© by Finn Geiger / @blackoutfgMANTAR haben ihre Antwort darauf auf ihrem neuen Album „Post Apocalyptic Depression“ festgehalten. Sänger Hanno Klänhardt spricht im Interview darüber, warum das 2012 in Bremen gegründete Duo keinen Bock auf moralische Zeigefinger hat, was sie an der Dunkelheit fasziniert und wie das Musikmachen sie davon abhält, mit dem Hammer durch die Innenstadt zu marschieren.
Fangen wir einfach mal direkt mit eurem neuen Album an. Könnt ihr jetzt entspannt, da alles im Kasten ist?
Ja, das ist eigentlich immer ein angenehmer Moment, wenn man nichts mehr ändern kann. Wenn man das alles fertig gemacht hat – das ist ja schon sehr viel Arbeit, so ein Album. Es ist immer angenehm, wenn man so einen „Point of no return“ erreicht, wo man damit leben muss, was man gemacht hat. Die Entscheidungen sind getroffen, Videos sind gedreht, die Platte ist aufgenommen und Werbematerial ist verschickt. Und jetzt haben wir die Promo-Phase. Das macht manchmal Spaß und manchmal weniger, aber grundsätzlich ist es angenehm, weil man sich augenblicklich keine Gedanken zu machen braucht, dass man wieder etwas Neues abliefern muss.
Der Druck ist also raus? Ist es das Gefühl?
Es ist so ein bisschen wie früher in der Schule. Du weißt, es ist Freitag. Du musst da zwar noch einmal hin, aber eigentlich bist du kopfmäßig bereits im Wochenende. So fühlt sich das an.
Was sind die Hauptthemen des Albums? Sind es immer wiederkehrende Inhalte oder beschäftigt ihr euch bei jedem Album mit neuen Sachen?
Wir beschäftigen uns eigentlich mit überhaupt gar keinen konkreten Themen. Das ist die Magie dieser Band – wir fühlen keinerlei Bildungsauftrag oder Bedürfnis, irgendeine Meinung zu vermitteln. Also verstehe mich nicht falsch. Ich gebe mir natürlich Mühe mit den Texten. Es ist nicht nur Schwachsinn, aber es gibt kein politisches Bestreben. MANTAR ist eher ein Outlet, ein Raum, um in Abgründe abzutauchen. Deswegen sind die Texte auch sehr düster. Ich habe die Möglichkeit, mich auszutoben, wenn es um Dinge geht, die im normalen Alltag nicht sonderlich viel mit mir zu tun haben. Das sind dann eben sehr dunkle Sachen und das ist auch gut so, dass man da so ein Outlet für sich gefunden hat, wo man es in dieser Richtung ordentlich krachen lassen kann. Es ist wie ein Ventil, womit ich dunkle Dinge verarbeite, ohne im normalen Leben ein Psychopath zu sein.
Ich glaube, es hat viele Vorteile, wenn man im echten Leben kein Psychopath ist, aber woher kommt die Faszination für das Böse und das Dunkle?
Das Böse habe ich gar nicht gesagt. Das Dunkle sicherlich, aber wenn ich das Böse sagen würde, dann wäre davon auszugehen, dass ich dem Menschen grundsätzlich das Böse unterstelle. Sagen wir es mal so, ich traue dem Konzept Mensch alles zu. Ich glaube einfach, dass der Mensch zu allem fähig ist – zu allem Dunklen, Schlechten, aber auch zu allem Guten. Das Problem ist: Man muss nur die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher anmachen, um das zu sehen. Die menschliche Tragödie, die menschliche Naivität, die menschliche Dummheit, Gier, aber natürlich auch die Liebe und Güte sind ständige Inspirationsquellen. Der Mensch liefert immer ab. Wenn du denkst, es geht nicht mehr schlimmer, dann kommt noch etwas obendrauf. Manchmal hilft mir das Schreiben der Texte, um Abstand zu schaffen – gerade wenn man diesen Nachrichten-Overkill hat. Kennst du das? Man liest und liest und hört nicht auf zu graben, bis man in einem Loch sitzt. Das Schreiben der Texte und die Musik helfen mir, nicht durchzudrehen. Es nimmt den Druck raus, wie man auf Englisch sagt: „Taking the edge off.“ Es verhindert, dass ich komplett frei drehe und mit dem Hammer durch die Innenstadt laufe.
