DIE STIMME DER VERNUNFT

Foto© by Karl-Heinz Stille

Reisen gefährdet Vorurteile

258.-259. Woche – Reisen gefährdet Vorurteile
- Jedenmorgenlektüre (seit dem 20. Januar): Was hat der Idiot jetzt schon wieder verzapft?
- Survivaltraining für Rentner: Wer sich 2025 noch Sorgen um seine Rente macht, die vielleicht in 10 oder 15 Jahren anstehen könnte, hat irgendwas nicht verstanden oder kifft eindeutig zu viel.
- Kids of the black hole: Wer in den 1980ern aufgewachsen ist und dachte, dass eine Jugend in einer drohenden Dystopie kaum zu toppen sein dürfte, sieht sich 40 Jahre später getäuscht. Immerhin hat man uns damals das komplette Rüstzeug für diese neue Ära mitgegeben. Manche scheinen lediglich vergessen zu haben, wie es funktioniert. Kleiner Tipp: Es war irgendwas mit Tanzen bis zum Untergang.
- Wahlanalyse: Im Schnitt ist jede:r Fünfte in der Warteschlange bei Aldi, Lidl oder an der Trinkhalle ein Arschloch. Wenn du im Osten, Gelsenkirchen oder in Pforzheim lebst, ist es rein statistisch sogar die Person vor oder hinter dir.
- Musikalische Senilität: Wenn der Anteil verstorbener Musiker den der noch lebenden in deiner Plattensammlung übersteigt, hast du das Seniorenalter erreicht. Herzlichen Glückwunsch, ab jetzt geht es nur noch bergab.
- Dogtown Boys statt Doge Boys! (Stacy Peralta)
- Rotkäppchen: Immer dann, wenn die rote Kappe ins Spiel kommt, hat der Clown etwas ganz besonders Dummes zu verkünden. Er würde ja gerne eine Krone tragen, aber das würden die Hinterwäldler dann möglicherweise falsch verstehen.

260. Woche – The Irrsinn continues
- Das Peter-Prinzip des Fachkräftemangels: Wenn die Servicekraft aus der Gastronomie, die sich keine zwei Getränke merken kann, für einen Euro mehr die Stunde in die Kundenhotline deines Service-Providers wechselt, hat das zur Folge, dass deine Stammkneipe nur noch am Wochenende den Biergarten geöffnet hat, und du über ein Jahr auf deinen Glasfaseranschluss warten musst, weil deine Adressdaten falsch aufgenommen wurden.
- Der Ninja mit der Katzenschaufel! Japanisch-koreanische Trilogie in 4K.
- Face to the Suppenkasper: Je größer die Küche, desto mehr Köche, die den Brei verderben können. Andererseits reicht auch ein Hobbykoch, um eine Suppe komplett zu versalzen. Übersetzt auf ein namhaftes Unternehmen deiner Wahl heißt das nichts anderes, als dass du die besten Ingenieure, die beste Mannschaft beschäftigen kannst, wenn sich das Gesicht deines Unternehmens als unsympathisches Vollarschloch entpuppt, fährt das Ganze trotzdem gegen die Wand.
- Kippencharly: Ich vermisse die Zeiten, in denen eine Kippe und ein Kaffee noch ein vollwertiges Frühstück waren, eindeutig nicht.
- Déjà-vu: Das Problem bei so vielen Jahren Platten-Anhäufen ist unter anderem, dass man manche Platten so oft in der Hand gehalten hat, dass man sich absolut sicher ist, sie würde bereits zu Hause im Regal stehen. Ich bin immer wieder erstaunt, was für Lücken ich habe, obwohl ich das Cover der Single selbst in sämtlichen Farbtönen in- und auswendig kenne.

