© by Riley VecchioneSeit Jahren gehören DROPKICK MURPHYS zur Spitze eines Genres, das vor allem mit Party, Trinken, Laune und Lebensfeier assoziiert wird: dem Folk- und Celtic Punk, durchsetzt mit einigen Street- und Oi!-Elementen. Mit ihrem neuen Album zeigen die irischstämmigen Musiker aus Boston, dass sie sich weitaus mehr Gedanken machen und ihre Interessen über Bierglas und Tresen hinausgehen: „For The People“ ist ein politisches Statement. Es ist eine erbost gen Trump erhobene imaginäre Faust, die geschwungen wird für eine bessere Zukunft und für all jene, die selbst nicht laut werden können. Frontmann Ken Casey erzählt uns, wie es gerade ist, in den USA zu leben. Warum doch so wenige Kolleginnen und Kollegen aus der Szene dort öffentlich Kontra geben. Und wie „For The People“ in der Diskografie der Band eingeordnet werden muss.
Ken, ihr seid gerade auf Tour durch die Staaten. Bitte schildere uns doch ein paar Eindrücke: Wie ist die Stimmung? Wie kommen die Songs eures neuen Albums „For The People“ bei den Leuten an?
Die Leute reagieren wirklich gut auf die neuen Songs. Sie reagieren spürbar besonders und anders als früher – wohl weil sich das Album explizit an sie richtet und weil wir uns explizit politisch äußern. Ich habe das Gefühl, dass „For The People“ für die Leute jetzt schon mehr ist als nur Musik. Und genau das ist das Ding: Es geht bei der Platte darum, dass wir in gewisser Weise für die Menschen einstehen. Gerade in diesen Zeiten. Das ist wichtig. Ein Beispiel: Gestern Abend kam ein Fan, der Deutscher ist und in den USA lebt, nach der Show zu mir und erzählte, dass sich sogar einige seiner guten Freunde gegen ihn gewandt hätten und sagen würden: Du nimmst uns Amerikanern die Arbeitsplätze weg! Und er fragt sich jetzt, ob er in Amerika überhaupt noch willkommen ist. Und unser neues Album habe ihm eben das Gefühl gegeben, willkommen zu sein. Man muss sich das mal vorstellen: Er sagte, er habe seine eigene Firma hier, er beschäftige amerikanische Mitarbeiter – und trotzdem würden ihn die Leute so behandeln. Es ist einfach so widerlich, was mit unserem Land passiert ist.
Damit sind wir auch direkt beim Thema eures neuen Albums. Ihr habt es „To The People“ genannt. Ich nehme an, das ist genau das, was ihr erreichen wolltet, den Menschen, die ob Trump und Co. verzweifeln, zeigen: Ihr seid nicht allein. Wir stehen hinter euch.
Ja, in jeder Hinsicht. Wir setzen uns auch über die Politik hinaus für die Menschen ein. Die Platte ist ein Statement dazu, dass alles, was die DROPKICK MURPHYS je versucht haben, auf eine Sache hinausläuft: Wir konnten und können uns immer als eine Band des Volkes betrachten. Entweder weil wir politisch Stellung beziehen – oder einfach nur, weil wir für die Fans da sind und versuchen, bodenständig zu bleiben. Erreichbar zu bleiben. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass ich wahrscheinlich immer noch mit 80% der Leute, die uns hören, in Kontakt stehe – weil ich nach den Konzerten vor Ort bleibe und mich mit ihnen unterhalte. Und ich verstehe auch nicht, warum eine Band genau das nicht tun sollte.
Viele Bands werden das dennoch nicht unbedingt tun.
Ja. Und da muss ich ernsthaft fragen: Willst du nicht die Leute kennenlernen, die dir diese unglaubliche Chance gegeben haben, mit dieser Musik, mit deiner Band deinen Lebensunterhalt zu verdienen und die Welt zu bereisen? Ich finde es einfach immer spannend und bereichernd, mit den Menschen zu sprechen, die mir eben diese Chance gegeben haben. Der Albumtitel hat also viel mehr Bedeutung als nur diese eine politische. Wobei ich schon denke, dass derzeit die politische Bedeutung schon am stärksten ist. Aufgrund der aktuellen Lage.
Gab es einen Moment, in dem ihr als Band wusstet, dass es genau dieser Titel werden würde?
Die Idee kam spontan. Wir waren etwa in der Mitte des Aufnahmeprozesses – und ich habe versucht, mir etwas einfallen zu lassen. Ich wusste nur: Ich will mit dem Titel etwas sagen, das die Stimmung der Gegenwart auf den Punkt bringt. Und dann kam mir diese Idee und ich wusste, das ist perfekt für dieses Album!
