UNARTWORK

Foto

Effekte - Pt. 10

Normalerweise hätte man nach der letzten Folge das Thema wechseln müssen, um später ganz geschickt wieder darauf zurückzukommen, aber es hat praktische Gründe, dass wir diesmal genau dort weitermachen, wo wir das letzte Mal aufgehört haben, denn alle Kandidaten stehen in der „Aussortiert-Box“ und werden alsbald mit anderen Abverkäufen als stabilisierendes Verpackungsmaterial einer neuen Bestimmung zugeführt.

Sie sehen also nicht nur schlecht aus, sie klingen auch noch entbehrlich und sind ganz offenbar auch sonst keine Platten, die sich jemand freiwillig für etwas mehr als Flaschenpfand ins Regal stellen würde. Beim Reduzieren meiner entbehrlichen Platten fällt auf, dass Artwork und Inhalt nicht selten eine unheilige Symbiose eingehen. Hat man früher nicht auf sein Bauchgefühl an der Plattenkiste gehört, sortiert man später eben wieder aus und schreibt den Einkaufspreis als Verlust ab, sofern man Buchhalter ist. Oder man sinniert melancholisch, was man für das viele Geld alles an wirklich guten Platten hätte kaufen können. Eine Wette könnte man an dieser Stelle übrigens eingehen: Die meisten der in dieser Reihe präsentierten Scheiben werden unter Garantie nie in einem dieser Wohnzimmerdisplays auftauchen, mit denen so manche „Vinylliebhaber“ ihr trautes Heim optisch aufwerten wollen. In solche Displays packt man nur die wirklich coolen Scheiben, also solche, die sowieso jeder Arsch kennt, oder solche, die scheißeteuer sind, schließlich kann sich nicht jeder einen SUV oder eine Villa leisten und muss sich mit den Wandhalterlösungen für weniger betuchte Menschen begnügen.

SILLY ENCORES „Merchant bankers“ (1991)
Wann immer du nur ein einziges schlecht belichtetes, grobkörniges Live-Bild von deiner Band hast, es dir aber an Muße, Zeit oder gar einem entsprechenden Auftritt fehlt, um vielleicht jemanden zu beauftragen, der es wenigstens ein bisschen draufhat, dann ist die Rettung der Horst-Uwe mit seinen rudimentären Kenntnissen in Bildbearbeitung (Paint oder dieses hammermoderne Corel-Dingenskirchenprogramm), der macht das schon. Die Vorlage ist ein Abzug von Foto-Porst im Format 9 x 13 cm, seidenmatt, und sieht scheiße aus. Also gescannt, Kontrast rein, dann das Ganze auf 30 x 30 cm hochgezogen, was dem Foto definitiv guttut, denn es wird noch grobkörniger, also noch mehr Farbe rein. Der lila Balken rechts wertet das Ganze optisch etwas auf, während das pfiffige Bandlogo im Kontrast zum Albumtitel in superpeppigem Helvetica besticht. Vielleicht war das Foto an der Stelle aber auch einfach zu Ende, wer weiß? Wer meint, dass das Backcover exakt so aussieht, als hätte man das Ganze nachträglich komplett von einer CD hochgezogen, irrt. Die CD hat Bonustracks und ein völlig anderes Layout. Trotzdem kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, ein Amateur hätte mal kurz die Schrift in ein Bild umgewandelt und dann alles auf 300% gepumpt, denn sowohl das Labellogo als auch die Titel sind ähnlich verwaschen wie bei einem dieser preiswerten Bootlegs, die auf Original getrimmt wurden, während man nur einen Silberling als Ausgangsmaterial hatte. Und dann ist die Platte noch nicht mal wirklich gut. Die Kirsche auf der Torte ist der mittige GEMA-Hinweis auf dem Backcover. Als ob jemand diese Scheibe hätte plündern wollen.

