UNARTWORK

Foto© by Karl-Heinz Stille

Beurteile eine Platte nie nach ihrem Cover - Pt. 5

Themenabend mit „Bandfotos“, der letzten Option, wenn einem für das Covermotiv wirklich so gar nix einfällt oder man zu gerne als Poster an der Wand hängen möchte, sich die Bravo aber nicht meldet. Das sind diese Plattencover mit den kleinen Reißzweckenlöchern in den Ecken. „Verdammt, jetzt haben wir unsere ganze kreative Energie der letzten sechs Monate in die Songs gesteckt, wer kann denn ahnen, dass so eine Schallplatte auch ein Cover braucht? Geht das nicht auch ohne? Haben wir niemanden, der so ein bisschen zeichnen kann, wie bei der letzten Platte?“ – „Die hat sich nicht so gut verkauft, weil die Zeichnung scheiße aussah!“ – „Ich hab’s, wir gehen kurz raus, machen ein paar Bilder, dann wissen alle, wie wir aussehen, und wir bekommen überall Freigetränke. Du hast doch eine Kamera?!“ – „Ja schon, aber ...“ – „Nix aber!“

So oder so ähnlich dürften die meisten schrecklichen Bandfotocover ihren Ursprung genommen haben. Spontane Session, keine Ideen, kein Konzept, Haltung wie nasse Säcke und ein Halbblinder hinter der Linse. Nichts gegen Bandfotos, denn richtige Bandfotos können sich durchaus zu ikonischen Motiven entwickeln, wobei die Betonung auf dem „richtig“ und nicht auf dem „Bandfoto“ liegt. Wenn man sich als Band in Szene setzt, ein klein bisschen rausputzt und Mühe gibt, dann kann es mit etwas Talent des Fotografen, der Dinge wie Belichtung, Blende und Bildkomposition beherrscht sowie einen Film mit mehr als einem Restbild besitzt, durchaus was werden. Ja, Bandfotos können durchaus Spaß machen und eine Botschaft transportieren, aber denen widmen wir uns hier selbstverständlich wieder einmal nicht. Für die guten Artworks wurden Coffeetablebooks erfunden, in denen sich außer Coverabbildungen nichts befindet. Übrigens perfekte Bücher für Menschen, die früher mal eine Plattensammlung besaßen, heute aber alles nur noch streamen oder nicht lesen können, aber sehr gerne Bilder anschauen.

Bandfotos haben eine lange Tradition und vermittelten im Punk-Kontext auch durchaus eine wichtige Botschaft: Schaut her, hier gibt es uns auch, wir kommen aus Skandinavien, wir tragen Nieten, haben die Haare schön und wir alle sehen auch noch verdammt gefährlich aus! Als ich mir Gedanken über diese Folge machte, hatte ich selbstredend Bilder im Kopf. Bei der Suche in der eigenen Sammlung stellte sich dann aber die Erkenntnis ein, dass sich die meisten Kackbilder von Bands auf dem Backcover befinden und es um das benötigte Bildmaterial auf der Vorderseite bei mir zu Hause doch eher dünn bestellt ist, weil mir Platten mit den klassischen Müllkippenbildern fehlen. Dieser ganze 08/15-Streetpunk und vor allem Rechtsaußen-Oi! mit den dahingeschissenen Lebensversagern mit Einheitsfrisur und eklatanten Haltungsschäden, die „damals“ auch in den letzten Kriegstagen zur Ausmusterung geführt hätten. Man kennt diese Bandfotos, alle haben ein Bier in der Hand, ziehen die Wampe ein und sind voller Testosteron, weil man aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes halt komplett untervögelt ist. Ja sorry, wenn mir früher Rechtsrock einfach zu offensichtlich kacke war, als dass ich mich heute für irgendeine Phase in meiner musikalischen Entwicklung rechtfertigen oder gar schämen müsste. Kommt nicht wieder vor. Also widmen wir uns stattdessen den vier schönsten Missgriffen, die ich nach Durchforsten der Hälfte meiner LPs finden konnte.

BOOMTOWN RATS „In The Long Grass“ (1984)
Eine hart arbeitende Band, die sich im Studio oder in der Muckibude für euch den Arsch aufreißt. Die fünf Bandmitglieder sehen abgekämpft und eindeutig verschwitzt aus, zumindest scheint es so. Auf den ersten Blick sieht das wirklich nach einem richtigen Job aus, den sie da kurz zuvor abgeliefert haben müssen, möglicherweise waren sie aber auch nur in voller Montur in der Sauna, weil sie das Schild mit dem textilfreien Abend nicht verstanden haben. Der Hundeblick zieht sich als roter Faden durch das Bild, beim Schuhwerk wird man das erste Mal etwas stutzig. Einmal barfuß, einmal Armykloben, normale Schuhe, Espadrilles und Socken, in die eine Jogginghose gestopft wurde. Normale Menschen liegen so nicht mal auf dem Sofa. Überhaupt, warum stopft man sich die Hose in die Socken? Damit die Eier nicht rausfallen? Wahrscheinlich genau deswegen, denn wenn man die Jogginghose von Bob Geldorf genauer inspiziert, stellt man sich zwangsläufig die Frage, ob es eine Aubergine oder fünf Paar Strümpfe sind, die er sich oben in selbige gestopft hat. An dieser Stelle kippt das Foto dann auch, denn wenn man es einmal gesehen hat, haben die anderen auf einen Schlag keine Augen mehr.

