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Städtesampler - Pt. 11

Auf der Suche nach vermeintlich unentdeckten und verschollenen Punk-Obskuritäten kommt man früher oder später zwangsläufig bei irgendwelchen Städte- oder Regionalsamplern an, stets in der Hoffnung, dass sich darauf etwas von Interesse befinden könnte. Sieht man von echten Punk-Städtesamplern ab, von denen es einige wirklich großartige gibt, wird man bei den Blindverkostungen meistens enttäuscht.

In aller Regel quält man sich durch zwei Seiten verhinderter Hobbymucker zwischen Hardrock, Pennälermetal, schlecht geklauten Nicht-Coverversionen und Bands, die zwar nix können, aber solvent sind und so die Musikinstrumente-Industrie am Laufen halten. Zum Glück lassen sich diese Sampler meistens relativ preisgünstig erwerben, weil sie bis auf wenige Ausnahmen allesamt grottig sind und fast nie eine Band enthalten, aus der später einmal irgendwas geworden ist, außerdem sehen sie meistens aus wie der picklige Neffe von Karl Arsch. Bei der Durchsicht des Regals wurde mir schnell klar, dass es glatt für zwei Folgen reichen wird, weil ich davon doch einige hier stehen habe.

„Live in der Markthalle – Hungrige Herzen“ (LP, 1983)
Aah, Hamburg, was soll da schon schiefgehen, vor allem wenn diese vier Bands auch noch vom „Magazin für den lockeren Aufstand“ in der Markthalle präsentiert werden? Wo fange ich an? Zunächst einmal mit der Erkenntnis, dass OXENSCHWANZ tatsächlich dieselbe Band sind, die auf dem „Waterkant-Hits“-Sampler ihren offenbar einzigen Hit platziert hat. Hier klingt das Ganze wie ein „Gang auf maximal allen Vieren“-Verschnitt, bemüht, anstrengend und eckig. PRIKKEL PITZ können wenigstens ein bisschen was, die anderen beiden Bands sind belanglos bis gefällig-unauffällig, der dünne Live-Sound hilft auch nicht wirklich. Viel Geld war offenbar nicht da, deswegen auch keine Studioaufnahmen und ein unaufwändiges Coverartwork, das aus der Sprühpistole stammt. Gut, auch Tätowierer und frischgebackene Sprühpistolenbesitzer müssen üben, bevor sie richtig gut mit ihrem Werkzeug umgehen können. Die einen üben an betrunkenen Bekannten und Knastkumpels, andere gestalten als Fingerübung eben ein Plattencover. Die Backsteinschatten der Mauer ergeben ein schönes Brotfeeling, während die runden Tupfenfenster der Hochhäuser im Hintergrund erkennen lassen, dass sich die Abklebetechnik mit der Mauer bereits erschöpft hat. „Ach, das mach ich freihändig, sieht schon keiner!“ Ja, genau, ich seh nix. Der Rest ist klassisches Grafikerlayout, der sicher gerne alles selber gemacht hätte, statt nur die Schriften zu platzieren und dabei den anhaltenden Brechreiz zu unterdrücken. Immerhin passt die Verpackung perfekt zum Inhalt.

„Rock aus der Penne – Rockfestival der Schulbands“ (LP, 1983)
Der legendäre Sampler aus Heidelberg, City of School-Rock. Liebe Nachwuchsmusiker, wenn irgendwo ein Bandwettbewerb ansteht, der von der Volksbank, der Rhein-Neckar-Zeitung oder einem Einkaufszentrum präsentiert wird, geht da nicht hin! Das ist immer scheiße! Ja, ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Am Ende gewinnt sowieso immer die Coverband, in der zufällig die leidlich talentierte Nichte des Sparkassenvorstandsheinis singt. Auf diesem Sampler in crazy blauem Vinyl tummeln sich jede Menge Schülerbands, die zwischen Rock, Pop und Bauernmetal pendeln, alles bemüht bis gänzlich harmlos, manche mit Mitgliedern, die auch etwas länger auf der Schule waren. Man erkennt bei fast jedem Stück, welche große Band die Vorlage geliefert hat und wer über dem jeweiligen Jugendzimmerbett als Poster hing, wenn es nicht gleich ein verhunztes Cover ist wie „Nakisch“ (vor’m Himmelstor) von HITZEFREI. Auch eine abendfüllende Beschäftigung: Vorbildbands raten. Bei HEAVY RIDE höre ich deutlich RUSH-Einflüsse raus, nur kann der Schlagzeuger halt maximal ein Viertel. Manchmal denkt man kurz, dass das jetzt gar nicht so schlimm ist, dann setzt der Gesang ein. Haben muss man diese LP als Punk-Archivar aber auf jeden Fall wegen der 97 Sekunden von SPIONAGEABWEHR und ihrem „Bierlied“, für das sie mindestens ein Mal geprobt haben. Beim Coverfoto glänzt die Trivialkreativität. Schule? Schulbänke! Bandwettbewerb? Instrumente, Trockeneis und Verstärker. „Hans, mach mal die Bilder, ich bin nebenan und löt mir einen rein.“ Ergebnis ist ein Suchbild, in dem man alle Fehler finden muss. Drei Gitarren, aber kein Bass. Das Schlagzeug baut nur ein Idiot so auf, das ist unspielbar. Snare? Fehlanzeige, dafür gibt es zwei Standtoms. Keine der Bands hat ein Saxophon. Obendrauf klatschen wir noch das Logo vom Einkaufszentrum und der Zeitung drauf, die beide fett gesponsort haben, schreiben „Live“ für alle Gehörlosen drüber und hauen in den Samplertitel Veranstaltungsfakten, die zwei Wochen später schon keine Sau mehr interessieren.

