UNARTWORK

Foto© by Kalle Stille

Beurteile Bootlegs niemals nach ihrem Cover - Pt. 7

Bootlegs sind das schmutzige Kind der Schattenplattenindustrie, das auf Feinheiten oder perfekte Produktion pfeift, und sie belegen in der Covergestaltung eine eigene Nische. Oft ist das „Artwork“ rein funktional gehalten, verwendet irgendein Bandfoto, um möglichst schnell einen Bezug zum Inhalt herzustellen. Eine wirklich kreative Gestaltung ist selten, wobei es auch wirklich großartige Ausnahmen gibt, nur sind sie nicht die Regel. Waren diese Schmuddelkinder früher nur bei einschlägigen Verkäufern für einen höheren Preis als reguläre Platten zu bekommen, kann man sie heute fast überall in den Läden finden, selbst beim großen „A“, bei dem man natürlich nicht bestellt, gibt es sie oft zu einem günstigeren Preis als aktuelle Neuveröffentlichungen aus Übersee. Damit wir uns klar verstehen: Niemand braucht wirklich Bootlegs, sie sind lediglich der Oregano in jeder Plattensammlung. Eben die Platten, die man nicht zufällig hat und die auch nur zu ganz besonderen Anlässen aufgelegt werden.

THE JESUS AND MARY CHAIN
„Cutmedeadnailmedownandkickmyhead“ (1985)

Eigentlich sehr schön, wenn man einem Bootleg ein Klappcover gönnt, zumal die damals noch deutlich teurer in der Herstellung waren. Blöd ist nur, wenn man auf dem Cover komplett die Informationen zum Inhalt weglässt, auf dass die Platte in jeder Kiste prompt überblättert wird, sofern sie sich nicht im dafür vorgesehenen Bandfach befindet, denn hier zieren lediglich Noten und Pantoffeltierchen das wunderschöne Cover. Wer etwas älter ist, erinnert sich vielleicht an die echten Bootleghändler, die auf Flohmärkten auch im Winter mit Sonnenbrille unterwegs waren, stets nervös und immer irgendwie auf der Flucht. In den drei bei vier Kisten gab es keine Bandfächer. Du hast die Bands beim Durchblättern sofort erkannt, ebenso, dass es sich hier nicht um das legale Werk ebenjener handelte. Immerhin befindet sich der Bandname auf dem Coverrücken, wo natürlich jeder als Erstes hinschaut. Innen findet sich dann der Bandname, ebenso wie das Bandfoto. Wir erinnern uns wieder an die Flohmarktstände, an denen man in aller Seelenruhe die Platten aus der Schutzhülle nehmen konnte, um nachzusehen, was da wohl drin sein könnte? Eben, die gab’s nicht. Für ein Bootleg so gesehen das Maximum an dämlicher Covergestaltung. Andererseits, wenn man das Motiv einmal kennt, stolpert man immer wieder drüber, weil es so häufig überblättert wird. Enthalten sind zwei Soundboardaufnahmen, mit wahrscheinlich kompletten Auftritten, schließlich spielten JAMC anfangs ja eher nicht sonderlich lang. Was die Band anfangs ausmachte, nämlich fieser Gitarrenlärm, lässt sich hier oft nur erahnen, dafür gibt es vor allem Schlagzeug und Gesang. Spaß macht das nicht wirklich, von daher ist es auch nicht so schlimm, wenn man diese LP schon hundert Mal in der Hand hielt, aber nie gekauft hat. Unter den JAMC-Bootlegs – und da gibt es wahrhaftig schlimme – definitiv im hinteren Viertel.

THE MISFITS
„Kill your baby today“ (1992)

