hardcore-Acts aus Washington, D.C. etwas übersehen wurden. Dennoch war es gerade diese stilistische Vielfalt, die GOVERNMENT ISSUE zu einer einflussreichen Band machten.
Die Debüt-7“ „Legless Bull“ wurde im September 1981 auf Dischord Records veröffentlicht, nachdem der erste Gitarrist Brian Gay auf ein weit entferntes College wechselte und durch Brian Baker von MINOR THREAT ersetzt wurde, die sich zu dieser Zeit in einer Pause befanden. GOVERNMENT ISSUE steuerte auch zwei Songs zum „Flex Your Head“-Sampler bei. 1982 erschien auf Fountain Of Youth Records die zweite GOVERNMENT ISSUE-7“ mit dem Titel „Make An Effort“. Nach dieser Veröffentlichung wechselte Brian Baker wieder zurück zu MINOR THREAT. Er erinnert sich, dass sein Weggang „einvernehmlich war, nachdem John Stabb sich beruhigt hatte, aber alle anderen aus der Band verstanden das und hatten kein Problem damit“. Der bisherige Bassist Tom Lyle übernahm den vakanten Gitarrenposten und spielt auch auf der Debüt-12“ „Boycott Stabb“, die 1983 erschien und von Ian MacKaye produziert worden war. 1984 folgte die LP „Joyride“ und 1985 „The Fun Just Never Ends“. GOVERNMENT ISSUE wechselten danach zu Mystic Records in Kalifornien, in der Hoffnung auf besseres Marketing, und veröffentlichten 1985 dort zwei Platten, die „Give Us Stabb Or Give Us Death“-7“ als auch das Live-Album „Live!“. Die erhoffte bessere Promotion blieb allerdings aus, daher verließen zwei Mitglieder die Band.
Letztendlich wechselten GOVERNMENT ISSUE 1986 wieder zu Fountain Of Youth Records, wo sie eine selbstbetitelte LP herausbrachten, für die kurzfristig zwei neue Musiker rekrutiert wurden. Auf dieser 1986er LP ist klar und deutlich zu hören, dass sich die Band um John Stabb in eine melodischere Richtung bewegte. Weg vom dem traditionellen Hardcore hin zum Einfluss von Bands wie THE DAMNED und auch Goth-Rock. Damit war die Grundlage für einen weiteren Labelwechsel hin zu Giant Records gelegt, wo 1987 „You“ und 1988 „Crash“ erschienen. Giant Records war ein Sublabel des Majors Warner Music. Trotz des sich langsam einsstellenden überregionalen und sogar internationalen Erfolgs lösten sich GOVERNMENT ISSUE im Sommer 1989 auf. Die Auffassungen über kreative Vorgehensweisen gingen anscheinend zu weit auseinander, zudem beschleunigte auch ein schrecklicher Van-Unfall in England das Ende der Band. GOVERNMENT ISSUE haben sehr ausgiebige Touren in den USA und Europa gespielt, allerdings hatten die Beteiligten das Gefühl, vollkommen ausgelaugt zu sein. John Stabb zur Auflösung: „Es war klar, dass wir alle unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, was wir tun wollten. Ich denke, dass die Jungs es einfach müde wurden, miteinander zu arbeiten. Wir arrangierten eine letzte Show im 9:30 Club ... und das war’s.“
Nach der Trennung wechselten die Mitglieder zu anderen musikalischen Projekten. Tom Lyle veröffentlichte 1992 ein Solo-Album mit dem Titel „Sanctuary“. James „J“ Robbins gründete JAWBOX, während Moffett zu WOOL ging, die beiden trafen sich später bei BURNING AIRLINES wieder. John Stabb kehrte zu seinen Wurzeln zurück und spielte in den 1990er Jahren mit mehreren Gruppen aus Washington, D.C., bevor er im Jahr 2000 THE FACTORY INCIDENT gründete. Am 17. Juli 2007 wurde John Stabb von fünf Männern in der Nähe seines Hauses angegriffen und schwer am Kopf verletzt. In der Folge musste das Gesicht von John Stabb umfassend rekonstruiert werden. Um ihm und seiner damaligen Frau Mika Ackerman zu helfen, seine Arztrechnungen zu bezahlen, fand am 23. September 2007 ein Benefizkonzert statt, bei dem ein wiedervereinigtes Line-up mit John Stabb, Tom Lyle und Brian Baker, zusammen mit Schlagzeuger William Knapp unter dem Namen GOVERNMENT RE-ISSUE auftrat. Der Erlös des Konzerts wurde John Stabb gespendet.
