DIE STIMME DER VERNUNFT

Foto© by Karl-Heinz Stille

Hitzefrei

229.-230. Woche – Hitzefrei
- Das ganz normale Paradoxon: Früher auf dem Bahnhof sein, um ja den Zug nicht zu verpassen, der dann prompt eine Stunde Verspätung hat. Zur Belohnung wiederholt eine mechanische Bahnhofslautsprecherstimme dann im Fünf-Minuten-Takt, dass es eine Verspätung gibt, nennt einen gewürfelten Grund und betont tonlos, dass es ihr leid tut. Mehr kann man Menschen eigentlich nicht verhöhnen, die noch keinen Kaffee und zu wenig Schlaf hatten.
- Internet-themed Songs (stilistisch eher HipHop oder Singer/Songwriter-Stoff):
1. Shopping mit Paypal-Spielgeld
2. Für deinen Browserverlauf kommst du in die Hölle
3. Zwei Stunden in der Hotlinewarteschleife der Kreditkartenfirma
4. Mit dem zweiten Account nach vier Tagen den ersten Like gesetzt – Wenn man nicht alles selber macht
5. Einer deiner drei Follower ist deine Mutter, die zweite dein:e Ex, eine:r davon stalkt dich
6. 50.000 Follower für nur 15,50 Euro: Schnäppchen, jetzt hast du 50.003
7. Verdammte Cookies, warum habe ich das bloß gesucht?
8. Der Letzte macht im Darknet das Licht aus
9. Jeder Zehnte in deinem exklusiven Forum ist ein verdeckter Ermittler
- Gute Künstlernamen für Callboys: Ich will ja niemand anstiften, aber ... Paolo Pilates, Simon Salsa, Zoran Zumba, Yulio Yoga, Sepp Spinning

231. Woche – Zwischenspurt & Muskelkater
- 1.000+1 Zeichen für eine harmonische Beziehung: Wenn beide synchron doof finden, dass man sich beim Sprung vom Ein-Meter-Brett und/oder Tauchen mit einer Hand die Nase zuhalten muss, weil man sonst vollläuft. Schwimmen kann man so jedenfalls nur wie ein einarmiger Holzpfosten.
- Fluchtwege: Meine Lieblingsidioten sind Menschen, denen man drei Mal auf verschiedenen Lernebenen mitteilt, was sie im Notfall genau zu tun haben. Tritt so ein Fall dann ein, ignorieren sie vorsätzlich die konkreten Anweisungen, um dann lautstark Unterstützung einzufordern, weil sie schlicht und ergreifend zu blöd sind, sich an einfachste Vorgaben zu halten. In meiner Welt würden diese Intelligenzmilben nur niedrigste Dienste verrichten, nämlich Traktorenräder mit einer Zahnbürste vom Ackergrind befreien oder in öffentlichen Toiletten nach jedem frischen Stuhlgang einmal feucht über den Toilettendeckel wischen.
- Sure: Eins ist sicher, nichts ist idiotensicher.
- Pippin der Gewürzte:
12.07.1456: Die erste barrierefreie Burg wird feierlich eingeweiht.
16.07.1456: Die barrierefreie Burg wird erobert und noch in derselben Woche geschliffen. Das Konzept hat sich im Anschluss nicht durchgesetzt.
- Umzug: Ob du wirkliche Freunde hast, merkst du, wenn es an einen Umzug vom ersten in den dritten Stock ohne Aufzug geht. Die Theorie besagt, dass die Zahl der Freunde sich mit jedem zusätzlichen Stockwerk schlagartig verringert. Wie viele Freunde man mit 20.000 Schallplatten und rein volumenmäßig ebenso vielen Büchern noch hat, weiß ich, sobald ich noch einmal umziehen sollte.

