UNARTWORK

Foto© by Kalle Stille

Beurteile eine Platte nie nach ihrem Cover - Pt. 6

Noch mal Sprühpinsel, weil’s so schön war. Ehrlich gesagt waren das aber nur vier weitere Kunstwerke, die beim Durchflöhen als Erstes ein Quartett ergaben, während ich bei anderen Platten wohl nie ganz vier zusammenbekommen werde, damit es für eine Folge reicht. Nehmen wir zum Beispiel die ungeschriebene Folge des Fußbekleidungsfetisches, Unterkategorie „Martens, Doc“, die aufgrund mangelndem Tonträgermaterials in meiner Behausung wohl nicht geschrieben werden wird, jedenfalls nicht von mir. Du weißt schon, die ganzen Cover, auf denen mehr oder minder polierte Armybotten aus allen Blickwinkeln paarweise abgebildet sind. Nahezu jede zweite pimmelige Oi!-Kapelle frönt diesem Stiefelfetisch, der wirklich überproportional auf Covern vertreten ist.

Nur leider finde ich schon die Musik meistens dermaßen scheiße, redundant oder beides, dass es davon nur wenige Exemplare in meinen geheiligten Tonträgerhallen gibt, die für eine Folge ausreichend wären. Eine Folge, in der es dann bei jeder einzelnen Platte um Stiefel ginge, was zudem ziemlich langweilig wäre, passend zur Musik. Okay, man könnte über die Zahl der Löcher oder die Farbe der Schnürsenkel philosophieren, Stahlkappe oder Gesundheitsbett, man kann aber auch ganze Abende mit den Bonmots aus dem Leben des bekanntesten Schuhverkäufers aller Zeiten und seinen besten Tagen in Polk High verbringen, muss man aber nicht. Dann lieber noch mal die zarten Gehversuche von Sprühschablonenartisten, die sich wenigstens ein bisschen mehr Gedanken gemacht haben, als Ledermauken abzulichten oder nachzupinseln, nur weil niemandem was Besseres eingefallen ist.

UNIFORM CHOICE „Staring Into The Sun“ (Giant, 1988)
Die erste LP, „Screaming For Change“, hätte schon einen Platz in dieser Reihe verdient. Ein mit Bleistift abgemaltes Live-Foto, kann man machen, aber warum nicht gleich das Foto statt des schlecht durchgepausten Dings? Der musikalisch nicht mehr ganz so überzeugende Nachfolger besticht hingegen durch das allsehende Sonnenauge mit seinen Kurzwellenstrahlen, die auf halben Weg in mehreren Zacken irgendwo enden. Eine Phalanx von New Wavern schaut am unteren Rand in das Auge, das sich in Wolken hüllt. Ich sehe zwar nirgends eine Sonne, aber im Klappcover mehr als deutlich, dass die Band ihr Haar inzwischen lang und offen trägt. Ein Grafikdesigner bei Giant Records entschied sich für lilablaue Schrift auf grauem Fotohintergrund, was immer eine gute Wahl ist, solange man das Ganze nicht in die Druckerei gibt. Ein passendes Artwork für dieses stets und immer schwierige Zweitwerk nach einem Instant-Klassiker, bei dem man wirklich fast alles falsch gemacht hat, was es so halbgar zu machen gab. Wenn ich DAG NASTY hören will, dann lege ich DAG NASTY auf, aber keine Band, die mir eine Platte vorher noch Enthaltsamkeit mit MINOR THREAT-Hardcore-Vibes um die Ohren geprügelt hat. Bei den Vorbesprechungen zum Artwork gab es eventuell einen Dialog wie diesen: UC: Hey Dave, unsere neue Platte ist fast fertig, kannst du uns ein Cover pinseln? Sie heißt „Bewegte Männer, die auf Pferde starren!“ D: Ich kann aber keine Pferde. UC: Ziegen? D: Nope, Ziegen sind die kleinen Schwestern der Pferde! UC: Wie wäre es mit einer Sonne? D: Auch schwierig, weil rund und gelb, aber ich kann Augen! UC: Dann mach was mit Augen, der Titel bleibt aber bei Sonne, das merkt eh niemand. D: Okay, gib mir eine halbe Stunde.

LUSTFINGER „Last Traktor To Kreml“ (Wave, 1986)
Ein Coverartwork, an dem es zumindest technisch wenig auszusetzen gibt, wenn man mal vom Hurrikan über Island absieht. Wenn es um die Abbildung einer Weltkugel geht, ist zu 98% Afrika rechts unten, weil man als Vorlage nur den Diercke Weltatlas hatte, und ein Großteil der potenziellen Betrachter ein ernsthaftes Problem hätte, den Planeten zu identifizieren, wenn man die Kehrseite mit Amerika nach vorne hieven würde. Ob auf der zweiten LP der Münchner LUSTFINGER ein Hit enthalten ist? Ich weiß es nicht, auf Anhieb läutet bei keinem Songtitel etwas bei mir. Aber die Platte erschien auf Wave Records, einem Unterlabel von Gama, die im Intercord-Vertrieb waren und damit in nahezu jedem Plattenladen standen. Das garantierte Verkaufszahlen, von denen so manche Top-Band heute nur träumen kann. Damals durfte man mit den Absätzen nicht mal an den unteren Chart-Ausläufern schnuppern, während man damit heute locker in den Top 10 landen würde. Die Weltkugel wird vom Bandlogo, einer Hand mit ausgestreckten Mittellustfinger gesprengt, der pfiffigerweise auch noch das „I“ im metallischen Bandnamen ergibt. So weit, so gut. Die Assoziation zum Plattentitel stellt sich bei mir auch nach nunmehr 38 Jahren immer noch nicht ein. Wo ist der Traktor? Liegt der Kreml jetzt mitten im Atlantik, womöglich in der Nähe von Atlantis? Was passiert, wenn man den letzten Traktor verpasst? Und warum heißt die Scheibe eigentlich nicht „Fuck The World“?

