HIRSCH EFFEKT

Foto© by Vincent Grundke

Der prophetische Moment

DER PROPHETISCHE MOMENT. Die Hannoveraner vertonen auf ihrem fünften Album die Anliegen der Fridays for Future-Bewegung, haben die Scham, nach Geld zu fragen, überwunden und sind in Zeiten von Social Distancing so eng zusammengeschweißt wie noch nie.

Kollaps“ heißt die neue, fünfte Platte der Band, die sich jetzt im zwölften Jahr befindet. Auf ihr hat Sänger und Gitarrist Nils Wittrock wiederkehrende Themen der Reden von Greta Thunberg in eigene Texte umgesetzt und zusammen mit Bassist und Sänger Ilja Lappin und Schlagzeuger Moritz Schmidt in fünfzig Minuten anspruchsvolle Musik verpackt. In einem Interview der Schwedin in einer deutschen Talk-Sendung überzeugte sie Wittrock derart, dass er von einem „höheren Auftrag“ spricht, den er bei ihr gesehen habe. Er sagt, er habe sich ertappt und angesprochen gefühlt. In der Botschaft habe er sich so sehr wiedergefunden, dass er es als Thema für das Album seinen Bandkollegen vorschlug. Seitdem stand nicht nur das thematische Konzept für „Kollaps“. Die Band ging auch gemeinsam zu den Demos von Fridays for Future. Teilweise auch zu Recherche-Zwecken, vor allem aber aus Überzeugung. Die Texte von sechs der zehn Songs auf der Platte sind in Anlehnung an Greta Thunbergs Ansprachen entstanden. Um sicherzugehen, dass diese nicht zu sehr zu Zitaten werden, hat Wittrock sogar eine Medien-Anwältin zu Rate gezogen. Einen Text hat er nach gründlicher Prüfung ändern müssen. Herausgekommen sind eigene, klare Worte, die im für THE HIRSCH EFFEKT typischen Klanggewand perfekt zur Geltung kommen und die nötige Schwere und Kraft besitzen. Wer sich mit den Reden der jungen Schwedin auskennt, wird erkennen, was paraphrasiert wird. Nur ein Beispiel ist das vielzitierte Bild des brennenden Hauses und die Frage, ob es sich lohne, es zu löschen im Song „Noja“. Hier findet sich auch eine der musikalischen Überraschungen des Albums. Ein gerappter Part auf Englisch, in dem die Band zeigt, dass sie durchaus auch ihre Rolle im Weltgeschehen reflektiert. Es ist bei weitem nicht der einzige Griff in die musikalische Trickkiste. Die musikalische Experimentierfreude der Band sucht ihresgleichen. Durch sie erklärt sich auch der Genre-Begriff „Artcore“, der den Hannoveranern oft angeheftet wird. Trotzdem würde Wittrock THE HIRSCH EFFEKT auf Nachfrage als Metalband beschreiben, wenn er mal keine Motivation für eine nähere Erklärung habe.

Auf typischen Metal-Festivals wie Wacken, auf dem sie 2017 das erste Mal spielten, seien sie trotzdem immer eher die „Klabautermänner“. Aber dass Metal nicht nur Whisky, Dosenbier und Bratwurst ist, zeigt sich auch in der Resonanz auf die politischen Botschaften der Band. Solche fanden sich schon auf „Eskapist“, dem Vorgängeralbum zu „Kollaps“. Wittrock sieht keinen großen Unterschied mehr zwischen der Hardcore- und Punk-Szene, in der er sozialisiert wurde, und der Metal-Szene, was Weltoffenheit angeht. Unter anderem bei Festivals wie dem UK Tech Fest kann er eine Veränderung der Metal-Szene beobachten. Seine Sozialisation trägt mit Sicherheit auch dazu bei, dass der Band seit jeher eine DIY-Mentalität zu eigen ist. Einiges sei zwar „Zwangs-DIY“, er habe aber immer den Drang, es selbst zu machen, wenn er glaubt, jemand anderes würde nicht mit der gleichen Motivation arbeiten. Seine Bandkollegen betitelten das als „Urvater-Instinkt“. Die Band als Wittrocks Baby, welches er umsorgt und beschützt. Vielleicht arbeitet er nicht professioneller, hat aber wohl einen größeren Ansporn und das Gesamtkonzept von THE HIRSCH EFFEKT am besten im Blick. So hat die Band mittlerweile ihr Management wieder in die eigenen Hände genommen und sich schon von zwei früheren Bookern getrennt. Die Touren der ersten Jahre hat Nils Wittrock selbst gebucht, hat also auch hier einen hohen Anspruch.

Der 36-Jährige, der mittlerweile hauptberuflich Künstler ist, wird gerade auf eine Geduldsprobe gestellt. Denn wie so vieles andere musste auch die Release-Tour für „Kollaps“ vorerst abgesagt werden. Es wurde auch darüber nachgedacht, die Veröffentlichung zu verschieben. Allerdings dokumentiert das Album ein Zeitgeschehen, welches vor allem im letzten Jahr stattgefunden habe und soll deswegen zeitnah passieren. Auch glaubt Wittrock, dass die Menschen gerade jetzt neue Musik brauchen. Nur eine Chartplatzierung wie beim letzten Werk wird es dieses Mal nicht geben. Das liegt nicht an der Platte, sondern an den Umständen. Spekuliert hätten sie darauf schon. Sei es nur zur Rechtfertigung der Band und ihrer Veröffentlichungen gegenüber dem Label. Ob solch eine Chartplatzierung promo-wirksam sei, weiß Wittrock selbst nicht. Es sei auf jeden Fall etwas, mit dem man bei skeptischen Freund*innen und Familie etwas Anerkennung bekommt.

