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Interviews & Artikel

TERRORGRUPPE

Zehn Jahre Terror-Rock‘n‘Roll

Also, ich bin schon ungefähr tausend Mal in der „Pelmke“ in Hagen gewesen, aber noch nie habe ich so viele kleine Kinder (ja Kinder, und es sind später auch reichlich Kids unter 14 rausgeflogen ...) vor dem Laden gesehen, wie am 28. November 2003. Und das zwei Stunden vor Einlass! Puh! Na ja, nachdem wir uns reingekämpft hatten, lief uns auch fast direkt im Flur schon der Jacho alias Johnny Bottrop über den Weg, fehlten nur noch die andern Terrorgruppler. Martin hätte auch gern noch ein paar Fotos von der Band gemacht, aber die hatten sich in alle Winde verstreut und ihre Handys aus. Also doch nur ein Interview mit Jacho, was aber nicht so schlimm war, denn der hatte so einiges zu erzählen. Nach einem kleinen Plausch über die größte Rock‘n‘Roll-Band der Welt, RADIO BIRDMAN, ging‘s dann los.

Zur neuen Platte ist ja eigentlich alles gefragt worden. Das Internet ist voll von Interviews, ihr steht in so ziemlich jedem Printheft vom kleinen fotokopierten Fanzine bis hin zum Hochglanzmag. Ist das nicht unheimlich Business-mäßig?


„Die Internetsachen habe ich jetzt gar nicht so gesehen. Aber wir haben in allen möglichen Magazinen Interviews, nicht nur Punkrocksachen. In Stadtmagazinen natürlich und jetzt auch im ‚Rock Hard‘. Das hat wohl mit unserem ‚Marylin Manson‘-Text zu tun, halt dieses Thema Jugendschutz und Musik. Wenn diese Erziehungspolitiker sagen, die Musik ist dran schuld, wenn einer Amok läuft, ist das doch total absurd. Das ist die Bildungspolitik, die schuld ist. Wie der Amokläufer aus Erfurt, der ist 13 Jahre aufs Gymnasium gegangen und hatte überhaupt keinen Abschluss. Deswegen ist der durchgedreht. Der hatte gar nichts, nicht mal einen Sonderschulabschluss. Und der konnte auch nichts nachmachen. Das Land Thüringen hat ein total hirnrissiges Schulgesetz.“

Das neue Album nimmt ja viel Bezug auf aktuelle politische Themen. Was kann denn eure Musik da Positives bewegen? Die Platte wird doch bestimmt vor allem von Leuten gekauft, die ohnehin schon eurer Meinung sind.

„Na ja, da frag ich mich eher: Wenn es so viele Bands in Deutschland gibt, die vorgeben, kritischere Texte zu machen, warum singen die nicht über die gleichen Themen, über die wir singen? Warum immer nur über private Dinge, so ‚Beim Frühstück war ich heute schlecht drauf‘-Zeug? Du weißt, was ich meine, so gerade Richtung Hamburg und so. Das sind halt Bands, die die Themen vergeigen, finde ich. Wir haben da eine sehr naive Herangehensweise, wir versuchen unsere Texte bewusst naiv, Teenie-mäßig zu gestalten. Das ist unsere Absicht. Vielleicht ein etwas hochtrabender Vergleich, aber ein bisschen wie bei Berthold Brecht, der ja auch Kindergedichte gemacht hat. Aber neben den naiven Sachen haben wir ja auch viel Anzügliches in den Texten. Das machen wir natürlich auch ganz bewusst, denn mit Sex kann man auch heute noch wunderbar provozieren. Vielleicht kann man sogar heute mehr mit Sexualität provozieren, als vor zehn Jahren. Alleine hier in Hagen, da hat man unseren Pin-Ups auf den Plakaten die Busen verklebt. Wir versuchen halt, Teenpunkrock rüberzubringen, weil wir selber nicht viel gealtert sind, zumindest im Kopf.“

Na ja, zehn Jahre unterwegs, da zu behaupten, nicht gealtert zu sein, ist ja schon eine harte Ansage. Wie ist das eigentlich mit eurem Namen, hat der sich in den letzten zwei Jahren als PR-wirksam erwiesen?

