
Das Ox erscheint auf Papier, ganz statisch. Nix zappelt, nix bewegt sich. Und im Heft sind Fotos, Momentaufnahmen. Logisch also, dass wir eher Team Foto sind als Team Video. Aber sind Fotos nicht so 1980er ...? Es muss sich was bewegen, dafür wurde das Internet gemacht! Videos! Dazu hört man auch noch die Musik. Entsprechend recken auf Konzerten gefühlt alle die Arme hoch und filmen, was das Zeug hält. Und wofür auch immer. Wir tauschen (wie immer etwas zugespitzt) Argumente und Emotionen hierzu aus ...
Dafür
Der Fortschritts macht es möglich, ein Handy kann mit drei Kameras aufwarten, bietet unzählige Filter und Feinabstimmungen, um ein Foto nachträglich zu bearbeiten. Aktuell lässt sich aber viel zu häufig feststellen, das die eigentliche Konzertfotografie, sei es digital oder analog, immer mehr in Vergessenheit zu geraten scheint. Viel zu selten sind Fotograf:innen auf größeren und kleineren Musikveranstaltungen noch zu sehen, dafür aber schwirren oft hunderte Arme in die Höhe, sobald die Musiker:innen die Bühne betreten oder ihre größten Hits darbieten, und es wird ein Video nach dem anderen gedreht. Leider interessiert es einzelne Gäste auch nicht, wenn sie damit schon wieder eigentlich gut positionierten professionellen Fotograf:innen die Sicht versperren, anstatt sich voll und ganz auf die Performance zu konzentrieren. Frage: Schaut ihr euch die gefühlt 300 Videos jemals wieder an, die ihr im Schnitt pro Konzert aufnehmt? Grundsätzlich sind Handy-Fotos oder vereinzelte Kurzvideos als Erinnerung schon okay, aber zu häufig werden in den sozialen Medien Fotos und Filmchen hochgeladen und geteilt, in denen kaum etwas zu erkennen ist, durch zu intensive Farben und Bewegungen wirkt alles unscharf und verschwommen. Welche Band soll das überhaupt sein? Allein schon durch die Dateigröße und Möglichkeiten, die Kameras mit sich bringen, ist einfach das gute, alte Foto das Nonplusultra für die Dokumention von Live-Auftritten und sei es ein kleiner analoger Fotoapparat. Eigentlich ist es doch viel schöner, ein Foto in der Hand zu halten oder digitale Fotos zeigen zu können.
Nico Pfüller
Dagegen
Ich bin ja eher der Fototyp. Ich mache ja auch das Ox. Auf Papier. Auf Konzerten scheinen aber alle nur noch Videos zu machen. Wofür auch immer. Ich schaue mir auch bei Social Media keine Bewegtbildinhalte an. Andere dafür nur. Zugegeben, ich habe das Bewegtbild-Ding nicht verstanden. Nicht bei Instagram, nicht bei Facebook, TikTok sowieso nicht. Ich habe keine Lust, mich mit Videos zu beschäftigen, schaue keine Reels, keine Konzertmitschnitte bei YouTube. Aber ... ich mag Banddokus. Mit Bewegtbildern aus den 1970ern, 1980ern, 1990ern. Die damals noch mit teurer Ausrüstung und viel Aufwand produziert werden mussten. Hätte das damals niemand gemacht, würden wir heute nichts zu gucken haben. Klar, die Frage ist, wie brauchbar die zigtausenden Hochkantvideos mit mehr Hinterkopf als Band im Bild sind, mit übersteuerter Musik, die seltenst ein ganzes Lied umfasst. Andererseits ... sind da draußen auch eine ganze Reihe versierter Leute auf den Konzerten unterwegs, die mit ruhiger Hand und etwas Sinn für Schwenks und Zooms wichtige dokumentarische Arbeit leisten, auf dass die Doku-Macher:innen der Zukunft aus einem riesigen Repertoire schöpfen können, etwa wenn jemand 2040 Teil 2 der HAMMERHEAD-Doku mit Live-Videoschnipseln von 2025 anreichern will. Ich bin mir sicher, wer 1979 mit der Super-8-Kamera seines Vaters auf einem Punk-Konzert auftauchte, wird mit viel Spott und dummen Sprüchen zu kämpfen gehabt haben, aber ohne solche Leute könnten wir heute in Dokus über Bandlegenden nicht verwackelte Schwarzweiß-Szenen bestaunen. Und wären die Tribal Video-Leute aus Essen nicht schon Ende der 1980er mit riesigen Videokameras auf den Bühnen von Punkshows im Ruhrgebiet rumgeturnt, würden uns heute auch viele historische Einblicke fehlen. Klar, wer heute auf einem Konzert die Hand mit dem Handy reckt, produziert in 99% der Fälle unbrauchbaren Mist. Aber das eine Prozent ambitionierter Menschen dokumentiert für morgen.
Joachim Hiller
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