© by Kalle StilleNormalerweise müsste auf den nun folgenden Platten jeweils ein Hinweis abgedruckt sein, der einen vor Folgeschäden warnt, ähnlich wie eine Packungsbeilage für besonders trockene und große Zäpfchen, die man auf keinen Fall lutschen oder gar zerkauen sollte. Bei einem Cover, das man erst einmal in die Hand nehmen muss, um das Kleingedruckte auf der Rückseite zu entziffern, nachdem man bereits irreparable Augenschäden davongetragen hat, ist das allerdings irgendwie redundant. Vielleicht in braunes Packpapier einpacken, fetten Aufkleber drauf, „Vorsicht, dieses Coverartwork enthält Stroboskopeffekte und kann im günstigsten Fall zu epileptischen Anfällen führen, im schlimmsten Fall erlischt Ihr Augenlicht“ würde auch nicht funktionieren, weil wir wissen, wie neugierig Menschen sind. Letzten Endes muss jede:r selber wissen, ob es das Ganze wert ist. Niemand zwingt einen, bei einem schlimmen Unfall hinzusehen, um sich dann zu übergeben, nur weil da dann doch ein Bein, zehn Meter Gedärme und etwas Hirnmasse rumlagen. Guck halt nicht hin!
LEATHERFACE „Dog Disco“ (2004)
Das wirklich ausgezeichnete LEATHERFACE-Spätwerk hat mich vom Coverartwork her damals derart abgeschreckt, dass ich mir – vielleicht instinktiv, um größerem Schaden vorzubeugen – damals nur die CD-Version zugelegt habe. Wird schon reichen und macht nur halb so blind. Heute wollen irgendwelche Menschen für Vinyl, das mit Fett- oder Raucherfingern angegrabbelt wurde, 70 Euro aufwärts haben, was zumindest viel über die Qualität des Inhalts sagt. Zwar fehlt hier noch die Gitarre von Dickie Hammond, der beim Nachfolger wieder dabei ist, aber das ist schon sehr gut, auch weil die Herren aus Sunderland eigentlich gar keine schlechte Platte gemacht haben. Im Ox wurde die Platte damals übrigens als „Disco Dog“ besprochen, was mich nicht wirklich wundert, weil man besser nicht zu genau hinschaut. Ein Hund mit Sonnenbrille, dahinter eine grell leuchtende Discokugel, alles stark überzeichnet, mit viel zu viel Kontrast, Farbe und einem brandneuen Grafikprogramm, bei dem man keinen Bock auf das Tutorial hatte, aber schon mal mit den Filtern spielt, bis man es in einem fortgeschrittenen Zustand irgendwie witzig findet. Auch der Rest ist schön grellbunt, wie man das eben mag, wenn man mit acht Jahren das erste Mal den Schminkkasten der großen Schwester ausprobiert. Drinnen gibt es noch mehr süße Hunde, die aber wenigstens ohne 400% Farbkontrast. Würde man die Band nicht kennen und ihren seltsamen Humor, wäre das eine Platte, von der man ungehört aus reinem Überlebensinstinkt Abstand nehmen wollen würde. Andererseits, wenn man so ein Standing hat, kann man das seinem erlauchten Fankreis durchaus auch mal zumuten, weil die ja ohnehin blind alles kaufen, was man rausbringt.
THE BOXER REBELLION „Ocean By Ocean“ (2016)
Die hatte ich 2016 reflexartig vorbestellt, weil sie bis dahin keinerlei Scheiß veröffentlicht hatten. Spoileralarm: Haben sie bis heute nicht, denn auch „Ocean By Ocean“ ist musikalisch eine großartige Platte. Die Vorfreude war groß und das Unboxing der LP würde sich am ehesten mit der Reaktion eines Vampirs vergleichen lassen, der voller Vorfreude ein hübsch verpacktes Weihnachtsgeschenk aufreißt, in dem sich ein Kruzifix, Knoblauch und ein gerahmtes Bild von Mutter Teresa befinden, während jemand dazu auch noch die Vorhänge aufreißt, um etwas mehr Sonnenlicht in den finsteren Saal zu lassen. Meine Fresse! Die Albtraumfototapete für 98% farbenblinde, ägyptophile Surfer, die dem Kraut der Halblinge nicht abgeneigt sind und ihre Bongs mit der Hand töpfern. Stellt man die LP neben die ganzen anderen Artworks der Band, möchte man den Urheber dieses gleißenden Verbrechens gegen das Augenlicht zwischen vier Schildkröten spannen, um ihn gaaanz langsam zu vierteilen. Das ist wie sockenlose Slipper zum Smoking tragen, ein Schlumpftattoo auf einem Körper voller Totenköpfe und Skelette oder die Fettbemme mit extraviel Schmalz, die irgendjemand mitten im veganen Frühstücksbuffet exponiert platziert hat. So und nicht anders wirkt die bunte Welle vor Palmen und Bergen inmitten des restlichen Coverartworks der Briten. Bestimmt gab es dazu ein exquisites Sortiment an Merchandise. Höchstwahrscheinlich Batikshirts, auf die sich dieses farbenprächtige Bild problemlos einfügte. Hätte dieses Motiv auf dem ersten Konzertplakat geprangt, wir hätten uns sehr wahrscheinlich niemals kennengelernt. Derselbe Designer hat nicht nur alle anderen Cover der Band gestaltet, nein, er hat auch Cover für die ebenfalls sehr geschätzten AUGUSTINES entworfen, von denen kein Einziges derart aus der Rolle fällt wie dieses. Die einzige Erklärung, die mir daher einleuchtet: Irgendwas mit Pilzen, LSD und einem vierwöchigen Farbflash, als das Artwork für diese Platte fällig war. „Glen, wir haben deinen Coverentwurf erhalten, wir müssen reden!“ – „Glen ist momentan nicht erreichbar, hinterlassen Sie eine Nachricht oder auch nicht, mir doch egal. Wow, diese Farben in meiner Hosentasche.“