Warst du oder ihr als Fans eigentlich jemals von einer anderen Band enttäuscht, weil die eben nicht „for the people“, für dich, für euch da waren?
Oh ja, viele Male. Es ist ja so: Da ich in einer Band bin, hatte ich auch Gelegenheiten, einige der Bands zu treffen, zu denen ich immer aufgeschaut habe – und manchmal bereue ich es, dass ich die Chance hatte, sie zu treffen. Ich möchte keine Namen nennen, aber so was ist uns mehrfach mit den alten Punkbands aus den 1970ern passiert. Vor allem mit den britischen. Vielleicht liegt es daran, dass viele dieser Bands einfach nur frustriert sind, dass sie nicht die nächsten THE WHO oder so geworden sind. Wenn man auf den entsprechenden Festivals spielt, sind einige der Leute dort jedenfalls einfach nur aufgeblasen und benehmen sich, als wären sie in einer Heavy Metal-Hair-Band – und nicht in einer Punkband. Davon abgesehen gibt es aber genauso auch zahllose Bands aus den 1970ern, die uns wie Gold behandelt haben. Bands wie STIFF LITTLE FINGERS oder COCK SPARRER waren immer so toll zu uns! Überhaupt waren und sind viele der ursprünglichen Oi!-Bands aus Großbritannien fantastisch. Aber das erwartet man ja auch von ihnen, oder? Hahaha. Klar, es heißt oft: Triff deine Idole nicht, denn sie werden dich enttäuschen. Und es stimmt! Und doch hatten wir auch schon so viele großartige Erlebnisse. Alles von THE POGUES über Bruce Springsteen bis hin zu den Erwähnten war großartig! Ich durfte sogar Joe Strummer noch kennen lernen – und er war toll. Diese Bands und Künstler haben unsere Erwartungen also übertroffen.
Das freut mich zu hören. Was denkst du, ist „For The People“ mit seiner Botschaft eines der politischsten Alben, die ihr je veröffentlicht habt?
Ja. Es gibt drei Songs, die direkt politisch sind: „Who’ll stand with us“, „Bury the bones“ und „Fiending for the lies“. Das sind also allein schon drei von zwölf Songs, die sich direkt mit dem politischen Klima befassen. Aber ich denke, auch unsere Aktionen rund um das Album und unsere Äußerungen – insbesondere das erste Video, das wir gedreht haben, in dem es um Menschen geht, die ausgewiesen wurden und ihre Rechte verloren haben – waren ganz klar ein politisches Statement. Das ganze Album drückt aus: Wir stehen für euch ein! Wir werden unsere Stimme für euch erheben! Und wir versuchen damit, auch andere amerikanische Bands dazu zu bewegen, sich entsprechend zu äußern, denn es ist ziemlich still da draußen in der Punkrock-Welt derzeit ...
Ein gutes Thema ...
Ja, Mann ... Ich meine, ich bin nicht hier, um irgendjemanden zu beschämen oder zu verurteilen. Aber ich bin doch sehr überrascht, denn wenn wir alle unsere Stimme erheben würden, könnten wir die Macht zurückgewinnen und Wellen in die andere Richtung rollen lassen. Aber viele in der Szene wollen wohl nicht, dass sich so etwas negativ auf ihr Geschäft auswirkt. Also entscheiden sie sich, den Kopf unten zu halten. Hinzu kommt, einige Bands würden sich vielleicht klar äußern, können es aber nicht.
Was meinst du damit?
Ich kenne eine Band, in der eines der Mitglieder mit jemandem verheiratet ist, der ganz frisch eine Green Card für die USA hat. Und sie haben jetzt einfach Angst, dass sie und ihre Angehörigen etwas zu befürchten haben könnten, wenn sie sich gegen Trump und seine Regierung aussprechen. Und ich habe Verständnis dafür. Ich denke, DROPKICK MURPHYS und andere müssen sich eben noch lauter zu Wort melden – auch für diejenigen, die es nicht können. All den Bands aber, die keine Argumente und gute Gründe haben, sich nicht zu äußern, kann ich nur sagen: Worauf wartet ihr noch? Das ist doch Punkrock! Und wenn ihr jetzt nicht eure Stimme erhebt, verliert ihr vielleicht später die Chance dazu, sie je wieder zu erheben.
