© by Lucja RomanowskaGefühlt auch schon eine halbe Ewigkeit ziehen Lasse Paulus und Jörkk Mechenbier als SCHRENG SCHRENG & LA LA aka „der Anwalt und sein Esel“ durch die Lande, sofern es die jeweiligen anderen Verpflichtungen erlauben, bei Jörkk etwa die Shows von LOVE A. Lasse spielt Gitarre, Jörkk singt und unterhält, und wer sie mal live erlebt hat weiß, dass das viel unterhaltsamer ist, als man glauben möchte. Mit „Deck mich zu, wenn du fertig bist“ haben sie quasi „das Buch zur Band“ veröffentlicht, waren damit auf Lesetour und bringen nun mit „Catch & Release“, Ende August via Rookie ihr neues Album raus.
Könnt ihr mal in euch reinhorchen, was dieses SCHRENG SCHRENG & LA LA-Ding für eine Bedeutung in eurem Leben hat? Das ist ja doch viel mehr als „nur“ ein Musikduo.
Jörkk: In erster Linie war und ist die Band ja ein Vehikel zur Freundschaftspflege, auch wenn sie mittlerweile auch mal einen Urlaub oder diverse Restaurantbesuche finanziert. Wir sind einfach total glücklich darüber, Musik machen zu dürfen, die ein paar Menschen da draußen wirklich etwas bedeutet, während es sich anfühlt, als wäre man mit seinem besten Freund auf einer Gratis-Sauftour. Das ist ein ganz wundervolles Privileg.
Lasse: Die Band ist tatsächlich neben meiner Familie das Wichtigste in meinem Leben. Allerdings nicht alleine die Band an sich, sondern das gesamte soziale Gebilde, das sich um uns herum entwickelt hat. Wir haben durch diese Band so viele unfassbar gute Menschen kennengelernt, so dass ein Großteil unserer Konzerte mittlerweile einem Familientreffen gleichkommt. Und das bedeutet mir wahnsinnig viel, weil ich manchmal mental etwas angeschlagen bin, bei all den Arschgeigen da draußen. Und klar, Jörkk ist eben auch einer meiner besten Freunde und ich will dieses Klassenfahrtsgefühl nicht missen, das sich sofort einstellt, wenn wir beide zusammen im Zug sitzen. Man sieht sich ja doch recht selten.
Ihr habt Ende 2023 mit „Deck mich zu, wenn du fertig bist“ quasi „das Buch zur Band“ veröffentlicht, seid damit immer mal wieder auf Tour. „Noch mehr Gelaber als sowieso schon“, so könnte man euer Erfolgsrezept formulieren.
Jörkk: Ja, diese Schreiberei klebt mir an der Backe wie die Tomatensauce dem Kinde. Erst als Ox-Schreiber, dann kamen die Songtexte, Lasses Fanzine, dieses Buch ... Und genau jetzt beantworte ich auch noch schriftlich Interviewfragen. Ein Graus! Aber vielleicht hast du recht und es muss wirklich schlicht noch mehr aus mir raus, als ich oder besser wir der Welt sowieso schon mit unseren Ansagen zumuten. Erfolgsrezept würde ich das jetzt aber nicht nennen. Es ist eher wie das Omelette, das wir dem Typen verdanken, der beim Rührei machen eingepennt ist.
Lasse: Ganz ehrlich, das mit dem Buch versteht von uns wirklich niemand. Der Ventil Verlag musste Anfang des Jahres eine zweite Auflage drucken lassen. Das ist schon einigermaßen absurd. Ich glaube allerdings, dass sich die Menschen – gerade im Moment – einfach eine gewisse „Ehrlichkeit“ wünschen. Und natürlich ist das Buch aus einer Quatsch-Idee entstanden, aber es ist eben auch zu 100% authentisch. Das Leben ist nicht immer nur lustig und das haben wir versucht abzubilden. Bei einem Konzert über all unsere mentalen Problemchen zu diskutieren, würde ja auch den Rahmen sprengen.
Im Grunde ist es verblüffend, dass dieses Konzept so weit trägt: keine E-Gitarre, kein Lärm, kein „richtiger“ Punk. Crazy, oder?
Jörkk: Ja und nein. Ich finde schon, dass wir ein paar hübsche Lieder mit schöner Melodie und okayen Texten haben, aber ich würde diesen Teil von SCHRENG SCHRENG & LA LA mit circa 50% angeben bei der Berechnung der Funktionalität, oder sagen wir des „Erfolgs“ der Band. Der Rest ist dann ein Mix aus unserer Freundschaft und wie wir sie leben und nach außen zeigen, unserer Gegensätzlichkeit, die am Ende ja auch – oft unfreiwillig – komisch und unterhaltsam ist, und dass wir, na ja, einfach liebenswerte, zutiefst demütige und dankbare Ex-Kids sind, die trotz allen Unwägbarkeiten in der Welt und im eigenen Leben ihren Humor nicht verlieren und ihre Zuversicht mit den Leuten teilen. Okay, war ein Versuch ... Aber auch damit hast du recht: Es ist crazy.
