
Neulich beobachtet: Ein 2-Meter-Schrank drängt sich auf dem Konzert panzernd nach vorne und bleibt vor drei Menschen stehen, die zwei Köpfe kleiner sind. Was ihn aber nicht stört. Freundliche Ansprache wird mit Ignoranz beantwortet. Klar, der Kerl kann nix für seine Statur, aber wie wäre es mit einem Blick hinter sich und eine Position am Rande, wo man anderen nicht das Konzert versaut? Was ist mit den 1,60-m-Menschen, die auch was sehen wollen, aber ständig den Platz wechseln müssen? Es ist schwierig ... Wie verhält man sich als „Kleine:r“ oder „Große:r“? Aber müssen wir ernsthaft über Verhaltensregeln auf Konzerten diskutieren? Wenn jemand was nicht passt, kann er/sie doch woanders hingehen. Wir tauschen (wie immer etwas zugespitzt) Argumente und Emotionen hierzu aus ...
Dafür
Mit etwas über 190 cm Körpergröße gehöre ich sicherlich zu den längeren Menschen auf dieser Welt und ja, ich erlebe es auch immer wieder, dass ich bei Veranstaltungen anderen auf Grund meiner Größe die Sicht nehme. Absichtlich tue ich dies nicht. Oft bin ich frühzeitig im Konzertsaal und suche mir einen schönen Stehplatz, wo wir (meine Frau, die 30 cm kleiner ist als ich, meine Kumpels, wer auch immer gerade mit dabei ist) dann erst einmal verweilen. Irgendwann merke ich, dass hinter mir kleinere Menschen stehen. Tja, was nun? Was wäre die Konsequenz? Soll ich immer ganz hinten im Saal stehen? Wohl kaum. Komme ich auf ein Konzert und weiter vorne im Saal ist noch Platz, weil das Publikum nicht vor die Bühne will, dann gehe ich dorthin. Wenn mir eine Band gefällt und ich in der richtigen Stimmung bin, dann zieht es mich vor die Bühne, dann will ich so nah wie möglich am Geschehen sein. Probleme gibt es eigentlich eher selten. Kleinere Konzertbesucher:innen finden immer einen Weg zum günstigen Stehplatz mit Sicht auf die Bühne, wieseln sich geschickt nach vorne durch oder suchen sich einen erhöhten Platz mit guter Sicht. Außerdem ist das Geschehen auf den meisten Konzerten, die ich besuche, doch eher dynamisch. Wer befindet sich schon am Ende genau dort, wo er zu Beginn gestanden hat? Eben. Man könnte genauso sinnlos darüber streiten, ob vor der Bühne getanzt oder gepogt werden sollte. Und wenn, wie? Wer darf sich daran beteiligen? Wer nicht? Wird es mir zu wild, stelle ich mich woanders hin. Fertig. Erst neulich beim PETER AND THE TEST TUBE BABIES-Konzert habe ich erlebt, wie sich jemand von meiner Größe und Statur und mit Wuschelmähne direkt vor mich stellte. Hat er dies gemacht, um mich zu ärgern? War da einfach eine Lücke, die er ausgenutzt hat? Was tun? Diskutieren? Quatsch. Ein paar Schritte nach links oder rechts und gut ist.
Guntram Pintgen
Dagegen
Seit ich ungefähr 14 Jahre alt bin, bin ich nicht mehr gewachsen, und gehöre mit meinen 1,58 m zu den kleineren Menschen in Deutschland. In Menschenmassen bekomme ich nicht unbedingt Panik, aber ich nehme solche Situationen definitiv anders wahr als meine größeren Mitmenschen. Auf Konzerten habe mir seit vielen Jahren angewöhnt, Schuhe mit Absatz zu tragen. Für mich machen diese paar Zentimeter einen gewaltigen Unterschied, im Vergleich zu den Leuten um mich herum bin ich aber immer noch ziemlich klein. Ich werde leicht übersehen, es wird gerne mal Bier über meinen Kopf verkippt, und vor Moshpits habe ich mittlerweile tatsächlich ein wenig Angst, denn mein Gesicht inklusive Brille befindet sich auf Höhe der meisten Ellenbogen. Natürlich kann niemand etwas für ihre/seine Körpergröße, aber mehr Rücksicht dürfte schon sein. Wenn sich jemand mit fast zwei Metern Körpergröße durch die Menge quetscht, um dann genau vor mir und meiner noch kleineren Freundin stehen zu bleiben, dann fällt es mir wirklich schwer, das nicht persönlich zu nehmen. Am Schlimmsten ist es, wenn ein dauerhaft knutschendes Paar, bestehend aus zwei Ü-1,80-Personen, permanent aneinander klebt, und so nicht einmal mehr ein kleiner „Spalt“ bleibt, durch den ich linsen könnte. Die Bühne sehe ich eigentlich nur, wenn ich in den vordersten Reihen stehe. Früher habe ich deshalb schon lange vor Einlass an der Location gewartet, mittlerweile schiebe ich mich einfach dreist nach vorne. Aber selbst mit meiner geringen Körpergröße ernte ich dabei genug böse Blicke von Personen, die ohne Probleme über mich hinwegsehen können. Als „Betroffene“ bin ich mir sicher: Wäre ich 30 Zentimeter größer, würde ich mich an den Rand stellen oder wenigstens mal schauen, wer so hinter mir steht. Da ich aber leider nicht mehr wachsen werde, bleiben mir nur meine Schuhe. Und die schmerzenden Füße nach jedem Konzert.
Svenja Dudek
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