LEGENDÄRE COMPILATIONS

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Schlachtrufe BRD

(LP/CD, Snake, 1990)

1981 gründete Thomas Ziegler das Label Mülleimer Records, das in den Folgejahren zahlreiche Punk-Scheiben veröffentlichen sollte. 1986 änderte Ziegler den Namen des Labels in A.M. Music, das für „Aktueller Mülleimer“ stand. Anscheinend wirkte die Abkürzung professioneller. 1987 gründete Ziegler das Sublabel Snake Records, auf dem unter anderem auch die Nachpressungen des bisherigen Mülleimer-Katalogs erschienen. 1990 veröffentlichte Ziegler dann den Sampler „Schlachtrufe BRD“. Die Compilation wurde laut Backcover-Text für „Nachzügler in Sachen Deutschpunk“ zusammengestellt. Weiter heißt es, dass sich die Song-Auswahl am Thema „Staatsgewalt“ orientiert habe, „deren Institutionen und Handlangern man Anfang der 80er als ‚Punker‘ kaum entgehen konnte“. Insgesamt neun Bands sind dabei, und für die erste Seite stimmt der Themenbezug auch. Den Anfang macht die Mülleimer-Hausband NORMAHL unter anderem mit „Pflasterstein flieg“, gefolgt von MANIACS mit einem ihren seltenen deutschen Tracks „Deutschland“ und „The White Rose“ über die Weiße Rose. Die Hannoveraner BOSKOPS sind mit drei Songs von ihrer ersten LP „SOL 12“ vertreten, „Punkkartei“, der Song über die „Punkerkartei“ in Hannover, die zum Anlass für die Chaostage wurde, gefolgt von „Bulle halt’s Maul“ und „Können Schweine schwimmen?“, mit der einzigen Textzeile „Bullen in die Leine – Bullenschweine“. Die zweite Seite erweckt eher den Eindruck, als hätte Ziegler einfach nur ein paar gute Songs lieblos zusammengestoppelt, um die Platte voll zu bekommen. Der einzige Song, der sich noch direkt auf das von Ziegler vorgegebene Thema des Samplers bezieht, stammt von TIN CAN ARMY, es ist „Guten Morgen BRD“ von ihrer Split-LP mit MANIACS. INFERNO eröffnen die zweite Seite mit „Tod und Zerstörung“ über die Folgen eines neuen Krieges. Danach kommen die IDIOTS mit „Samstag Nacht“. Weiter geht es mit CHAOS Z mit „Krieg“ und „1980“, gefolgt von AUSBRUCH mit „I’ve got a picture“, einem meiner Faves. Allerdings wären Songs wie „Deutschland brennt“, „Kämpf um dein Recht“ oder „Deutscher Eid“ passender gewesen. Der Sampler wurde Mid Price als CD verkauft und die LP „zum Preis einer Maxi“, einer limitierten Auflage lag noch eine 2-Song-Single von INFERNO bei. Der Erfolg des Samplers, dem noch sechs weitere folgen sollten, ist wohl auch einem Monitor-Bericht geschuldet, in dem Eltern aufgefordert wurden, die CD-Sammlung ihrer Kinder nach dem Sampler zu durchsuchen, da die Texte dieser Songs gewaltverherrlichend seien. Es stellt sich die Frage, ob hier zum ersten Mal der unsägliche Begriff „Deutschpunk“ verwendet wurde. Unzweifelhaft bleibt aber, dass der Sampler für viele Kids zur Einstiegsdroge in Sachen Punk wurde.