HIRSCH EFFEKT

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Allein zu dritt

Mit Fug und Recht darf behauptet werden: Keine Band dieser Republik klingt so, wie es diese drei Herrschaften tun. Nun legt Deutschlands wohl visionärstes Trio mit „Der Brauch“ Album Nummer sieben vor. Und wieder mal ist es eine etwas spezielle Platte geworden. Warum, erklärt uns Gitarrist und Kreativkopf Nils Wittrock.

Album Nummer sieben steht in den Start­löchern. Salopp gefragt: Hat alles weitestgehend geflutscht beim Schreiben?

Doch, es hat eigentlich ganz gut geflutscht! Wenngleich ich sagen muss, dass dieses Album gänzlich anders als die vorherigen entstanden ist. Ich habe die Platte mehr oder weniger komplett alleine geschrieben. Wir hatten 2024 ein ziemlich cooles Jahr mit unserer Europatour. Und dann war irgendwann wieder Sommer. Und ich dachte, dass es doch nun an der Zeit wäre, ein neues Album zu machen. Aber ich und die anderen beiden Jungs waren einfach nicht an demselben Punkt, seinerzeit. Vor allem Ilja war viel unterwegs und in andere Projekte eingebunden. Vielleicht auch ein bisschen aus Trotz habe ich irgendwann beschlossen, dass ich es
alleine machen werde. Weil sich bei mir da einfach auch eine kreative Lücke aufgetan hatte.

Okay, und wie ging es dann weiter?
Nun, ich habe mich hingesetzt und angefangen zu schreiben. Und es ging sehr schnell voran. Diese Arbeitsweise war natürlich etwas Neues für mich, weil wir bei den vorangegangenen Scheiben viel gemeinsam gemacht hatten. Aber ich habe auch gemerkt, dass ich so deutlich freier arbeiten kann als sonst. In der Vergangenheit wollten wir uns beispielsweise immer auch mit jeder Platte neu challengen. Aber diesen Gedanken habe ich diesmal hinten angestellt. Ich habe einfach mal gemacht – und mich quasi selbst davon überraschen lassen, was dabei herauskam. Auf jeden Fall hatte ich Bock, wieder mehr organische Instrumente zu verwenden. Mehr klassische Gitarre, beispielsweise. Oder echte Streicher, die wir dann aufgenommen haben.
Im Januar dieses Jahres war dann alles bis auf vielleicht einen Song fertig. Sind alle in der Band fein damit, wie die Sache letztendlich gelaufen ist?
Wir machen schon sehr lange zusammen Musik, vor allem Ilja und ich. Seit 18 Jahren nun, glaube ich. Da ist es so ein bisschen naheliegend, dass man nicht immer die gleiche Arbeitsweise hat. Wir sind beide auch sehr starke Charaktere. Aber wir stehen auf der Bühne ja auch beide gleichberechtigt vorne, das ergibt also alles auch irgendwie Sinn. Und da ist es nicht so wichtig, wie die Songwriting-Anteile sich gerade verhalten. Typisch für unsere Band ist außerdem, dass wir alle sehr unterschiedliche Arbeits- und Lebenswelten haben. Ich lebe hier in Hannover mit meinem Kind und meinem Gitarrenunterricht, Ilja in Berlin mit seinen ganzen Acts und seinem Solo-Projekt. Und Moritz hat bis vor kurzem hier in Hannover promoviert. Daher gibt es da ganz naturgemäß unterschiedliche Prioritäten. Aber das ist auch okay. Ich bin aber nicht nur Musiker, weil ich irgendwie gern Gitarrenunterricht gebe oder weil ich gern im stillen Kämmerlein Musik schreibe. Sondern weil ich gern auf der Bühne stehe und vor allem sehr gerne auf Tour bin. Und ich glaube, das ist auch das, was ich am besten kann: Die Leute zu unterhalten mit dem, was ich tue. Es hat sich so ergeben, dass diese Band letztlich die einzige Möglichkeit für mich ist, das zu tun. Deshalb verspüre ich immer auch großen innerlichen Druck. Ich will wieder eine Platte machen, ich will mich wieder ausdrücken. Deswegen muss es immer weitergehen.

