UNARTWORK

Foto© by Karl Heinz Stille

WTF – Pt. 12

Manche Coververbrechen lassen sich nicht so einfach thematisch zusammenfassen. Vielleicht passen sie noch hinsichtlich der Herstellungstechnik einigermaßen zusammen, aber bei näherer Betrachtung stellt sich doch wieder die Frage nach dem „Whotsefack“. Was hat sich der Künstler oder die Band dabei nur gedacht? War es womöglich eine dieser Ideen, die man hat, wenn man morgens um drei sturzbetrunken nach Hause kommt und es für eine prima Idee hält, sich noch kurz was zu kochen?

Für solche Gedankengänge gibt es im Grunde nur drei Endszenarien. 1. Es wird wirklich was, schmeckt dann aber scheiße. 2. Oft wird der Herd vergessen und die Mitbewohner sind froh über die montierten Rauchmelder. 3. Man schläft nach dem dritten Löffel inmitten der Ravioli auf dem Teller ein. Ravioli sind gut für die Haut, auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht. Diese brillanten Kneipensuffideen, die man glücklicherweise am nächsten Tag komplett vergessen hat, weil sich niemand Notizen auf einem durchgeweichten Bierdeckel gemacht hat. Oder die Sorte Liebes-Blitzgedanken, auf die man kommt, wenn man mitten in der Nacht völlig breit eine Stunde lang auf die Mailbox der seit Jahren angebeteten Person quatscht, die einen dafür am nächsten Morgen lebenslang blockiert. Wenn’s schlecht läuft, hast du nach so einer Aktion auch noch ein Annäherungsverbot auf 100 Meter am Hals. Also irgendwie schlimmer als das, was du sonst so verbockst. Dazu würde ich auch die vier Kandidaten dieser Folge zählen.

TRINK ZEHN „Terror Depression“ (1991)
Ein Grund, warum ich Platten von befreundeten oder mir nahestehenden Menschen nur in Ausnahmefällen bespreche, ist der schmale Grat zwischen einem aufrichtigen Review und dem möglichen Ende einer geschätzten Freundschaft. Mit Schnitzel, dem Schlagzeuger, verband mich vor Erscheinen der Mini-LP eine langjährige Brieffreundschaft und der Austausch über unsere Fanzines. Er war es, der mir im Prä-Internetzeitalter damals die Karten für das RAMONES-Konzert in der Alabamahalle besorgt hatte. Als er dann mit einer Band um die Ecke kam, war ich natürlich gespannt. Zierten die ersten beiden Singles noch Fotos der Band, war ich mit dem Artwork der LP doch etwas überfordert und beschränkte mich bei der Rezension explizit auf die Musik, die nach wie vor guter Midtempo-Punk ist, der von einer führenden Gitarre und dem markanten, kratzigen Gesang geprägt ist. Was sich der wirklich fähige Gitarrist allerdings beim Cover gedacht hat, das nach maximal zehn Minuten Arbeit mit einem Satz Marker und einem gepimpten Kniefoto aussieht, wird wohl immer sein Geheimnis bleiben. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen, als er mit seiner späteren Band BORN BAVARIAN hier gespielt hat, aber damals war das wohl nicht so wichtig. Die Assoziation zwischen zwei Kniescheiben mit Smileys und dem Plattentitel stellt sich auch 35 Jahre später immer noch nicht ein. Dasselbe Bild wurde dann auch noch zweimal auf dem ebenfalls sehr liebevoll gestalteten Backcover verbraten, das man mühelos in die Beispielmappe für angehende Grafikdesigner aufnehmen könnte, im Kapitel „So nicht!“. Müsste man so etwas verargumentieren, würde ich es mit der Taktik „Wir wollten nicht von der Musik ablenken“ versuchen und mich anschließend aus dem Staub machen, bevor es zu weiteren Rückfragen kommen kann.

