© by Karl-Heinz StilleDiesmal widmen wir uns der Disziplin „Foodporn“. Beim Ausmisten unnötiger LPs fielen mir unlängst zwei besonders auffällige Vertreter dieser Sparte in die Finger. Ich erinnerte mich, dass ich vor ein paar Jahren einen ganzen Stapel Cover für eine Ausstellung verliehen hatte, die unter dem Motto „Schlachtplatten“ stand. Essen auf Coverartworks gibt es weitaus länger als irgendwelche Instagram-Accounts, die sich mit dem Ablichten ihrer fremdgekochten Speisen über Wasser halten, und ist häufig deutlich hässlicher, weil es damals noch keine adäquaten Filter oder Volkshochschulkurse für die korrekte Präsentation zubereiteter Kohlehydrate gab. Es kann durchaus sein, dass hierzu später noch ein weiterer Teil folgt, quasi als „Nachschlag“.
HAFENSABINE „The Sausage Of Love“ (2014)
Natürlich erkennt selbst der Ungeübte sofort, dass es sich um eine Hommage an das weltberühmte Warhol-Cover für das Debüt von VELVET UNDERGROUND handelt, andererseits erkennt derselbe Laie auch auf den ersten Blick, dass es keine wirklich gelungene ist. Nicht umsonst ist Andy Warhol ein Künstler von Rang und Namen, außerdem tot, während der Nachahmer, der es bestimmt gut gemeint, aber nur bedingt gut umgesetzt hat, brotlos bleibt und keine Bilder für Unsummen verkaufen wird. Die bessere Hommage haben an der Stelle die BUBEN IM PELZ mit ihrer Pellwurst abgeliefert, unter der sich stilecht eine Banane offenbart, sofern man denn den Aufkleber abpolkt. Bei HAFENSABINE hingegen gibt es nichts abzuknibbeln. Die grobschlächtig ausgeschnittene Currywurst ist zwar ähnlich positioniert wie die Warhol-Banane, sieht aber so aus wie ein telefonisch durchgegebener Auftrag für ein Coverartwork bei schlechtem Empfang. So in etwa stellt man sich als bekennender Atheist den Werdegang von Bibelerzählungen vor. Dreckiges Wasser, einmal durch den Filter, zack trinkbar. Zwei Erzählungen weiter haben wir ein Mixgetränk oder eben gepanschten Wein. Wenn schon eine Verbeugung, dann bitte mit dem richtigen Schrifttyp und als konsequent durchgehendes Coverartwork. Die Wurst wirkt leider etwas unappetitlich, nicht nur für eingefleischte Vegetarier (notwendiges Wortspiel für die schlichten Gemüter), so dass ihnen eine gelungene LP entgeht. Trashige, garagige UNDERTONES aus Backnang, mit einem Sänger, der einen an einen räudigen Feargal Sharkey erinnert. Eine tolle Live-Band, deren Backdrop aus einer ausgeleierten Feinrippunterhose mit Eingriff bestand, auf die jemand mit Edding den Bandnamen geschrieben hatte. Haben wir schon über das Innencover gesprochen? Die Nahaufnahme einer Metzgertheke, die allen ländlichen Kindern nur zu gut bekannt sein dürfte. Über diese Theke beugte sich stets eine Hand mit dicken Wurstfingern (jetzt reicht’s aber!), um einem mit einem Rädle billigster Gelbwurst früh an überwürzte Schlachtabfälle zu gewöhnen. Hier passt der Inhalt tatsächlich einmal null zum Serviervorschlag.
THE BAGS „Rock Starve“ (1987)
Bei manchen Platten kann man sich auch nach 30 Jahren noch an den Ort und die Umstände des Kaufs erinnern. Bei den BAGS war es das Gemini auf der Königstraße und die Ramschkiste, in der Hoffnung ein Schnäppchen zu machen. Blöd nur, wenn diese BAGS absolut nichts mit der Band um Alice Bag aus L.A. zu tun haben, da hilft es auch nicht, dass die Platte auf Restless rauskam, die zur gleichen Zeit SOCIAL DISTORTION unter Vertrag hatten. Das Coverartwork, bei dem der Plattentitel das aus diversen Lebensmitteln zusammengestellt wurde, hätte Warnung genug sein müssen. „Rock-Diät“? Ernsthaft?! Käse, Fisch, Wurst, Spiegelei, Karotten, Senf, Gurke, Sahne mit glasierten Kirschen, Avocado und ein Sprinkle-Cookie, was kann man daraus machen? Wenn man die einzelnen Zutaten ernsthaft zu einem einzigen Gericht zusammenführen würde, käme irgendwas mit Brechdurchfall heraus, auch das entschlackt irgendwie. Der Inhalt wirkt dabei so unausgegoren wie das Artwork. Garage-Rock mit starker Betonung auf Hardrock, wo die Band 20 Jahre später auch konsequenterweise angekommen ist, um es dann gut sein zu lassen. Auch wenn mir heute klar ist, wo und wann in etwa ich die LP gekauft habe, fällt mir für das Warum keine schlüssige Entschuldigung ein.