Du hast du logistische Komponente schon angesprochen. Könntest du uns mal auf den Stand bringen, wie und wo ihr aktuell geografisch verortet seid?
Ja klar, also Moritz und ich wohnen nach wie vor in Hannover, dementsprechend findet also auch das „Alltagsgeschäft“ der Band, wenn wir es so nennen wollen, hier statt. Ilja wohnt mittlerweile in Berlin und reist zu Proben an oder kommt zu den Konzerten, häufig dann auch direkt zum Auftrittsort. Das heißt, wir laden hier ein, auch Iljas Equipment. Und dann stößt er irgendwo in Deutschland dazu. Wenn wir länger auf Tour gehen, proben wir hier in Hannover vorher natürlich in der Regel noch mal gemeinsam.

Zurück zur Platte. Gibt es etwas, das das Album ganz besonders für dich macht?
Für mich ist wohl das Besondere, dass dieses Album ein bisschen an die vorherige Platte anknüpft, aber gleichzeitig eine Mischung daraus ist aus dem, wo wir jetzt gerade stehen mit der Band, und einem Rückgriff auf das, wo wir eigentlich mal hergekommen sind. Ich habe von vielen Leuten gehört, dass unsere zweite Platte etwas sehr Besonderes für sie ist. Und ich finde, da gibt es nun eine gewisse Rückführung. Das finde ich cool!

„Der Brauch“ ist ja insgesamt ein wenig nachdenk­licher, aufgeräumter und simpler – mit ein paar Ausreißern hier und da. Würdest du aus Musikersicht sagen: „Weniger ist manchmal mehr“?
Ich würde jedenfalls sagen, dass das auf allen unseren Platten auch schon immer so zu finden war. Dass es Songs gibt, die ganz simpel sind. Und Songs, in denen ganz viel passiert. Ich lese das ganz häufig in Reviews oder Ankündigungen zu Konzerten, dass wir irgendwie ganz viel machen und rumfrickeln, und tausend Töne spielen. Das stimmt ja manchmal auch, aber es stimmt manchmal eben auch gar nicht. Bei Bands aus dem Technical Death Metal, da mag das vielleicht so sein. Am Ende kommt es also wohl auf die Stilistik an. Und darauf, was du als Musiker ausdrücken willst. Und da gilt dann immer: Alles darf, nichts muss.

Was steckt eigentlich hinter den Songtiteln?
Wir haben das ja ziemlich straight in allen Alben, dass unsere Songtitel immer nur aus einem Wort bestehen, und das war kein deutsches Wort, sondern irgendwie ein Kunstwort oder ein Fremdwort oder ein lateinisches Wort. Das haben wir dem aber oft erst im Nachhinein übergestülpt. Quasi gab’s erst die Musik, dann den Text, dann den Titel. Diesmal wollte ich, dass sich der Songtitel auch tatsächlich immer in dem Stück wiederfindet. Da ich ja diesmal anders, also allein, gearbeitet habe, habe ich nach einem Part oft einfach gestoppt. Habe Gitarren, Schlagzeug, Bass aufgenommen. Und direkt auch das Mikro in die Hand genommen und den Gesang dazu gemacht. Das ging also alles viel ineinandergreifender. Sobald der Song fertig war, gab es den Text, es gab die Vocals. Und ich fand es auch naheliegend, einen Titel zu nehmen, der simpel ist und vor allem auch so im Text vorkommt. Das hat zumindest bis auf ein paar wenige Ausnahmen auch geklappt, haha.

Habt ihr den Anspruch, jeden eurer Songs auch live spielen zu können?
Nein, tatsächlich nicht. Davon haben wir uns schon ziemlich früh verabschiedet. Das liegt aber vor allem daran, dass es mittlerweile natürlich auch einfach sehr viele Songs sind, die wir haben. Es gibt so ein paar Stücke, die haben wir noch nie gespielt und die werden wir, glaube ich, auch nie spielen. Wir haben trotzdem ein riesiges Repertoire. Ich habe ein Cubase-Projekt, wo alle unsere Songs drin sind für unsere Live-Sachen. Das ist mittlerweile fünfeinhalb Stunden lang. Wenn wir eine neue Setlist zusammenstellen, ist es generell so, dass wir uns natürlich individuell vorbereiten. Die anderen beiden Jungs müssen mir ja auch nicht dabei zuschauen, wie ich irgendeinen Part x-mal übe. In der Regel kommt also jeder gut vorbereitet zu den finalen Proben. Da sagt dann keiner: „Ich weiß nicht mehr, wie das geht.“

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