„Also das Touren konserviert. Wenn du drei Monate in einer völlig anderen Zeit, an einem völlig anderen Ort warst, dann kommst du nach Berlin zurück, und dann sind irgendwelche Leute plötzlich weggezogen, und du kriegst so was gar nicht mit. Und was den Namen angeht: Wir hatten in letzter Zeit unglaublich viele Hits auf unserer Internetseite aus Saudi-Arabien und von der US-Armee, also da hat es schon einen PR-Schub gebracht. Aber ansonsten hat es sich auch manchmal als Nachteil herausgestellt. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass wir in den nächsten Jahren eine USA-Tour hinbekommen werden. Jetzt gerade hatten wir zum Beispiel die NITROMINDS aus Brasilien mit auf Tour, und die mussten von Deutschland direkt weiter nach Kanada fliegen, hatten aber keine Visa, irgendwas mit der Arbeitserlaubnis war schief gelaufen, da gibt es sehr strenge Regeln. Also musste ich zur Botschaft und Papiere mitbringen, die belegen, dass die eine Band sind, die hier in Deutschland getourt ist. Die wollten da jetzt natürlich irgendwelche Zeitungsausschnitte haben, und da stand überall TERRORGRUPPE mit drauf. Und wenn ich zur kanadischen Botschaft gegangen wäre, und denen das vorgelegt hätte, hätte es garantiert Theater gegeben. Irgendwann haben wir dann ein paar Schnipsel von ihren Einzelshows gefunden, das ging dann.“

War für euch eine US-Tour jemals ein Thema?

„Wir haben 1997 in den USA gespielt, da war das noch kein Thema. Da gab‘s keinen 11. September. Da gab‘s keinen ‚War Against Terrorism‘. Und da gab‘s keinen George Bush. Das war aber auch keine richtige Tour. Wir waren in Kalifornien und haben halt bei der Gelegenheit ein paar Shows gespielt. Die sind auch richtig großartig gewesen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir eine richtig große Ami-Tour machen. Lieber ein paar schöne Sachen in Kalifornien, und dann an die Ostküste fliegen, da ein paar schöne Sachen rauspicken, und das war‘s. Alles andere wäre richtig anstrengend. Grade im mittleren Westen spielt man dann nach zwei durchgefahrenen Tagen vor 30 Leuten, wenn es da in der Stadt keine richtige Szene gibt. Das stelle ich mir ganz bitter vor.“

Da hat also auch eure Veröffentlichung bei Epitaph in der Hinsicht nicht viel bewirkt, oder?

„Nee, der Epitaph-Deal hatte da nichts mit zu tun. Unser Zeug ist zwar in den USA vertrieben worden, aber die einzige europäische Epitaph-Band, die auch wirklich in den USA veröffentlicht wurde, sind die BEATSTEAKS, aber das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Die Leute von Epitaph sind zwar alle dicke Kumpels von uns, aber die haben so eine riesige Flut an Bands, da konnte man sich nur ganz kurz um unseren ‚0 Future‘-Release kümmern, dann waren schon wieder zig andere Sachen auf dem Tisch.“

Wie kann ich mir denn so eine Ami-Show von euch vorstellen?

„Wir haben in Kalifornien zwar ein paar deutsche Songs gespielt, aber die Ansagen haben wir alle auf Englisch gemacht. Wir haben den gleichen Mist erzählt, den wir in Deutschland auch erzählen. Eigentlich haben wir noch viel mehr gequasselt. Und ich glaube, das fanden die ziemlich gut, zumal wir ja so einen fürchterlichen deutschen Akzent haben, das ist natürlich noch geiler. In San Francisco haben wir zum Beispiel die Show mit der Ansage ‚This is a benefit show for the legalisation of pissing in the streets‘ eröffnet, da hat das Publikum gejohlt. Uns fällt halt immer irgendein Müll ein, den wir den Leuten erzählen. Das ist Show, Unterhaltung. Man muss den Leuten was bieten.“

Wenn man sich so euer Tourtagebuch anschaut, dann klingt das auch eigentlich nur nach Party, nicht nach Arbeit und Stress.

