
Die Plattenpreise sind in den letzten fünf Jahren enorm gestiegen. Das kann man für gerechtfertigt halten angesichts von aufwändigen farbigen Klappcoveredition – oder als pure Geldmacherei ansehen. Wer kann/soll/will noch 30, 40 Euro für eine Platte zahlen? Alles hat seinen Preis, auch Schallplattenkultur!
Dagegen
Immer wenn ich in einer fremden Stadt bin, versuche ich, einen örtlichen Plattenladen aufzusuchen. Zuletzt in Roermond. Eine nette kleine Eckboutique, freundliches Personal. Meine Aufenthaltsdauer dort? Maximal fünf Minuten. Die Gründe dafür? Neben dem für mich uninteressanten Sortiment – hauptsächlich Nachpressungen irgendwelcher Mainstream-Scheiben – die unverschämten Preise. Kein Album unter 30 Euro, eher mehr. Da müsste ich doch Lack gesoffen haben, um dort zuzuschlagen. Auch auf vielen Konzerten am Merchstand trifft mich immer öfter der Schlag. Grundsätzlich kaufe ich liebend gerne etwas auf Konzerten und unterstütze damit die Bands, aber auch bei kleineren und kleinsten Bands werden immer häufiger Vinylpreise ab 25 Euro verlangt. Für eine 7“ wollte man zuletzt 18 (!) Euro haben. Auf einem Punk-Konzert! Da bin ich raus. Da gehe ich doch lieber auf die örtlichen Plattenbörsen und Flohmärkte und suche nach vermeintlichen Schnäppchen. Es gibt aber auch die berühmten Ausnahmen. Bands, die ihre Vinylalben zu vernünftigen Preisen feilbieten. Zuletzt gesehen bei HEALER OF BASTARDS, die ihren Merchstand aufbauten mit Vinyl, CDs, Tapes und T-Shirts, alles mit überschaubaren Preisen versehen, kurzerhand eine „Honesty Box“ hinstellten und sich nicht weiter darum kümmerten. Sie vertrauten darauf, dass sie niemand betrügen und ähnlich wie beim Bauernhofstand das Geld ehrlich in die Box werfen würde. Muss man sich als kleine tourende Band, die auf jeden Cent angewiesen ist, auch erst einmal trauen. Das Resultat: Sie hatten mehr eingenommen, als an Merch wegging. Chapeau. So sehr ich Vinyl auch liebe und so sehr ich dieses einer CD auch vorziehen mag, es gibt eine Schmerzgrenze, die zuletzt immer öfter erreicht wird und mich im Zweifel dann doch zum Bandcamp-Downloader oder YouTube-mp3-Converter greifen lässt. Selber Schuld!
Guntram Pintgen
Dafür
Na klar sind die Preise für Schallplatten deutlich gestiegen in den letzten Jahren, gefühlt vor allem mit/seit der Pandemie. Die Gründe sind vielfältig, wir haben sie schon oft gehört: Rohstoffkosten und -mangel, Energiepreise, Löhne, massiv gestiegene Frachtkosten bei US- und UK-Importen. Höhere Logistikkosten bei den großen Mailordern, bei den Importeuren und Großhändlern. Bemühungen um „grünere“ Produktion von Vinylschallplatten. Inflation. Höhere Mieten für Plattenläden. Höhere Wertschätzung für Vinyl. Wertigere Ausstattung für Schallplatten: bunt, dick, klapp. Und: Mitnahmeeffekte seitens Presswerken, Labels, Mailordern, Läden. So weit, so logisch. Parallel dazu sind übrigens auch die T-Shirt-Preise in 5-Euro-Schritten gestiegen. Und die Ticketpreise. Machen wir uns nichts vor: Die Musikindustrie (und die DIY-Labels- und -Bands sind ein winziger Teil davon) und auch die Bands und Musiker:innen müssen von irgendwas leben. Und wenn „die Leute“ für 10 Euro im Monat alle Musik der Welt streamen können und damit bereitwillig Geld an Tech-Milliardäre zahlen und sich einen Scheiß um irgendwelche Moral und Attitüde scheren, weil es ja so praktisch ist und alle es machen ... holt sich „die Musikindustrie“ (zu der auch genau deine Lieblingsband gehört) die Kohle, die sie braucht, um das ganze System am Laufen zu halten (inklusive all der mal besser, mal schlechter bezahlten Jobs für musikaffine Menschen), von denen, die sich für Musik begeistern und – noch – willens sind, für physische Tonträger zu bezahlen. Finde ich LPs für 30, 35, 40 Euro gut? Nein. Ist irgendwer gezwungen, sie zu kaufen? Nö. Gibt es Alternativen? Ja. Alles eine Frage des persönlichen Konsumverhaltens. Es muss ja auch niemand Nikes für 200 Euro kaufen ...
Joachim Hiller
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