„Stars aus 58 (Alles aus Hagen II)“ (LP, 1982)
Prominent besetzter Sampler mit ein paar wenigen Exklusivtiteln und gutem Punk-Anteil wie KEIN MENSCH!, DIESE HERREN und die großartigen CAPRIFISCHER. EXTRABREIT rechnen mit Hilsberg für die Ablehnung auf Zick Zack ab und Nena muss erst noch nach Berlin zu Jim Rakete ziehen, um anschließend durchzustarten. Wer in den 1980ern nicht in die Achselhaare von Gabriele verschossen war, möge jetzt einfach schweigen. Eigentlich kein schlechter Sampler, auf dem zu dieser Zeit ausnahmsweise mal nicht das Etikett „Neue Deutsche Welle“ klebt, um die Verkäufe anzukurbeln. Das Hagener Tonträger-Label hatte für diesen Sampler seine Seele extra an Metronome verkauft, die beim Coverartwork offenbar kein Vetorecht hatten. Manche hängen die Zeichnungen ihrer gerade mal schulpflichtigen Kinder mit einem Magneten an den Kühlschrank, andere machen daraus das Cover für einen Sampler, der anschließend über keinerlei Impulskaufqualitäten verfügt. Aus Versehen nimmt man die Platte so ganz sicher nicht mit. Derselbe Norbert durfte auch noch das Cover der 7“ von ERSTE WEIBLICHE FLEISCHERGESELLIN NACH 1945 gestalten, ein Ausrutscher sieht definitiv anders aus. Die Buntstiftzeichnung der drei Leichtathleten bei der Siegerehrung, das Lettering, die Titelidee und der verkaufsfördernde Blitz mit den beiden bekannten Bandnamen ergeben ein Glanzstück im Portfolio von „Twin-Design“, die sich für die Endabnahme verantwortlich zeigen. Man kann sich die erfreuten Gesichter der beteiligten Bands und des Marketingchefs beim Metronome-Vertrieb förmlich vorstellen, als sie den Sampler das erste Mal in den Händen hielten.

„Hannover Szene ’84 – Das schlägt ein wie der Blitz“ (LP, 1984)
Zum Abschluss ein echtes Schmuckstück, bei dem ich nicht so recht weiß, wo ich anfangen soll. Dabei ist das Cover fast noch das kleinste Übel an dieser Platte, die in gleich mehreren Kategorien auf den Spitzenplätzen landen würde. Ein New Wave-Coverentwurf von einem Werbegrafiker, dem man kurz was auf ein Post-It gekritzelt hat, keine Woche später stand das Artwork. Fertig war es nach zwei Stunden, aber bevor alle Werbepartner und Entscheider ihr Servus gegeben hatten, dauerte es etwas. Das nichtssagende Klischeecover hat dann auch so fast überhaupt gar nichts mit dem Inhalt zu tun, der von langweiligen Hardrock-Bands dominiert wird. Irgendwo dazwischen ist eine schräge Nummer mit einem schlechten Kate Bush-Double versteckt, das etwas zu viel schlechten Prog-Rock in den Cornflakes hatte. Ganz am Ende ermüden THE KNIBBELS mit einem höhepunktfreien Semipunk-Song, in dem sie J.R. Ewing huldigen. Die Werbepartner, die diese Gratis-LP, von der es angeblich 10.000 Exemplare gab, sind auf allen Ebenen präsent. Dabei ist das Konzept so einfach wie überzeugend: Gib uns Geld, wir pressen supercoole Platten mit deiner Werbebotschaft, auf der sich superdufte Bands tummeln, die kannst du dann an deine Kunden verschenken. Funktioniert so lange, bis sich jemand aus Versehen die LP angehört hat, um zu erkennen, dass der Kunde anschließend nie wieder kommen würde, weshalb die meisten wahrscheinlich noch irgendwo unverschenkbar rumstehen dürften. Die Namen der Werbepartner sind omnipräsent, einmal im Innencover, mit penibelst ausgerichtetem Geleittext und, ganz schlau, als Einspieler zwischen den Stücken auf der LP selbst. Die pfiffigen Textjingles wurden von denselben Leuten eingesprochen, die früher den Kinowerbeblock mit den Dias verbrochen haben. So wirbt die Videothek stilecht auf Vinyl für ihre riesige Auswahl (auch in Beta!), Fromms für Kondome, Froning-Automobile mit Formel-1-Roaaaaar für seine Neuwagenpalette, Hamburger Leben für eine computergestützte Finanzvorsorge und noch viele andere. Mehr „Szien“ geht nicht. In einer Stadt wie Hannover, die 1984 wirklich coole Bands zu bieten hatte, eine derart beschissene Auswahl treffen zu können, spricht für das Gespür der Macher der Firma Promotion Partners. Zum Glück blieb es bei der einen Veröffentlichung dieses unsäglichen Werbelabels.

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