Lasse: Ja gut, James Blunt hat es genau so zu einer gewissen Popularität gebracht.
Jörkk, habe ich es richtig in Erinnerung, dass du Alkohol und Rauchen gegen ein neues Laster eingetauscht hast, das ich aus antispeziesistischer Sicht nur mit einem gewissen Bauchschmerz hinnehmen kann: du angelst. Wie kamst du dazu? Wo sitzt du? Was fängst, was wirfst du wieder rein – siehe Albumtitel?
Jörkk: Ich habe wirklich aufgehört zu rauchen, ja. Dass ich keinen Alkohol mehr trinke wäre mir allerdings neu ... Das Angeln habe ich während der Pandemie wieder so richtig für mich entdeckt, während ich mit einer Depression zu tun hatte. Tatsächlich habe ich dadurch sehr viel weniger Drogen genommen und auch digitalen Detox betrieben, Stichwort: Entschleunigung. Die meisten meiner antispeziesistischen Freunde nehmen das unbestreitbare Leid der Fische im Tausch gegen meine Genesung und mein Wohlbefinden billigend in Kauf, wofür ich sehr dankbar bin. Ich angele wirklich absurd viel und auf jede erdenkliche Art, aber am liebsten ist mir der Zander, den ich in der Elbe fange. Ich liebe es. Es hilft mir, den Kopf frei zu bekommen, und irgendwas Archaisches mit Jagd aus dem Unterbewusstsein ist da sicher auch noch dabei ... Hinzu kommt der Glücksspieleffekt, der für mehr Dopamin als Insta-Likes und Kokain zusammen sorgt. Ich esse auch gerne selbst gefangenen Fisch, weswegen der Albumtitel eventuell verwirrend klingen mag. Vielleicht will ich auch einfach wie Chuck Ragan sein. Aber am Ende ist es doch einfach die logische Konsequenz des MOTÖRHEAD-Songs „The chase is always better than the catch“.
Lasse, hast du eine ähnlich kontemplative „Ausgleichsbeschäftigung“? Am Ende gar das Fanzinemachen?
Lasse: Tatsächlich ist Crazewire ein ziemlich großer Bestandteil meines Alltags. Aber, und das kennst du ja sicherlich, so richtig entspannen kann man sich vor allem kurz vor Redaktionsschluss nicht wirklich. Ich liebe Musik. Und ich liebe es, durch Crazewire mit alten Jugendhelden und neuen, jungen Musiker:innen in Kontakt treten zu können. Aber zur Entspannung gehe ich doch eher joggen oder gucke ganz stumpf Serien im Fernsehen, auch wenn das mit zwei kleinen Kinder so gut wie nie vorkommt.
Jörkk, du warst quasi seit deinem Ox-Praktikum so um das Jahr 2000 herum zwei Jahrzehnte im „Musikbusiness“ tätig, also hinter den Kulissen, nicht nur auf der Bühne. Da bist du raus und bist jetzt so was wie „Berufszivi“. Wie kam’s, wie ist das „neue“ Leben?
Jörkk: Leider hatte ich mich in Sachen Musik nach 20 Jahren ziemlich „überfressen“. Sinnvolles Maßhalten gehörte nie zu meinen Stärken, so dass ich mir mit der Arbeit oder besser dem Leben in der Branche mit allem, was dazugehört, gehörig die Freude daran geraubt habe und abgestumpft bin über die Jahre. Ich sammele keine Platten mehr, gehe kaum zu Shows, interessiere mich nicht für neue Musik, falls es das überhaupt gibt. Musikmachen jedoch macht mir dafür mehr Freude als je zuvor. Vielleicht auch deswegen, weil es jetzt keine Konsequenz meines Lebensstils mehr ist, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich arbeite in der Assistenz für Menschen mit Behinderung und habe große Freude daran. Es bedeutet für mich persönlich wenig Arbeit im herkömmlichen Sinne bei maximaler Sinnhaftigkeit, direkt spürbare Wertschätzung der eigenen Leistung inbegriffen. Das Arbeitsmodell lässt mir viel Zeit für Familie, Bands und das Angeln, was auch toll ist. Ich bin sehr glücklich da, wo ich jetzt bin – würde aber keinen Tag im Musicbiz und all die lieben Menschen, die ich dort habe kennenlernen dürfen, missen wollen. Manchmal muss man eben einfach sein Ändern leben.
Lasse, zu dir berichtete mir euer Labelboss Rookie-Jürgen auch was von „neuem Job“. Bist du weiterhin im „legal business“ tätig?
Lasse: Da man von Musik und Buch heutzutage nicht mehr leben kann, zumindest nicht mit einer Band unserer Größe, muss ich natürlich ganz normal arbeiten gehen. Und ja, ich habe Anfang des Jahres die Branche und den Job gewechselt. Ich war in einer ziemlich großen Organisation angestellt und hatte einfach keine Lust und auch keine Kraft mehr, all die Grabenkämpfe zu führen, die man in solchen Firmen ab einer gewissen Position manchmal führen muss. Die Firma meines neuen Arbeitgebers ist etwas kleiner und wesentlich charmanter, es war also eine gute Entscheidung.