232.-234. Woche – Irgendwo, Hauptsache weg
- Autofahrerhemd: Immer wieder stelle ich fest, dass Autofahren in fremden Ländern keinerlei Hindernis für mich darstellt. Wer im Großraum Stuttgart (oder Berlin) seinen Führerschein gemacht hat oder den Verkehr dort mehr als fünf Jahre überlebt hat, kommt überall auf dieser Welt zurecht, sogar in Bombay zur Rushhour.
- WiFionICE: Das letzte, kostenlose Reservat für das gute, alte Analogfeeling des Internets. Dieselbe Performance, immer wieder Abbrüche und Ladezeiten, nur das piepsend-krächzende Einwahlgeräusch vermisse ich.
- Belobigung: Architekturpreise sind die gerahmte Bundesjugendspiele-Teilnahmebescheinigung. Jeder in erster Linie große und hohe Bau bekommt irgendeinen dieser Preise. „Der Architekt hat einen Preis dafür gewonnen“, hat in etwa dieselbe Bedeutung wie das Fleißsternchen im Konfirmandenunterricht für die bloße Anwesenheit.
- TOCOTRONIC: Du möchtest Teil einer Jugendkultur sein? Dann freunde dich beizeiten damit an, dass ...
1. einige deiner besten Freude möglicherweise zu Vollhonks mutieren
2. Menschen, zu denen du heute vielleicht noch aufschauen magst, dich später nicht einmal mehr mit dem Arsch ansehen werden
3. die, die immer vorne dabei sind, irgendwann eine Vollbremsung hinlegen und nur noch von den Erinnerungen leben werden
4. manche exakt so werden, „was ihr Alter ist“
5. die Jugend irgendwann rum ist, spätestens mit dem Wachsen der Stirnpartie
6. Menschen unterschiedlich gut altern
7. die, die am härtesten feiern, auch diejenige mit den größten Erinnerungslücken sein werden, mach Bilder!
8. immer jemand auf der Strecke bleiben wird
9. die Straße zu einem Sofa mutieren kann
10. das Geschwätz von heute das „stimmt gar nicht“ von morgen sein wird
11. es ab einem bestimmten Punkt etwas zu verlieren gibt
12. Alterssenilität keine Geburtstage kennt
13. so manch gute Idee von heute das Cover-up von übermorgen ist
14. manche weicher fallen als andere, wenn’s mal schiefgeht
15. es wenig erbärmlichere Anblicke gibt, als ewige Jugend vorzutäuschen, und die irgendwann operativ verdammt teuer wird
16. todsichere Rezepte gegen Alterspeinlichkeit immer noch auf sich warten lassen
17. dein Gehirn möglicherweise schneller voll sein wird, als dir lieb ist
18. die Lenden deiner Frucht eventuell musikalisch aus der Art schlagen werden, trotz deiner guten Gene
19. die Haare dünner und weniger werden
20. was dir heute langsam vorkommt, morgen schon ein Sprint sein kann, und Schritt halten dann auf Dauer ganz schön anstrengend ist
21. deine Konzertkumpels und Kumpelinen irgendwie „ausdünnen“
22. es auch noch andere Dinge gibt
23. der Tag kommen wird, an dem du in deinem Stammladen das erste Mal gesiezt wirst
24. irgendwann niemand mehr all die Bands kennen wird, von denen du den Schrank voller T-Shirts hast
25. „berufsjugendlich“ eigentlich gar kein richtiger Job ist, und außerdem ganz mies bezahlt
- Unwell aged: Woran du ganz zweifelsfrei merkst, dass du alt bist? Am Brillenband und am Lederetui für dein Mobiltelefon. Niemand unter Kleeblatt hat ein aufklappbares Lederetui, schon gar nicht mit lauter Bildern von den Enkelkindern drin.

235. Woche – Wo steht mir der Kopf?
- Glaskugel: Manch „hellseherische Fähigkeit“ besteht lediglich darin, zwei Zahlen zu addieren, sowie der Nennung der sich daraus ergebenden Summe.
- Es kommt nicht auf die Größe an. (John C. Holmes)
- Brennendburg: Wenn mittlerweile schon gefeiert wird, dass „nur noch“ jede:r Dritte die AfD wählt, wird es allerhöchste Zeit, sich mit Zyankali zu versorgen oder im Schützenverein einzuschreiben und einen Waffenschrank zuzulegen. Ach, wenn diese Schränke nur nicht so hässlich wären.

