
Machen wir uns nix vor: Punkfans werden älter, das lange Stehen auf Konzerten strengt manche zunehmend an. Also ... Sitzpogo? Brauchen und wollen wir mehr Sitzgelegenheiten oder sollen die Invaliden halt zu Hause bleiben, rumsitzen ruiniert doch sowieso die Stimmung und reduziert die Kapazität des Venues? Oder bedeutet Inklusion und Toleranz auch hier bestmögliche Rücksichtnahme ...? Heißt es: „Lass mich sitzen, auf Konzerten bekomme ich Rücken“, oder doch eher „Geht’s noch, Boomer? Rumhocker killen die Laune!“
Dagegen
Mir geht es hier nicht um die Rebellion-Tatterer „mit Rücken“. Und auch nicht um die neue Unsitte, sich auf Konzerten auf Kommando auf den Boden zu setzen: Neulich war ich der Einzige, der unter 3.000 anderen stehenbleiben musste – zwei Monate nach einer Knie-OP. Aber auch um mich geht es nicht. Es geht um Barrierefreiheit für alle. Es gibt bestimmt CDU-Punks, für die alles so bleiben muss wie bisher – was bedeutet, dass alle anderen halt draußen bleiben müssen. Oft nicht aus Bosheit, sondern aus Unwissen. Schließlich leben wir in Deutschland, wo Barrierefreiheit noch als exotisch gilt und man bestenfalls daran denkt, wenn man darauf hingewiesen wird. Wobei es auch ganz anders geht: Bei meinem letzten Aufenthalt in den USA wurden in einem Supermarkt über Nacht neue Selbstzahler-Kassen eingebaut. Beim ersten Einkauf nervte mich die neue Maschine, weil sie jeden gescannten Artikel laut ansagte – samt Preis. Bis ich geschnallt habe: Das war eine barrierefreie Kasse. Dort ist Barrierefreiheit so selbstverständlich wie hier der Rollstuhlfahrer, der zu Hause bleiben muss. Und dort muss nicht einmal mehr mitgedacht werden – das geht von ganz allein. Bei uns hat vor allem die junge – und durchaus auch die alternde – Szene oft einen politischen Anspruch, den sie dahingehend allerdings kaum erfüllt. Das gilt gerade für die eigentlich am meisten emanzipierten und idealistischen Läden mit inklusiver Ausrichtung, beispielsweise gegenüber Frauen oder der LGBTQIA+-Community. Sie haben oft nur die Möglichkeit, im gerade erst besetzten und heruntergekommenen Haus eine Bühne im Keller zu platzieren. Barrierefreiheit ist dagegen der regelhafte Zugang aller ohne besondere Hürden und Maßnahmen – Inklusion erfordert halt einfach „Sitzpogo-Maßnahmen“. Wie auch immer die aussehen mögen. Dann können sich die Rebellion-Tatterer auch noch mehr an ihren Rentnerbands erfreuen.
Roman Eisner
Dafür
Wer will ernsthaft etwas dagegen haben, dass Konzerte inklusiv sind – oder zumindest inklusiver? Niemand, natürlich. Auch ich finde es angenehm, wenn es in Venues gerade bei einem langen Konzertabend über drei, vier Stunden irgendwo ein paar Sitzbänke gibt. Und machen wir uns nichts vor: Wer als Veranstalter/Clubbetreiber Bands bucht, bei denen ein eher älteres, fußlahmeres Publikum gebraucht wird, um die Bude voll zu machen, sollte solche Aspekte im Blick haben. Nicht ohne Grund sind schon jetzt die Biergartenbereiche in den Umbaupausen oft überfüllt. Bestuhlte Konzerte hingegen als krasses Gegenmodell braucht hingegen niemand: wer so was veranstalten beziehungsweise sehen will, soll das halt im Theater machen. Das Problem, dass ich sehe: Wer hier auf strenge Vorgaben setzt, tut unserer DIY-Kultur damit keinen Gefallen. Zig Clubs und DIY-Venues sind bauliche Notlösungen und Drittnutzungen. Altes Haus mit Konzertsaal im ersten Stock. Kellerräume. Bauliche Hürden. Stufen im Zugangsbereich. Knappe Finanzen. Unwillige Vermieter. Verwinkelte Toilettensituation. Mäkelige Aufsichtsbehörden. Wenn dann noch jemand ankommt und zwingende Barrierefreiheit auf Neubauniveau fordert, wird es für den Großteil „unserer“ Läden verdammt eng. Wenn ich mir vors innere Auge rufe, wie es in den von mir bevorzugten unkommerziellen bis kaum kommerziellen Veranstaltungsläden aussieht, dann könnten die fast alle zumachen, sollten irgendwelche Kommunalgremien und -bürokraten (bald mit noch größerer AfD-Beteiligung) sehr eng gefasste Vorschriften zu Sitzplatzanteil und Barrierefreiheit paragraphentreu auslegen. Schon das Reizthema Brandschutz hat zig Läden gekillt über die Jahre. Deshalb: Wo immer sich mit gutem Willen Dinge für Menschen mit speziellen Bedürfnissen verbessern lassen, sollte das getan werden. Aber wer es erzwingen will, dem sage ich: Be careful what you wish for ...
Joachim Hiller
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