Damit sprichst du ein Thema an, das bei mir ohnehin auf der Agenda stand: Wie ist die Situation für Künstler und Bands wie euch aktuell in den Vereinigten Staaten? Wie ist es derzeit, dort zu leben?
Nun, wir leben ja in Massachusetts und sind ein bisschen abgeschirmt von alldem, weil wir in einem der „blauen“ Staaten leben, einem Bundesstaat, wo die Leute die Demokraten wählen. Aber trotzdem, Donald Trump droht, den Staaten, die ihn nicht unterstützen, Gelder vorzuenthalten – was ja vollkommen widersinnig und schon fast zum Lachen ist, da Staaten wie Massachusetts und Kalifornien überhaupt erst einen Großteil der staatlichen Gelder einbringen. Kalifornien zum Beispiel zahlt weit mehr an die Bundesregierung, als es von ihr zurückbekommt. Und dennoch sagt Donald Trump: Wenn es Feuer oder Ähnliches gibt, werde ich euch nicht helfen! Trotzdem wird unser Alltag hier von der Regierung bislang nicht allzu sehr beeinträchtigt. Ich wundere mich nur immer mehr, wie viele unserer Freunde, Familienmitglieder und Mitmenschen von dieser mentalen Krankheit, wie ich es nennen würde, erfasst und einer Trump’schen Gehirnwäsche unterzogen wurden ... Wenn man in andere Bundesstaaten reist, hat sich die Rechtsstaatlichkeit dagegen ziemlich verändert. Gerade was das Thema Einwanderung betrifft. Wobei mittlerweile selbst in Boston schon viele Menschen von der Straße verschwunden sind ... So schikaniert Trump diese Bundesstaaten.
Habt ihr Angst, euch laut zu äußern – eben wegen möglicher Repressalien?
Nein. Darum geht es in der Band ja von Anfang an. Unsere Unterstützung für arbeitende Menschen und Gewerkschaften, unser Einsatz gegen die extreme Rechte waren schon immer Teil unserer Arbeit, unserer Philosophie. Und wenn wir jetzt nicht unsere Meinung sagen würden, wäre das eine Schande für alles, wofür DROPKICK MURPHYS in den vergangenen 29 Jahren gestanden haben und immer noch stehen. Wir haben also keine andere Wahl, als unsere Meinung zu sagen. Unser Gewissen würde es uns nicht erlauben, es nicht zu tun. Unser Stolz würde es uns nicht erlauben, es nicht zu tun. Unsere Würde erlaubt es uns nicht, es nicht zu tun. Deshalb sind wir hier. Und ich habe leider das Gefühl, dass es erst noch schlimmer werden wird, bevor es besser wird.
Ich kann mich daran erinnern, dass nach Trumps erster Wahl fast jedes zweite Album, das herauskam, und dies vor allem in der Punkrock-Szene, explizit gegen ihn gerichtet war und Songs über diese neue, üble Situation enthielt. Dieses Mal gibt es gefühlt nur zwei Sätze von GREEN DAY auf der Bühne – und das war’s. Warum ist das deiner Meinung nach so?
In seiner ersten Amtszeit hatte Trump mehr unparteiische Leute in der Regierung, die ihn beraten haben. Aber jetzt hat er daraus gelernt, dass er in seiner Regierung nur noch totale Speichellecker braucht. Jetzt hat er niemanden mehr, der ihm sagt: „Das kannst du nicht machen!“ Es gibt nur noch Jasager um ihn herum. Oder noch Schlimmeres. Leute, die vielleicht sogar noch verdrehter sind als er selbst. Leute, die seine Politik und Rachefeldzüge lenken. Insofern glaube ich, dass in Amerika derzeit entsprechend auch eine viel größere Angst vor Vergeltung herrscht.
Das ist traurig. Viele Menschen setzen ihr Vertrauen ja gerade in die Punk-Szene und in ihre Künstlerinnen und Künstler. Sie vertrauen darauf, dass gerade sie ihre Stimme erheben und etwas tun.
So ist es. Und das sollte ja auch so sein.
Gibt es Momente, in denen du darüber nachdenkst, wie die Situation in fünf Jahren aussehen wird?
