
Die ersten 100 Tage der Trump-Regierung sind inzwischen vorbei und auch wenn jede neue Schlagzeile wie aus einem schlechten Film klingt, scheint der große Aufschrei noch auszubleiben. Zwar gab es große Demos in den USA, ein richtiger Aufstand bleibt aber aus. Und das, obwohl man bereits jetzt davon ausgehen kann, dass permanent Menschenrechte verletzt werden und sich die USA auf direktem Weg in den Faschismus befinden. Auch musikalisch scheint ein Aufstand noch kein großes Thema zu sein.
Anfang des Jahres gab es immerhin einen ersten Schritt in Richtung musikalische Rebellion. Kendrick Lamar sorgte mit seinem Auftritt in der „Half Time Show“ des Superbowls für Aufsehen. Seine Show war geprägt von Symbolen, vor allem ein gespaltenes Amerika fand große Aufmerksamkeit in seiner Performance. Und obwohl das schon als Gesprächsthema gereicht hätte, machte er vor allem Schlagzeilen mit seinem Diss gegen Drake vor einem Millionenpublikum. Einen Lichtblick gibt es ausnahmsweise auf TikTok: Hier wurde Kendrick Lamars Auftritt zum Mittelpunkt vieler „Edits“. Dabei wurden vor allem Parallelen zu der Buch- und Filmreihe „Die Tribute von Panem“ gezogen. Wie Katniss sich gegen Präsident Snow stellt und diesen zu Fall bringt, ist da Kendrick Lamar, der sich (indirekt) gegen Präsident Trump stellt und ein gespaltenes Amerika anprangert.
Gerade „Die Tribute von Panem“ spielt eine wichtige Rolle auf TikTok und somit für die Gen Z. Zwar kamen die ersten drei Bände der Reihe bereits zwischen 2008 und 2010 raus, im März 2025 erschien aber der fünfte Teil und konnte so noch mal eine neue Generation an jungen Leser:innen abholen. Das wiederum sorgt für Interesse auf TikTok, wo es eine Vielzahl an „Die Tribute von Panem“-Edits gibt, in denen es um Rebellion geht, ums Aufstehen gegen Ungerechtigkeit, und es werden sogar Parallelen gezogen zwischen der Unterdrückung in der Buch- und Filmreihe und dem aufkommenden Faschismus im echten Leben. Aber auch hier fehlt wieder der musikalische Aspekt – die Edits sind geleitet durch Bilder, nicht durch Musik. Es gibt bisher keine nennenswerte musikalische Entwicklung auf TikTok, die sich Rebellion und Aufstand gegen die Norm auf die Fahne schreibt und damit viral geht. Gerade bei einer Plattform, die nur durch Sounds und Musik überleben kann, würde man etwas anderes erwarten.
Es gibt zwar Aufklärung in Form von Edits, indem Parallelen gezogen und filmische Beispiele als Referenz genutzt werden, um komplexe politische Entwicklungen in einen einfacheren Kontext zu packen. Aber es fehlt der Soundtrack zur Rebellion. Es sind nicht Punks im Trend – „Tradwives“ sind es. Es sind nicht Goths im Trend – „Clean Girls“ sind es. Subkulturen waren nie Mainstream, die Hauptzielgruppe (junge User:innen auf TikTok) interessiert sich für Trends, die wiederum von Influencer:innen geleitet werden. Und mit der Norm, mit Konservatismus und mit dem Einordnen in die Masse scheint sich besser Geld verdienen zu lassen als damit, auch mal gegen den Strom zu schwimmen und Moral über Verdienst zu stellen.
Zwar gibt es eine für die junge Generation wichtige Aufklärungsarbeit durch Edits, allerdings gelingt es TikTok zugleich, alles zu verwässern. Es wird einem das Gefühl vermittelt, man müsse sich der Masse anpassen. Man darf nicht herausstechen, denn dann ist man ein Außenseiter und gehört nicht mehr dazu. Und das ist etwas, womit man 24/7 auf TikTok konfrontiert wird. Alles muss abgestimmt sein, man trägt nur, was gerade im Trend ist. Subkulturen finden kaum noch statt und werden durch „cleane“ Ästhetiken nur weiter aufgeweicht (man nehme „Clean Goth“ als Beispiel).
Es ist aber nicht alles schlecht, im deutschen Kontext hat es die Künstlerin Soffie bereits letztes Jahr geschafft, einen kleinen Soundtrack der Rebellion zu kreieren. Sie ist mit ihrem Song „Für immer Frühling“ auf TikTok viral gegangen und damit auch bei Demos gegen rechts aufgetreten. In den USA wiederum haben GREEN DAY ihren Auftritt beim diesjährigen Coachella Festival genutzt, um gegen Trump Stimmung zu machen. Andere Künstler:innen scheinen dort nicht den Mut dazu gehabt zu haben. Eine internationale durch Musik geprägte Bewegung bleibt bisher aus, aber man darf noch hoffen, dass ein Punk-Song unverhofft auf TikTok viral geht und einen Trend auslöst, der Rebellion wieder „cool“ wirken lässt. Anders scheint man einen Großteil der Gen Z nicht abholen zu können.
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