Mit „Eskapist“ sind sie 2017 immerhin knapp an den Top 20 vorbeigeschlittert. Wie es dieses Mal ausgegangen wäre, bleibt wohl Spekulation. Wichtiger ist, dass die Pressungen überhaupt ankommen. Es sieht aber bisher danach aus.

Dass die verschobene Tour der Band finanziell nicht komplett den Boden unter den Füßen wegzieht, liegt unter anderem an ihrem Podcast „Deerradioshow“, für den sie eine Patreon-Seite angelegt haben. Auf dieser zahlen Unterstützer*innen monatlich einen Beitrag und können dafür den Podcast mitgestalten, bekommen Wunschvideos und einen näheren Einblick hinter die Kulissen. Die meisten nehmen das Beteiligungsangebot allerdings gar nicht in Anspruch. Ihnen geht es vor allem um die Unterstützung der Band. Die so genannten „Patrons“ zahlen mittlerweile die Proberaummiete und geben den Musikern die Freiheit, mehr Zeit aufzubringen für die Musik. Schon früher hat die Band Crowdfunding genutzt ,um Projekte zu realisieren, wie einen Tourfilm und das Buch zum zehnjährigen Jubiläum. Immer wieder mussten sie dafür die Scham, nach Geld zu fragen, überwinden. Ein Punkt, an dem sich zur Zeit leider viele Musiker*innen und Kulturschaffende unfreiwillig befinden. Er habe das Ganze dann aber als Deal mit den Unterstützer*innen betrachtet und so seine Hemmschwelle überwunden, sagt Wittrock.

Seit über zwei Jahren machen THE HIRSCH EFFEKT ihren Podcast. In der Zeit von Social Distancing zeichnen sie sogar täglich mit der gesamten Band auf. In den vergangenen zwei Jahren geschah das eher selten. Meist waren zwei Mitglieder der Band und ein Gast in der „Deerradioshow“. Die regelmäßige Kommunikation schweißt sie tatsächlich jetzt enger zusammen. Das tut vor allem Sänger und Bassist Ilja Lappin gut, dessen soziale Kontakte zur Zeit vor allem aus dem täglichen Gespräch mit den Kollegen besteht, da er erst vor kurzem nach Berlin gezogen ist. Auf „Kollaps“ singt er zwei Songs, die er quasi im Alleingang komponiert hat. Moritz Schmidt dürfe für dessen Kompositionen meist noch das Schlagzeug einspielen, die Gitarre, eigentlich Wittrocks Metier, spiele Lappin allerdings selbst ein. Für Wittrock ist eins dieser beiden Lieder, nämlich „Torka“, der Hit der Platte, den er, gerade weil er nicht beteiligt war, schamlos abfeiern kann. Es ist auch eins von zwei Stücken, die zwar im Thema bleiben, aber nicht direkt Bezug nehmen auf eine von Greta Thunbergs Reden. Sie beschäftigen sich mit einer Legende um die Osterinsel. Diese besagt, dass das dort lebende Volk der Rapanui durch Raubbau die lebensnotwendigen Ressourcen vernichtete und daraufhin in Kriegen unterging. Sie stehen damit steht sinnbildlich für das Verhalten der Menschheit heutzutage. Diese Texte lesen sich, so wie alle anderen auf dem Album, intensiv und aufrüttelnd. Sie stehen in ihrer Dringlichkeit einer Greta Thunberg in nichts nach. Die Schwedin ist für Wittrock ein Symbol für Hoffnung in Aktion. Dass das zu Wittrocks DIY-Mentalität passt, ist nicht schwer vorstellbar.

Dazu passt auch Wittrocks ehrliches Understatement. Auf die Frage nach Tipps für junge Bands erklärt er erstmal lang und breit, warum er nicht glaubt, dass er der richtige Mensch sei, um Tipps zu geben. Der Erfolg der Band sei seit langem relativ gleichbleibend, die Größe der Konzerte ebenso und er persönlich würde zum Beispiel gerne mehr Festivalshows und Support-Touren spielen. Slots auf den großen Festivals und im Vorprogramm größerer Bands wünschen sich wahrscheinlich die meisten Bands. Alles andere sind Merkmale einer Karriere, die THE HIRSCH EFFEKT durchaus auch als Stärken ausgelegt werden können. Ein organisches Wachstum aufgrund der stetigen Unangepasstheit, die vielleicht den „großen Durchbruch“ verhindert, aber doch den künstlerischen Anspruch erhält. Am Anfang, so Wittrock, seien vor allem Konzerte wichtig und ein gut klingendes Demo. Er selbst bekommt häufig Zuschriften mit teilweise unhörbaren Proberaum-Mitschnitten, die niemandem etwas bringen.

Ob THE HIRSCH EFFEKT mit „Kollaps“ nun der Durchbruch gelingt, wird sich nicht an einer Chartplatzierung ablesen lassen, es wäre bei einem Album wie diesem aber absolut verdient.