261. Woche – Geht’s noch?
- NON-Stick: Keine Lust auf Musik? Lösung: Einen mp3-Stick mit nur Scheiß bespielen. Auf den Autostick für eine lange Fahrt einfach nur Bands und Platten draufpacken, die du garantiert nicht magst, dann wird die Fahrt denkwürdig. Spulen statt spielen. Hinter dir das Gehupe, weil du vor lauter Fluchen Schlangenlinien fährst und in 20 Minuten drei Beinahe-Unfälle hast. Wie ich auf so einen Stuss komme? Weil ich mir aus Versehen offenbar exakt so ein Speichermedium erstellt habe. Was habe ich mir dabei nur gedacht?
- Uglytown: Pforzheim ist gar nicht mal so hässlich, wenn man nur frühzeitig umdreht oder gar nicht erst ins Zentrum fährt. Dasselbe gilt auch für Heilbronn, Braunschweig und Hildesheim.
- Flopflopflop: Wenn der Hubschrauber am späten Abend oder mitten in der Nacht über dem Wohnort kreist, kommt nicht viel in Frage. Mögliche Ursachen:
a. entlaufener Rentner aus dem Kleeblatt
b. Mord im Nachbarort
c. illegales Autorennen, mit Toten und Fahrerflucht (das war’s diesmal)
d. Bankraub
e. Schießerei mit Toten im Drogenmilieu
f. Geiseldrama
Dazu muss man anmerken, dass wir a bis e schon hatten und eigentlich nur noch f fehlt. Bei keinem der Fälle hat der Hubschraubereinsatz etwas bewirkt, außer dass ich wach war und nicht wieder einschlafen konnte.
- SSupertrumpf: Wer als Erster den anderen als Nazi beschimpft, hat gewonnen.

262. Woche – Zeitenwende (klingt einfach dramatischer als „Sommerzeit“)
- Hollywood-Babylon: Ich warte ernsthaft auf den ersten Superheldenfilm mit Käptn MAGA, Teslaboy und Superkaren (gespielt natürlich von Marjorie Taylor Greene, in ihrer ersten und letzten Filmrolle). Die Handlung? Egal, Hauptsache, der Wokelord und Sozialismusgirl werden besiegt, auch wenn die Erde draufgeht (dann ist das scheißegal). Die Rechte für Teil 2 und 3 sind bereits verkauft, noch bevor das Drehbuch für den ersten überhaupt geschrieben wurde.
- Himmelarschundzwirn: Wo bleibt eigentlich das tödliche Idiotenvirus, das ich im Januar auf Temu bestellt habe?
- Durchlauferhitzer: Gestern noch in einem coolen Laden, heute schon in einem fünfmal so großen Scheißschuppen, mit einer neuen, lausigen Platte im Gepäck. Die Zeiten, in denen coole Bands drei Mal hintereinander durch die Jugendzentren und kleinen Clubs der Republik getingelt sind, gehören endgültig der Vergangenheit an. Wer als Band heute auf zwei Touren in denselben Läden spielt, ohne es auf einen der begehrten Sommerfestivals ins Spätnachmittagsprogramm zu schaffen, macht was falsch. Zeit, sich früher zu verabschieden, und noch aufmerksamer Ausschau nach neuen, aufregenden Bands zu halten, die nicht jeden Abend dasselbe Programm mit denselben spontanen Ansagen fahren.
- Realitätsgrafik: Das 21. Jahrhundert belegt eindrücklich, dass wir nicht in der Realität, sondern in einem 3D-Echtzeitstrategiespiel leben, in dem es letzten Endes immer nur um Ressourcen geht. Nein, nicht wie in „SimCity“, mehr wie in „Dune“, nur mit besserer Grafik.