Von allen MISFITS-Boots das mit Abstand hässlichste, wobei ich wirklich über eine große Auswahl verfüge. Eigentlich reicht es, wenn man bei der Band den Crimson Ghost aufs Cover packt oder ein vergammeltes Bandfoto, es wird so oder so gekauft. Von kaum einer anderen Band gibt es derart viele Boots von Boots, zigfach recyclete Konzerte und eigentlich jeden Furz in mehrfacher Ausführung, denn echte MISFITS-Adepten kaufen dasselbe ranzige Bootleg auch zum siebten Mal, nur weil es ein anderes Cover hat. Obwohl das 1981er Ritz-Konzert ein Soundboardmitschnitt ist, klingt es räudig, weil die Band damals live selten gut klang. Die Detroit-Aufnahmen auf der zweiten Seite sind noch mal übler. Beim Soundboard kommt es eben darauf an, was man über das Mischpult hat laufen lassen. Tontechnik-Amateure in den 1980ern mit Vierspur-Pult? Da wurde der Gesang abgenommen, das Schlagzeug maximal mit einem Mikro, von der Gitarre und vom Bass hörte man das, was über die Gesangsmikros kam, schließlich waren die vier Kanäle mit den drei Gesangsmikros und dem Schlagzeug voll ausgelastet, der Rest ließ sich direkt über die Verstärker in den kleinen Räumlichkeiten regeln. Ganz offensichtlich hat sich hier ein szenefremder Räuberkopierer gütlich getan und in Ermangelung des Totenkopfmanns eine Collage aus Hannibal Lecter und einem Comic gebastelt. Das Backcover zieren drei Rastamänner, die ebenfalls in keinerlei Verbindung zur Band stehen. Sieht scheiße aus und wird nur noch durch die vielen Fehler bei den Songtiteln getoppt, die in Frakturschrift penibelst mit Zeitangaben versehen und allesamt aus- beziehungsweise eingeblendet wurden, was bei Live-Platten ganz besonders entzückend ist. Highlight: Die Trennung von „Mommy can I go“ und „Out and kill tonight“ in zwei Songs. Wer meint, dass es kaum schlimmer geht, sollte sich die CD-Version „At The Ritz NYC 12/81“ ansehen, leicht erkennbar an denselben Titelschändungen und einem noch dämlicheren Covermotiv.
BLONDIE „On the road with Blondie“
Von allen meinen BLONDIE-Bootlegs war diese LP die mit Abstand am schwierigsten aufzutreibende. Nicht dass sie gar nicht auftauchen würde, aber wenn sie es mal tut, dann nahezu immer zu Preisen, die weit über dem liegen, was viele Menschen im ganzen Monat für ihr Essen ausgeben. Was die Platte so teuer macht, ist einerseits das „Sex Sells“-Covermotiv, das dadurch kreiert wurde, dass der Urheber dieser Picture-LP mittels Schere und Klebestift den Kopf von Debbie Harry auf einen kaum bekleideten Körper montiert hat, um so den Eindruck zu erwecken, dass es sich um ein echtes Bild handeln würde. Selbst ein Blinder mit einem gehörlosen Führhund würde erkennen, dass es sich hier um einen Fake handelt, einfach weil es unnatürlich aussieht. So was kann jede Ferkel-KI heute besser, ist dann aber immer noch verwerflich, respektlos und übergriffig. Auf der anderen Seite haben wir, dass die LP nicht nur relativ selten ist, sondern auch noch sehr gute Aufnahmen enthält, die ich bisher keinem der zahlreichen anderen Mitschnitte in meinem Fundus zuordnen kann. Kommen wir zurück zum Thema: Schlimmes Artwork. Hätte man die Rückseite als Frontbild genommen und irgendein anderes für hinten mit den Titeln, würde ich die Platte hier gar nicht erwähnen. Das Mockup allerdings ist so schlecht gemacht, dass es wehtut. Dann auch noch zu faul sein, um die schlecht gezeichnete Hintergrundmauer nicht mal flächenfüllend auszumalen. Kann man natürlich machen, wenn man weiß, dass sich das Ding so oder so verkaufen wird.

V.A. „Gruppensex im Altersheim“ (1995)
Wer diesen Sampler verbrochen hat, gehört für gleich mehrere Vergehen jeden Tag mit einer Ananas rektal gepelpt. Nein, nicht die kleinen, die großen mit den Stacheln! Normalerweise klebt man für derartige Bootleg-Vergewaltigungen die Cover der vier enthaltenen 7“s nebeneinander, kopiert das Ergebnis schlecht und schlägt das dann um die fertige LP, die knisterknackerfröhlich das von heruntergeranzten Originalen gemasterte Hörerlebnis liefert. Man weiß, was drin ist, und kriegt genau das, nämlich vier Singles, die zumindest genretechnisch nahe beieinander liegen. Häufig sind es bekloppt teure SxE-Originale, die so zu einem erschwinglichen Preis angeboten werden. Zigfach erprobt, immer scheiße und auch immer nicht wirklich schön. Wenn man den Geschichten glauben darf, hat sich so manch einer auf diesem Weg rückwirkend die Anschaffung der teuren Originale finanziert. Funktioniert nur nicht, wenn man fünf Singles (RAPE, FKK STRANDWIXER, TOLLWUT, ELEGANT und den „Münchensampler“) und vier BLUTSTURZ-Songs vom „Bremen Sampler Nr. 1“ draufpackt, weil das allenfalls unquadratisch rauskommt. Also lässt man sich ein Cover von einem leidlich begabten Schülerzeitungszeichner malen, druckt den Plattentitel in zwei Farben drauf (eine ist die Nobeledition), bemüht für die Rückseite sechs verschiedene Schrifttypen für die Bandnamen, lässt den Rest wunderschön weiß und schlägt das Ergebnis nicht mal dürftig um die fertige LP, sondern packt zwei Einzelblätter rein, die in jeder Hülle sofort verknicken. Weil man sich auch noch verzählt hat, kopiert man für die restlichen Exemplare in Schwarzweiß einfach nach. Passend zur verwirrenden oder auch willkürlichen Zusammenstellung gibt es auch keinen Gruppensex. Nein, ein einzelnes fickendes Pärchen ist noch lange kein Gruppensex. Eindeutig Thema verfehlt! Setzen, Sechs. Das Motiv: Acht Rentnerpunks und ein drogenabhängiger Hardcore-Zivi lungern in einem Hinterhof herum. Einer kifft, zwei gehen mit Krücken aufeinander los, einer tanzt, zwei knattern, ein Mal Rollstuhl, im Prinzip so, wie in den meisten Fußgängerzonen Anfang der 1980er, nur älter. Schlimm, dass es von so etwas gleich 500 Exemplare geben muss.

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