Du sagst, dass ihr keinen erhobenen Zeigefinger habt und keinen Bildungsauftrag verfolgt. Muss Kunst das überhaupt leisten? Haben Künstler eine Verantwortung?
Ich glaube, man hat eine gewisse Verantwortung – vor allem weil viele Leute zuhören. Aber einen Bildungsauftrag? Auf keinen Fall. Ich bin kein Sprachrohr für andere, nur für mich selbst. Ich denke, wir neigen dazu, Künstlern eine gewisse moralische Vorbildfunktion aufzudrücken. Aber ich bin nicht angetreten, um der Welt zu erklären, was sie zu denken oder zu fühlen hat.
Glaubst du, dass dieses „Preaching to the choir“ – also Dinge zu sagen, die die eigene Bubble ohnehin schon denkt – die Gesellschaft wirklich weiterbringt?
Genau das ist das Problem. Wenn man nur das weitergibt, was die Hörer eh schon denken, schafft das keine Veränderung. Es braucht Offenheit und die Bereitschaft, über den Tellerrand zu schauen, sich selbst zu hinterfragen. Ich sehe meine Kunst nicht als Werkzeug, um anderen zu sagen, was richtig oder falsch ist. Dafür gibt es andere Künstler, die das vielleicht besser machen.
Betrachtest du deine Texte dann als Spiegel der Gesellschaft oder entziehst du dich diesem Gedanken komplett?
Klar, „Spiegel der Gesellschaft“ klingt wie so eine ausgelutschte Phrase. Aber irgendwo stimmt es ja schon. Die Realität ist oft schon abartig genug – ich muss mir da nichts ausdenken oder überzeichnen. Es reicht, die Augen und Ohren offen zu halten. Ich lese auch viel, aus verschiedensten politischen Richtungen und Ländern, um unterschiedliche Perspektiven zu kriegen. Das, was passiert, ist real.
Also eher eine Weiterverarbeitung der Realität?
Ich spinne die Dinge vielleicht weiter, aber sie basieren immer auf dem, was es schon gibt. Nimm zum Beispiel Horrorfilme. Da steckt so eine perverse Wahrheit drin. Dass Menschen sich ihren eigenen Henker aussuchen, finde ich spannend. Das siehst du ja überall: Menschen wählen Diktatoren, sie unterstützen Oligarchen oder miese Präsidenten, die Kriege führen. Diese Selbstzerstörung, dieses absichtliche Handeln gegen die eigene Freiheit, das interessiert mich.
Das lässt sich ja auch auf andere Phänomene übertragen – KI, Social Media. Sind das nicht moderne Formen von „freiwilliger Selbstzerstörung“?
Aber das läuft am Ende auch immer wieder auf Menschen hinaus. Meinem Hund zum Beispiel, dem ist KI völlig egal. Social Media interessiert ihn null. Aber Menschen machen sich dadurch kaputt, driften in Verschwörungstheorien ab oder bekommen Depressionen. Es sind menschliche Entscheidungen.
Aber wir wissen ja oft, dass uns bestimmte Dinge schaden – wie Rauchen, das ausdrücklich als tödlich gekennzeichnet ist –, und doch tun wir sie trotzdem. Lässt sich dieses Verhalten auch auf die Gesellschaft übertragen? Sind Menschen vielleicht besonders anfällig für Gruppendynamiken?