263. Woche – Zimmer mit mäßigem Ausblick
- Zugezogen Schwäbisch: Eine neue Band mit dem Präfix „Stuttgart“, die aus fünf nichtnativen Schwaben besteht, vorzugsweise aus geflüchteten Exil-Berlinern, denen die schwäbische Gentrifizierung mittels Kleinfamilien in ihrem Kiez einfach zu viel wurde. Stil: Weitestgehend selbstreferentieller, obsoleter Befindlichkeitsrock, der sich textlich vor allem über zu hohe WG-Mieten, den ÖPVN und die zahllosen Baustellen in der Schwabenmetropole auslässt. Demnächst droppt die Band ihre erste Single mit dem Titel, „Ach, wär ich doch in Erkenschwick geblieben“.
- If it pisses John off, it’s perfectly ok for me: Es ist völlig irrelevant, ob man die aktuelle SEX PISTOLS-Reformationsbesetzung mag oder nicht mag, ob man sie verurteilt, boykottiert, abfeiert, mit dem zufrieden ist, was man kriegen kann, oder was auch immer für eine Haltung dazu hat. Solange ihre pure Existenz dem alten Furz John Lydon ans Bein pisst, hat sie ihre Existenzberechtigung.
- Redundantes Trolling: Immer dann, wenn mir ganz furchtbar langweilig ist (kommt wirklich selten vor, passiert aber), werfe ich eines meiner Trollprofile an und trolle Trolle. Wenn Trolle Trolle trollen, bellen getrollte Trolle.

264. Woche – Kaum zu glauben, dass es noch bekloppter geht, aber es geht!
- Optimistenfrühling: Das Fazit meines Kollegen zum trockensten und wärmsten März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen? „Ich habe noch nie im März so viel Strom über meine Balkon-PV-Anlage erzeugt wie in dieses Jahr.“ Auch wenn die Felder verdorren, verlieren wir niemals unseren Optimismus.
- Landlärm: So ungetrübt wie alle immer denken, ist das Leben in einer ländlichen Gegend nun auch wieder nicht. Statt Autolärm und eines permanenten Geräuschpegels, hast du hier eben den Nachbarn, der im Frühjahr kurz mal vier Stunden lang Holz für den nächsten Winter mit der Motorsäge zerlegt, sowie drei weitere mit Holzofen in den darauffolgenden Tagen, weil man sich ja nicht absprechen kann. Du hast die Nachbarn mit dem neuen Trampolin (1-3 pro Sommer), deren Kackbratzen auf einmal ganz viele neue Freunde haben. Hier hat jeder eine Garage, in der Mopeds warten, die im Frühjahr mindestens einmal angelassen und stundenlang neu eingestellt werden müssen. Hast du mitten in der Stadt schon mal jemanden erlebt, der einen kompletten Vormittag über seine Auffahrt kärchert oder die Garage mit einem Industriestaubsauger komplett aussaugt? Von den Laubbläsern, Heimwerkern, Unkraut-Abfacklern und Aufsitzrasenmäher-Boliden (für 10 m² Garten) will ich gar nicht erst anfangen. Willkommen in der Baumarkt-Hölle. Nur so viel: Ruhig ist es hier eigentlich nie. Wenn also jemand vorhaben sollte, aus der Stadt aufs Dorf zu ziehen, lasst es sein. Hier ist es im Durchschnitt auch nicht leiser, es verschwindet nur der eine oder andere Terror-Nachbar, der alle anderen wegen Lärmbelästigung angezeigt hat, irgendwann spurlos. Und wenn am Ende alle kommen, wird es auch draußen irgendwann unbezahlbar. Bleibt wo ihr seid, danke!
- Longtimenosee: Das wirklich Spannende an einem Wiedersehen mit Menschen, die man 20 oder 30 Jahre nicht mehr auf dem Radar hatte, ist nicht die Frage, was sie heute machen, wie viele Kinder sie haben oder Ehen in die Brüche gegangen sind. Solche Fragen erübrigen sich, weil die üblichen Verdächtigen sich natürlich reproduziert haben wie die Karnickel und nicht weniger beziehungsunfähig sind als damals. Die wirklich interessanten Fragen lauten heute: Normal geblieben, zum Idioten mutiert oder immer noch dasselbe Arschloch, das man über so viele Jahre erfolgreich aus seinem Leben verdrängt hat?
- FDH – Fick die Hälfte: Mein Jahresvorsatz, zu anderen netter zu sein und weniger zu fluchen, kommt dann 2026 noch mal in die Wiedervorlage. Ich gebe nicht auf.

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