DIE STIMME DER VERNUNFT

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Bürotime

69. Woche – HO (letzte Bestellung)
- Once in a lifetime. Wir hatten die Chance auf einen kurzen Blick darauf, wie es wäre wenn, wie es hätte sein können. Vorbei, vorbei.
- Die-hard. Wie wichtig einem Fußball wirklich ist, merkt man erst, wenn man ohne Karte nach London gurkt, um dort irgendwo in den Straßen oder auf Plätzen, weit weg vom Stadion, die eigene Mannschaft anzufeuern. Also, wenn einem was wirklich, wirklich wichtig ist, kann man auch schon mal ein Familienmitglied opfern.
- Bet & Win. Gab es eine Wette auf die Spielausgänge mit dem geringsten Autokorso und Feierpotenzial?
- Die Delta-Variante. Warum können wir die nicht einfach „Doom-Variante“ nennen? Finde ich irgendwie griffiger.
- Der erste Tag im Büro. Keiner der verwahrlosten Kollegen fragt, ob du abgenommen hast oder ob du beim Friseur warst. Ja, man muss auch mal die guten Seiten sehen.
- Jobmaschine. Man darf nicht vergessen, dass COVID-19 eine Menge Instant-Jobs geschaffen hat, die vorher nicht auf der Qualifikationskarte standen oder bisher unterschätzte Berufe deutlich aufgewertet hat:
- Nasenpopler
- Stiftputzer
- Warteschlangenplatzanweiser
- Streifentropfer
- Anmeldezettelsortierer
- Testrezeptionisten
- Plexiglaskonstrukteure
- Einkaufswagendesinfizierer
- Kleinstfeiernorganisateure
- Sargbauer
- Klugscheißer
- Self-Made-Virologen
- Telegram-Influencer

70. Woche – Bürotime
- Mengenlehre. Nicht alle Fußballfans sind Idioten, aber alle Idioten sind immer Fußballfans (Lothar Matthäus).
- Back to office. Mit Inkrafttreten der 50:50-Regelung wieder zurück ins Büro bei wochenweisem Wechsel. Merke: Vor der nächsten Welle schnell noch von allen Fotos machen und Namen drunter schreiben, es erspart peinliche Momente.
„Hallo, äh ... ich kenn dich ...!“
„Wir sitzen seit zehn Jahren nebeneinander!“
„Aaah, ja richtig. Horst?!“
„Helmut!“
- X-Mas. Am 5. Juli eine Weihnachtskarte zu öffnen, die seit Ende letzten Jahres geduldig auf mich gewartet hat, ist schon etwas seltsam. Immerhin war keine Schokolade dabei und alle, die auf der Karte unterschrieben haben, leben noch, also alles in Butter.
- Betreutes Essen. Eine der aufregendsten Neuerungen in der Betriebsmensa ist die Einführung der Kantinendomina. Ihre Aufgabe: Mit gestrengem Blick zu töten! Wie ein Adler erblickt sie über zehn Meter ihre Beute (ein kränkliches verletztes Beutetier, dessen schlaffer Mundschutz halb über dem Tablett in der Sauce hängt), schleicht sich mit anmutigen, leisen Schritten von hinten an ihr Opfer, um den bösen, bösen Jungen (es sind so gut wie immer Männer, die zu blöd für den Umgang mit solch simplen Dingen sind – Masken, Zahnbürsten, Klodeckel) mit harten Worten vor den Augen seiner Sitznachbarn zusammenzufalten. Anschließend werden sie zerrissen, verspeist, dreimal durchgekaut und wie ein dummer, unverdaulicher Schuljunge wieder ausgespien. Ich war instant verliebt!
- Luxus. Wer schon alles im Leben hat, fliegt entweder ins All oder kauft sich einen neuen Mülleimer. Ich bleib beim Mülleimer.
- Phobie? Wie nennt man die Angst, zu einem medizinischen Notnotfall zu werden, nur weil man mit löchriger Unterhose oder zwei verschiedenen Socken beim Transport die Treppe hinab verunglückt, weil sich die Ersthelfer vor lauter Lachen nicht auf ihren Job konzentrieren konnten?
- Live. Wer hat die ganzen Coverbands und Heimmusiker vermisst, bei denen es nun wirklich keinen Unterschied macht, ob man die vor einem Bildschirm sitzend sieht oder während ihres Auftritts nebenher die Snooker-WM auf dem Handy schaut, weil da einfach mehr Action geboten wird? Danke für: „Männerkraft Natur Seminare“, „SKV (nicht der!) rockt im Vereinsheim“, „Die kleine Egerländer Besetzung“ (klingt für mich nach einem kriegerischen Akt), eine DIE TOTEN HOSEN-Tributeband (oh Gott) und viele andere Dinge aus den Untiefen überteuerter Proberäume.
- Kann sich eigentlich noch jemand an die Pop-up-Radwege aus dem letzten Jahr erinnern? Frage für einen radelnden Freund.