THE TANGLED LINES „Stacy“ (2012)
Bei diesem Cover ist es einmal mehr wie bei dem berühmt-berüchtigten Unfall. Ich weiß nicht genau, ob ich fasziniert bin und deswegen hingucke oder neugierig darauf warte, dass meine Netzhaut implodiert. Das filigrane Insert weist auf eine zeitaufwändige Arbeit voller Liebe und Hingabe hin, also muss auch das Coverartwork mit derselben Detailverliebtheit gestaltet worden sein. Tatsächlich dreht sich jeder Song offenbar um besagte Stacy, die auf dem Backcover unversehrt zu sehen ist. Heute würde man so was mit KI in zwei Minuten machen, 2012 war das entweder eine „lebensechte Puppe“ mit Fototermin, aufwändige Airbrusharbeit oder viele Stunden mit Photoshop. Tatsächlich sieht Stacy schon 2012 so aus wie 80% der Frauen, die derzeit in Mar-a-Lago nach Luft schnappen, oder wie die jüngste Ehegattin von Jeff Bezos. Ein Gesicht wie aus einem 3D-Drucker gestanzt, Schlauchbootlippen, Silikonhupen und glattgebotoxt. Kann man(n) schön finden, ist aber ein Ideal, das nur scheckheftgepflegt auf Dauer seine Form hält, und wie ein Himbeer-Rettich-Mango-Vape zu 100% unnatürlich. Wer genau hinsieht, erkennt die kleine Träne, die Stacy auf dem Backcover verdrückt. Das Frontcover mit dem vorgeblich zerschlagenen Spiegelbild der Botoxpuppe ist das Statement der Band zu diesem fragwürdigen Schönheitstrend, der heute selbst bei Helga aus der Lohnbuchhaltung angekommen ist. Wäre der Spiegel wenigstens perspektivisch einigermaßen gut umgesetzt, aber so sieht es aus wie der irgendwie mit Photoshop gesplitterte Aufdruck einer Blisterpackung für eine nicht ganz lebensechte Real-Life-Doll, der man Airbrushkanten angeklebt hat. Gedanklich eine klare Botschaft, aber immer noch schlimm und alles andere als ein Cover, das man sich gerne länger ansieht, während die LP läuft, denn was die Band aus Dresden hier abliefert, kann sich absolut hören lassen.
VOIVOD „Kronik“ (1998)
Eigentlich hätte ich noch ein grellbuntes Cover auswählen sollen, aber meine Augen haben bereits gelitten, und ich sollte ja irgendwie das Quartett vollkriegen, ohne auf eine Braille-Tastatur umsteigen zu müssen. Bei den Kanadiern, die wirklich ikonische Cover abgeliefert haben, tut es weh, wenn nach den Druillet-Hommagen dann solche optischen Abstinker wie „Phobos“ folgen oder eben diese Not-Compilation, dessen Cover in der Wordart-Hölle ausgetüftelt wurde. Riecht wie eine letzte Vertragserfüllung, schmeckt wie eine und sieht aus wie ein Dutzend Mittelfinger in Richtung des Labels. Irgendein lila Fleckenhintergrund, zweimal minimalistische Wordart, einmal Metalleffekt und 1.000 Dollar für drei Minuten konzeptuelles Artwork in Rechnung gestellt. Ich kann versichern, dass der CD-Aufdruck nicht viel besser aussieht und die Informationen zu den Stücken (grüne 5-Punkt-Schrift Arial Thin auf lila Hintergrund) maximal von drei Menschen ohne Lesehilfe entziffert werden können. Musikalisch passt die Resterampe dann zur Verpackung. Vier Live-Tracks, drei Remixe (immer lohnend ... nicht) und vier Songs, die es auch anderweitig schon auf Maxis und anderen Releases gab. Die vier Studiotracks sind allerdings gar nicht mal übel und klingen wie einige aktuelle Hardcore-Bands, nur dass VOIVOD ihre Instrumente wirklich und wahrhaftig beherrschen, aber hier nur Reste verwerten. VOIVOD haben einen Scheiß auf irgendwelche Markenklamotten von Adidas oder Nike gegeben, weil sie im Herzen Metaller waren, und sie tragen Spandex, Leder oder Jeans. Das Artwork rundet die Botschaft in Richtung des Labels eigentlich gekonnt ab, schade, dass man als Musikliebhaber und Endverbraucher auch darunter leiden muss. Wenn ihr Beef habt, tragt das doch bitte wie Schulkinder aus, haut euch aufs Maul und gut isses.
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Grob lässt sich schlimmes Coverartwork in vier Kategorien unterteilen:
1. Das Cover passt zum ebenso schrecklichen Inhalt.
2. Der Inhalt steht konträr zur Verpackung.
3. Wäre das Artwork noch schlimmer ausgefallen, würde es wieder passen.
4. Wenigstens kann man sich über die Verpackung aufregen, die Musik ist egal.
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