DER KANON DES GUTEN GESCHMACKS

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RAMONES-Epigonen

THE RAMONES sind und bleiben ein Phänomen. Sie gelten zu Recht als eine der einflussreichsten und wegweisendsten Bands in der Rockmusik. Zwischen 1976 und 1995 brachte es die Band auf 14 Studio- sowie mehrere Live-Alben und Compilations. Die große Bedeutung der RAMONES als Inspirationsquelle zeigt sich auch darin, dass es Bands gibt, die ihre großen Vorbilder dadurch würdigen, ganze Alben komplett nachzuspielen, sich dabei zumeist an die exakte Songreihenfolge zu halten und auch am Coverartwork der Originale zu orientiere – ein einzigartiges Phänomen in der Musikgeschichte. Bis heute wurden 12 der 14 Studioalben sowie eine Live-Platte der RAMONES von anderen Bands neu aufgenommen. Hier werden diese Releases vorgestellt.

Eng verknüpft mit der Serie an RAMONES-Coveralben ist das US-Punkrock-Label Selfless Records, das später in Clearview Records überging und zwischen 1993 und 2000 für insgesamt acht dieser Releases verantwortlich zeichnete. Doch nun alles der Reihe nach, chronologisch geordnet nach dem Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Den Anfang machten 1993 SCREECHING WEASEL mit dem titellosen Debütalbum der RAMONES, auch wenn Frontmann Ben Weasel darauf verwies, dass seine liebste RAMONES-Platte eigentlich „Leave Home“ ist. Das Album wurde von Mass Giorgini produziert, in nur 15 Stunden eingespielt und bewusst im rohen, kraftvollen Stil der RAMONES gemixt – mit dem Ergebnis, dass die Coverversion dem Vorbild ziemlich nahe kommt. Handwerklich gut gemacht, aber ich bleibe dann doch lieber beim Original.

Im Jahr 1994 folgten die QUEERS mit „Rocket To Russia“. Mit Ben Weasel als Produzenten wurde das Album ohne nennenswerte Proben vorab an nur einem Tag eingespielt. Auch hier hört man, dass das Trio um Frontmann Joe Queer große Stücke auf die RAMONES hält, als Unterschied zum Original sticht eigentlich nur der typisch-nasale Gesang von Joe Queer heraus. Auch hier lautet die Bewertung entsprechend: ganz nett, aber nichts gegen das Original.

1994 erschien mit dem „Leave Home“-Album in der Version von den VINDICTIVES noch ein weiteres Coveralbum auf Selfless Records. Im Gegensatz zu den beiden ersteren beschritt die Band aus Chicago neue Wege und probierte einige Adaptionen. Das zeigte somit etwas mehr Kreativität, aber so richtig glücklich war man als RAMONES-Purist dann doch nicht mit dem Ergebnis. Die Reihenfolge der Songs wurde geändert, zudem war es doch befremdlich, große Hits wie „Sheena is a punk rocker“ plötzlich mit Metal-Gitarre, ausgedehnten Gitarrensoli und zusätzlichen Backingvocals zu hören. Gut gewollt, aber nicht unbedingt gut umgesetzt.

1996 firmierte Selfless Records um in Clearview und brachte das Album „End Of The Century“ an den Start, neu eingespielt von BORIS THE SPRINKLER. In einem langen Intro vom Opener „Do you remember rock’n’roll radio?“ zieht die Band noch über das Original als eines der schlechtesten RAMONES-Alben her, bleibt dann zumeist aber doch recht nahe dran. Bei einigen Songs wird allerdings das Gaspedal deutlich stärker durchgedrückt, was etwa „Baby, I love you“ gut zu Gesicht steht. Insgesamt ein sehr solides Album, das dem Vorbild gerecht wird, gleichzeitig aber auch eigene Spuren hinterlässt.

1997 folgte „It’s Alive“ in der Neufassung der PARASITES, allerdings nicht in der üblichen Doppelalbum-Version, sondern in der eher unbekannten Japan-Edition, die mit 20 Tracks acht Titel weniger enthielt. Fun Fact: Sowohl das Original als auch das Coveralbum wurden jeweils an einem 31.12. live eingespielt. Die PARASITES liefern grandios ab und covern mit Herzblut und Akribie: selbst einige Textfehler beim Gesang von Joey Ramone sowie Ansagen wie „It’s good to be back in England“ werden unverändert übernommen, auch wenn das Album in Berkeley in Kalifornien eingespielt wurde. Alles richtig gemacht.

1998 legte Clearview gleich zwei Alben vor, den Anfang machte THE MR. T EXPERIENCE mit „Road To Ruin“. Das Trio überzeugt mit kraftvollen Versionen, die gleichzeitig nahe am Original bleiben, aber trotzdem den Songs einen eigenen Stempel aufdrücken. Ein Album, das man immer mal wieder gerne anhören kann. Beim Song „Questioningly“ gibt es übrigens einen Gastauftritt von Penelope Houston von den AVENGERS. Dann coverten die BEATNIK TERMITES das Album „Pleasant Dreams“. Eine grandiose Kombination, denn dem Trio aus Cleveland gelang es, die Originale mit schönen Doo-wop-Einflüssen, mehrstimmigen Gesangsharmonien und feinen Chören ordentlich zu veredeln. Gekonnt produziert von Mass Giorgini und mit einem Gastauftritt von Ray von den HARD-ONS am Bass.