DIE WICHSER „s/t“ (1981)
Zum Glück wurde die 7“ als LP wiederveröffentlicht, sonst hätte dieses Kleinod bis zur Rubrik mit den 7“s warten müssen. Das Cover zu dieser Single entstand wahrscheinlich exakt so wie eingangs beschrieben. Die Aufnahmen sind im Kasten, das Ganze wurde als Band zum Mastern an das Presswerk geschickt. Erster Anruf vom Presswerk: „Hallo, ihr habt keine Etikettenentwürfe mitgeschickt!“ – „Oh ... Text reicht, die Titel stehen ja auf den Bändern.“ – „Okay, dann machen wir Standard.“ Zweiter Anruf vom Presswerk eine Woche später – ja, das ging damals so schnell und dauerte keine drei bis sechs Monate: „Hallo, die Singles wären jetzt fertig, kommt da noch ein Coverentwurf? Die Cover sind im Gesamtpreis enthalten, sonst kriegt ihr die ohne und ihr müsst selber welche drucken lassen!“ – „Oh, ah ... kommt nächste Woche!“ Kurz die anderen beiden von der Band angerufen. „Wir brauchen dringend ein Cover, irgendeine Idee?“ Am Ende hat dann keiner eine, aber die Ritsch-Ratsch-Klick der Familie, mit genau einem verbliebenen Bild auf dem 24er-Film in der Hand. „Fotosession!“ – „Ich bin aber krank und lieg mit 39,5 Fieber im Bett!“ – „Keine Zeit, Cover muss fertig werden, wir kommen zu dir, wird schon gehen.“ Der Bub wird aus dem Krankenbett gezerrt, seine Mutter bekommt die Kamera in die Hand gedrückt und eine kurze Einweisung. Klick! Film voll. Da stehen dann drei junge Burschen in einer kahlen Flurecke, zwei gucken hart in ihren schwarzen Punkoutfits, der Dritte trägt Hausschlappen an seinen nackten Füßen, eine lange weiße Feinrippunterhose und einen Schal über seinem dicken Pulli, damit er sich keine Lungenentzündung holt. Eine Woche später kommt der Film zurück vom Photo Porst, und weil es nur dieses eine Bild gibt, verwendet das Presswerk selbiges für Vorder- und Rückseite.

UNWANTED YOUTH „s/t“ (1988)
Kein überdurchschnittlich misslungenes Cover, aber eines, das für viele andere mit demselben Manko steht und auf der irrigen Annahme basiert, der Fotograf wüsste genau, was er tut. Vier damals junge Menschen sitzen auf einer Abraumhalde, schauen möglichst lässig in die Ferne, nur nicht in die Kamera und sind kaum zu erkennen, obwohl man bereits in der ersten Stunde in der Foto-AG lernt, dass Gegenlicht einfach saublöd ist. Immerhin erkennt man noch knapp zwei Gesichter. Ähnlich gelungen ist übrigens die erste V.A.C.-Mini-LP auf We Bite Records. Viel Schatten, wenig Licht.

RAMONES „End Of The Century“ (1980)
Dieses Cover ist im Bandkanon zu bewerten, also „Kontextscheiße“, denn bei einer anderen Band ginge es durchaus in Ordnung. Rein technisch gesehen ist es ein einwandfreies Bandfoto. Allerdings eines, bei dem jeder eingefleischte RAMONES-Fan sofort wusste, dass hier ganz gewaltig was im Busch ist. Potenziell ein Downer mit Ansage, denn Imagewechsel gehen oft Hand in Hand mit einem neuen Sound, selbst wenn das neue Image nur bedeutet, dass die Band ihre Lederjacken gegen vier bunte T-Shirts eingetauscht hat, während ihre Mimik weiterhin in etwa so variabel wie die der AMIGOS ist. Immer wenn es ideen- oder charttechnisch nicht so läuft, kommt der große Produzent ins Spiel. Heute holt man Rick Rubin, damals hieß der große Zampano eben noch Phil Spector. Der Zauberer, damit es mit dem Charterfolg endlich klappen mochte. Ausgefeiltere Produktion, mehr Perfektionismus, 96 Takes, Chöre, Streicher, Koks für Phil, damit er seine „Wall of Sound“ durch die Nase hochziehen konnte. Wenn man das Cover länger betrachtet, kann man problemlos erkennen, wie viel Spaß Johnny Ramone bei den Aufnahmen hatte und wie viel Enthusiasmus die anderen versprühen. Zum Glück nur ein kurzer Image- und Soundwechsel, den man eine Platte später schon wieder über Bord warf. Man wünscht sich, dass von dieser LP ein Rohmix existieren möge, auf dessen Cover die Band wie üblich mit ihrem Lederjackenoutfit posieren würde. Alle späteren Cover mit Bandfoto kommen selbstredend ohne weitere Klamottenexperimente aus. Besser so!

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Grob lässt sich schlimmes Coverartwork in vier Kategorien unterteilen:
1. Das Cover passt zum ebenso schrecklichen Inhalt.
2. Der Inhalt steht konträr zur Verpackung.
3. Wäre das Artwork noch schlimmer ausgefallen, würde es wieder passen.
4. Wenigstens kann man sich über die Verpackung aufregen, die Musik ist egal.

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