Ich denke, der Kampf um die Zukunft in fünf Jahren findet gerade jetzt statt. Wenn wir schweigen und uns nicht wehren, dann ... Wenn alle ihre Stimme erheben und alles tun, um Trumps Taktik zu blockieren – sei es durch Proteste, Sitzstreiks, Briefe an Kongressabgeordnete oder was auch immer –, dann könnte ihn das vielleicht bremsen. Aber wenn wir einfach auf die nächsten Wahlen warten, dann ... glaube ich nicht, dass es überhaupt nächste Wahlen geben wird. Ich glaube, dass Trump und seine Leute die Wahlen dann verhindern. Sie sind ja schon dran: Gerade legen sie alle Wahlbezirke neu fest, damit Trump fast sicher gewinnen wird. Und ich habe bei all dem das Gefühl, dass Amerika trotzdem noch immer schläft. Was auch ein Problem ist, das wir im Auge behalten müssen. Ich glaube, die jüngere Generation hat immer noch dieses Gefühl, diese Überzeugung, dass das Gute immer gewinnen wird. Wir haben es ja in jedem Film gesehen. Da ist immer so. Aber vielleicht siegt auch irgendwann doch mal das Böse. Es gibt ja nicht umsonst viele und lange Perioden in der Geschichte der Menschheit, in denen das Gute unterlag. Am Ende ist es so, ich betone es noch mal: Wir erreichen keine Wende ohne Kampf. Die Rechte der Arbeitnehmenden, alles, wofür die Gewerkschaften kämpfen mussten, um eine Mittelschicht in Amerika zu schaffen – für alles mussten die Leute immer schon kämpfen. Sie mussten dafür kämpfen, dass Kinder nicht mehr in Fabriken arbeiten, dass Menschen ihre Würde am Arbeitsplatz sicher haben, dass sie am Wochenende frei und Überstunden bezahlt bekommen. Oder schau dir die Bürgerrechtsbewegung an: Wie lange Minderheiten kämpfen mussten, um die Rechte zu erlangen, die ihnen zustehen! Und all diese Kämpfe und Anstrengungen könnten jetzt in wenigen Jahren zunichtegemacht werden, wenn wir diesen Kerl gewähren lassen. Ich glaube, dass Menschen wie mein Großvater, der Gewerkschaftsfunktionär war, sich gerade im Grab umdrehen. Und all das ist etwas, was mich motiviert, meine Stimme zu erheben und mich zu wehren.
Hinzu kommt vermutlich eine – so nenne ich es mal – besondere Betroffenheit: Viele eurer Bandmitglieder haben irische Wurzeln. Es dreht sich also bei DROPKICK MURPHYS alles ums Thema Einwanderung. Und genau die will die jetzige Regierung drastisch eindämmen.
Genau das ist der Punkt. Weißt du, ich habe es gestern Abend auf der Bühne ziemlich angepisst gesagt: „Wir sind eine Band, die seit 29 Jahren über die Erfahrungen von Einwanderern in Amerika singt, über die Erfahrungen der Arbeiter in Amerika. Und jetzt ist die Hälfte unserer Fans wütend, weil wir Donald Trump nicht mögen. Was habt ihr erwartet? Wir sind eine Band, deren Vorfahren Einwanderer waren und die in der Arbeiterklasse aufgewachsen ist!“ Aber hier liegt das Problem: Die Arbeiterklasse in Amerika wurde mittlerweile dazu gebracht zu glauben, dass Donald Trump und die Republikaner ihre Interessen vertreten, weil sie sich als falsche Patrioten darstellen und ihnen mit Hilfe des gerne kritisierten Wortes „woke“ suggerieren: Die Demokraten kümmern sich nicht um euch. Sie halten euch für die Bösen. Bei ihnen geht es nur um „woke“. Und genau das haben Faschisten und Diktatoren schon immer getan. Sie haben Themen wie Einwanderung benutzt, um die arbeitende Bevölkerung zu spalten. Und damit waren sie immer schon sehr erfolgreich. Viele Menschen, die ich kenne, und viele Fans der Band, die vor Donald Trumps Auftritt in der Öffentlichkeit mit allem übereinstimmten, was wir gesagt haben, haben jetzt eine 180°-Wende vollzogen und stehen auf der anderen Seite. Verdammt! Was ist mit den Menschen passiert, die ich vor zehn, elf, zwölf Jahren kennengelernt habe und die ich so gut zu kennen geglaubt habe? Aber wenn ich ihnen diese Frage stelle und sie auffordere, sich zu erklären, dann sagen sie: „Die Benzinpreise! Die Einwanderung!“ Und zählen all die anderen Dinge auf, die Donald Trump ihnen als Probleme eingeredet hat.
Glaubst du, dass „For The People“ eines eurer wichtigsten Alben ist? Gerade wegen dieser Umstände?