RIKKI AND THE LAST DAYS OF EARTH „4 Minute Warning“ (DJM, 1978)
Habe ich mir ziemlich sicher auf einem Flohmarkt für maximal eine Mark oder einen Euro gekauft, weil die LP von 1978 ist und die Typen auf dem Backcover in Lack und Leder ein bisschen nach den Neffen der STRANGLERS aussahen. Ist dann auch Punk mit viel Rock und New-Wave-Anleihen. Der Sänger mit seinem markanten Vibrato erinnert ein wenig an Hazel O’Connor oder Toyah Willcox, nur mit Brustbehaarung. Die Band liefert dazu auch einen ähnlichen Sound ab, der noch stark unter den Einflüssen der ersten Punkwelle steht. Für das Artwork hatte irgendwer vom Label eine tolle Idee und jemanden an der Hand, der sich in intensivem Selbststudium mit Airbrush beschäftigt hatte. Eine auf Stacheldraht aufgespießte Erde, wegen des Bandnamens eine naheliegende Idee. Die Kugel zeigt sich wieder einmal von ihrer afrikanischen Seite und die plastischen Effekte sind zumindest bei den Highlights und Schatten beinahe realistisch. Bei den Kanten darf man dann nicht so genau hinsehen, aber wer will das auch schon? Wer der Maltechnik mit Düsentechnik auf den Grund gehen will, kann das hier problemlos tun. Klebefolienschnitt, dessen Kante immer nur so gut wie die Schere ist, die sich in der Hand des Künstlers befindet. Und rund? Ganz, ganz schwierig, da gibt es dann bei einem Erdball eben immer etwas flachere Stellen. Als Vorlage für den Stacheldraht wurde eine verworfene Escher-Skizze verwendet, denn so sehr man sich auch Mühe gibt, die Wickelung der Stacheln zu entschlüsseln, man muss zwangsläufig scheitern. Ein echter Escher eben. Immerhin bleibt man aufgrund des knallroten Hintergrunds beim Durchblättern in einem Plattenfach automatisch an der LP hängen. Den riesigen Durchbruch gab’s dann für die Band auch nicht, es blieb ihre einzige Veröffentlichung und, soweit ich das sehe, gab es für die meisten Bandmitglieder auch kein erfolgreiches Nachspiel in anderen Projekten.

INFEST „Slave“ (Of The Disk, 1988)
Weil ich nur die Nachpressung dieses Killers besitze, wurde ein Missverständnis des Coverartworks bereits beseitigt. Irgendwie waren die Abmessungen einer LP-Hülle wohl nicht so ganz eindeutig kommuniziert worden, so dass man vor dem Problem stand, ein Rechteck irgendwie quadratisch bekommen zu müssen. Einfach hochziehen war keine Option, wegen Bandlogo und Titel, also haben die ursprünglichen Cover einen kleidsamen, formschönen weißen Streifen auf der rechten Seite, der für die Nachpressungen durch einen schwarzen Rand in zwei verschiedenen Breiten ersetzt wurde. Bleibt immer noch das Viererpaneel des Giger-Schülers, der wohl nicht immer ganz bei der Sache war. Warum das Ganze in vier zusammengesetzte Teile gesprüht wurde, lässt sich wahrscheinlich durch ein Platzproblem erklären, nicht aber die Qualität der eigentlichen Arbeit, die bei längerer Betrachtung immer groteskere Züge annimmt. Zweite Gehversuche mit dem neuen Kompressor ohne Vorzeichnung sehen in etwa so aus. Das düstere Grundmotiv entbehrt jeglicher Proportion und einer durchdachten Gesamtkomposition, die von der Gesichtskarikatur der zentralen Person auch noch irgendwie des beabsichtigten Schreckens beraubt wird. Da gab es möglicherweise eine gute Idee, aber nicht das nötige Talent oder die entsprechende Geduld. Immerhin hat er schöne Augenbrauen und Haare, die aussehen, als wären sie noch schnell mit Edding hingepinselt worden, damit der Scheiß endlich fertig wird. Beim Oberkörper gab es wohl auch zu viel helle Fläche, so dass da auch noch ein Gesicht drauf musste, damit es „besser“ aussieht. Dem Brett von einer Platte tut das Ganze zum Glück keinen Abbruch. Die LP ballert auch nach über 36 Jahren immer noch die Gehörgänge frei und zeigt einmal mehr, dass Plattenhüllen vielleicht gar nicht sooo wichtig sind.

Anzeige