KARUSHI „Bastard Rock“ (1999)
Da hat das Vitaminepillen-Label in den 1990ern so tolle Platten veröffentlicht, und ich habe dieses Ding aus dem hinteren Bleiregal für Ladenhüterreste. Bandequipment ist auch eine dieser Notlösungen, wenn man alle Energie in das Abkupfern von Riffs und Songfragmenten anderer Bands gesteckt hat, um sie neu zusammengesetzt als eigene Songs zu präsentieren, aber immer noch keine Idee für ein Plattencover hat. „Boah, lass uns doch einfach mal unsere Instrumente ablichten!“ Gab es bestimmt noch nie, sieht immer super spannend aus und kann für mindestens eine halbe Sekunde lang das Interesse wecken. Auch hier wurden dann noch 27 Farbfilter bis zum Anschlag ausgereizt, ein wenig verfremdet und ein wunderbar pseudojapanischer Font für den Bandnamen ausgewählt, der seinen Antagonisten im kreuzbraven Plattentitel findet. Erdacht, konzipiert und filigran umgesetzt von einem echten Autodidakten mit ADHS. Japanische Schriftzeichen setzen sich dann auch noch im Inneren des Klappcovers fort, bedeuten wahrscheinlich aber doch nur „27 süß/sauer mit Mehlwürmern“ oder „Glückskekse & Vernunftehe“. Hat man vorne schon Schwierigkeiten, den Bandnamen zu entziffern, wird man auf dem Backcover doppelt belohnt, denn hier ist er spiegelverkehrt abgedruckt, was es noch mal schwieriger macht. Zwei Rätsel zum Preis von einem, allerdings mit derselben Lösung. Das komplette Backcover kann man problemlos mit Word nachbauen. Alle Titel mittig, zwei Labellogos als Bitmap einfügen, fertig ist das „Artwork“. Damit man diese aufwändig gestaltete Platte in der eigenen Plattensammlung so schnell nicht wiederfindet, hat man den bei einem Klappcover üblichen großen Rücken komplett ausgelassen. Der Rücken ist hier einfach schwarz, enthält keinen Bandnamen, keinen Plattentitel, keine Katalognummer, kein gar nix. Schlau! Nach nochmaligem Anhören muss ich sagen, dass Platte und Coverartwork ein in sich geschlossenes System bilden, in das man nicht gerne eintauchen möchte, schon gar nicht tiefer. Bei näherer Betrachtung zieht sich derartiges Artwork wie ein roter Faden durch das halbe Labelprogramm, „schön“ ist das meistens nicht, aber auch eine Erklärung, warum ich von Vitaminepillen derart wenige Platten besitze. Augen-Bauch-Entscheidung.

FINAL ERROR „Sick Of Your Lies“ (2016)
Eine dieser Platten, auf die jeder normale Mensch einen leserlichen Aufkleber mit Bandnamen und Plattentitel klebt, damit man nicht jedes Mal rumrätselt, wer das nun sein soll. Ich behaupte, dass mindestens jede zweite Black Metal-Sammlung nur mit solchen Zetteln in Schönschrift funktioniert. Super, wenn man sich irgendein Geäst als Bandnamen designen lässt, passt zum Genre und gehört halt so, aber wenn man seinen Bandnamen bis zur Unleserlichkeit an einem PC verwässert, bleibt die Platte eben dort stehen, wo sie ist. Genau, in irgendeiner Kiste. Von dort wandert sie dann direkt in den 1-Euro-Crate oder wird in größeren Stückzahlen in die Tonne gekloppt. Der Sänger deklamiert auf einem kunstvoll verfremdeten Foto irgendwas auf dem Frontcover, was genau, weiß man aber nicht. Immerhin bekommt man das Bild auf dem Backcover noch mal im Original zu sehen, neben zig anderen Bildern der Band und der Info, dass die in Paderborn angefertigten Aufnahmen drei Jahre später bei Don Fury in NY „wiederbelebt“ wurden. Beim zweiten Mal Nachdenken auch nicht gerade so ein super gutes Verkaufsargument, wenn die schon mal so hinüber waren, dass man sie wiederbeleben musste. Der Bandname und der unleserliche Titel wurden anscheinend mit Siebdruck nachträglich aufgetragen. Ich habe das jedenfalls zuerst für so ein Scratch & Sniff-Gimmick gehalten und mir drei Fingernägel abgerubbelt, ohne dass da irgendwas nach alten Turnschuhen oder der CBGB’s-Toilette gerochen hätte. Eine dieser Platten, bei denen ich mich frage, ob die wirklich jemals für richtiges Geld verkauft wurden.

JIMMY KEITH & HIS SHOCKY HORRORS „Great Teenage Swindle“ (1990)
Sorry an dieser Stelle an die geschätzten Tom Tonk und Zepp Oberpichler, aber das Coverartwork entsetzt mich bis heute, dabei ist die Platte ja nicht mal schlecht. Flotter Punkrock mit Rockabilly-Touch, der sofort ins Ohr geht, aber beim Cover musste es offenbar schnell gehen. Damals lieferten die Presswerke ja auch noch innerhalb von zwei Wochen, da hatte man nicht monatelang Zeit für ein Motiv, das dann doch auf den letzten Drücker rausgehauen wird, da musste man gleich mitliefern. Z: Die Pin-up-Postkarte vom Etikett einfach noch mal verwenden? H: Warum nicht?! Einmal alles auf Negativ. Haha, der Hintergrund ist jetzt grün. Z: Noch einen dieser lustigen Filter – Wachsmalfarben oder Buntstifte– aus Photoimpact oder Paintshop Pro auf Anschlag drüber. H: Läuft! Z: Kippen? H: Joah, 45° oder so müsste reichen. Bandname muss noch! Z: Klaro! H: Für den Titel nimmste aber eine andere Schriftart, irgendwas mit Serifen. Z: Tiptop, hat nicht mal fünf Minuten gedauert! So sieht es dann auch aus. Backcover noch mal dasselbe Prinzip mit dem Bandfoto als Negativ. Hätte man die Liebe, die im beiliegenden Fanzine steckt, mal in das Plattencover investiert, es täte in den Augen nicht gar so weh. Jetzt, da die Platte noch mal nebenher lief, habe ich mich umentschieden und behalte die wohl doch. Prima Scheibe, wenn man nur zuhört und nicht hinguckt, geht’s tatsächlich.

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