MAGI RAZZO „Razzo Wave“ (1982)
Eigentlich unglaublich, dass eine grottenhässliche Stadt wie Pforzheim mal ein Hotspot der frühen NDW war, das mit dem Intoleranz!-Label, auf dem diese LP erschienen ist, einen Lieferanten für die eine oder andere Perle hatte, die heute schwer gesucht ist. Ob diese LP dazugehört? Jedenfalls nicht wegen des exquisiten Artworks. Musikalisch bewegt man sich in ähnlichen Gewässern wie die FAMILIE HESSELBACH, nur etwas seichter. Musiker, die spielen können, sich irgendwo zwischen Punk und Wave bewegen und ganz so wie die frühen NDW-Bands an den Start gegangen waren, schlagerfrei, ohne Schielen auf irgendwelche Charts. Musikalisch hat die Platte durchaus ihren Charme, wie auch einige andere Veröffentlichungen der Band, die bereits mehrere „Ausleseaktionen“ unbeschadet überstanden haben. Bei der Durchsicht bleibt man aber immer automatisch an diesem Cover und dem der Nachfolgeplatte „Rohkost“ hängen. Bei „Rohkost“ fragt man sich immer nach dem Zusammenhang von Fischköpfen und Plattentitel, braucht bei dem unterbelichteten Foto allerdings auch ein Weilchen, um zu erkennen, was einen da anstarrt. Bei dieser LP fällt das Entsetzen dann schon wesentlich leichter. Ehemaliger Kunst-LK (abgeschlossen mit einer 3-), Bleistift auf A3-Malblock, Britta F., wahrscheinlich die Freundin eines der Bandmitglieder, die auf der Backcover-Fotocollage gleich neben den Titel verewigt wurde. Freundinnen, die sich in irgendeiner Weise in die Bandgeschicke einmischen, sind immer eine gute Idee, man frage nur die BEATLES, SPINAL TAP oder die Band deines Kumpels, die immer als Erste spielen wollen, damit das traute Pärchen anschließend gleich wieder nach Hause fahren kann. Was tut man nicht alles für den Bandfrieden! Zur Not nimmt man dann auch eine kantige Zeichnung von drei Frauen, die an einem überdimensionalen Waffeleis lecken, eine davon mit gespaltener Schlangenzunge. Dass die drei Hodenkugeln so niemals in der Waffel halten würden, geschenkt. Auch wenn Bildinterpretation irgendwann in der Mittelstufe war, hätte ich damals schon auf einen verkorksten Typen mit eindeutig sexuellen Bezügen getippt und granatenmäßig danebengelegen, zumindest was den Typen angeht.

DOCTOR SCIENTIST „Prehistoric Times“ (2010)
Eines der Cover, bei dem ich zwischen „WTF“ und „irgendwie genial“ schwanke. Eine für meine Begriffe unterbewertete Synthpunk-Band aus Philadelphia, die auf dem schmerzlich vermissten P.Trash-Label und FDH Records produktiv war. Herrlich kaputter Punk mit Synthesizer und verzerrt-giftigem Gesang. „Was haben wir an Material fürs Plattencover?“ – „Weiß nicht, lass uns einfach mal Begriffe in den Raum werfen, dann schauen wir.“ – „Dinosaurier!“ – „Pizzakarton?!“ – „Walkman mit Kopfhörern.“ – „Space Shuttle und Kohle.“ – „Sonnenbrille.“ – „Weltall!“ – „Super, daraus lässt sich doch was machen.“ Das ergibt dann ein technisch exzellent gestaltetes Cover, mit einem T-Rex, der mit Pizzakartonrucksack, Sony-Walkman, Sonnenbrille und einem Bündel Dollarscheinen, das er in einem der kurzen Ärmchen hält, im Weltall auf einem Space Shuttle namens „Bird Dick“ reitet, aus dessen Antrieb ein Gasfeuer züngelt. Nichts davon ergibt in irgendeiner Form einen Sinn, aber faszinierend ist es schon, erst recht mit den beiden Science-Fiction-Schriftarten in Neon. Hundert Auserwählte haben dazu noch ein erweitertes Siebdruck-Cover, auf das die Metropolis-Skyline gedruckt wurde, was das Gesamtbild noch weniger abrundet, schließlich befindet sich das Weltall damit direkt in der Stadt, und das Space Shuttle fliegt so verdammt tief, dass es zwangsläufig in einen der Wolkenkratzer donnern wird. Wie ein schlimmer Unfall, bei dem man einfach nicht wegsehen kann, weil das Blut so schön glitzert und ein paar der herumliegenden Gedärme noch fröhlich vor sich hin zucken. Musikalisch ist die LP über jeden Zweifel erhaben, aber wenn ich ehrlich sein soll, hätte ich mir die Platte schon alleine wegen des Covers gekauft.

ELASTIC HEADS „s/t“ (2022)
Eine fast übersehene Platte, deren Existenz nur dem Zufall zu verdanken ist, dass jemand das Tape dieser kurzlebigen Band einem Labelbetreiber vorgespielt hat. Punk, irgendwo zwischen HEX DISPENSERS, WIPERS und SULTANS, schön düster und keineswegs aus den Staaten, sondern aus Frankreich. Die Entstehungsgeschichte des Artworks könnte eine ähnliche Brainstormingaktion wie die der LP davor gewesen sein, nur mit „The Avengers, Mauken, Brontosaurier, Stonehenge, Auge, römische Villa, Sonne, Messer, Baum und Zehenring“. Das Fehlen des Bandnamens auf dem Frontcover lässt sich noch entschuldigen, schließlich ist man ja nur ein Mal aufgetreten, so dass sich ohnehin kaum jemand an den Namen erinnern würde. Tolle Logik, ich weiß. Warum man bei einer Platte mit gleich mehreren verkaufsverhindernden Handicaps (posthum, Corona-Release, unbekannte Band, fast nie aufgetreten) dann auch noch auf eine Gestaltung setzen musste, die zwei mit Scheißmotiven tätowierte überdimensionale Füße und einen Melonentyp dazwischen zeigt? Vielleicht wollte man von den ausgezeichneten Platten möglichst wenige verkaufen und sie lieber alle selber behalten. Es wäre zumindest ein Ansatz.

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