Mich stört es nicht, wenn Leute rauchen oder trinken, weil sie sich damit ja nur selbst schaden. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn Menschen sich für eine politische Idee vereinnahmen lassen. Das war auch ein zentrales Thema auf unserer letzten Platte „Pain Is Forever And This Is The End“. Da ging es um menschliche Gruppendynamiken und das „Wir-Gefühl“, das ich für extrem gefährlich halte. Sobald sich Menschen zusammentun und sich total sicher sind, dass sie mit ihrer Meinung recht haben, wird’s brenzlig. Die Geschichte hat ja oft genug gezeigt, wie jede politische Idee irgendwann frei dreht, egal ob es Kommunismus oder Nationalsozialismus ist. Am Ende spielt es keine Rolle, ob dir eine Waffe von links oder von rechts an den Kopf gehalten wird. Sobald die Masse hysterisch wird und die Idee eskaliert, wird es gefährlich. Und das liegt daran, dass der Mensch selber gerne die größte Gefahr für alle ist, weil er immer irgendwo dazugehören will.
Lässt sich das nicht auch auf Religion übertragen?
Ja, klar. Religion ist ein weiteres Instrument, um genau das auszunutzen. Aber nicht dass wir uns falsch verstehen, ich finde nicht, dass Religion per se schlecht ist – christliche Werte etwa sind ja erst mal nicht falsch. Es geht darum, wie Religion benutzt wird: als Waffe, als Droge oder als Mittel zur Kontrolle. Und das funktioniert nur, weil der Mensch dieses tiefe Verlangen hat, irgendwo dazuzugehören. Keiner ist gerne allein. Es ist viel einfacher, in einer Gruppe zu sein, die dir Antworten liefert – sei es die Religion, die dir die Erlösung verspricht, oder irgendeine politische Bewegung, die einfache Lösungen anbietet. Gerade junge Leute, die sich verloren fühlen, denen fällt es vielleicht leichter, zu sagen: „Ach, die AfD ist schon nicht so schlimm“, anstatt sich der Komplexität der Realität zu stellen. Der Mensch ist wie eine Maschine, die so einen Selbstzerstörungsknopf hat. Es gibt einfach dieses große Problem, dass wir nicht bereit sind, aus Fehlern zu lernen.
Das zeigt sich ja auch daran, dass wir als Gesellschaft gefühlt immer wieder die gleichen Fehler machen. Jetzt sterben auch noch die Zeitzeugen aus. Und plötzlich erscheinen extremistische Ideen für einige wieder attraktiv.
Ja. Die Zeitzeugen, die sagen konnten: „Ey, ihr spielt hier mit dem Feuer“, sterben aus. Das ist gefährlich. Die jungen Faschos von heute sind die erste Generation, die vielleicht keine lebenden Verwandten mehr hat, die den Schrecken des Faschismus noch erlebt haben. Für sie ist das wie eine „neue“, faszinierende Idee. Und ja, es fühlt sich so an, als würden wir uns als Gesellschaft im Kreis drehen. Sehr nietzsche-esk. Ich bin kein Misanthrop, aber manchmal frage ich mich, ob der Mensch einfach nicht dazu gemacht ist zu lernen. Vielleicht ist es gar nicht unser Ziel, auf eine höhere Ebene zu kommen, in Frieden miteinander zu leben oder die Welt zu retten. Vielleicht ist der Mensch dazu verdammt, immer wieder die gleichen Fehler zu machen, in einer endlosen Spirale.
Das klingt ziemlich ernüchternd. Gibt es da überhaupt Hoffnung?
Die Hoffnung liegt vielleicht nicht in der großen Menschheit, sondern in unserem eigenen kleinen Umfeld. In der Familie, bei Freunden. Wir können die Welt vielleicht nicht retten, aber wir können dafür sorgen, dass es den Menschen um uns herum gut geht. Nett zueinander sein, sich gegenseitig unterstützen – das ist wahrscheinlich die einzige Chance, einigermaßen heil aus diesem Chaos rauszukommen.
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