71. Woche (dahoam hackln)
- Elendstourismus. Es gibt eine menschliche Subspezies, die geistig noch ärmer ist als die Ärmsten. Dort Urlaub machen, wo andere gerade alles verloren haben, um denen im Weg rumzustehen, die wirklich helfen wollen. Wenn euer Leben wirklich so langweilig ist: Nehmt euch doch einfach ein Beispiel an Novalis, der hat die dreißig erst gar nicht erreicht.
- Nitratbelastung. Ich komme vom Dorf, ich weiß Tage im Voraus, wann der Regen kommt, und ich weiß auch ganz genau, wie oft die Schweine über dein verdammtes Bio-Körnerbrötchen gepisst haben.
72. Woche (an alter Wirkungsstätte)
- Chiropraktix. Wäre für mich ein Charakter für einen Gallier im nächsten „Asterix“. Ein typisches Geräusch, wenn er seine Arbeit macht: Chrckknakkchrkplopp.
- IT (Teil 7.945). Es gibt sagenhaft teure Tools, supergeile Programme, die so viel können, Planungstools, die einen mitten in der Nacht an alles Mögliche erinnern (ja, auch an den Toilettengang und viel trinken), trotzdem würde jeder Laden zusammenbrechen, wenn du ihnen bei all den tollen Kommunikationsmöglichkeiten, Megasuperduperlösungen und Werkzeugen nur eines der folgenden Programme wegnehmen würdest:
- Excel
- Powerpoint
- Outlook (oder irgendein anderes blödes Mail-Programm)

73. Woche – Homebound
- Same, same. Warum sich nichts ändert? Weil es immer noch Menschen gibt, die lieber Gicht in Kauf nehmen, um ganz hinten aus dem Kühlregal einen Joghurt zu angeln, der ein zwei Tage längeres Haltbarkeitsdatum aufgedruckt hat, auch wenn sie das Ding bereits am nächsten Morgen mit ihrem Bio-Müsli verputzen.
- Oi! Beste noch zu gründende Oi!-Band: OI’MR.
- Pfui Spinne! Papa, Papa, es gibt Spiderman-Eis, kaufst du uns das? Erster Gedanke: Schmeckt das nach Peter Parker oder doch eher nach Spinne? Zweiter Gedanke (Reflexion): „Brauner Bär“ hat auch nicht nach Indianer, Pelztier oder irgendwas Merkwürdigem geschmeckt, Dolomiti garantiert nicht nach Gebirge und Schlumpfeis eben auch noch nie nach Papa Schlumpf seinem ... Vergiss es, ich ziehe die Frage zurück. Einmischung: „Jetzt kaufen Sie den Kindern endlich das Eis, ich will wissen, wie das schmeckt!“
- Schlaflos durch die Nacht. Wie nennt man eigentlich ein so genanntes Schlafschaf, das extreme Schlafstörungen hat oder drei- bis viermal in einer Nacht aufs Klo muss? Ovis gmelini aries inkontinentia?
- Ich bin kein Star, lasst mich in Ruh. Was macht eigentlich Kader Loth?