Ich denke, Amerika steht heute vor der vielleicht größten Herausforderung, die es je gehabt hat. Und wenn wir zu genau diesem Zeitpunkt ein solches Album veröffentlichen, ist es zwangsläufig und ganz sicher das wichtigste. Ich finde es ja selber sehr besonders, dass wir keinen Deut von diesen politischen Themen abgewichen sind. Aber nach unseren jüngsten Akustikalben hatten wir fast das Gefühl, wie eingesperrte Tiere zu sein. Zu leise zu sein. Und waren bereit, wieder laut zu werden. Keine Frage, das Experiment mit den beiden Akustikplatten war großartig und inspirierend. Ich glaube, es hat uns als Band und als Musiker besser gemacht. Aber wir sind jetzt auch bereit, wieder zuzulegen. Und entsprechend finde ich, dass „For The People“ eine Punkrock-Dringlichkeit hat, die wir immer schon in uns getragen haben und die wir, das zeigt sich nun, nicht verloren haben. Wir haben Energie zurückgewonnen.
Was ich an DROPKICK MURPHYS immer gemocht habe: Ihr habt Politik in einen Musikstil eingebracht, also Folkpunk, Celtic Punk, der für viele vor allem Party und Trinken bedeutet.
Wir waren immer zuerst eine Punkband mit Celtic-Einflüssen. Aber ich denke ebenso, wir waren schon immer eben auch eine Punkband mit allem, was dazugehört. Außerdem habe ich selbst seit 34 Jahren keinen Alkohol mehr getrunken, da ich aus einer Familie mit schwerem Alkoholismus komme. Kurioserweise handeln denn auch viele unserer Songs, die die Fans für Partysongs halten, eigentlich davon, wie der Alkohol ein Leben zerstört hat. Aber das ist ja irgendwie auch das Lustige an den Iren: Sie singen einen Song über Tod und Zerstörung – und heben dazu ihr Bier in die Luft. Nur die Iren können zu einem Song über Tragödien tanzen.
Offensichtlich. Ich habe euch vor ein paar Jahren in Düsseldorf live gesehen. Und noch bevor ihr auf die Bühne gekommen seid, war bereits das ganze Bier weg.
Hey, gib nicht uns die Schuld, sondern dem deutschen Alkoholproblem, haha.
Wahrscheinlich sollte ich das tun. Etwas anders zum Schluss: Dein Sängerkollege Al Barr ist nach langer Zeit auf diesem Album auch wieder zu hören – wenn auch nur in einem Song. Wie ist die Situation bei ihm?
Da muss ich ein bisschen ausholen. Bei Al war es so: Als sein Vater krank war und starb, war Al mit uns auf Tour und er hat den ganzen Prozess verpasst, für seinen Vater da zu sein – und das hat ihn sehr mitgenommen. Al hat nur noch eine Schwester, die sich während dieser ganzen Zeit um seinen Vater gekümmert hat. Und ich glaube, es ist eine Kombination aus dem Wunsch, seiner Schwester diesmal nicht dasselbe anzutun, und seinem Bedauern darüber, wie es mit seinem Vater gelaufen ist, dass er sich zurückgezogen hat, als es dann seiner Mutter schlecht ging. Sie braucht sogar noch mehr Pflege als der Vater. Er tut also das Richtige. Und noch etwas: Ich habe immer gesagt, dass es bei den DROPKICK MURPHYS nicht um einzelne Mitglieder geht. Wenn ich in der Situation wäre, dass ich aus der Band aussteigen müsste und Al noch dabei wäre, könnte die Band genauso weitermachen. Denn ich denke, es geht bei uns mehr um den Spirit, um die Botschaft und darum, wie wir uns als Band präsentieren. Al versteht das. Ich verstehe das. Und alle anderen Bandmitglieder verstehen das auch. Nichtsdestotrotz war es auch einfach toll, Al wieder einmal dabei zu haben. Und es war verdammt lustig, weil er ja immer so pessimistisch ist und ich ihm erst mal diesen Zahn ziehen musste. Ich sagte: „Komm her und sing einen Song mit uns.“ Und er sagte: „Junge, ich habe ewig nicht mehr gesungen! Ich werde das nicht gut hinbekommen!“ Meine Antwort darauf: „Halt die Klappe und komm her!“ Und natürlich war es dann, wie es immer war: Er hat das großartig gemacht, wir hatten viel Spaß und haben viel gelacht. Al ist jederzeit willkommen, wenn er bereit ist zurückzukommen. Aber gleichzeitig setzen wir ihn auch nicht unter Druck.
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