Am 11. April 2014 trafen sich GOVERNMENT ISSUE zu einem letzten Reunion-Konzert, dieses Mal mit der ursprünglichen „Legless Bull“-Besetzung von 1982, namentlich John Stabb, John Barry, Brian Gay und als Schlagzeuger Karl Hill. Anlass war das Damaged City Festival in Washington, D.C. Nach diesem Auftritt sagte John Stabb: „GOVERNMENT ISSUE sind wieder eine Band, daher haben wir beschlossen, die Band einfach am Laufen zu halten.“ Sie spielten im Februar 2015 auf dem Bad Ass Weekend Festival in Houston und im Herbst eine fünftägige Tour durch den Südosten der Vereinigten Staaten. Am 19. Januar 2016 spielte John Stabb mit seiner 2008 von ihm gegründeten Band HISTORY REPEATED ein allerletztes Konzert, da er an Krebs erkrankt war. John Stabb starb am 7. Mai 2016 im Alter von 54 Jahren an Magenkrebs. Rest in Peace, John!
SECOND WIND
... blieben anders als die oft weltberühmten Punkbands aus D.C. eher unbekannt, obwohl sie 1984 mit der „Security“-12“ auf R&B Records eine der besten D.C.-Punk-Platten überhaupt veröffentlicht haben. Alle vier Mitglieder von SECOND WIND hatten zuvor in bekannten anderen Bands gespielt, so war Gitarrist Steve Hansgen zuvor bei MINOR THREAT und kurzzeitig auch bei GOVERNMENT ISSUE. 2012 schloss er sich dann YOUTH BRIGADE für deren kurze Reunion an. Sänger Rich Moore und Bassist Bert Queiroz hatten vorher zusammen sowohl bei den UNTOUCHABLES als auch bei DOUBLE-O gespielt und Schlagzeuger Mike Brown hat zuvor bei UNITED MUTATION gesungen. Angesichts der Herkunft der Band-Mitglieder und des Zeitrahmens der Veröffentlichung der „Security“-LP gibt es einige überraschende Rückschlüsse, die man rückblickend aus dieser LP ziehen kann. Eigentlich dominierte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch der typische Stop & Go-Hardcore-Punk, doch man konnte bereits den Beginn des „Revolution Summer“ erahnen, der sich ab 1985 im Raum Washington, D.C., durchsetzte.
SECOND WIND werden oft mit MINOR THREAT verglichen, aber sie sind eher das Produkt einer kleinen, aber bedeutenden Veränderung, die bereits im Jahr 1983 begann. Die „Out Of Step“-LP von MINOR THREAT wurde im Januar 1983 mit Steve Hansgen aufgenommen und im Juni desselben Jahres veröffentlicht. Sie war eine Art Höhepunkt von alldem, was sich zuvor in Bezug auf D.C.-Hardcore entwickelt hatte. Sie war aber auch wie das letzte Kapitel, mit dem ein Buch endet. Hört man sich die Platten von MARGINAL MAN, „Still Screaming“ von SCREAM, „Subject To Change“ von THE FAITH und „Salad Days“ von MINOR THREAT an, die weniger als zwölf Monate nach „Out Of Step“ aufgenommen wurden, kann man die Anfänge dessen erkennen, was die Musik von SECOND WIND ausmacht. Melodischeres Songwriting und längere Stücke, die eher dewm klassischen Rock der 1970er Jahre, britischem Post-Punk und Reggae verpflichtet sind als dem geradlinigen Hardcore-Punk, für den D.C. bekannt geworden war.
Während in den Texten der D.C.-Szene vor allem politische Themen eine Rolle spielten, sind die Songs auf „Security“, ähnlich wie auf „Identity“ von MARGINAL MAN, die ersten, bei denen dem man diese Art von Verletzlichkeit erkennen konnte, die die späten Revolution Summer“-Bands charakterisieren sollte. Wenn man sich den Text des Titelsongs anhört, ist das sicherlich etwas, das man „Emo“ nennen könnte. Für mich ist die SECOND WIND-LP definitiv eine der Top-5-Platten der Punkbands aus Washington, D.C.
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