74. Woche – Im kalten, vorwiegend leeren Büro
- Meanwhile. Während die Erde an mehreren Ecken brennt, sorgen sich andere um ihren Jahresurlaub beziehungsweise um die teilweise Rückerstattung ihrer Buchung, weil das Hotelpersonal mit Löschen beschäftigt ist, statt seiner Arbeit nachzugehen, weswegen beim Buffet schon wieder die leckeren Brotaufstriche alle sind und der Strand wegen dem Rauch äußerst dreckig ist.
- Pausen. Bürozeit ist Pausenzeit. Allerdings sollte man auch im Heimoffice ab und an Pausen einlegen. Also habe ich mir die alten Briefmarkenalben meines Opas aus dem Keller geholt und alle Marken abgeleckt, um sie anschließend fein säuberlich nach Geschmack zu sortieren. Irgendwas Sinnvolles muss man schließlich machen. Erkenntnis: Es gibt nicht nur fünfzig Wörter für Schnee, es gibt auch mehr als 73 Nuancen von „igitt“ bis „widerlich“.

75. Woche – HO
- Mad Max I-IV. Zur besseren Vorbereitung auf die Folgen des Klimawandels sollte ich mir durchaus mal wieder „Mad Max“ ansehen, den vierten Teil muss ich bei der Gelegenheit gleich mal nachholen. Als Kontrastprogramm dann für alle Küstenbewohner gleich noch „Waterworld“ hinterher. Obwohl, der ist scheiße.
- Sommerloch 21. Wir empören uns über eine Currywurst, die in genau einer Kantine des VW-Konzerns vom Speiseplan genommen wird, obwohl wir nicht in Wolfsburg arbeiten und es im Werk zig Kantinen gibt, bei denen man sich die Wurst nach wie vor bis zum Erbrechen reindrücken kann.

76. Woche – Quality-Bürotime
- Di 15.08., 5:30 Uhr. Der Nachteil, wenn man bei offenem Fenster schläft? Es ist offen, deswegen hört man jeden Vollpfosten, der unter dem Fenster eine Perle anbaggert, Idioten mit einem Scheißmusikgeschmack, die im Auto mit laufendem Motor auf irgendwen warten, die Müllabfuhr um halb sieben, Leute, die von der Polizei eingesammelt werden, Menschen, die sich kloppen, und läufige Frettchen. „Ja, irgendwie wurde alles schwarz, und dann hat es in der Tiefgarage gescheppert!“ Der Moment, in dem man schlagartig wach wird! Der Handwerkerhonk hat beim Ausparken ein Auto gerammt, die Stimme erkenne ich unter tausenden. Als dann die magischen Worte „Box 15, schwarzer Hyundai“ fielen, bin ich wieder eingeschlafen, schließlich habe ich die glückliche 13 und einen weißen ...
- Senil mit 45. Einer der schlimmsten Sätze, die ich je in meinem Leben gehört habe: „Ich bin jetzt 45, ich muss nichts mehr dazulernen.“ Diese Weigerung ist leider keine Erfindung, ebenso wenig wie meine Antwort, mit der Empfehlung von Block und Kugelschreiber statt einem PC.
- Die kleinen Freuden. An einer Baustelle vorbeispazieren, an der drei Männer neben einem kleinen Bagger und einem großen Laster stehen, von denen einer hektisch telefoniert.
„Ich brauche jemanden, der jetzt eine Entscheidung treffen kann, wir haben hier ... äh, ein Kabel durchtrennt.“
Einer der beiden anderen, unbeteiligten Männer sieht mich an. Ich hebe den Daumen und grinse, er grinst zurück und muss lachen. Wir beide wissen, dass er den Bagger nicht bedient hat, und dass das „wir“ ein „ich“ bedeutet.
- Amateure. Wenn ich etwas ganz besonders hasse, dann sind das Aktientipps von Leuten, die nicht einmal einen Porsche fahren.
- Für die nächste Pandemie: Anreize schaffen statt sanktionieren. FFP2-Masken mit Duftnote, für jeden Nasenfetisch der ganz spezielle Kick. Vielleicht kriegen es dann auch die Unternasenträger irgendwann mal hin, wenn die Tüte nach Pommes-Mayo, getragenen Höschen, kaltem Aschenbecher, Tabak-Vanille-Muskat, Bier, Nasenbluten, Kaffee, Sandelholz, Zimt, Emmentaler, Omma unter den Achseln, Spekulatius, Frühling, Nutella, Blumen oder Wunderbaum riecht? Ist es für diese Geschäftsidee eigentlich schon zu spät?