236. Woche – Business as unusual
- Fußgängerzonis: Was gibt es Schlimmeres als die „Hits“ der KELLY FAMILY, von Nicole, den SCORPIONS, Whitney Houston und DJ Ötzi als Pausenmusik? Das Ganze als Panflötenversionen von Petruta Küpper. Junge!
- Unwahrheitsgehalt: Noch so ein Ding, das mich immer wieder erstaunt: Nachträglicher Faktencheck bei Ronald Dump. Das ist in etwa dasselbe wie das permanente Nachmessen von Pinocchios Nase mit einem Maßband, vor allem aber unglaublich sinnfrei.
- It’s more than music: Weil dein Job!

237. Woche – Short days, long nights
- HH: Hundescheiße auf dem Gehweg ist gewissermaßen auch eine Form von Lokalkolorit.
- Der Keinäugige unter den Blinden: Amerikanische Europatouristen unüberhörbar: „I did my research!“ Daraufhin folgt in der Regel ein minutenlanger Monolog, in dem einem anderen Mitreisenden komplexe Dinge erklärt werden, mit einer eindeutigen Handlungsempfehlung oder einem Faktenschluss am Ende. Der Rest der Welt hört zu und denkt sich: „Kennen wir aus der Schule, vierte Klasse oder so, kein Research nötig.“ Was sind das nur für Wesen, die dir die Welt erklären wollen, ohne zu wissen, in welchem Land sie sich eigentlich gerade befinden oder in welchem Film?
- Podcast: Jeder macht irgendwie einen, aber keiner hört die an! Das ist fast so wie früher Fanzines tauschen.
- „Wärst du ein Stein, würden sich die Felsen für dich schämen.“ (Rocky Balboa)

238. Woche: Irgendwie wird’s nicht hell
- Häuser: Erstaunlich, wie schnell einem ein über vierzig Jahre vertrauter Ort komplett entfremdet wird. Das Haus, in dem meine Eltern den Großteil ihres Lebens verbracht haben, ist, nachdem es verkauft wurde, mittlerweile so fremd wie jedes andere Haus in derselben Straße auch.
- Forever famous: Wir sind in dem medialen Zeitalter angekommen, in dem wir lebenslang voller Interesse, aber aus unerfindlichen Gründen weiterhin all diejenigen verfolgen, die bereits vor langer, langer Zeit ihren Verstand an den Nagel gehängt haben.

239. Woche – Was kümmert mich der Himmel über Berlin?
- MHD: Welches Haltbarkeitsdatum würfelt man eigentlich für den Aufdruck auf eine Dose fermentierten Fisch oder eine Packung Tausendjährige Eier? Wo ist die warnende Stimme in den einschlägigen postapokalyptischen Filmen, wenn der Held auf seiner Reise nach Nirgendwo völlig ausgehungert in einem verlassenen Bunker auf einen Vorrat mit Lebensmitteln stößt? „Du, das kannst du aber nicht mehr essen, das ist seit 23 Jahren und sieben Monaten abgelaufen!“ – „Du hast so recht, dann ess ich eben dich.“
- Kaum bespielt: Bands, die es wirklich ernst meinen, haben keine Instrumente, die so aussehen, als könnte man sie bei Nichtgelingen des musikalischen Vorhabens in „neuwertig“ über Kleinanzeigen wieder loseisen. Das trennt in meinem Kosmos die Bands, die „trve“ sind, von den unambitionierten Hobbymusikern.
- Halbwertszeit: Platten altern bekanntermaßen unterschiedlich gut oder schlecht. Ein Beispiel für Zeitlosigkeit? Wie gut die einzige LP von COTZBROCKEN gealtert ist, lässt sich locker daran ablesen, dass sie nach all den Jahren keinen Deut schlechter als früher klingt.
- Talkin’ ’bout your Gineration (Queen Mum)

Anzeige