DRAHDIWABERL „McRonalds Massaker“ (1982)
Bei den von mir hochgeschätzten DRAHDIWABERL um Stefan Weber ist das Coverartwork kein Zufall und keineswegs Versehen. Die Kritik an McDonald’s und Fastfood als Nahrungsersatz taucht im Punk-Umfeld immer wieder auf (CANAL-TERROR, PFUSCHER GÄNG, GG Allin, EMILS ...), wurde aber selten so unappetitlich umgesetzt wie bei DRAHDIWABERL. Hier kleckert alles, hier gibt es Blut, fliegende Fritten und jede Menge Ketchup. Lecker sieht anders aus, das ist hier aber 100% Konzept. Der Inhalt ist typisch für die Wiener Band: Mundart auf höchstem Niveau, wohl das, was die TUBES gemacht hätten, wenn sie die Ungnade der falschen Geburt nach Wien verschlagen hätte. DRAHDIWABERL haben das Maximum aus ihrem Standortnachteil herausgeholt und waren immerhin bei „Kottan ermittelt“ in „Die Entführung“ für eine ganze Folge gut, inklusive Live-Auftritt mit ihrem damaligen Bassisten Johann Hölzel. Zwar wurde die Band unter anderem Namen geführt, aber jede:r wusste Bescheid. Im Rahmen dieser Reihe ein Ausreißer, denn die Umsetzung ist gelungen, dennoch hässlich wie ein unzensiertes CANNIBAL CORPSE-Cover. Mit „Supersheriff“ ist dann auch noch einer der echten Hits dieser Punk-Kabarett-Truppe auf der LP enthalten. Ein eindringlicheres Manifest gegen den Konsum von Fastfood und Burgern kann man mit einem LP-Cover kaum setzen. Einerseits faszinierend, auf der anderen Seite guckt man halt auch nicht gerne hin.
BAD NOIDS „Everything From Soup To Dessert“ (2013)
Wer auch immer aus der Band auf dieses Coverartwork kam, man sollte ihm huldigen. Das Artwork ist mindestens so unappetitlich wie der Inhalt, wobei das nichts über die Nährwerte aussagen soll. Ein typisches Krankenhaus-Fertigessen aus der Hochzeit der tiefgefrorenen Aluminium-Mahlzeiten abzulichten, darauf muss man erst mal kommen. Mein Vater brachte Ähnliches nach Hause, als bei seinem damaligen Arbeitgeber die Kantine eingespart wurde. In dieser Zeit schafften sich meine Eltern eine Kühltruhe an, in der sich diese Fertiggerichte stapelten, während für deren ordnungsgemäßen Betrieb im AKW Neckarwestheim jeden Tag ein eigener Brennstab verheizt werden musste. Beim Blick auf eine einmal geöffnete und aufgetaute TK-Alupackung stellte sich fast immer dieselbe Frage: Warum musste für dieses graue Stück Hack irgendein überfahrenes Tier von der Bundesstraße gekratzt werden? Wie kriegt man die Farbe aus Erbsen und wird das extrahierte Grün direkt nach England verfrachtet, damit die ihre Erbsen so leuchtend kriegen? Was schwimmt da in dieser durchsichtigen Brühe, bewegt sich das womöglich? Und wurde so etwas nicht explizit durch die Genfer Konvention als Verbrechen gegen die Menschheit geächtet? Fischt man so eine Platte aus irgendeiner Kiste, ist der erste Impuls eindeutig. Nein, auf gar keinen Fall kaufe ich das! Pfui! So wird zumindest jeder Mensch reagieren, der einmal in einem Krankenhaus als Kassenpatient „verpflegt“ wurde. Dabei passt der Inhalt zum optischen Genuss. Fieser Noisepunk, vertrackt, leicht ekelhaft, angepisst, außerdem muss man sich bei jedem Bissen ein wenig überwinden und gegen den leichten Brechreiz ankämpfen. Schön ist das nicht, will es aber auch gar nicht sein. So gesehen passt das Cover absolut zum Inhalt, allerdings ist der deutlich schärfer gewürzt als dieser Nahrungsersatz, der im Grunde auch aus gepresstem und eingefärbtem Bauschaum bestehen könnte, ohne dass jemand den Unterschied bemerken würde. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser wird es als Artwork, auf der anderen Seite verliert es auch nach Stunden, Tagen und Wochen nichts von seiner Abscheulichkeit, die das Augenlicht erblassen und einen gereizten Magen zum Kippen bringen könnte. Wer sich an einen Krankenhausaufenthalt erinnert, vergisst nie diesen leicht säuerlichen Geschmack, der die Speiseröhre nach oben kriecht, sobald die Schwester das Tablett in das Vierbettzimmer trägt. Hmm, lecker – nicht! Zufall? Keineswegs! Wenn man das beiliegende Poster betrachtet, weiß man, dass hier alles Konzept ist, denn auch das willst du nicht an deiner Wand hängen haben, es sei denn, dein Name ist Jason Voorhees. Irgendwie doch genial, aus den genannten Gründen verkaufstechnisch aber desaströs. Ein Schnaps wäre jetzt gut, gerne auch ein Korn, Hauptsache hochprozentig, um den Magen zu betäuben.
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