Im selben Jahr veröffentlichte Liberation Records veröffentlichte das Album „Too Tough To Die“ in der Neuaufnahme durch JON COUGAR CONCENTRATION CAMP. Das Pikante dabei war nur, dass knapp zwei Jahre später Clearview in Kooperation mit dem Label Coldfront mit dem gleichen Album nachzog, dieses Mal eingespielt von den McRACKINS. Während die insgesamt poppiger und näher am Original agieren, sind JON COUGAR CONCENTRATION CAMP eigenständiger, rauher, ungestümer mit höherem Garagen-Faktor am Werk. Trotzdem knapper Punktsieg für das McRACKINS-Album, nachdem Clearview die Cover-Serie einstellte.

Trotzdem war das nicht das Ende der Neueinspielungen von RAMONES-Alben. 2004 erschien auf dem norwegischen Label Ramones Fans Norway das Album „Subterrean Jungle“ in der neuen Fassung der TIP TOPPERS, einem Seitenprojekt von THE YUM YUMS und KWYET KINGS. Ursprünglich nur auf CD veröffentlicht, wurde es 2023 auch als LP auf dem Hey Suburbia-Label neu aufgelegt. Ein absolut empfehlenswertes Album, da es den Norwegern gelingt, mehr nach PSYCHOTIC YOUTH zu klingen als nach den RAMONES, ohne dabei aber das Original zu verleugnen. 2011 folgte „Halfway To Sanity“ in der neuen Fassung der KOBANES aus Chicago auf dem Label Fixing A Hole, das leider bisher nur auf CD erhältlich ist. Der Charme dieses Albums liegt darin, dass es sehr nahe am Original bleibt, selbst die Stimme des Sängers klingt an manchen Stellen sehr authentisch nach Joey Ramone.

Nach längerer Pause veröffentlichten die NEW ROCHELLES 2019 ihre Adaption von „Animal Boy“ auf Hey Pizza Records. Auch dieser US-Band gelingt die Gratwanderung, nahe am Original zu bleiben, gleichzeitig den Songs aber eine eigene Note einzuhauchen. Gutes Album. Gleiches gilt übrigens für die Band K7S aus Spanien und ihre Version von „Mondo Bizarro“, das 2021 in Kooperation von Stardumb Records und Family Spree veröffentlicht wurde. Mit Kurt Baker als Sänger wird hier ebenfalls sehr solide abgeliefert.

Aktuell wird der Reigen durch die DEECRACKS WITH ANDREA MANGES fortgeführt, deren Version des 1989er „Brain Drain“-Albums Ende 2024 erschienen ist. Das macht richtig Spaß und sollte in keiner Plattensammlung eines RAMONES-Fans fehlen. Die Produktion ist amtlich, die Songs werden nicht sklavisch kopiert, vielmehr könnte es sich fast um ein neues DEECRACKS-Album handeln.

Zur Vervollständigung sollen hier final noch zwei Alben erwähnt werden, auch wenn sie nicht ganz in das Konzept passen, dass eine Band alleine eine komplette RAMONES-Platte covert. 1988 erschien das Best-Of-Album „Ramones Mania“ mit 30 Titeln. 2001 erschien auf Trend Is Dead! Records eine CD mit dem Titel „RAMONES Maniacs“ mit allen 30 Titeln in der exakt gleichen Reihenfolge, dargereicht von vielen verschiedenen Bands, unter anderem CLETUS, BRACKET, YOUTH GONE MAD und THE VAPIDS. Und auch das Solo-Album eines RAMONES-Mitglieds wurde bereits gecovert. 2022 kam auf Stardumb Records eine neue Version von „Standing In The Spotlight“ von Dee Dee King alias Dee Dee Ramone raus. Das mit Rap-Passagen versehene, teilweise unsägliche Original gewinnt in der Fassung von Geoff Palmer enorm an Qualität.

Für RAMONES-Enthusiasten bieten die Coveralben eine schöne Abwechslung, um die Originale auch mal in einem anderen Licht zu sehen. Die meisten Releases werden den großen Vorbildern gerecht, auch wenn es natürlich den einen oder anderen Ausfall gibt. Tatsache ist, dass es noch zwei Studioalben der RAMONES gibt, die bisher noch nicht gecovert wurden, „Acid Eaters“ und „¡Adios Amigos!“ Wobei insbesondere „Acid Eaters“ natürlich eine große Herausforderung ist, handelt es sich doch selbst um ein Album nur mit Coversongs. Ich bin zuversichtlich, dass auch diese beiden Titel auf Dauer nicht „ungecovert“ bleiben werden. Geeignete Bands, die sich hierfür anbieten, gibt es reichlich. Gut vorstellen könnte ich mir etwa TEENAGE BOTTLEROCKET, HUNTINGTONS, FLANDERS 72 oder HAMBURG RAMÖNES. Alle haben bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie es verstehen, das Original würdig zu covern.
Gabba Gabba Hey!

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