
Gefühlt jede:r Musiker:in mit mehr als 20 Jahren „im Business“ schreibt heutzutage eine Autobiografie oder ein Buch über die Band. Wer braucht das? Braucht das wer? Sind das spannende Einblicke in eine andere Lebenswelt oder ist es die immer gleiche Geschichte in Variationen? Die einen sagen: „Her damit! Les ich alles gerne, vor allem von Lieblingsbands.“ Und die anderen kritisieren: „Viele Autor:innen haben nicht wirklich was zu erzählen, das langweilt zusehends und ist Papierverschwendung!“
Dafür
Ich liebe Musikerbiografien, besonders Autobiografien. Egal, ob mit oder ohne Hilfe geschrieben. Die erste, die ich gelesen habe, war „White Line Fever“ von Lemmy. Habe ich mir gleich bei Erscheinen besorgt. Danach „The Man called Cash“, eine klassische Biografie über Johnny Cash. Habe ich ebenfalls verschlungen. Warum lieber Autobiografien? Weil häufig Persönlicheres als die reine Historie eines Künstlers oder einer Künstlerin zu finden ist. Klar, die Gefahr, dass es in Selbstbeweihräucherung abdriftet und die eigene Vergangenheit durch die rosarote Brille verklärt wird, ist durchaus gegeben. Andererseits auch entlarvend. Richtig spannend ist meist die oft mystifizierte Frühphase, der Werdegang bis zum Durchbruch. Das, was der Mensch erlebt hat. Was ihn angetrieben hat. Auch Autobiografien von Menschen, deren musikalisches Schaffen mich eher weniger bewegt, können absolut fantastisch und mitreißend sein. Bestes Beispiel ist das äußerst empfehlenswerte „Me“ von Elton John. Manchmal entpuppt sich ein Musiker auch als fantastischer Erzähler, wie Wayne Hussey (THE MISSION, ex-THE SISTERS OF MERCY) mit „Salad Daze“ und „Heady Daze“ eindrucksvoll bewiesen hat. Einen faden Beigeschmack den Charakter betreffend hat „Slash“ von eben jenem hinterlassen, ganz im Gegensatz zu „It’s So Easy (and other lies)“ seines GUNS N’ ROSES-Kollegen Duff McKagan. Wenn die Sprachkenntnisse es erlauben, empfehle ich immer den Griff zur Originalausgabe. Deutsche Übersetzungen lesen sich mitunter gerne hölzern und holprig. Persönliche Tipps sind neben den genannten: Rob Halfords „Confess“, K.K. Downings „Heavy Duty“, Tony Iommis „Iron Man“, Geezer Butlers „Into The Void“, Tezz Roberts’ „But after the gig ...“, Nathan Von Cruz’ „Road Kill Blues / Haus Blues“, Bernie Marsdens „Where’s My Guitar?“, Alex Van Halens „Brothers“ oder Debbie Harrys „Face it“.
Guntram Pintgen
Dagegen
Bücher? Ich habe nicht selten bereits mit Textblättern, die Tonträgern beiliegen, meine Probleme. Probleme, die es offensichtlich schon beim Verfassen gab, jedoch entweder nicht bemerkt oder eklatant ignoriert worden sind. Keine brauchbaren Refrains schreiben können, sich aber am bemitleidenswerten Versuch einer dreistelligen Seitenanzahl von Prosa verheben. Musiker, die über sich und/oder ihre Musik schreiben, sind ein Ärgernis. Pointe des Witzes, dass aufgrund von zumindest ehemaligem Erfolg, Interesse an so etwas bestehen könne. Klingt harsch? Bitte einfach jetzt hier direkt ein paar Seiten vor- oder zurückblättern und feststellen, über Musik zu schreiben, ist mitunter ein recht hilfloses Unterfangen. Da muss man nicht mal Urheber oder irgendwie direkt beteiligt gewesen sein. Weswegen ich meine Argumentation auf Menschen ausweite, die es besser wissen und können sollten, und trotzdem als (Co-)Autoren für (Auto)Biografien in Erscheinung treten, oder aber ihre beziehungsweise die gesammelte Meinung anderer über vergangene Subkulturen, Szenen, Trends zu Papier bringen. Richtig unangenehm: Sänger (und solche sind es ja meistens), die sich zu irgendetwas anderem als der eigenen Vergangenheit äußern wollen. Am besten noch im fiktiven Bereich. Als wäre es nicht schlimm genug, wenn sich Ideenlosigkeit in den immer gleichen Geschichten manifestiert. Missbrauch, sensible Jugend, Ladendiebstahl, gebrauchte Instrumente, smarte Manager, zweifelhafte Plattenverträge, die erste USA-Tour, Drogen, Gruppensex, Reha, künstlerische Selbstfindung, mehr Drogen ... Benötigt tatsächlich jemand „Swamp AIDS – An Oral History“, „Tour Diaries 63/64 – Ringo Starr“ oder das Malbuch für Kinder von GG Allin? Bitte nicht! Alleine schon, weil von mir zwanghaft alles gelesen wird, was ich diesbezüglich in die Finger bekomme.
Lars Koch
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