„Ja, das stimmt schon, aber die Party geht erst los, wenn die Show vorbei ist. Tagsüber ist es schon stressig. Die üblichen Probleme halt, mal mit dem Sound, mal mit dem örtlichen Veranstalter. Dann ist was kaputt, oder einer ist krank. Als wir in Frankfurt gespielt haben, hat sich der Smilie von den SHOCKS morgens um sechs das Becken gebrochen, und abends hat sich Archie dann während des Sets den Fuß verstaucht. Das sah erst echt übel aus. Das war schon heikel, aber nachdem die Sanitäter ihn versorgt hatten, hat er die Show noch weiter gespielt.“

Wie lange kann man denn mit eurer Musik auf der Bühne stehen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren oder gar lächerlich zu wirken?

„Meinst du etwa, wir sind zu alt?“

Nein, auf keinen Fall, aber wenn ihr sagt, das ist alles für Fünfzehnjährige konzipiert, kommt da nicht irgendwann der Punkt, wo die euch das einfach nicht mehr abkaufen?

„Nein, das haben wir ja schon auf unserer ersten Single gemacht, das war damals schon genauso mit den Texten, wie es heute ist. Das ist halt unser Stilmittel wie bei unseren großen alten Punkidolen KFC, MALE oder ZK, da haben wir uns das ganz klar ein bisschen was abgeguckt. Das war so unser Idealbild von Punkrock 1980 in Deutschland. Und was auch ganz viel Einfluss auf die Texte hat, sind die Comics von Rattelschneck. Das hat mich halt veranlasst, dass ich eigene Kritzelcomics zu jedem Song gemacht habe. Der andere Grund, warum wir so jung geblieben sind, ist, dass wir eine Lehre halt nie länger als ein paar Monate durchgezogen haben, dann hatten wir die Schnauze voll. Wir haben von Anfang an eigentlich immer nur Punkrock-Jobs gemacht, für Destiny oder mit kleinen Labels, dann selber ein Label gegründet. Wir hatten nie das, was andere haben, die wie wir Mitte dreißig sind - seit 20 Jahren denselben Beruf und ihre Auto-Raten abbezahlen, Familie, so was haben wir nie gehabt, deshalb können wir uns das auch erlauben, Texte zu machen, die reflektieren, wie wir selber mit sechzehn drauf waren. Das ‚Kleinstadt-Lied‘, das ist aus meiner Vergangenheit, da wo ich herkomme, und was ich so erlebt habe als kleener Nachwuchspunker. Guck dir die Show heute an, mit Archies verletztem Fuß, dann siehst du den lebenden Beweis, dass wir keine alten Säcke sind. Da kenne ich andere Bands, die sind zehn Jahre jünger und machen eine Bühnenshow wie wirklich alte Säcke. Viele von den so genannten ‚Emo‘-Bands, die nur auf ihre eigenen Fußspitzen gucken, das gibt‘s bei uns nicht. Aber nächstes Jahr will ich trotzdem auf jeden Fall weniger touren, nicht weil das Touren scheiße ist, oder das Livespielen nervt, sondern weil ich andere Dinge im Kopf habe. Ich arbeite ja für Destiny-Records, wir haben unser eigenes kleines virtuelles Label Agropop, da wollen wir vielleicht auch mal neue Bands veröffentlichen, so wie dieses Jahr THE MOVEMENT, da braucht man Zeit. Pro Platte muss man sich da schon so drei, vier Monate heftig reinknien. Und die Zeit hab ich nicht, wenn ich viel auf Tour bin.“

Was habe ich mir denn unter einem virtuellen Label vorzustellen?

„Das ist eigentlich nur ein Side-Projekt von Destiny, deswegen virtuell. Das ist zwar unser Ding, unsere Veröffentlichungen, aber wir nutzen Destiny, den Vertrieb und die Infrastruktur. Da gab es bislang vier Neuveröffentlichungen und die VKJ-Neuauflage und dann noch die ‚Blechdose‘ als Nice-Price-Version, alles in 2003. Das ist heftig, wenn man bedenkt, dass wir in dem Jahr auf 100 Konzerte kommen, was eigentlich schon fast gar nicht zu schaffen ist. Es war alles sehr, sehr knapp. Dafür will ich einfach mehr Zeit haben.“

Jan Eckhoff & Martin von Hadel

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #54 (März/April/Mai 2004)

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