Ihr habt das Album in Hamburg mit Kristian Kühl aufgenommen. Stillstand ist langweilig – was war/ist anders, siehe etwa „Rücken“?
Jörkk: Na ja, was den genannten Song angeht: Älter werden, Internet, CDU ... Ich bearbeite ja am Ende des Tages immer die gleichen, vor allem aber nie wirklich ungewöhnliche Themen. Eigentlich würde ich meinen Stil als banal, infantil und hochgradig repetitiv beschreiben, aber das verkauft sich sicher nicht so gut, haha. Vielleicht spricht aber gerade das die Leute auch an. Dass mich der gleiche einfache Scheiß umtreibt, wie sie auch ... Und ja, wir waren diesmal bei Kristian in Hamburg, weil wir, wie die Band selbst ja auch, am besten funktionieren, wenn Freundschaft involviert ist. Er ist ein toller Mensch, Musiker und Freund und macht darüber hinaus und daraus resultierend einen tollen Job im Studio – natürlich auch als Gitarrist von TRIXSI. Kurze Wege für mich und eine Woche Hamburg-Aufenthalt für Lasse waren dann zwei weitere Argumente. Auch die Studiozeit soll ja irgendwie Freude bereiten und unserer Freundschaft eine neue Erfahrung bescheren. Deswegen versuchen wir da schon auch immer, an anderen Orten, unter anderen Bedingungen und mit anderen Menschen, die wir mögen, etwas zu machen. Oder zumindest ergibt es sich dann immer so.
Lasse: Ich hasse es ja eigentlich, Songs im Studio aufzunehmen. Ich bin ein eher mittelmäßiger Gitarrist und Pickings auf Klick zu spielen, ist wirklich eine Qual für mich. Kristian hat uns vor allem ein Gefühl der Sicherheit gegeben. Und das ist bei uns ja immens wichtig. Raus aus der Wohlfühloase und rein in Dinge, die wir schon immer mal ausprobieren wollten. Er hat die Rolle des Produzenten perfekt ausgefüllt und ist zudem ein Spitzentyp. Besser geht das eigentlich nicht.
Das Leben kann auch mal ein Arschloch sein, ihr habt dem verstorbenen TURBOSTAAT-Mercher Friese ein Lied gewidmet. Warum ist euch solche „Trauerarbeit“ wichtig?
Jörkk: Ich habe das tatsächlich bei Lasse gelernt, ehe so ein Verlust mich selbst zum ersten Mal ereilt hat ... Erinnern, trauern, gedenken. Die verlorenen Lieben präsent halten und ihr Andenken wahren. Das ist gut und wichtig. Es würde mich sehr freuen, wenn ich weiß, nach meinem Tod sind da ein paar Leute, die immer noch an mich denken und dann mal lachen oder auch weinen. Aber für die ich weiter irgendwie da bin. Flapsig formuliert war Frieses Tod und die dazugehörige Bestürzung und Trauer einfach die stärkste Emotion, die mich während der Arbeit an „Catch & Release“ ereilt hat. Somit war es für mich ganz normal, dass wir das thematisieren werden. Und unser Freund Gunnar findet auf dem Album auch wieder statt – in Form des Intros der Platte.
Lasse: Ich für meinen Teil müsste an dieser Stelle wirklich weit ausholen, da der Tod in meinem Leben eine relativ prägende Rolle gespielt hat. Das würde aber den Rahmen ein wenig sprengen. Friese war ein unfassbar toller Mensch und ich denke wirklich oft an ihn und vermisse seine zugewandte Art sehr.
Neue Platte, da muss in den „Socials“ gewirbelt werden. Muss man, werdet ihr ...?
Lasse: Jörkk hat sich ja aus allen sozialen Medien verabschiedet. Ihn interessiert das alles nicht. Ich bin derweil ein bisschen lost, weil ich diese ganzen superreichen Penner, die diese Seiten betreiben, wirklich sehr verabscheue. Aber Instagram und Facebook sind für uns leider die einzigen funktionierenden Kanäle nach draußen. Ich habe da noch keine alternative Lösung gefunden.
Jörkk, bei „Die Dualität der Dinge“ gehst du stimmlich ganz schön tief, das ist fast schon Goth. Der Graf 2.0 ...?!
Jörkk: Haha! Und ich dachte, schlimmstenfalls würden mich Bela B-Vergleiche ereilen ... Nachdem Friese uns ja mal im Scherz mit „die deutschen Johnny Cash“ tituliert hatte und ich mich sowohl bei TRIXSI als auch bei LOVE A schon mal mit der Dunkelheit der tiefen Stimme beschäftigt und ausprobiert habe, musste jetzt vielleicht auch ein Album mit Lasse mal dafür herhalten. Es ist übrigens mein Lieblingssong. Ich mag den Western-Vibe. Man spürt beim Hören fast, wie einem das Tumbleweed um die Beine streicht. Es lebe das „Whouhouuu!“.
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