
Irgendwie hat sich seit der Pandemie was verändert: Konzerte, gerade in größeren, kommerziellen Venues fangen mit Vorband(s) oft schon um 19 Uhr an, teils sogar früher, spätestens aber um 20 Uhr. Konnte man sich früher nach der Arbeit und dem Abendessen gemütlich auf den Weg machen, unterwegs noch ein Getränk genießen und wusste, vor neun geht sowieso nichts, hat man mit dieser Einstellung heute schon oft die Hälfte der Hauptband verpasst. Um 22:30 Uhr ist oft schon Kehraus und man kommt früh ins Bett. Dafür steht man auf dem Weg zur Show auf der Autobahn oder im Zug noch halb im Berufsverkehr. Wir tauschen (wie immer etwas zugespitzt) Argumente und Emotionen hierzu aus ...
Dafür
Was habe ich mich auf ein Konzert von YOUTH AVOIDERS gefreut und dann war es endlich soweit: Die Hardcore-Punks aus Frankreich spielen im AZ um die Ecke – an einem Sonntag, genial! Keine Arbeit, keine Uni, keine Geburtstagsparty oder anderes Konzert stellen sich in den Weg. Vor Ort dann die große Enttäuschung: Gleichzeitig mit dem Stempel auf dem Handrücken gibt’s den letzten Akkord der Zugabe. Und als ich dann den Flyer noch mal genau inspiziere, stelle ich fest: Ich Depp habe den Zusatz „Matinee-Show“ übersehen. Damn! Neulich bei der wirklich allerletzten Show der LOKALMATAORE – ebenfalls an einem Sonntagnachmittag – war dann klar: 16 Uhr Einlass, 17 Uhr Beginn und ich war pünktlich. Und ja, die Show war auch ohne dieses „Abends-Ausgeh-Feeling“ grandios. Gut, das sind zwei Extrembeispiele von Nachmittags-Shows. Aber abends nach dem Konzert die Couch oder schon das Bett zu hüten, oder gar pünktlich zum „Tatort“ zu Hause zu sein, hat doch sein Gutes: Mehr Schlaf, vielleicht fährt sogar noch der Linienbus und nicht schon das knappe Nachtnetz (wenn überhaupt), Eltern ersparen sich womöglich eine:n Babysitter:in und wenn dann doch Alkohol fließt: Mehr Zeit, den Kater auszukurieren. Und wenn es eine 19-, 20 Uhr-Show ist: Entweder greift auch hier der Früh-zu-Hause-Vorteil oder es kann anschließend doch noch auf die Geburtstagsparty gehen. Obendrein gönne ich jeder Location die Doppeleinnahmen aus Konzert und anschließendem Club-Betrieb, der womöglich keine After-Show-Party des Konzertpublikums ist. Und ja, das sage ich als verwöhnter Großstädter, der weiß, dass auf dem Land oft mindestens eine Stunde Anfahrt einkalkuliert werden muss, kaum Züge und (Nacht-)Busse fahren und auf dem Hinweg das Abendessen schnell im Auto oder der Bahn verschlungen werden muss.
Fabi Schulenkorf
Dagegen
Ich bin ein Fan von geregelten Tagesabläufen, anders ist die Ox-Workload gar nicht zu stemmen. Package-Touren mit vier Bands mit täglich wechselndem Ablauf (spielt die Lieblingsband als Erstes ...?) und 19 Uhr Beginn in Köln oder Oberhausen? Ein Graus. Wer soll, wer will sich im ausklingenden Berufsverkehr ab 18 Uhr auf die dauergestaute A3 stellen, und das auch noch mit knurrendem Magen? Sorry, vor sechs, halb sieben schaffe ich es quasi nie, den silbernen Aluklotz zuzuklappen. Schnell Pasta in den Topf, und um 19:30 kann die Reise halbwegs entspannt losgehen. Für viele Clubs und Hallen ist das postpandemisch aber zu spät. Mit nerviger Parkplatzsuche – die Bahn ist leider im Rheinland wegen desaströser Ausfälle (die S1nach Düsseldorf fällt mal eben für sechs Monate aus!) keine Alternative – ist man frühestens um 20:30 Uhr vor Ort. Um diese Zeit setzten wir uns einst in den 1990ern in Essen-Steele in die S-Bahn, um kurz nach neun immer noch pünktlich zu jedem Zwischenfall-Konzert zu kommen ... Leider hat um halb neun die Vorband längst gespielt, die Hauptband mit etwas Pech schon begonnen. Immerhin ist dann die Schlange an der Kasse schon weg ... Word: ich hatte in letzter Zeit Konzerte, wo ich hinterher zu Hause die (verspäteten) „tagesthemen“ linear schauen konnte. Sorry, da läuft was schief, wenn sich Konzerte anfühlen wie ein leicht in den Abend gerückter Senioren-Tanztee. Natürlich, Hauptbands, die um 22:45 Uhr auf die Bühne gehen und bis nach Mitternacht durchhalten, brauche ich in der Regel auch nicht, ganz sicher aber keine 22:00-Uhr-Curfew. Da sind mir Konzerte in „unserem“ Waldmeister die liebsten: auch bei drei Bands geht es es erst so 20:30/45 Uhr los und wenn auf sinnlosen Umbauzauber verzichtet wird, ist um halb zwölf dennoch der Spaß vorbei und man trinkt sich bis zum Nachtbus um 00:13 Uhr noch ein letztes Bierchen. So geht ein zivilisierter Konzertabend!
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