
In einem Amerika, in dem der Faschismus auf dem Vormarsch ist und man jeden Tag von Neuem dabei zusehen kann, wie die Absurdität des Vortags übertroffen wird, ist wenig Platz für eine Band, die sich satirisch mit autoritären Regimen befasst. Und so finden sich MY CHEMICAL ROMANCE im Mittelpunkt einer neuen „Satanic Panic“ wieder.
Es ist fast poetisch, wenn man online Beschwerden darüber liest, die aktuelle Live-Show von MY CHEMICAL ROMANCE sei zu politisch, zu satanistisch und die Band zu dämonisch. Denn MY CHEMICAL ROMANCE sind in den USA gerade mit ihrer „Long Live The Black Parade“-Tour unterwegs, um das 2026 anstehende 20-jährige Jubiläum ihres Albums „The Black Parade“ zu feiern. Und auch damals, 2006, als das Album erschienen ist, gab es ähnliche Schlagzeilen und Kontroversen rund um die Band, was einmal mehr zeigt, wie weit wir uns in kürzester Zeit wieder zurückentwickelt haben.
Der Emo-Look schockiert heute zwar weniger, die Theatralik, die „The Black Parade“ ausmacht, wird dafür aber noch mal auf ein neues Level gehoben. Bei ihrer aktuellen Tour begann die Kontroverse bereits mit der Ankündigung.
In dem Promo-Trailer wurde ein fiktiver Diktator gezeigt, der vor eine jubelnde Menschenmenge tritt. Der Schauplatz der Show soll eine dystopische Stadt sein. Und auch das Tour-Poster ist deutlich militärisch geprägt. Während der Show wird dann auch schnell klar, dass die fiktive Band „The Black Parade“ im Auftrag eines Diktators auftritt und alles dafür tut, um diesem zu gefallen. Auch 20 Jahre später tritt die Band wieder in ihren Militär-ähnlichen Uniformen auf und es gibt eine Show-Einlage, bei der das Publikum „wählen“ darf, ob vier Personen exekutiert werden sollen. Nach der inszenierten Exekution bedankt sich Sänger Gerard Way dann beim Publikum für ihre Teilnahme an der Demokratie, was viele als Anspielung auf Wahl-Manipulation und die Illusion der demokratischen Mitbestimmung interpretieren.
Eine theatralische Show also, mit deutlicher Satire in Bezug zu Autoritarismus, die 20 Jahre später die Geschichte von „The Black Parade“ weitererzählt. Damals scheinen viele aber wohl nicht aufgepasst zu haben und waren nach der Eröffnungsshow im Juli online empört darüber, wie düster, satanistisch, und vor allem „woke“ die Show von MY CHEMICAL ROMANCE gewesen sei. Zu vielen ist wohl eine grobe Fehleinschätzung unterlaufen, wer MY CHEMICAL ROMANCE eigentlich sind. Eine Band, die nach dem 11. September gegründet wurde – ein Ereignis, das vor allem für Sänger Gerard Way sehr prägend war, und ein Thema, das immer wieder in MY CHEMICAL ROMANCE-Songs gefunden werden kann – und vor allem eine Band, die schon immer den „Outcasts“ gewidmet war.
Es herrscht viel Unverständnis darüber, warum eine Band denn so politisch sein muss, und MY CHEMICAL ROMANCE sind dabei keine Ausnahme. Immer wieder liest man online schockierte Kommentare darüber, dass eine Band „zu woke“ sei, obwohl diese schon seit vielen Jahren ihre politischen Positionen in Songs und bei Live-Auftritten klar gemacht hat. Gerade TikTok scheint diesen Prozess des Unverständnisses zu beschleunigen, indem Musik auf die „For You Pages“ von User:innen gespült wird, mit der sie sonst nichts zu tun haben. Indem Tickets für Konzerte gekauft werden, nur um nichts zu verpassen, und nicht, weil man die Band gut findet. So gibt es Konservative, die sich anscheinend auf MY CHEMICAL ROMANCE-Shows verirren und danach die nächste Runde der „satanic panic“ einläuten wollen.
Vielleicht ist das Infiltrieren alternativer Spaces aber auch das Ziel, um alles online noch mehr zu verwässern und Subkulturen so lange zu bearbeiten, bis alles der Norm entspricht. Denn gerade auf TikTok ist ein ganz klarer Trend zu erkennen: Alles, was nicht in die Norm passt, gehört ausgegrenzt. Alles, was heraussticht, gehört nicht zum Trend. Das zeigt die hohe Popularität, die die „clean girl aesthetic“ erfährt, wo alles perfekt, „sauber“, und einheitlich sein muss. Oder der Hype rund um „Tradwives“, genauso wie Abwandlungen dessen in alternativen Subkulturen, wie „Clean Goth“.
MY CHEMICAL ROMANCE lassen sich von dem Online-Aufriss jedenfalls nicht beirren und bringen ihre „Long Live The Black Parade“-Tour nächstes Jahr in London im Wembley Stadion zu Ende.
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